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103
DIE KKISIS
IN DEB
PSYCHOLOGIE.
DIE KKISIS
IN DEB
PSYCHOLOGIE.
DIE KRISIS
IN DER
PSYCHOLOGIE.
VON
RUDOLF WILLY.
LEIPZIG,
0. E. REISLAND.
1899.
Öeite 1 — 60 dieser Schrift sind ursprünglich in Artikelforra
in der ZeitBchrift für wissenschaftliche Philosophie'} (1897,
Heft 1 — 3) erschienen. Alles weitere und also bei weitem die
Hauptmasse und auch die Hauptsache ist neu hinzn gekommen
und macht buh zusammen mit dem Früheren ein zusammen-
gehöriges Ganzes. Über den Inhalt selbst halte ich es im
Übrigen nicht für nütig, hier eine besondere Einleitung vorans-
zuscbicken. Wohl aber möchten wir in aller Etirze auf gewisse
litterarische Ereignisse in der Psychologie hinweisen, welche
wir, obwohl dieselben unser gröfstes Interesse erregten, doch von
unserer Untersuchung ausgeschlossen haben. Vor allem nämlich
glaube ich , dals in den Schriften von Fbiedrich Nietzschb
für eine psychologische Betrachtungsweise , wie wenigstens wir
dieselbe verstehen, eine sehr geeignete Quelle zu finden wäre.
Freilich ist jene Nietzsche- Ader eine solche, die sogleich hinaus
in die stürmische weite See leitet. Aber eine solche Sturm-
und Weiterfahrt wollten wir diesmal gerade vermeiden, da wir
nichts weiter als eine schlichte Skizze Über einige elementare,
aber wichtige Grundfragen beabsichtigten. Dagegen hat
Henbi Beboson eine Arbeit (Essai snr les donn^es imm6diates
de la conscience, Paris 1898, 2. Ausgabe) veröffentlicht, die
sich mit unserer Untersuchung, soweit dieselbe die Bedeutung
der exakten psychologischen Methoden betrifft, sehr nahe be-
rührt. Wenn wir dennoch von einer Schilderung jener ange-
deuteten Berührungspunkte abgesehen haben, so geschah dies
indes nur aus vorläufigen Gründen der Einfachheit- Denn
VI Vorwort.
späterhin hoffen wir Gelegenheit zu finden, jenen ebensowohl
durch eine reizende Darstellung als durch die gröfste Schärfe
und Feinheit der Analyse ausgezeichneten Essay von BEBasoN '
gebührend zu würdigen. Denn obschon BEBasoN im Resultate
mit uns übereinstimmt, so sind doch die GrtUide, die ihn zu
seinem Resultate führten, von den unsrigen wesentlich nicht
nur überhaupt verschiedene, sondern insbesondere auch ab-
weichende. Dennoch halten wir an unserer Darstellung in jeder
Hinsicht fest und behalten uns anderwärts vor, zu zeigen, dafs
die abweichende Ansicht BEBasoNS nur dazu (üent, die unsrige
zu stützen.
Sardona, den 30. August 1899.
Rudolf W^iUy.
Die Thatsaehe der Krlsla.
Verfloehtensein der Psychologie mit der allgemeinen Weltan-
flcbaunng; Erfahrung und Metaphysik ; BeeinflussunK der Psychologie
durch den Spiritualismua 1—2. Beziehungsretclitooi des psycDO-
logischen Htnftea; methodologische Schwierigkeiten der Psychologie
als Einzel wiaseiisi:ha ft ; alleemcine Fragestellung betreffend die Ver-
wertung der Erfahrung und UnterBcheiaung zwischen metaphysischer
und methodologiecher Krisia in der Psychologie 3—5.
n. DiemetaphyslBcheKrisia oder der Spiritualia-
muB und die Psyeholog-ie.
1. "Wundt und b
ä Deflnitton der Psychologie.
Allgemeine Schilderung der WusoTscheu Definition 6. Kritik
der Definition in ihren einzelnen Heatimraungen 7. Verhältnis der
Psychologie /um SuhalanK begriff 8. WuNnTS Hauptaigumente gegen
die physiologische Richtung der Psychologie 9. Das Argument der
Vieldeutigkeit 10. Das psych ophyei sehe Parallelprinzip als anter*
geordnetes Hilfsprinzip 11. Das Argument der ün vergleich barkeit
des Physischen nnd Psychischen 12 — ly. Der Voluntarlamus und
die spirituelle Substanz 14. Verwechslung von Kealität und railer
EUubeiE 15. Symptome eines allgemeinen pbilasophischec
Betzangs- und DegenerationaprozesseB 1" "' '' ■"
die Ansprüche der Erfahrung 17 — 18.
B^riff des Seelen- Konkreten 18 — 19. Verhältnis ron Seelen-
Individuum und Ding- Individuum und das Problem des Verander-
lichen 19— 20. Kritik des abstrakten Individuums 21-22. Charakte-
listik des IMng- Konkreten 22 — 24. Das Seelen- Konkrete und sein
Verhältnis zum Ding-Konkreten 24—25. Das Soelending und dtts
Bewurstsein überhaupt 25—26. Negatives Ergebnis des Seelendingea
26—27. Dfts Seelendin^ ala paychische Kansalitfit 27— S8, Zur
Theorie ron Gefühl und Wille 29. Widersprüche der paychiBchen
EaDsalitllt in ÄnnendnDg nuf den WiDen HO. Analoge Widersprüche
in Bezug auf die Raumtheorie 31—32. RKniiKEa nichtanachaulicha
Erkenntnis 32 — 34. Gegensatz des historiseb' kritischen und dee
B^BtematiBchen Teils des Lehrbaches 34 — 35. Anhang: die allgemeine,
rein thats&chliche und von aller speziellen Methodologie anabhängige
Bedeutung dea psychophysischeu Parallelpriuzips 35—40.
8. Frans Brentano und ver^vandta Blcbtungen.
1) Der Thatbestand.
Bhbntahob Theorie von Vorstellung und Urteil und er-
fabTungemäfsige Schilderung des betreflenden Verhältnisses 41 — i5.
2) Der transi
Ini
nalei
Kas
3) BeeinfluBsunic C. StumpfB durch Brentano.
Auffassen von Punktreihen und tod feineren Tonunterschieden 51.
Bemerkte und unbemerkte |iinbewurste)Empfindungen -52. Gegensatz
von Empfinden und Unterscheiden und psycbophysisohes Kest-
firoblem 53. G. K. Uruoiis (Psychologie des Eriennens) uud Euii,
CucH (Bewufstsein der Transcendena) 63—54.
4) Brentanoa Theorie der Empfindungsintensität
Reduktion der Intensität auf räumliche Kollokation 55 — 56,
Widerspruch der Theorie in Anwendung auf die Farbenphänomene-
57 — 59. Abstammung der Theorie vom philosophischen Rationalia-
mna 58. Unterscheidung von Intensität und Klarheit 59. ZuBaromen-
hang der speziellen üitensitätstheorie Bbbktakob mit seiner all-
a Psychologie 60.
III. Die methodolog'ische Krisis oder Anschauung
und Abstraktion in der Psychologie.
L Bestand und allgemeiner Charakter der wiBaenachaftllolien
Psycho logie.
W. Jauss , Fb. Jodl, EamsoiLAus, AvENiniua, Wunut, E. Mach
als Sanptiepräeentanten der methodologiachen Kriaia 61—62,
2. Die Erfahrung und ihre allgemeine Verwertung.
MafBgebender Einflufs der Natur wissen si^haften 62 -63. Das
Eiuaeitige der natura lasensc haftlichen Richtung und die allgemeine
Frage der verschiedenen Verwertangsar teu der Erfahrung 63. D«a
praktisch- auBc bauliche Verhalten dea Menschen 63—64. Der be-
griffUch theoretische Charakter der philosophische a Spekulation, der
Mathematik und der matbematiacben Natur wiaaenachaften 64. All-
gemeine und prinzipielle Zusammengehörigkeit dea anschaulichen
und des mehr begrifflichen Verhaltens G5. Verschiebung jener Zu-
halt. IX
Sanimengehörigkeit in Giitisten der AI Igemei abgriffe nnd all-
gemeine Charakterialik der methodologiBchen Krisis 65—66. Bo-
merkiingen zu W. Winoklbakdb BcKtoratsrede 66. Allgemeine
G-Iiederiing der methodologischen Krisis und Kasammeuhang derselben
mit der metaphysischen 66.
3. Das exakte Verfahren der Faycbophyaik (H, Ebbinghads).
Schilderung des Verfahrens im allgemeinen 67—68. Die psychi-
schen Gröfaen im Verhältnis ku den Stemgröreen- Klassen 69—70.
Dae Thermometer als psychophy«iBi'lie Skala 70—71. Beispiel der
Farbenkontraste 71, Das Kontrastge wicht 7L Die Reaktionszeiten
72. Die i'syuhophysiker meesen (im strengen Sinne) immer nur
Bäumliches 73. Eiuheitlichpr Gesichtspunkt der spexielien psychu-
physischen Methoden 74. Eigentümliche Schwierigkeiten des ps^cho<
physischen Messens 74—75. Widerapruch zwisefien der experimen-
tellen Konstantenvoranseetzung und dem gesamten menschlichen
Ilidividuam als Gegenstand der Forschung 76. Verhältnis der astro-
nomischen und der musikalischen Benifsarten zu den psycho-
physisclien Variations werten 76. Die psych ieche Marsmelhodik
vom Gesichtspunkte der Gesamtanschauung 77. r>a5 scheinbar
Paradoxe des rein relativen Grürsenubarakiers der Empfindungs-
intensitäten 77—78. Nur der Baumchaiaktcr besitzt alisolute oder
ZahlKTÖfscn 7ä— 79. Die psychischen MerklicbkeitegrÖfsen sind keine
absoUiten Giörsen, sondern nur Itelationsprädikate 79. Die Be-
deutung der Zahl in der Psychologie ist keine streng begriffliche,
sondern nar eine symbolische und der Anschauung dienende 79.
Bedeutung des WEnKKschen Gesetzes 79—80. Psychologische That-
saohen und theoretische Interpretation derselben 80 — 81. Gegen-
inatanz der extensiven psychischen Gröfsen ; dieselbe ist nur schein.<
bai und beruht schliefslich anf einer ungenügenden Unterscheidung
des Physischen und Psychischen 81 — 83. Allgemeines Ergebnis; der
wesentliche methodologische Unterschied zwischen Psychologie und
Naturwissenschaft beruht darauf, dafa die Psychologie vielmehr auf
Anschauung und konkrete Darstellung und weniger auf strenge
Analyse und Allgemeinbegriffe angewiesen ist als die Naturwissen-
aehalt 83-Ö6.
4. ESntwiokliingBgeaolitchtlicber a-esiobtspaiikt (Avemibiub).
1) Vorbemerkungen,
enschlichen Weltbegriff und
rung und Konflikt zwischen An-
schauung und Aljgemeinbegriif 86 — 87.
2) Stufen der Klarheit fvom Standpunkt der Anschauung).
Natürliche vorübergehende Illusionen 87. Die kindliche Er-
fahrung 88. Erfahrungen und Theorien der Naturvölker 88—89.
Der Zauberer Kbri und der Philosoph ScaELLisä 89. Der Änimtsmus
im Verhältnis zu Pi,ai'u, DusctsTisa und Kant 90. Die natürliche
Welt im Verhältnis zu den Monaden (Lr.iiiNiz), Substanzen (Scimoxa)
und Dingen an sich (Kant) 90. Die Geistesart Gai.ii,k>b 90—91. Ent-
wicklung der Astronomie t Klarheit, Anschauung und Denkforlschritt 91.
Spekulative Unklarheit 91. Gegensatz der Spekulation aur geschicht-
lichen (positiven) Entwicklung 91—92. Die Erfahrung und das ein-
X Inhalt.
faehe Sceleii- Subjekt 92. Ge$:;eiiaatz zwischen ÄnBchauen nnd Denkrai
bei höheren und niederen Philosophen 92. Dkbi-aktks' Meditarionen
als BeiBpie! der Unklarheit 92— y3. Die illusionäre ErtaLrung bei
EUwT (Kritik der reinen Vernunft) 93—94. H. Hkimbs Urteil über
gcHELLiMQ 94. Ailgemeina Mängel und Widersprüche det Speku-
lation infolge ungenügender Anschauung 9-i — flS. Positiver Ent-
vickluogssug der Stufen der Klarheit im Uereiche der natürlicben
Anschauung 95. Beiepiel des (Geraden- Axioms und der KoDgruenz
der Dreiecke 96. Allgemeiner Charakter der Mathematik als iieiapiel
einer geücliloasenen und reinen Form der Klarheit 9G. Die halb
aufgebrochene Klarheit in gewiaseu Partien von GoKTHea Faust 96
bis 97. Die Bpckulative Illueion als Gegensatz der natürlicheo
Stnfeu der Klarlieit 97. Der Animisinus als wesentlicher Charakter
der Spekulation 97.
3] ÄVENAHirs als psychologischer Theoretiker (Analyse
und Anschauung im Widerstreit).
AnscliBaiiche lietrachtungs weise des r
und formaler Charakter der Kritik der re
sniele der sinnlichen Klarheit und Kontraetcharakter der Klarheit 99.
Gegensatz zwischen der sohematisch-allgemeinen Analyse und der
individuell -an Bebau liehen Betrachtunga weise 99—101. Die KiarlieitB-
werte in ihrer ALihängigkeit von der Vitaltbeorie 101. Die Stufen
der Klarheit als Wurzel aller Denkbewegunp 101—102. Die Astro-
Domic vor KdPERMKcs 102- Uegelb Prin^p des dialektischen Wider-
Bprnchea 102. SelbBtahnunt des Widersprucbes bei Kant und
Legitimation des WidersptuchB bei Fr. A. Lanoe 103. Gründe der
allgemeinen Krisis der Spekulation 103. Anschauung, Erfahrung und
Wahrheit im Gegensatz zu Illusion, Unklarheit und Vorurteil 103
bis 104. Ein wissenschaftliches Gespräch und Beispiel einer (wissen-
schaftlichen) Illusion 104—105. Kritik der Kritik der reinen Er-
fahrung im allgemeinen 10.5. Das Tragische der Krisis bei Ave-
NAHiuB IQG- Die reine Konstantcnbetrachtueg ist auf die geschiebt-
liche Entwicklung nicht übertragbar 106 — 107. Besondere Vorzüge
der Kritik der reinen Erfahrung 107. Gröfsere Bevorzugung des
Allgemeinen im Gegensatz zur konkreten Anschauung 107 — lOS.
Terminologisch- konstruktiver Charakter der Kritik der reinen Er-
&hrung lOä— 109. Notwendigkeit des individuellen Veri'ahrene in
entwicklungsgesehichtlicher Hineicht 109.
6. ABaoziationspaychologie (W. J.tuus, Hichaed Wablk).
1) Jameb.
Vermittelnde Stellung als Theoretiker 109—110. Die Ähnlich-
keitsassoziation als ikennzeichen der genialen Intelligenz 110. Bei-
spiel von WiTT (Erfinder der Dampfmaaehine) 111. Widerspruch
der Erfinder gucen die ÄlinllehkeitBtheorie ; und Gegeninstanz der
Künstler 111. Newtons Gravitationstheorie und die Älinlicbkeits-
assoziation 111—112. Die DAewiMEcuii: Intuition und die allgemeine
Abnlichkeitserkenntnie 112. Negatives Ergebnis der Beispiele 112.
Phantasie- und VerstHndeamenBi'h 112^113. Nachwirkungen der
VermÖgenspsYchologie 113. Reflesion als solche kein Vorzug 113.
Die Klarheit des Begriffsmenschen nnd das künstlerisch ütibewufste
313—114. Das Beispiel von Simkhsi^kires Othello 114. Die An-
rnhftlt. yt
Botaninig und das begründende Denken im allgemeinen 114—115.
Die allgemeine fleprifiBformel und die paycholoeiache Anschauung
inBbesondere 115. Der AseoKiationstheoretiker als niikroskopischei
Analytiker 115—116. Die Asiioziationaformeiii ais Urteilstheorie 116
bis 117. Jahee in Übereinatimmung mit Bxentano 117. Schwierig-
keiten und Widersprüche der Eiistenaial Charakteristik 117 — 118.
Übergang der Assoziation stheorifl in eine metaphysiBche Ontologie
118. Die Thalsache der Assoziation und die Aasoziationstheorien
118—119.
2) RiciAnn Wahls.
Reduktion der AssoziatioDstheorie auf eine einzige einfache
Formel 1!9. Analyse der Beispiele im Widerspruch mit d«r Theorie
6- Die OrundgeBtalt der Psychologie im Lehrbuch von
Allgemeine Schilderung der Joi>Lfichen Psychologie 121-
AsEoeiaiive Verbindung und Praditation des Allgemeinen 122. Prin-
^pielle und konvenlionelle Bedeutung des assoziativen Aggi -
gata und der synthetischen Urteilsfunktion 122-123. :..
sammenhang der JoDi.sclien Einteilung in Sensation, Assoziation und
Heflesion mit der alten Vermögenatlieorie 123—124. Schüdening
des Wollens und Rückfall in den Aniraismns 124. Die Per-
sonifikation und die Sprache 124 — 125. ErfahrungEmäfsige Schilde-
rung des appetitiven Verhalten» 125. Der Spracn virtuos 125—126.
Gemhlstlieone; bemerke na werte Vorzüge der Darstellung der
„ Person gefuhle" 126. Schattenhafter Charakter der FormalKefühle
126. spekulativer Ursprung der ÜBthetiechen KlementargefUlile 126
Hb 127. ZusammeDbang der sslhetiscben Elementargefühle mit der
begrifflichen Analyse 127. Die Elemcntarästhetik und die asao-
Kiatiouslose Empfindang 127—128. Gegeninstanz der vollen Eisthe-
tischen Erfahrung 128. Die Elementarfisthetik und das experimen-
telle Befragen 128. Selbst Widerspruch und Reduktion der ästhe-
tischen Elementargefühle auf eine allgemeine biolodache Fonuel
128-129.
7. Thataachen nnd Hypothesen.
1) Allgemeine Orientierung.
Bedeutnng der nicht verifizierbaren Hypothesen 129 —130. An-
gchauungenahe und auBchauungs ferne Hypothesen, illustriert durch
die Bdspiele Dabwins, Ox-ilcis und Nkwtoks 130. Die Hypothesen
als besondere Hilfaveriabren 131.
2i E. Mach als Psycholog.
Wisscnsijhaftiitlic Persönlichkeit 131 — 132. Verhältnis von
Psychologie und Naturlorschung: mclir analytische und mebr^ au-
Mhaulicbe Betrachtungsweise 132—133. Geometriache und optische
Ähnlichkeit, räamliche Orientierung; optische Reize und Bewegungs-
irapulee, Helligkeiladitlerenzen und Eörpcrwubmehmung 133-134,
Analyrische Kraft der Anachauung und anschauliche Intelligenz 1S4
bis 135. Allgemeine pa^chophysiBche Abliängigkeitebeziehuug 135
bis 136. rias Parallelprinzip ala bypothetiscbca Hilf» verfahren 136.
XII Inhalt.
Phjsiolo^sche Theorie der Schallempfindung (Mach und Helmholtz)
136. Kritische Bedenken gegen die hypothetischen Hilfskonstruktionen
im allgemeinen und Übergang zur Zeitanalyse 137. Das Paradoxe
der spezifischen „Zeitempfindung'' 137—138. Die Zeitempfindung als
hypothetische Scnlufsfolgerung und Kritik der Schlufsfolgerung 138
bis 139. Erfahrungsmäfsi^e Zeitanalyse; allgemeine Zeitanschauung
139—140. Zeitgröfse, Zeitgeschwindigkeit und Zeitmafs 140 — 141.
Die wechselnde Gröfse des Zeitinhaltes 142. Der Zeitverlauf 142.
Verhältnis yon Anschauung und Analyse in Bezug auf die Zeit-
yorstellungen 142—143. Die Zeitanalyse in Bezug auf die konstruk-
tiven Hypothesen 143. Beispiele der Zeit Verschiebung 143 — 144.
Verwechseln des (subjektiven) Zeitverlaufs mit der Zeit überhaupt
und besondere Widersprüche der Zeitempfindun^ 144 — 145. Die
Zeitanalyse und die Traumerfahrung 145. Die Nichtumkehrbarkeit
der Zeitordnung 145 — 146. Verwechslung der allgemeinen Zeit-
anschauung mit dem Zeitmafs 146 — 147. Das Zeitmafs und die Zeit-
empfindung 147. Die Zcitempfiudung und die allgemeine Zeitanschau"
ung 147. Die Zeitempfindung als physiologische Hypothese 148.
Kntik der konstruktiven Hypothesen; Beispiel der physiologischen
Theorie der Schallempfindung 148—149. Zusammenhang der kon-
struktiven Hypothesen mit dem psychophysischen Farallelprinzip 149.
Modifikation der HELMHOLTzschen Schallempfindungstheorie 149—150.
Die konstruktiven Hypothesen und die Ansprüche der Anschauung
150 — 151. Die MAcn-HBLMHOLTz-Hypothese und die Möglichkeit
ihrer Verifikation 151. Die mehr allgemeine und orientierende Be-
deutung als der speziell methodologische Charakter des Parallel-
erinzips 151. Unverträp^lichkeit der Thatsache der psychophysischen
^ngeteiltheit mit der hypothetisch - konstruktiven Bedeutung des
Parallelprinzips 152. Die der Anschauung entspringende Analyse im
Gegensatz zur hypothetischen Konstruktion 152 — 153. Abhängigkeit
Machs von der spezifisch mechanischen Betrachtungsweise 153. Die
Herin« -MAciische Farbenhypothese 153 — 154. Allgemeiner Wider-
spruch der konstruktiven Hypothesen mit dem Ursprung aller Er-
kenntnis 154 — 155. Metaphysische Beeinflussung Machs durch Kant
155 — 156. Zusammenhang der metaphysischen Beeinflussung mit der
Zeitempfindung und mit der konstruktiven Hypothese 156. Be-
merkungen zu Machs „Umbildung und. Anpassung im natur-
wissenschaftlichen Denken" lo6 — 157. Übertragung der starren
mathematischen Begriffsbilder auf das Biologische 157—158. Gegen-
satz des Biologischen und des Mechanischen 158. Raumanalogien im
Gebiete der Töne 159. Die spezifische Ähnlichkeits- oder Gleich-
heitsempfindung insbesondere im Gebiete des Raumes und der Töne
159 — 160. Natürliche Grundlagen der Symmetrie und der Dualismus
von „Verstand und Empfindung" 160—161. Gegensatz zwischen
der elementaren Tonkonsonanz und der analogen Raumsymmetrie
161. Bemerkung über das räumliche Sehen 162. Machs Formel der
Gedankenökonomie; mehrfache Bedeutung derselben 162— 163. Kritik
des Ökonomieprinzijps 163 — 164. Biologische Deutung des Webbr-
schen Gesetzes und^ Zusammenhang derselben mit der allgemeinen
Unterscheidung des Physischen und Psychischen 164—165. Grund-
Btimmung des MACHSchen Denkens 165.
lulmlt.
XIII
3) Bemerkungen zur Vitaltheorii
Allgemeine Voran aaetEungen und Motive der l'heorie 165—167.
Kritik der Vitalthooiie im allgemfflnen 167 — 168. Motiv der Zu-
ordnungBhypolhese 1Ö8 — 169. Irdividudler Ursprung der Vitaltheorie
169—170. Äntagonisniua zvfischen individueller Anachauung und Alt-
gemeiubegriff 170. Besondere der 'rheorie zu Grunde liegeode
Momente der Täuscbang 170. Das Gesellschaft] iche Gleiclige wicht
und das Ende der Entwicklung 171. E^rfabrungsanalogischer Schein
des Zuordnui>gs Verfahrens 171 - 172. Das gpe Eulati v-illusionäre des
Zuordnungsgiaubens im Hinblick auf die biologischen Thalsacben 172.
SelliatiDterpretation der Vital theorie 172—17^. Das scheinbar Obiek'
tive der GröfsenBchematik 173—174. Gegensatz zwischen allgemeiner
latenter Eliminalionskritik und individueller kritischer Schilderung 174.
IV. ZuBammenhang' der methodologrisehen mit
der metaphysiechen Krisis.
1. Wimdts Fsyobologie der epekulativen Lüscherfahrung.
HechtfertiguQg der Kritik gegen gewisse Bemerkungen Wuhuts
in seinen philosophischen Studien 17.5. Wunora Grundriö der Psycho-
logieais HauptbeiBpiel desZuMmmenbangeB zwischen methodologischer
und metaphysischer Krisis 175—176.
I The.
■ und Ze
isetzi
stelli
r und ihre
all-
Das Veraltete der Raumtheorie; besondere Gründe der Dar-
stellnng und Kritik derselben 176—177. Entwicklungsgescbichtliche
VorbediDgungeD der Raumerfabniog und angeborene Anlagen als
entwicklungsgescbichtliche Anfangs oedingnng 178. Die genetische
Eaumtheorie WosuTs 179. Kritik der Theorie und negatives Er-
gibnis derselben 179-180. Der allgemeine Erfahruogsbegtiff und
rund widersprach desselben 180—181. Unklarheit in der Unter-
scheidung von Subjekt und Objekt 181, ErfahrangsmäfBige Schilde-
rung der allgemeinen Ertahrungsartikulation 182. Subjekt und
Objekt und ihr Verhältnis zu einander 182 — 183. Unklarheit und
Unhaltbarkeit der WuMiTschen Unterscheidung der unmittelbaren
und der mittelbaren Erfahrung 183 — 184. Verhältnis von Psythologie
und NaturwisBenschaft 184. Metaphysische Zersetzung der l/mgebunff
uod des menschlichen Individuums 184 — 185. Die KaunitLeorie au
Einheit dnes räumlichen Apriori und eines begrifisalchemistischen
VerscbmelüUDgsproduktee 185. Summarische und negative Kritik
der Theorie der Zeit Vorstellung 185—186.
J) D G f hl analyse.
1 D Tl tb t d.
Die Gefühle d b gnffi h ly bar und nur im Zusammen-
hange der Vital t t d d g samt n Vorstellungslebens sehr in-
direkt und symb I h d rat IIb 186—1 ".
UV Inhalt.
2. Der GefüblsaDalytikec.
Partial- and Total^efähle ; Beiapiel des Drei klaacB 167. Rompo-
nenten der OemeingetUhle und meW&chc Gefühl Baimeitsiooen 18?
bis 138. Krilik der Gefiililslheorie ini ganzen 188—189. Die he-
aonderen GefQhlBimaiicen sie AeBoziationscharaktert: 189. Die Ge-
fählakomponenteu lehre als unbewursts materielle GespenBtertlieoiie
189-190. PormalpTüdikate der Afiektentheorie 190. Wundts all-
Semeine Einteilung der Gefühle und Vergleichung derselben mit
erjenigen von A. GtBKWiTaLH 190—191. HpeKiellera Beispiele- die
furbengefühle 191. Sinnliche Gefühle; das GeBchmack^::füh[ 191
bis 192. Nachträgliches zu den ästhetischen EleuientargeflihleQ 193.
4) Experimeutellß Reaultata
Methodologische Beziehung Wuhdts zur (engeren) Psychophysik.
1S2— 193. Zueanuneustellung der mafegebenden Gesichtspunkte der
Beurteilung 19B. Analyae der eiDfauhaten WilleDsbaualungen in
den KeaktionBversucben 193—194. Vergleichung der Ergebnisse der
ReaktiOQBr ersuche mit der allgecneiDen Psychologe 194^195. Die
Beaktions versuche und ihre entwir.klun^sgesühichtliche Verwertung-
195—196. Die experimentelle Methode in Übereinstimmung mit der
Scholastik 196. Experimentelle Analyse der sinnlichen Aufmerksam-
keit; Nachträgliches über die psychischen Zeit^öfsen 197—198. Die
astronomische Beobachtung und die variable (sinnliche) Aufmerksam'
keit; alatistische Mittelwerte und individaelle Variations werte 198
bis 199. Grijfsen Verhältnis zwischen Aufmerksamkeit und Umfanf;
des BewulslEeiiJB 199. Analogie der wechselnden sinnlichen Auf-
meiksamkeit mit den Stufen der Klarheit im grofaen 199—200.
Die Stufen der Klarheit und die Kontrastanalogie 200. Experimen-
telle BcR'iiligung der Unterscheidung der Intensität von der Klarheit
200-201. Ira^würdiger Charakter der experimentellen Affekte 201.
Erfahrun^smlifai^e Schwierigkeiten der psychologischen Gröfseu-
charnktenstik 201^202. Pnnzipielle Unklarheiten in der Deutung
des WnuEDschen Gesetzes 202.
5) Die psychische Kausalität.
Allumfassende, metaphysisch- methodologische Bedeutung der
ueychischen KauaBiitÜt 203. Die aktive und die passive Seele 204.
Die psychische Kausalität im Widerspruch mit der Erfahrung 205
bis 20&, Die Gefühle als Triebfedern; Primat des Willens gegen-
über dem Intellekt SOti. Die herrschende und die dienende Seele
und das SeelenjuDge 207- Die Apperzeption als beziehende und vet-
gleichende Thätigkeit und Verhältnis derselben zur VermÖgens-
psTchologie 207^208. ErfabruDKsmöraigc Bedeutung der Assoziation
206^209. Die Apperzeption aFs spezifische apperaefitive Gröfsen-
vergleicbung 209. Die psychische kausalilät als Materialiüernng des
Psychischen und Bedeutung der wissenschaftlichen Kausalität 209
bis 210. Die psychische Kausalität als Aktualität 210. Hauptfakturen
und individuelle Gestalt der WusuTschen Psychologie im ganzen 310
bis 211. Naturwieseu sc haftliche Kausalität und geschicbtiicbo Not-
wendigkeit durch Beispiele veranschaulicht 211 — 213.
2. Spirituelle Ifebelbilder bei SbblngbaUB.
Verhältnis von Leib und Seele; Identititätatheorie Im allgemränen
213—214. Konflikt zwischen Monismus und Dualismus nnd Schatten-
bilder des Äbsoiuten 214— 21S. ErfahningemäMgei VerhSJhüg von
Leib und Seele durch ein Beiepiel erläutert 215— 2IG. Dasselbe B«-
fipiel durch die IdentiüLtetheorie iiitevpretiirt 216—217. Zweites. Bei-
spiel; der am FlufBufer meditierende Philosoph im ZnBRmmenhaiige
einer allgemeinen entwicktiingsgeachichtlipheu Folgerung 217 — 218.
Erfahrnogamä feige Anaätze; Schilderung des Ich; BemerkuDg über
das Verhältnis von Vorstellune und Urteil ; allgemeine Unterscheidung
des PhyBischen und Psvchiscnen; Beiepiel des Farhenkontrastes 218
bia 219. Abhängigkeit "des Verfassers von der Spekulation 219—220.
Bdüptrichtungen der erfahrungsmäraigen Betrachtungsweise und
inabeeondere das VerhHltniä der psychologischen Betrachtua^Bweisa
zu einer besondere n Modifikation der Eifahrungsinhaite 220^221.
Hückfall in den Animismua und Grunde deBaclben 221. Iiokalisation
der Seele 221—222. Die GehiraphyHologie im Verhältnis zur
Lokaliaa tionstheorie 222. Unabhängigkeit der phyaiolo^schen That-
eachen von den Seelentheorien 222—223. Die Seele und dus Gesetz
der Erhaltung der Energie; Allgemeines 228. Die mechanische
Energieaeele und die mechanische Weltbetrach tun^ 223—224. Ver-
wandlung des (»issenschaftiichcnl Seelendinees in das konkrete
menachlicbe Individuum 224—225. Das Unoewurste; erfahrungs-
mifsige Bedeutung desselben 225. Das Unbewufste als psychisclie
Kausalität 225—226. Die Analogie des Unhewufsten mit dem Un-
bekannten 226. Eine dreifache Bedeutung des „Nichts" und Ab-
schied von der unhewusüten Seele 227.
3. Unklar heiten bei Tcdl.
Unsichere Stellung Jodi.» in Bezug auf gewisee vorgefiuidene
Theorien uher das Verhältnis von Leib und Seele 227—228. Er-
Fahrun gsmüfsige, überaichlUche und zu aammen fassende Schilderang
des VerhältniBsca von Leib und Seele 228—239. Die pfljcbophysische
Kausalität als Modifikation der psychischen Kausalität und Gegen-
satz derseitwn zur allgemeiueii funktionellen Abhängigkeitsbeziehung
230. Grüude der Unsicherheit der JoDLSchen Identitätstheorie (von
Leib und Seele) und besondere Widersprüche derselben 231—232.
Beziehungen zwischen der Psychologie und der allgemeinen Philo-
sophie und Kritik der allgemeinen Bowulstseinstheorie 232 — 233.
Die Einheit des Ich als Summationsphänomen 233—234. Vierfache
Gestalt des Ich und Kritik derselben 234—235. ZuBammenhang der
allgemeinen BewuTstseinstheorie mit den methodologischen Wider-
Bprücben 236. Abhängigkeit Jodls von Wukut in Bezug auf die
psychische Kausalität als Grundlage der Geistes Wissenschaften 236
bis 237. JoDLs Theorie der psychischen Kansalität im WiderBprucb
mit seiner agenen besseren Praxis 237. Metaphysische Femoilder
nud erfahrungsmäfaige Anschauungsnähe 238.
V. Ergebnisse.
1. Defltdtion der Faychologie.
Zusammenfassung der positiven Ergebniaee in Gestalt einer De-
finition der Psychologie; allgemeine Voraussetzung und Bedeutung
der Definition 238—240. Die besonderen Momente der Definition;
Weite und Bestimmtheit derselben 240—241.
XYI Inhalt.
2. Synopsis (Avenarias, Ebbinghaus, Jodl, Behmke).
1) AVEMARIDS.
Definitionsformel; Einseitigkeit der Definition und die von der-
selben unabhängigen psychologischen Verdienste des Philosophen
241 — 242. Yerwandtscnaft Maciis mit Avunabius 242.
2) Ebbinohaus.
Definitionsformel; Gegensatz und Widerspruch derselben in Be-
zug auf das Verhältnis des gesamten menschlichen Individuums zu
der analytischen Betrachtungsweise der Naturwissenschaften 242—244.
3) JooL.
Definitionsformel; täuschendes Programm derselben; das Ver»
dienstliche der JoDLSchen Psychologie im ganzen 244 — 245.
4) RSHMKK.
Definitionsformel ; Analogie derselben mit einem ausgebrannten
Fixstern 245—246.
8. SohluCsbemerkungen.
1) 0. KüLPK.
Unsicherheit in allem, was die Grenzen der engeren Pafcho-
physik überschreitet, und insbesondere schwankende und unhaltbare
Stellung im Verhältnis zu Wundt, Mach und Avenarius 246 — 247.
2) W. Heinrich.
Erweiterung des von Mach und Ayknarius überkommenen me-
thodologischen Zuordnunssprinzips zu einer allumfassenden Welt*
beschreibung und Dunkelheiten und Widersprüche der betreffenden
weltbeschreiblichen Perspektiven 247—249.
3) A. Höfler.
Moment der Erisis: grofser, umfassender Beobachtungsgeist in
Verbindung mit der BREMXANoschen Scholastik 249 — 250.
4) Hams Cormglius.
Absicht des Verfassers: prinzipielle Grundlegung und Reform der
Psychologie in Analogie mit derjenigen von Kirchhoff und Mach
auf dem Gebiete der Physik; wirkliche Leistung: systematisch an*
geordnetes Arrangement von verschiedenartigen und mannigfachen
Überkommenen Anregungen 250 — 253.
Bepidnigrungren.
Seite 47 Zeile 20 von unten lies Demokritischen statt demokritischen
„ 65 „ 17 „ ^ „ Standpunkt „ Staudpunkt
„ 90 „ 2 von oben „ Platonischen „ platonischen
„ 91 „ 5 von unten „ wiederkaut „ wiederkäut
„ 105 „ 18 von unten ^ halb „ kalb
I. Die Tliatsache der Krisis.
Dafs die Psychologie im allgemeinen auch noch heute tief
in den Fesseln der Spekulation schlummert, weifs man. Dafs
aber auch berühmte Psychologen, und zwar gleichzeitig während
sie sich ihrer Freiheit rühmen, zur Spekulation zurücksinken wie
furchtsame und schwächliche Muttersöhnchen in den Schofs der
Mutter, das können sie selbst unmöglich wissen. Und dafs dies
wiederholt und fortwährend und sogar im Namen der strengen,
rein „empirischen" Wissenschaft geschieht: hierin eben liegt
die schwere, weil chronische Krisis der Psychologie. Wenn
man freilich auf eine Stimme wie Wundt^) hört, dann könnte
man glauben, die spekulative Psychologie sei schon heute nur
noch ein unwissenschaftlicher Nachhall. W^ie man daher gar
nicht darnach frage, was Physiker, Mathematiker und Physiologe,
was Philologe, Historiker und Staatswissenschaftler für eine
besondere Philosophie in ihrem Busen bewahren, ganz ebenso
lasse die Psychologie als „rein empirische Wissenschaft" den
„philosophischen Weltanschauungen freien Spielraum".
Da nun aber, wie wir finden werden, gerade Wundts
Definition der Psychologie ein besonders interessantes Beispiel
einer unbewufsten metaphysischen Umgarnung darstellt, so wird
wohl der „freie philosophische Spielraum" erst dann ein harm-
loser Tummelplatz werden, wenn der metaphysische Philosoph
sich so tief in seine verborgensten Gemächer zurückgezogen
haben wird, dafs er in den Armen seiner unfruchtbaren Nymphe
nur noch Windeier bebrütet und mit dem Strom des Lebens
^) In seinem Aufsatz: „Über die Definition der Psychologie"
in den Philosophischen Studien (XII, 1, 1895), S. 1—66.
Willy, Die Erisis in der Psycholog^ie. 1
— 2 —
auch nicht einmal mehr durch ein Tautröpfchen zusammen-
hängt. Heute aber sind wir von diesem Zeitpunkte noch so
weit entfernt, dafs wir vielmehr sagen müssen, wer als Psycholog
etwas leisten will, darf der philosophischen Weltanschauung
nicht blofs keinen freien, sondern sogar überhaupt gar keinen
Spielraum gewähren, weil nur eine einzige WeltanschauuDg,
nämlich diejenige, welche nichts als reine Erfahrung zuläfst,
sich mit der Erfahrung überhaupt und insbesondere mit der
wissenschaftlichen Psychologie verträgt. Wir haben in unserem
„Empiriokritizismus als einzig wissenschaftlicher
Standpunkt*'^) die rein erfahrungsmäfsige Weltanschauung
skizziert; jetzt wird es darauf ankommen, sie im einzelnen
fruchtbar zu machen und zu zeigen, dafs die Psychologie in-
folge ihres Beziehungsreichtums mit der allgemeinen Welt-
anschauung wenigstens heute noch so sehr verwachsen ist und
vielleicht (auch als besondere Wissenschaft) für immer mit ihr
so verbunden bleiben wird, dafs es der reine Widerspruch ist,
einerseits von einer rein empirischen Psychologie und andrer-
seits einer (mit ihr verträglichen) ganz beliebigen allgemeinen
Weltanschauung zu reden. Möchte einer ein Genie sein:
wenn er aber dabei nicht einsieht, dafs Erfahrung und
Metaphysik , und zwar Metaphysik in jeder Gestalt und
jeden Ursprungs, einander nicht blofs ansschliefsen, sondern
sich sogar gegenseitig negieren, dann wird er der Psychologie,
wenn er sich an ihr vergreift, jedenfalls unendlichen Schaden
zufügen; und dies um so mehr, je wissenschaftlicher dabei der
Urheber eines solchen empirisch-metaphysischen Mischproduktes
zu Werke geht, weil in diesem Falle beide einander wider-
sprechende Bestandteile so gründlich ineinander verarbeitet
werden, dafs sie in ihrer Eigentümlichkeit und Verschiedenheit
gar nicht mehr zu Tage treten, sondern wie ein überall gleich-
mäfsig abgeflachtes und geebnetes Terrain erscheinen. Und
welcher Art im allgemeinen die metaphysische Beeinflussung der
Psychologie sich zeigt, ist aus historischen Gründen leicht er-
sichtlich: diese Beeinflussung übernimmt der Spiritualismus.
Und inwiefern wir daher die moderne, wissenschaftliche spiri-
tualistische Psychologie schildern, insofern haben wir auch die
Thatsache der psychologischen Krisis aufgedeckt.
Bevor wir jedoch an einigen einflufsreichen Beispielen diese
*) In der Vierteljahrschrift für wissenschaftliche Philosophie (1896)
XX. Jahrg. Heft 1—3.
— 3 —
Kritik vornehmen werden, möchten wir noch eine zweite und ebenso
wichtige Seite der von uns so bezeichneten und als Thatsache
hingestellten Krisis in der Psychologie schon jetzt ins Auge
fassen. Denn angenommen, die Psychologie hätte sich sowohl
von den unfreiwilligen Banden als den freiwilligen Armen der
Spekulation vollständig losgemacht, so erwachsen ihr nun erst
ganz gewaltige Schwierigkeiten, wenn sie sich in positiver Weise
zur besonderen Erfahrungswissenschaft ausgestalten soll. Und
dafs diese Schwierigkeiten nicht blofs zufälliger Art, sondern
eine unvermeidliche Folge der unendlichen Vielverzweigtheit
des psychologischen Materials sind, lehrt schon der flüchtigste
Blick auf die Menge strebsamer Arbeiter auf diesem Felde.
Gewifs möchte niemand behaupten, dafs, ganz abgesehen von
den Beziehungen zur allgemeinen Weltanschauung, die Psycho-
logen alle planmäfsig an einem grofsen, einheitlichen Baue be-
schäftigt wären. Denn, nachdem sie auf dem Boden der Er-
fahrung kaum erst festen Fufs gefafst, sehen wir sie in ihrer
besonderen Arbeit ziemlich getrennte Wege gehen. Eine Gruppe
erwartet alles vom Experiment; sie ist es, welche sich die
speziellsten Aufgaben stellt und die kompliziertesten Methoden
anwendet. Aber an ihren bisherigen Gewohnheiten durch die
spärlichen und zweifelhaften Erfolge der ersten Gruppe keines-
wegs beunruhigt, macht eine zweite Partei nach wie vor die
'Selbstwahrnehmung' zur Hauptquelle der Psychologie. In
anderer Hinsicht erhebt sich die Streitfrage über methodo-
logische Stellung und Anteil zwischen der psychischen Selbst-
wahrnehmung einerseits und den zugehörigen physiologischen
und biologischen Beziehungsgliedern andrerseits. Soll der Ge-
danke einer durchgängigen Wechselbeziehung zwischen Physischem
und Psychischem in dem Sinne festgehalten werden, dafs man
zuerst die physischen Glieder als ^^unabhängige' Reihe analysiert
und erst dann die entsprechenden psychischen Begleiter dazu
aufsucht, oder soll man umgekehrt das rein Psychische zum
Ausgangspunkt machen und das Physische nur gerade insoweit
berücksichtigen, als das Psychische dazu führt? Und ferner:
giebt es eine psychische 'Kausalität' oder giebt es keine? Und
wenn es eine giebt, bin ich dann ohne weiteres berechtigt, das-
selbe analytische Verfahren, wie es die Naturwissenschaften an-
wenden, auf die Psychologie zu übertragen? Ist es prinzipiell
nicht vielleicht gleichgültig, ob wir vom Physischen aus das
Psychische oder umgekehrt nach Mafsgabe des letzteren das
erstere zu bestimmen suchen; und kommt es im Erfolg nicht
1*
— 4 —
ganz auf eins hinaus, ob wir eine psychische Kausalität an-
nehmen oder nicht? So könnten wir noch lange zu fragen
fortfahren; doch wollen wir es lieber unterlassen und nur be-
merken, dafs die Menge der aufgezählten Fragen, welche uns
wie ein Wall von Speeren entgegenstarren, obwohl sie nicht
immer ausdrücklich gestellt werden, dennoch als Vormauer zur
Psychologie gehören.
Und da alle die angedeuteten Fragen noch gar nicht ge-
nügend beantwortet und es gleichfalls keineswegs schon aus-
gemacht ist, wie die Fragen überhaupt zu stellen sind ; und ob
nicht vielleicht aufser den üblichen noch eine Reihe anderer
Instanzen, welche uns eher eine Fährte und einen Ausgang
durch unser Dickicht versprechen, angefragt werden müssen:
so geht daraus hervor, nicht nur, dafs die wissenschaftliche
Psychologie überhaupt noch kaum in den Windeln liegt, sondern
dafs überdies insbesondere die von uns unterschiedene historisch-
metaphysische und die methodologisch- wissenschaftliche Seite der
psychologischen Krisis zusammengehören. Denn, dafs man mit
der Fragestellung noch nicht im Reinen ist, dies liegt offenbar
an dem stillen, aber unausgesetzten Druck, welchen die Meta-
physik ausübt, indem sie ihr Grundwasser als ganz verborgenes
Gift in das kleinste Äderchen spritzt und keine Quelle mit
ihrer Trübung verschont. Und wenn andrerseits die Speziali-
täten in der Psychologie so sehr ins Kraut schiefsen, dafs man
vor lauter Nebenschossen keinen Stamm und keine Hauptäste
mehr sieht, so kann dies nur daher rühren, dafs man es
gründlich verlernt zu haben scheint, den Blick stets auf das
Ganze gerichtet zu halten. Zwar wissen wir sehr wohl, da/s
nur die Arbeitsteilung der Wissenschaft Dauer verbürgt; und
insbesondere in der Psychologie ist die Spezialisierung etwas
ganz Naturgemäfses und nur die Folge ihrer Vielgestaltigkeit,
auf welche wir ja selbst ausdrücklich hingewiesen haben. Den-
noch dürfte sich zeigen, dafs Arbeitsteilung in Verbindung
mit Einheitlichkeit nirgends so sehr ein Postulat bildet
als gerade in der Psychologie. Und da die Vereinigung ent-
gegengesetzter Eigenschaften sich noch stets als grofse Selten-
heit erwiesen hat, obwohl sie andrerseits., weil sie Grofses ver-
helfst, den gröfsten Reiz auf uns ausübt, so dürfen wir uns
nicht wundern, wenn die Psychologie nur unendlich langsame
Fortschritte macht. Nun sind wir wahrlich weit genug davon
entfernt, die Kühnheit zu hegen, als könnten wir von uns aus
wie mit einem Schlage auf einmal einen grofsen Ruck bewirken.
~ 5 —
Aber etwas ist doch schon gewonnen, wenn es uns gelingen
sollte, die angedeutete Erisis in ihrer vollen Thatsächlichkeit
offen zu legen und mit scharfer Deutlichkeit zu schildern.
Denn diesen Vorzug wenigstens wird man der reinen Er-
kenntnis nicht streitig machen wollen, dafs, sofern in ihr der
Gegensatz und oft grofse Abstand zwischen Theorie und Praxis
wegfällt, wenn sie sich nur erst zu fafsbarer Gestalt empor-
gearbeitet hat, von selbst zum unverlierbaren Besitztum wird.
So wird in unserem Falle, ganz anders wie in einer gewöhn-
lichen Krankheit, mit der Einsicht in die Erisis die Erisis
selbst verschwinden. Sobald wir unser Antlitz vom Staub und
Rufs der Metaphysik rein gewaschen haben , sind wir auch so
weit gestärkt und fühlen uns so sehr durchklärt, dafs wir nicht
mehr in den Fehler fallen, aus Angst vor der Metaphysik den
Zusammenhang mit dem Ganzen zu verlieren, sondern nun
gerade im Gegenteil mit freiem und sicherem Blick das Auge
überallhin schweifen lassen. Und bei dieser Musterung werden
wir dann vielleicht die Entdeckung machen, dafs die Psycho-
logie in der Reihe der verschiedenen Arten der Verwertung
des Rohstoffs der Erfahrung, von welchen Verwertungs- und
Bearbeitungsarten die Wissenschaft nur eine ganz bestimmte
neben noch anderen Gestaltungen übernimmt, so sehr in der
Mitte steht und einen Enotenpunkt bildet, dafs wir uns vor
die Frage gestellt sehen, zu welchen Gestaltungen giebt die
menschliche Erfahrung überhaupt Anlafs? Kann es neben dem
ästhetischen, neben dem praktischen und technisch-naturwissen-
schaftlichen Verhalten noch so etwas wie Geisteswissenschaften
geben ? Sind diese letzteren nicht vielmehr sowohl aus spezifisch
wissenschaftlichen als gewissen anderen Bestandteilen zusammen-
gesetzte Mischprodukte? Und wie sollen wir die Psychologie
kennzeichnen? Läfst sich ein Einheitsbegriff der Psychologie
mit dem spezifischen Charakter der Wissenschaft gewinnen oder
nicht? Und wenn die Psychologie nur als Mischprodukt fafs-
bar sein sollte, kann es dann gelingen, sie, wenn nicht als
Spezial wissen Schaft, so doch überhaupt noch als Spezial-
gebiet abzugrenzen? Oder ist selbst auch dies vielleicht eine
Unmöglichkeit, und was für ein Ausweg bietet sich dann?
Bevor wir jedoch auf diese Fragen eintreten, welche ja offen-
bar die methodologische Erisis der Psychologie anklingen lassen,
haben wir zuerst ihre metaphysische Krisis und d. h. die Be-
einflussung der modernen wissenschaftlichen Psychologie durch
verschiedene Gestalten des Spiritualismus in Angriff zu nehmen.
— 6 —
II. Die metaphysische Krisls oder der Spiritua-
lismus und die Psyehologrie.
1. Wundt und seine Definition der Psychologie^).
Die speziellen kritischen Auseinandersetzungen des Ver-
fassers und insbesondere seine Polemik mit Külpe lassen wir
beiseite und ziehen direkt seine Deiinitionsformel in Betracht.
Und sogleich machen wir hier die Wahrnehmung, dafs
diese Definition sich nicht blofs sehr undurchsichtig und sehr
umständlich ausnimmt, sondern uns sogar in die gröfste Ver-
legenheit versetzt, weil sie in uns eine Menge Vorstellungen
wachruft, die richtungslos als matte, schwache Umrisse in-
leinander verschwebcn und uns wie in einen Dunst und Qualm
einhüllen, so dafs wir von einem bedeutungsvollen Kern oder
einem reizenden, das Ziel leise ankündigenden Hintergrund auch
nicht die mindeste Spur entdecken. Zählen wir vorerst ge-
wissenhaft alles auf, wovon die Definition spricht. An der
Spitze (S. 11 u. 12) steht der Satz, dafs die Erfahrung zwei
zusammengehörige Faktoren : „die Erfahrungsobjekte und das
erfahrende Subjekt" enthalte. Nun folgt weiter eine Andeutung
über das Verhältnis von Psychologie und Naturwissenschaft in
dem Sinne, dafs die letztere (Naturwissenschaft) vom Subjekt
abstrahiere, wodurch sie einen „hypothetischen" und „abstrakt-
begrifflichen" Charakter annehme. Die Psychologie ihrerseits
hebe die naturwissenschaftliche Abstraktion wieder auf, um die
Erfahrung in ihrer „unmittelbaren Wirklichkeit" zu untersuchen.
Diesen zwei Hauptbestimmungen endlich sind an dritter und
vierter Stelle noch zwei weitere Sätze angereiht, die je mit
„daher" und „demnach" in das Satzgefüge eingreifen und also
wie eine Art Folgerung aus dem Früheren angesehen werden
möchten. Die erste dieser Folgerungen hebt nun die Wechsel-
beziehungen der „subjektiven und objektiven Faktoren der un-
mittelbaren Erfahrung", sowie die „Entstehung" der einzelnen
Inhalte der letzteren (der unmittelbaren Erfahrung) und ihres
„Zusammenhangs" hervor und bezeichnet beides (die Wechsel-
beziehungen und die Entstehung) als Aufgabe der Psychologie.
Die zweite Folgerung fafst das Definitionsergebnis zusammen
und charakterisiert abschlufsweise die Psychologie in ihrem Ver-
^) Unsere Kritik bezieht sich auf die S. 1 Anm. 1 bezeichnete
Abhandlung von Wundt.
- 7 —
hältnis zur Naturwissenschaft als eine „unmittelbare und an-
schauliche" Erkenntnisweise, insofern (im Gegensatz zur Natur-
wissenschaft) das „Substrat ihrer Erklärungen die Wirklichkeit
selbst, ohne Anwendung abstrakter Hilfsbegriffe" sei.
Nachdem wir so die Definition beisammen haben, wollen
wir nun im besonderen angeben, weshalb wir mit ihr nichts an-
zufangen wissen. „Anschaulich und unmittelbar," hörten wir,
sei die Psychologie; „mittelbar (abstraktbegrifflich) und hypo-
thetisch" die Naturwissenschaft. Und hierin soll zugleich eine
Definition der Psychologie enthalten sein. Aber wie? Wundt
selbst (S. 44 Anm.) hebt ausdrücklich hervor, dafs das die
Psychologie charakterisierende Prädikat „anschaulich" keines-
wegs so mifsverstanden werden dürfe, als ob damit jede Ab-
straktion ausgeschlossen werden sollte; denn ohne Abstraktion
(Begriffsbildung) könnte ja eine Wissenschaft natürlich gar nicht
zustande kommen. Also kann doch wohl auch im Sinne
WuNDTS mit der Gegenüberstellung von anschaulich und
abstraktbegrifflich nichts anderes gemeint sein als mehr
oder weniger anschaulich bezw. abstrakt. Daraus jedoch,
angenommen die entsprechende Charakterisierung von Natur-
wissenschaft und Psychologie sei zutreffend, würde sich indes
nichts weiter ergeben, als dafs es anschauliche Wissenschaften
wie z. B. (im Sinne Wundts) die Psychologie und weniger an-
schauliche (abstraktbegriffliche) Erkenntnisweisen (wie z. B. die
Naturwissenschaft) gebe. Dafs aber dieses Unterscheidungsmerk-
mal für sich allein zu einer Definition, wie sie dem Verfasser
vorschwebt, nicht ausreicht, beweist er selbst dadurch, dafs er
noch eine Reihe weiterer Bestimmungen, welche wir alle auf-
gezählt haben, für nötig findet. Prüfen wir also auch sie. Da
sind zuerst die Prädikate: „mittelbar und unmittelbar", welche
immer in Verbindung mit „anschaulich" (unmittelbar und an-
schaulich) und „abstraktbegrifflich" (mittelbar und abstrakt-
begrifflich) genannt werden, und entsprechend dazu dienen, die
Naturwissenschaft als mittelbare, und dagegen die Psychologie
als unmittelbare Erkenntnis zu bezeichnen. Das Neue, was in
dieser Kennzeichnung liegt, weist jedoch offenbar auf etwas
anderes, und zwar auf den Zusatz, dafs die Naturwissenschaft
nicht nur überhaupt die mittelbare, sondern insbesondere auch
jene Erkenntnis sei, welche aufser der „konkreten Wirklichkeit"
noch „hypothetische Hilfsbegriffe" nötig habe. Doch müssen
wir sogleich noch einen Schritt weiter gehen; denn wenn man
die „hypothetischen Hilfsbegriffe" im nächstliegenden
(prinzipiell- empiristischen) Sinne versteht, dann wäre wohl gerade
— 8 —
WuNDT, in Hinblick auf sein Lehrbuch der Psychologie der
letzte, welcher Hilfsbegriffe und Hypothesen von der Psychologie
auszuschliefsen sich für berechtigt halten dürfte. Und in der
That setzt denn auch Wundt, wozu er ja ein Recht hatte, von
vornherein schon bei der Aufstellung seiner Hauptdeiinition der
Psychologie seine gesamte Erkenntnistheorie und Metaphysik
bei seinen Lesern als hinlänglich bekannt voraus. Und daher
kommt es, dafs man, wenn Wundt von hypothetischen Hilfs-
begriffen spricht, immer und ohne weiteres, wie er selbst be-
merkt und worauf wir im Verlaufe gleichfalls stofsen werden,
an den metaphysischen Substanzbegriff, wie er in
seinen philosophischen Hauptschriften vorgefunden wird, zu
denken hat. Mit Rücksicht auf unsere Definition der Psychologie
besagt dies nun aber ja gar nichts anderes, als dafs die Natur-
wissenschaft nicht wie die Psychologie eine im ganzen Umfange
rein empirische Wissenschaft sei. Da jedoch Verf., dafs die
Psychologie eine rein empirische Wissenschaft sei, als so selbst-
verständlich voraussetzt, dafs dieser Umstand gar nicht zur
Definition selbst gehört, sondern ihre Vorbedingung bildet, so
hat insofern alles, was wir bis jetzt über das Verhältnis von
Naturwissenschaft und Psychologie zu einander hörten, zur Defi-
nition der letzteren auch nicht ein Jota beigetragen. Um also
zu erfahren, ob nicht vielleicht wenigstens ein Stückchen von
einer Definition aufzufinden sei, müssen wir noch ihre übrigen
Bestandteile einer Prüfung unterziehen. Diese noch übrigen
Bestandteile, wie wir schon wissen, weisen der Psychologie die
Doppelaufgabe zu, einerseits die Beziehungen der „subjektiven
und objektiven Faktoren der Erfahrung" und andrerseits sub-
jektiven Inhalt und Ursprung der Erfahrung überhaupt fest-
zustellen. Diese Bestimmungen könnte man immerhin als vor-
läufige und daher provisorische Definition dann gelten lassen,
wenn sie sich fruchtbar erwiesen hätte. Und wie es hiermit
steht, werden wir erfahren, wenn wir zusehen, über welche
Argumente Wundt verfügt , wenn er den Versuch macht, gleich-
zeitig sowohl seine eigene Definition zu verteidigen, als die
naturwissenschaftliche Psychologie auf das Niveau eines „relativ
untergeordneten Hilfsprinzips" herabzusetzen.
Gegen die physiologische Richtung der Psychologie nimmt
Verf. mit drei Hauptargumenten (S. 17 u. 31 — 36) Stellung.
Er behauptet 1) dafs von Funktionsbeziehungen zwischen
physischen und psychischen Werten überhaupt nicht die Rede
sein dürfe, weil jene Beziehungen „unendlich vieldeutig" seien;
— 9 —
2) bemerkt er, dafs die „Wert- uud Zweckbestimmungen**,
also gerade das in eminentem Sinne Psychische, ganz aufser das
Gebiet der Naturwissenschaften und also auch aufserhalb ihrer
Methoden falle.
Endlich 3) sei es ja evident, dafs Physisches und Psy-
chisches ganz „unvergleichbaren** Gröfsengebieten angehören,
so dafs eine „Ableitung** des einen aus dem andern so wenig
Erfolg haben könnte, wie etwa der „Versuch, aus einer Mole-
knlarbewegung die Qualität einer Empfindung zu erklären*'.
Wer also, fügt er schliefslich noch bekräftigend hinzu, wie die
physiologische Psychologie, der Naturwissenschaft die „Erklärung**
solcher Bestandteile der Erfahrung aufbürde, wovon jene selbst
abstrahiert habe, beweise eben dadurch, dafs der physiologische
Standpunkt in der Psychologie von „Hause aus absurd** und
nie zu einem „brauchbaren Prinzip** der Untersuchung führen
könne.
Hier wird der physiologische Standpunkt der Psychologie
deswegen abgelehnt, weil sich ihn Wundt, wie es scheint, nicht
anders als eine Anwendung des metaphysischen Materialismus
zu denken vermag. Nun ist ja gewifs einzuräumen, dafs in der
That oft und wohl auch noch fortwährend das psychophysische
Parallelprinzip nur als unhaltbares Mischprodukt von Erfahrung
und Metaphysik sich in die rein empirische Psychologie einzu-
drängen oder sie auch vollends zu verdrängen sucht. Aber
mufs denn dies so sein? Hat nicht Wundt selbst, wie er
sich ausdrückt; die physiologische Betrachtungsweise wenigstens
als „relativ untergeordnetes Hilfsprinzip" der Psychologie zu-
gelassen; und bezeichnet er nicht (S. 34, 35) ausdrücklich als
„Hauptgewinn** des naturwissenschaftlichen Verfahrens in der
Psychologie ; dafs dadurch „ein für allemal das mystische Un-
bewufste verschwinde", und deswegen eben (S. 28), wie wir
wohl, ohne von unserem Autor Widerspruch befürchten zu
müssen, sagen dürfen, eine „Physiologie der Hirnfunktionen"
auch im eigensten Interesse der Psychologie als „Desiderat** be-
trachtet werden darf? So weit wenigstens müfste also auch
Wundt zu Gunsten der Psychologie, wie er sie thatsächlich
bearbeitet und theoretisch verstanden wissen will, sich auf sein
„relativ untergeordnetes Hilfsprinzip** einlassen, um zu sehen,
inwieweit es sich mit der Erfahrung verträgt, und wie es denn
kommt, dafs es so leicht in Metaphysik ausartet. Da Verf.
selbst, wie wir finden werden, die Antwort auf diese Fragen
nicht gegeben hat, so müssen wir diese Lücke selbst ausfüllen.
Und dies wird am besten und einfachsten so geschehen, dafs
— 10 —
wir jene gegen das psychophysische Parallelprinzip gerichteten
Argumente einer scharfen Prüfung unterziehen.
Also wie verhält es sich zuerst mit der „unendlichen Viel-
deutigkeit^ der psychophysischen Funktionsbeziehungen? Doch
wohl nicht anders als überall sonst im gesamten Gebiete der
Erfahrung, sofern sie als ein Ganzes vielfältiger Ändemngs-
gröfsen in Betracht kommt. Die „unendliche Vieldeutigkeit"
gehört als integrierender Bestandteil zu unserer Erfahrung und
durchzieht ihr ganzes Massiv wie das Erz den Fels. Sind
nicht Wind und Wetter sehr vieldeutig? Sind es nicht wir
selbst; und nicht blofs wenn Stimmung und Laune wechselt,
sondern (mehr oder weniger) während unserer ganzen Ent-
wicklung in gesunden und kranken Tagen? Und machen hier-
von das Licht, die Wärme, der Schall, die Bewegung und sogar
der ruhige Wandel des Himmels eine Ausnahme? Doch freilich
machen sie eine Ausnahme, aber nur sofern es uns gelingt, die
„unendliche Vieldeutigkeit" nach und nach durch die wissen-
schaftliche Arbeit der Jahrhunderte und Jahrtausende mehr
oder weniger eindeutig zu machen. Und was für einen
Grund nun sollte es geben, diese Denkbarkeit, die vieldeutige
Variabilität zu genügender Konstanz und Eindeutigkeit zu ge-
stalten, von irgend einem Gebiete prinzipiell auszuschliefsen ?
Und WuNDT selbst, sofern er wirklich, wie er sagt, eine
Physiologie der Hirnfunktionen für ein „Desiderat" hält, wird
gegen jene prinzipielle Denkbarkeit nichts einzuwenden haben.
Und ebensowenig ist anzunehmen, dafs er sich die Verwirk-
lichung des Desiderats ganz einseitig und unabhängig vom Zu-
stande der Psychologie denke. Ein anderes freilich ist die
prinzipielle Denkbarkeit und ein anderes die mehr oder minder
wahrscheinliche Verwirklichung jener Denkbarkeit. Und in
unserem Falle erscheint uns in der That die Frage: ob Aus-
sicht einer selbständigen, rein naturwissenschaftlichen
(physiologischen) Psychologie vorhanden sei oder nicht, gar
nicht als eine müfsige. Wir selbst werden an einer viel
späteren Stelle im Zusammenhange der methodologischen Krisis
der Psychologie auf diese Frage eintreten. Indes berührt
WuNDT diesen Punkt mit keiner Silbe, sondern begnügt sich
mit der Behauptung, dafs die „unendliche Vieldeutigkeit" über-
haupt und also, wie wir ergänzend und verdeutlichend hinzu-
fügen müssen, prinzipiell von einer funktionellen psycho-
physischen Beziehung zu reden verbiete.
Und dieses prinzipielle Verbot stimmt allerdings sehr gut
mit dem zweiten Argument überein, insofern es die „Zweck-
— 11 —
beziehoDgen und Wertschätzungen" durch die naturwisseDschaft-
liche Betrachtungsweise nicht von ferne beeinträchtigt wissen
möchte und sie daher lieber gleich ganz davon aussctiliefst.
Um 80 weniger aber stininjt jenes Verbot mit der Zulassung
und Anerkennung der psycho physischen Parallelbetrachtnng als
eines „relativ untergeordneten Hilfsprinzips". Denn wenn auch
nur untergeordnetes Rilfsprinzip , so setzt dasselbe doch im
Bereiche seines Umfanges eine funktionelle Beziehung zwischen
Physischem und Psychischem voraus. Und wirklich änfsert sich
Verf. (S. 33) dahin, dafs jene einfachsten Fälle, in denen die
„qualitativen Wert- und ZweckbeBtinimungen zurücktreten", eine
„annähernd eindeutige Beziehung zwischen physischen ond
psj'ohischen Gröfsen wohl erwarten lassen". Dies Zugeständnis
drängt uns aber zur Frage: wenn wir in gewissen einfachen
Fallen die allgemeine funktionelle Beziehung zulassen, warum
sollen wir nicht, der einzigen Aufgabe der Wissenschaft ganz
entsprechend, die zusammengesetzten Fälle in einfachere zer-
legen und in dieser indirekten Weise daher die physiologische
Methode auch auf die „Wert- und Zweckbestimmungen" Über-
tragen? Warum sollte ihnen dies den mindesten Schaden zu-
fügen, und was hindert, dafs sie nicht ganz dasselbe bleiben
können , was sie zuerst waren ? Wenn wir keine Bedenken
tragen, die Harmonie der Töne und die Symphonie der Farben
zu zerlegen und ihre Elementarbestandteile als Anderungs-
gröfsen psychophysiologisch zu untersuchen, können wir uns
dann einen triftigen Grund denken , weshalb ein erweitertes
analoges Verfahren an sich keine Berechtigung haben sollte ?
Und ist es nicht vielmehr ganz im Sinne der wissenschaftlichen
Psychologie, wenn wir das funktionelle Parallel prinzip , nicht
wie WüNDT es macht, so viel als möglich zur Seite schieben,
sondern gerade im Gegenteil so weit als möglich durchzuführen
suchen? Dafs jedoch bei WrojiiT sein „relativ untergeordnetes
Hilfsprinzip" in Wahrheit gar kein Prinzip, sondern nichts als
ein rein zufälliges, blindes und abgenötigtes Zngestänilnis an
seine eigene psychologische Praxis ist, dies wollen wir sogleich
im Znsammenhang des dritten Argumentes zeigen.
Dieses dritte Argument folgert aus der „Unvergleicbbar-
keit" der physische» und der psychischen Gröfsen die „Ab-
surdität" einer wechselseitigen „Erklärung" oder „Ableitung"
derselben auseinander. Sowohl Thesis als Folgerung dieses
Argumentes richten sich jedoch nicht blofs gegen Metaphysik,
sondern sind selbst metaphysisch, weil sie ihre Kraft einem
BegrifTsonfologismus entnehmen , welcher kein anderes theo-
— 12 —
retisches Mafs als das Schema von Folgerang und Vordersatz
kennt und daher, wenn er sich an den Strom der Erfahrung
heranwagt, auch sogleich in jene, um mit Wundt zu reden,
„unendlich vieldeutige" Welle der „Erklärung und Ableitung"
untersinkt. „Unvergleichbar" sind im Geiste jener isolierenden
Abstraktion, wie sie in der 'Logik' üblich ist, alle Begriffe,
sobald sie Gattungstypen angehören, welche in verschiedener
Richtung liegen und durch keinen gemeinsamen höheren Begriff
mehr zusammengehalten werden. Nur folgt aus dieser technisch
zugestutzten 'Disparität', welche wir ja allerdings auch auf
den Fall des Physischen und Psychischen übertragen können,
nicht das mindeste gegen die thatsächliche Zusammen-
gehörigkeit und Unzertrennlichkeit der Grundbestandteile der
Erfahrung. Und auch "Wundt hebt die Einheit des Physischen
und Psychischen in diesem rein thatsächlichen Sinne wieder-
holt hervor, wenn er Psychologie und Naturbetrachtung als die
einander ergänzenden Erkenntnisweisen der einen und einheit-
lichen Erfahrung bezeichnet Dies genügt für unsere augen-
blicklichen Zwecke vollständig; und ohne uns auf die prinzipielle
Frage einzulassen, inwiefern sich die Unvergleichbarkeit des
Physischen und Psychischen nicht blofs mit dem Standpunkte
der üblichen Logik, sondern auch mit demjenigen der Erfahrung
verträgt, so ergiebt sich schon aus dem Gesagten, dafs einer-
seits Analyse und Beschreibung von Thatsachen und andrer-
seits logisch- technische Begriffsgruppierung streng auseinander
zu halten sind. Und dasselbe gilt auch für das deduktive
Verhalten, gleichviel ob es sich im übrigen auf selbstgemachte
Begriffe oder auf Thatsachen stützt. Da wir nun aber gewohnt
sind, das deduktive Verfahren, sofern es ein Besonderes einem
höheren Allgemeinen unterordnet, gerade in bevorzugtem Sinne
als „Ableiten" oder „Erklären" zu bezeichnen, so wollen wir,
nur gerade im Interesse unseres nächsten Zweckes, die an sich
in der That „unendlich vieldeutige" Erklärung in dem Sinne
eindeutig machen, dafs wir darunter die Einordnung eines Be-
sonderen in die zugehörige übergeordnete Sphäre eines All-
gemeineren verstehen, (rilt dies, dann geht es nicht mehr an,
die „Erklärung" und „Ableitung" auf die Analyse und Gruppierung
von Thatsachen unterschiedslos zu übertragen. Denn das Phy-
sische und Psychische, um uns an unseren Fall zu halten, steht
zu einander weder in einem Verhältnis des Allgemeinen zum
Besonderen, noch demjenigen einer logisch-technischen Begriffs-
zusammenstellung. Gleichwie man daher beispielsweise nicht
von einer Erklärung oder Ableitung, sondern nur etwa von
- 13 —
einer Formulierung der mathematischen Axiome, und in ähn-
lichem Sinne keineswegs von einer logischen Deduktion der
chemischen Elemente spricht: ehensowenig hat es einen Sinn,
das Erklären und Ahleiten auf das Verhältnis des Physischen
und Psychischen anzuwenden, weil wir in diesem Falle eine
Grunderfahrung vor uns hahen, deren Befund einfach festzu-
stellen, aher nicht mehr weiter abzuleiten ist.
WuNDT macht gewissen Metaphysikern der Psychologie die
Absurdität einer Ableitung des Psychischen aus dem Physischen
zum Vorwurf, und er thut dies aus einem solchen Geiste
und einer solchen Gesinnung heraus, als ob das psycho-
physische Parallelprinzip, sofern es zu einem rein methodo-
logischen Hauptgrundsatz der Psychologie gemacht wird,
überhaupt und prinzipiell mit der gerügten Absurdität be-
haftet sein müfste. Dies aber eben beweist, dafs Wundt
nicht nur überhaupt Metaphysiker , sondern ganz gegen seine
Absicht überdies durch und durch metaphysischer Psychologe ist.
Denn Thatsachen und „Erklärungen" fliefsen bei ihm derart
zusammen, dafs er, sobald nur die Thatsachen sich nicht mehr
so „unvergleichbar" ausnehmen wie Physisches und Psychisches,
sondern entweder ganz dem Physischen oder ganz dem Psychischen
angehören, nicht blofs kein Bedenken mehr trägt und es noch
weniger für absurd hält, sondern es wie natürlich und selbst-
verständlich findet, beispielsweise „Psychisches aus Psychischem"
ohne weiteres zu „erklären". Und dennoch ist es vom Stand-
punkte der Erfahrung aus dieselbe „Absurdität", ob wir
ungleichartige („unvergleichbare") oder gleichartige Thatsachen
schlechtweg voneinander ableiten^ wie es andrerseits ebenso
berechtigt als wissenschaftlich ist, Thatsachen als ein zusammen-
gehöriges und unzertrennliches Ganzes zu beschreiben und fest-
zustellen, gleichviel ob sie aus einander gleichartigen oder im
Gegenteil unter sich verschiedenartigen und gegensätzlichen
Bestandteilen zusammengesetzt sind. Hierzu im Gegensatz
behauptet der Verfasser, dafs sich mit dem psychophysischen
Parallelprinzip weder ein „logisches noch ein kausales,
sondern nur ein rein äufserliches Verhältnis der Koexistenz
oder Folge" vereinbaren lasse. Danach also scheint W^undt
so etwas wie einen begrifflichen Ausdruck reiner That-
sachen gar nicht zu kennen; und doch liegt nichts als ein
solcher Ausdruck im Parallelprinzip, wenn man es nicht meta-
physisch umdeutet und zu einer Erklärungsart macht, die auf
derselben Stufe mit jenen Spekulationen steht, welche die
Finsternis das Licht gebären und Saturn in seinen eigenen
— 14 —
Kindern sich selbst verschluigen lassen. Und im Prinzip,
wenn auch nicht in der speziellen Art, gehört ja auch das
„kausale^ und „logische" Verhältnis, welches Wundt postuliert,
derselben Spekulation an, weil es nicht etwa aufgestellt wird,
um speziellere Sätze aus allgemeinen Gesetzen ab-
zuleiten, sondern als Rezept dienen soll, um Thatsachen aus
anderen (gleichartigen !) Thatsachen, wie z. B. „Psychisches ans
Psychischem" hervorzuzaubern (zu „interpretieren"). So steht
Wundt am Scheideweg; er ist vor die Wahl gestellt, sich ent-
weder einer reinen Geisterpsychologie zu überliefern, oder das
psychophysische Prinzip seiner zweideutigen, um nicht zu sagen
„unendlich vieldeutigen^ Stellung eines „relativ untergeordneten
Hilfsprinzips" zu entheben und es ohne prinzipielle Einschränkung
anzuerkennen. Wttndt hat die Wahl getroffen und giebt seinem
Hilfsprinzip mit den Worten (S. 46) den Rest, dafs die natur-
wissenschaftliche Betrachtungsweise in der Psychologie von nur
„transitorischer" Bedeutung und eben deswegen für die „eigent-
liche psychologische Erklärung" unzulässig sei. Und dieser
eigentlichen Psychologie, welche in der Abhandlung als „Aktuali-
tätstheorie^ und „Voluntarismus" enthalten ist, müssen wir nun
noch einige Aufmerksamkeit schenken.
Da Verf. schon von Anfang und fortwährend von einem „er-
fahrenden Subjekt", welches auch als „eigentliches Subjekt" oder
als „Träger der Erkenntnisfunktionen" (S. 15 u. 26) bezeichnet wird,
spricht, so mufs offenbar die eigentliche Psychologie dieses eigent-
liche Subjekt zum Gegenstande haben. Dieses Subjekt nun wird
uns als reine Aktivität (Willenssubjekt) vorgestellt und soll ins-
besondere als Repräsentant des Psychischen überhaupt insofern
angesehen werden, als darin alles Materialistisch-Substanzielle
getilgt und allein das reine Werden und Wechseln der „un-
mittelbaren Erfahrung" („inneren Wahrnehmung") festgehalten
werde. Neben dem Materialistisch- Substanziellen giebt es aber
bekanntlich im Reiche der Spekulation auch ein Spiritualistisch-
Substanzielles. Und es ist nur so lange zutreffend, die Gesamt-
heit der psychischen Inhalte als Vorgänge aufzufassen, als
wir sie auf unsere natürliche Umgebung und auf unseren eigenen
Körper beziehen. Denn da reine, im Nichts schwebende Vor-
gänge jede Beziehung mit der Erfahrung eingebüfst haben und
auch nicht durch die leiseste Analogie mehr mit ihr verbunden
bleiben, so hat Wundt durch seine reine Aktivität einfach die
materielle mit der spirituellen Substanz vertauscht.
Oder wie soll man es sonst verstehen, dafs Werden und
Wechsel der psychischen Vorgänge so sehr in den Vordergrund
— 15 —
gestellt werden, dafs man jeden festen Bestand und natürlichen
Halt vermifst?
Der wahre spirituelle Philosoph freilich weifs dies hesser;
einen natürlichen Halt und festen Bestand braucht er gar
nicht, ja er fürchtet ihn sogar, weil er sich die physischen
Bestandteile der Erfahrung nur unter der metaphysischen Hülle
seines materialistischen Widerpartes zu denken vermag. Und
macht nicht Wundt selbst mit dürren Worten (S. 39) ein
solches Geständnis, wenn er erklärt, dafs der logische Begriff
eines Subjektes der Innern Erfahrung allerdings nicht entstehen
könnte, ohne eine zu Grunde liegende reale Einheit, und
dafs diese (reale Einheit) lediglich in dem Zusammenhang
der psychischen Vorgänge selbst gegeben sei? Nun,
mehr als ein solches Bekenntnis brauchen wir nicht. Wundt
verwechselt ganz einfach Realität und reale Einheit.
Als Realitäten freilich darf man die psychischen Aktivi-
täten sehr wohl bezeichnen, und schon glaubt der Philosoph
(S. 39 Anm.) vollkommen gewonnenes Spiel zu haben, wenn
er sich dagegen verwahrt, dafs seine Willenseinheit der Seelen-
snbstanz gleichgesetzt werden möchte, als ob nicht, wie er mit
siegesgewisser Zuversicht erläuternd hinzufügt, „ein Zusammen-
hang von Vorgängen ebenso real sein könnte wie ein relativ
dauerndes Objekt". Gewifs kann ein solcher psychischer Zu-
sammenhang ganz wohl ^reaP genannt werden, sobald man ihn
als unzertrennlichen Begleiter gewisser zugehöriger
physischer Bestandteile betrachtet. Aber Wundt ver-
gifst eben, dafs Realität (Sachlichkeit, 'Existenz') und
reale Einheit (Individualität) nicht dasselbe sind, und dafs
vom Standpunkte der Erfahrung aus der „psychische Zu-
sammenhang" nicht als reale (sachliche), sondern nur als
abstrakte (begriffliche oder ideelle) Einheit zulässig ist.
So befinden wir uns mitten in dieser empirischen (!)
Psychologie auch zugleich mit einem Schlage mitten in der
spirituellen Metaphysik, und es braucht wahrlich keine lange
Vorbereitung mehr, um von dieser „eigentlichen Psychologie"
aus schliefslich auch noch bis zur eigentlichen Metaphysik zu
gelangen. Wenn nämlich Verf. (S. 60—64) die „reine Willens-
einheit" als „imaginär- transzendente Einheitsidee" („Vernunft-
idee") bezeichnet, von welcher die empirische Psychologie für
ihre Zwecke keinen Gebrauch machen dürfe, so ist diese von
der Metaphysik als transzendente Idee bezeichnete Einheit offen-
bar dasselbe, was die reale psychische Einheit ist. Beide
metaphysische Wesenheiten haben nur gleichsam ihr Vorzeichen
- 16 —
geändert. Die reale psychische Einheit ist noch mit ein wenig
Erfahrung insofern überkleidet, als sie sich direkt an die
„Willensthätigkeit" anlehnt, wogegen die reine transzendente
Einheitsidee in ihrer entkleideten Reinheit sich ganz ins Nebel-
haft-Abstrakte zurückzieht. Und dies ist auch ganz der natur-
gemäfse Gang. Denn was der Philosoph (S. 62) als „regel-
mäfsigen Fortschritt vom Gegebenen ans^ und Aufstieg zu einer
höchsten (transzendenten) Einheitsidee betrachtet, ist in Wahr-
heit jener Zersetzungs- und Degenerationsprozefs , welcher mit
einer naiven, aus Erfahrung und Spekulation wildwüchsig und
unterschiedslos zusammengesetzten Metaphysik beginnt und vor
seinem reinlichen Ende in einer Reihe von Misch- und Zwischen-
stufen verläuft. Wundt nun repräsentiert in seiner Person
zwei Hauptstadien dieses allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen
Vorgangs. Seine sogenannte empirische Psychologie ist eine mit
spezieller Erfahrung versetzte Metaphysik ; und seine eigent-
liche Metaphysik eine geisterhafte Schattenprojektion gewisser
allgemeine rGrundzüged er Erfahrung. Die (transzendente)
„Vielheit einfacher in Wechselwirkung stehender Willensthäiig-
keiten^ ist doch augenscheinlich nichts anderes als eine spiefs-
bürgerlich verkümmerte und ihrer himmlischen Selbstgenügsam-
keit beraubte Gesellschaft LsiBNizischer Monaden. Und inwiefern
andrerseits die psychische Thätigkeit überhaupt (S. 54) als
„ Trieb ^ und gemeinsamer Ausgangspunkt des „Vorstellens und
WoUens'* ausgesagt wird, insofern haben wir entweder die
„Einheit des Selbstbewufstseins^ als spezielle Seelensubstanz
vor uns, oder wir bewegen uns einfach auf der Bahn einer
blofsen Wort- und Terminologie -Verschiebung von derselben Art,
wie wenn man nicht nur die ausgereifte Frucht (die konkrete
menschliche Handlung), sondern auch schon die Fruchtknospe
(die keimhafte Anlage des appetitiven Verhaltens) schlechtweg
als Frucht ('Trieb% ^Wille^ und ähnlich) bezeichnen wollte.
Und wie endlich die Psychologie und die Metaphysik zu einer
Chimära und einem Zwillingspaar zusammenwachsen, ersieht man
(S. 62) daraus, dafs das „Moment der Thätigkeit oder des
Wollens als die metaphysische Grundlage" des Subjekts und
das „Moment des Leidens" als dieselbe Grundlage der dem
Subjekte „gegebenen Objekte" hingestellt wird. Etwas weiter
zurück in den geschichtlichen Verlauf der Spekulation deutet
(S. 19) die Bemerkung, dafs von der „objektiven Wirklichkeit"
gewisse Bestandteile als „subjektiv" auszuscheiden seien. Diese
freilich nur vereinzelte Bemerkung ist wohl nur eine selige
Wiedererinnerung an die einstmalige Herrlichkeit der primären
- 17 —
und sekundären Qualitäten. Denn daneben (S. 45) taucht auch
die ganz anders wohin weisende, wenn auch etwas dämmerhafte
Ahnung auf, welche wie eine sanfte Mahnstimme und ein leiser
Weckruf klingt. Die in der neueren Naturwissenschaft immer
festeren Fufs fassende Elimination der 'Substanz', an welcher
unser Philosoph, wenn auch nur in Gestalt einer „metaphysischen
Hypothese" festhält und gestützt worauf er sogar von einem
„fundamentalen Unterschied" zwischen Psychologie und Natur-
wissenschaft spricht: diese immer mehr fortschreitende Elimi-
nation also, welche, wie Verf. sich fast wörtlich ausdrückt, auf
eine metaphysikfreie Beschreibung der Naturerscheinungen zielt,
mutet ihn an wie eine „Reaktion", welche, möge sie Erfolg
haben oder nicht, jedenfalls eine „auch erkenntnistheoretisch
höchst bedeutsame Erscheinung" sei. Nur schade, dafs diese
Stimme es nur zu einem schüchternen Ausklang und nie zu
einem kräftigen Anklang brachte. Die Psychologie freilich nennt
WuNDT nicht nur überhaupt eine empirische, sondern sogar eine
anschauliche und konkrete Wissenschaft 5 und doch haben wir
nicht nur in seiner allgemeinen Definitionsformel, sondern in
der ganzen grofsen Abhandlung keinen Deut von Anschauung
entdeckt.
Der einzige in der That erfahrungsmäfsige Ansatz,
nämlich das Apper^n, dafs es, wie mehrmals (S. 7 und 10)
hervorgehoben wird, nicht der Gegenstand, sondern der Stand-
punkt und die Betrachtungsweise sei, was Psychologie und
Naturwissenschaft sowohl voneinander scheide, als andrerseits
auch wieder zur Einheit zusammenfasse, hat nicht stand ge-
halten und hat sich als taube Nufs erwiesen. Denn Schritt für
Schritt und bei jeder Berührung ist alle Anschauung und alle
Erfahrung in Staub zerfallen. Und dennoch hat es in ge-
wissem Sinne seine guten Gründe, dafs ein so blutleerer Spiri-
tualismus, gleichsam wie uns gewöhnlichen Sterblichen zum
Hohn, sich gerade die Miene einer vollen und anschaulichen
Erfahrung aufsetzt. Denn gleichwie am Anfang der Speku-
lation , solange die kühnen Wasser von überall her ineinander
fluten, alles in einer gleichmäfsigen Trübung erscheint und dem-
entsprechend auch alles, jedenfalls der Sache, wenn auch nicht
den Worten nach, als Erfahrung zur Aussage gelangt: so
scheint etwas Ähnliches wiederum einzutreten, wenn an ihrem
(der Spekulation) Ende die durch erstickende Stoffanhäufung
und bohrende Abstraktion lendenlahm gewordene Phantasie den
Stoff nicht mehr bewältigt, sondern ihren schwachen Augen
entsprechend alles nur wie in der dunkeln Abenddämmerung
Willy , Die Krisis in der Psychologie. 2
- 18 —
oder im schwankendeu Morgentraum sieht, so dafs mr unsere
schwachen Sinneseindrücke zasammen mit den aufsteigenden
Geistesnebeln zu einem verschwommenen Ganzen verquicken
und nun gar keinen Grund mehr haben, nicht auch so etwas
zur Erfahrung zu machen. Wenn daher Wundt von seinem
Standpunkte aus gewisse, gleichfalls mit dem Zeichen der Er-
fahrung gestempelte Theorieen der HERBAHT'schen Schule (S. 5 u. 9)
als ein Gewebe von allerlei „Hypothesen und Fiktionen" und
„empirische Verkleidung einer metaphysischen Begriffsbestimmung"
charakterisiert: so müssen wir von unserem Standpunkt aus
die Wundt' sehe, bis auf einige Rand Verzierungen vollständig
ausbleibende Erfahrung als die vielleicht ärgste unbewufste
Ironie und Satire auf sich selbst ansprechen, welche je das
Licht der Welt erblickt hat. Dieses Schlufs- und Gesamturteil
bezieht sich indes natürlich nur auf die besprochene Abhand-
lung. Ob nicht vielleicht unabhängig von ihrer allgemeinen
Definition und Theorie die spezielle Psychologie des Verfassers
etwas Haltbareres enthält als dieser ihr prinzipieller und all-
gemeiner Teil : dies zu untersuchen, behalten wir uns wenigstens
für eine spätere Stelle vor.
2. Das Lehrbuch der allgemeinen Psychologie^)
von Johannes Rehmke.
Von der an sich richtigen Einsicht geleitet, dafs die Psychologie
mit den Voraussetzungen der allgemeinen Philosophie in engster
Beziehung steht, setzt sich Rehmkf: gerade die besondere Auf-
gabe, den angedeuteten Zusammenhang aufzuzeigen und der
Psychologie als SpezialWissenschaft ihre eigentümliche und selb-
ständige Stellung anzuweisen. Und als SpezialWissenschaft, so
wird weiter vorausgesetzt, hat die Psychologie, wie jede andere
Einzelwissenschaft die Aufgabe: die Gesetze eines besonderen
„Veränderlichen" festzustellen. In der Psychologie nun steht
dieses Veränderliche keineswegs fest; und eben die Frage, was
dieses psychologische Veränderliche sei, gestaltet sich für Rehmke
zur Eardinalfrage. Denn man darf wohl behaupten, dafs das
ganze Werk hauptsächlich nur die angedeutete Frage durch
eine reinliche Abgrenzung des „Seelen-Konkreten" vom Ding-
Individuum zu beantworten versucht. Und dementsprechend
*) Lehrbuch der allgemeinen Psychologie von Prof. Dr. Johannes
Rehmke. Leipzig (Leopold Voss) 1894. 580 S.
— 19 —
entsteht für uns die Frage: Wie hat Rehmkb diesen Versuch
durchgeführt, und welche Folgerungen ergeben sich daraus für
die spezielle Psychologie?
Wir schicken voraus, dafs Verf. die Ausdrücke „Kon-
kretes" (Konkret-Veränderliches) und „Individuum" (ver-
änderliches Individuum) einander gleichsetzt und nun die
Behauptung aufstellt: neben dem ^Ding' giebt es eine „Seele",
die ebenso selbständig wie das Erstere und als „Seelen-
Konkretes" ein Individuum in dem Sinne ausmacht, dafs der
aus „Leib" und „Seele" zusammengesetzte Mensch aus zwei
Konkreten (Individuen) , nämlich neben dem Körper noch
aus dem Individuum Seele besteht und auf diese Weise
gleichsam ein aus zwei Neben-Individuen zusammengesetztes
Individuum höherer Ordnung darstellt. Obwohl nun hiermit die
Seele als Individuum in analogem Sinne wie wir das 'Ding'
(Körper) als Individuum bezeichnen, hingestellt wird, so vergifst
Kehmke andererseits nicht, uns fortwährend einzuschärfen, dafs,
obzwar Individuum, die Seele dennoch keineswegs ein „Ding",
sondern eben ein „Seelen- Konkretes" sei, und als solches
wenigstens „begrifflich" in denkbar schärfstem, alles gemeinsame
Gattungsmäfsige ausschliefsenden Gegensatz zum „Ausgedehnten"
stehe. Und nun eben, statt mit dem älteren Spiritualismus die
Seele immer wieder zu einem Seelen-Ding zu machen, komme
alles darauf an, sie (die Seele) in ihrer Reinheit, in ihrer
Immaterialität und vollständigen Unberührtheit mit dem *StoflP
dennoch als Konkretes (Individuum) festzuhalten.
„Ich denke, fühle und will" (S. 46), meint der Philosoph,
sind Worte, die jeder von uns sofort versteht, weil sich jeder
als Ich und d. h. als Ich-Konkretes kennt.
Soweit man sie gerade nötig hat, versteht diese Worte
allerdings jedermann. Wie aber dann, wenn man mit Rehmke
das „Individuum" nicht etwa nur auf den ganzen Menschen,
sondern auch auf ein spezielles, neben dem „Leib" bestehendes
Ich überträgt ? Denn aus der wiederholten Kennzeichnung des
Hauptmoments jenes Ich als einer absoluten Einerleiheit
und Einfachheit werden wir so wenig klug, dafs wir den Unter-
schied zwischen ihr und einer leeren Negation in keiner Weise
anzugeben wüfsten. Und wenn wir ferner bedenken, dafs es
uns einerseits in keiner Weise einleuchtet, auf welchen anderen
Umstand gestützt, als dafs wir in der weiteren Umgebung so-
wohl als bei uns selbst relativ selbständige Körper vorfinden,
von Individuen noch sonst im selben Sinne die Rede sein
könnte, und dafs uns andrerseits das Denken, Fühlen und
2*
— 20 —
Wollen, obwohl nicht schlechtweg ein „Ausgedehntes^, doch
nur in engstem Zusammenhang und in fortwährender Beziehung
zu diesem Ausgedehnten ein Gegenstand der Erfahrung ist:
dann befinden wir uns, nachdem wir kaum den Fufs recht auf-
gesetzt, schon in einer Sackgasse und wissen nicht wo aus noch
ein, wenn uns der Philosoph sein „ich denke, fühle und wilP
als das „unmittelbare Seelengegebene" wie einen Schlagbaum
vor die Füfse wirft. Doch vielleicht lichtet sich das Dunkel,
wenn wir uns an eine andere Stelle begeben und mit dem Verf.
sein Ich in seiner besonderen zentralen Stellung als „Subjekt-
Moment" und „Einheit stiftende Kraft" ins Auge fassen. Denn
in dieser Einheit des Seelenkonkreten soll sich sein Unter-
schied vom Ding-Individuum besonders deutlicli offenbaren.
Indes, um dies zu zeigen, fühlt sich Rehmke genötigt, vor-
erst dem Veränderlichen überhaupt (S. 41 — 50) seine Auf-
merksamkeit zu schenken, denn das Konkrete und folglich
auch die konkrete Einheit (Ding- und Seelen-Individuum) sind
ja eben das Veränderliche.
Um zu sehen, in welchem Sinne unser Philosoph wie
andere Dialektiker auch sobald sie das Veränderliche gewahr
werden, welches sich einem steifen Begriffsnetz nicht fügen will,
durch eine schwierige Frage belästigt wird, halten wir uns am
einfachsten an die von ihm gewählten Beispiele. Wir pflegen zu
sagen: die Frucht am Baume verändert ihre Farbe; das Kind
zeigt eine andere Gestalt, wenn es gröfser wird; die Bewegung
hat ihre Richtung und Geschwindigkeit geändert. Und hierauf
erwidert uns der Verfasser , dafs der Sinn dieser gewöhnlichen
Redeweise erst noch festgestellt werden müsse, denn weder
Farbe, noch Gestalt, noch Geschwindigkeit und Richtung hätten
sich in Wahrheit geändert. Und warum nicht? Weil, ant-
wortet uns Verf., einerseits Farbe, Gestalt und Bewegung als
wechselnde Eigenschaften nur eine Zeitlang sind und
dann nicht mehr sind, und weil andrerseits dieselben Prädikate
als Gattungsmerkmale verharren und folglich weder die
besondere Gestalt, Farbe und Bewegung, noch die zugehörigen
Gattungen sich geändert haben können. Dies nun wäre das
Problem, und wie gestaltet sich die Lösung? Als lösender
Mittelbegriff fungiert das sogenannte „abstrakte Individuum".
Rehmke nämlich versteht hierunter alle jene Gebilde, welche,
wie beispielsweise rot, rund u. dgl. zwar individualisiert, aber
doch Begriffe sind, so dafs er zwischen die höheren Allge-
meinbegriffe und die konkreten Individuen noch das Mittelding
des abstrakten Individuums schiebt. Sprechen wir nun, wie ge-
— 21 —
wohnt, von einem sich verändernden Ding, so heifst dies im
Sinne des Philosophen, dafs eine Reihe abstrakter Individuen
oder wie sie auch genannt werden, „Augenblickseinheiten" in
ihrer Gattung sich identisch (S. 44), aber in ihrer Besonderheit
verschieden erweisen.
das böse Veränderliche! Wie viel macht es doch den
Philosophen zu schaffen, und was für eine Veränderung ist mit
einem Schlag unter den Händen unseres Philosophen mit dem
konkreten Veränderlichen vor sich gegangen!
Dieses Konkrete (Individuelle) ist ja vollständig ver-
schwunden, und an seine Stelle die rein begriffliche Beziehung
von Gattung und Art getreten!
Doch nein, das „Konkrete" ist geblieben, aber als was für
ein Wechselbalg! -
Die abstrakten Individuen, welche das Konkrete (Dingliche)
zusammensetzen, mufsten, da nun doch einmal von Veränderung
die Rede war, zu hypostasierten Abstraktionsprodukten werden
und in dieser Schwebe zwischen Ding und Begriff sich in „ Augen-
blickseinheiten" verwandeln; Wesen, die offenbar nur noch mit
dem Saum ihres Kleides unsere Erfahrung streifen, sonst aber
in einer ganz unsichtbaren Heimat wohnen und folglich aus dem
Veränderlichen alles Veränderliche mit sich ins Feenland ge-
nommen haben. Denn mit lauter „abstrakten Individuen" kann
man nur noch zum Scherz und wie im Zauberland von Ver-
änderung sprechen. Man mufs zur phantastischen Hülle greifen
und sich eine gesellige Zusammenkunft und Vorstellung im
Salon mit jenen geisterhaften Eintagsfliegen („Angenblicks-
einheiten") denken. Ein gegenseitiges stummes Sich-Begrüfsen,
ein Kommen und Verschwinden : dies wäre die Veränderung in
dieser Begriffsgespensterwelt. Dieser Vertauschung, dieser Ver-
wechslung und dieses Ineinanderverschwimmens von Begriff
und Sache ist sich der Philosoph natürlich nicht bewufst;
aber nur um so gröfser mufste- daher seine Unklarheit sein.
Und wie exemplarisch diese ist, werden wir sehen, wenn wir
von der geschilderten Theorie Anwendung machen und das
Veränderliche auf die (konkreten) Individuen als Einheiten
tibertragen. Denn mit Hilfe dieser Übertragung, wissen wir,
will ja Verf. seine Hauptfrage beantworteö: wodurch sich die
Dingeinheit (Ding-Individuum) vom Seelen-Konkreten (Seelen-
Individuum) unterscheide. Indes müssen wir im Interesse
der Klarheit vorerst doch die Bemerkung machen , dafs
vom Standpunkte der Erfahrung aus die ganz allgemein
gestellte Frage, wie sich verschiedene konkrete (individuelle)
Einheiten voneinander unterscheiden, überhaupt keine Be-
— 22 —
deutung hat, weil Individuen stets und überall, wie immer ihre
speziellen Inhalte beschaffen sein möchten, ein mannigfaltiges,
aus unzertrennlichen Bestandteilen zusammengesetztes Ganzes
darstellen. Der Philosoph jedoch hat nicht nur die bezeichnete
falsche Frage gestellt, sondern überdies noch , wie wir gesehen
haben, durch sein abstraktes Individuum nicht etwa den
Individualbegriff erweitert, sondern die Erfahrung selbst auf-
gehoben und sich im gegenstandslosen Reich der Spekulation
festgesetzt. Bei dieser doppelten Verschiebung müssen wir uns
also von vornherein statt auf eine klare Antwort, auf fort-
währende Stockungen, Entgleisungen, Dunkelheiten und schliefs-
lich auf ganz erstaunliche und unerhörte, und vom Philosophen
selbst gewifs nicht im entferntesten geahnte Resultate gefafst
machen.
Um uns das reine Seelenkonkrete in seiner ganzen Schön-
heit zu überliefern, bringt es Verf. mit dem Ding-Individuum
in Kontrast und verbindet beide Individuen fortwährend durch
ineinanderlaufende Betrachtungen miteinander. Wir aber wollen
beides mehr auseinanderhalten und zunächst sehen , was er uns
über das Ding-Konkrete zu sagen hat. Und da finden wir nun
Folgendes :
1. Die Einheit (S. 52) des Dingkonkreten gründet sich
auf das „Gesetz seiner Veränderlichkeit".
Hierin aber liegt doch nur die von uns schon geschilderte
Verwechslung von Ding (Sache) und Begriff. Denn Einheit
des Gesetzes setzt eine Unterordnung eines Besonderen unter
einen zugehörigen höheren Begriff voraus. Statt einer Be-
stimmung der Einheit des Dingkonkreten, könnte man daher
bestenfalls die Aussage verzeichnen, dafs es neben sachlichen
(speziell dinglichen) auch begriffliche Einheiten gebe.
Dieser Gedanke, obwohl an sich zutreffend, wäre aber keine
Antwort auf die vom Verf. gestelte Frage, wodurch sich
das Dingkonkrete (im Unterschied vom Seelenkonkreten)
charakterisiere.
2. „Das notwendige Zusammen (S. 44) im Nacheinander
der verschiedenen Augenblickseinheiten" ergiebt das Ding.
Ähnlich wie man in der ersten Bestimmung allenfalls den
Satz entdecken könnte, dafs es neben sachlichen auch begriff-
liche Einheiten gebe, so könnte man versucht sein, auch aus
diesem Satz dasselbe herauszulesen, nur mit der Wendung, dafs
diesmal neben der begrifflichen gerade die sachliche Einheit
hervorgehoben würde.
Denn das „notwendige Zusammen" kann wenigstens so
— 23 —
verstanden werden, als ob damit einfach die unzertrennliche
Zusammengehörigkeit verschiedener Bestandteile eines Sach-
Ganzen zur Aussage gelangen sollte. Aber davon abgesehen,
dafs dies wie im früheren Falle keine Antwort auf die gestellte
Frage sein würde , so ist es auch diesmal wieder nicht ein
wenigstens an sich klarer Gedanke, der zu Tage liegt. Denn
das notwendige Zusammen bezieht sich ja auf das „Nacheinander^
der verschiedenen „Augenblickseinheiten" und ist nicht einfach
der begriffliche Ausdruck einer zwar unzertrennlichen, aber
nichtsdestoweniger doch rein thatsächlichen Zusammen-
gehörigkeit. Es ist also zu vermuten, die begriffliche Zusammen-
gehörigkeit, welche wir zu einer 'Notwendigkeit^* regelmäfsig
machen, sei in begriffsontologischer Manier auf Thatsachen
schlechtweg übertragen worden, so dafs die. Notwendigkeit hier
als geheimnisvolles Band die sich sonst wohl zerstreuenden
Augenblickseinheiten zusammenhält. Und dafs dies wirklich
sich so verhält, geht aus dem Satz (S. 45) hervor: „Konkretes
oder Veränderliches ist die gesetzmäfsige Einheit des Nach-
einander von unveränderlichen Augenblickseinheiten, die unter-
einander sowohl Identisches als auch Verschiedenes enthalten."
Hier zeigt sich die fortwährende Verwechslung von Sache
und Begriff womöglich noch deutlicher als früher und ist über-
dies in die Form eines zusammenfassenden Lehrsatzes gebracht.
Denn das „Konkrete", das „Veränderliche" und das „Nach-
einander", also jedenfalls etwas Sachliches, ist durch die
folgenden Satzglieder mit der „gesetzmäfsigen^, also begriff-
lichen Einheit, welche (als Gattung) sowohl „Identisches"
als (nämlich als Artbegriff) „Verschiedenes" enthält, derart
imprägniert, dafs wir nichts Ursprüngliches mehr, sondern nur
noch das ausgestopfte Kunstprodukt eines Präparators vor uns
haben.
3. „Der Grund (S. 37), dafs diese bestimnate Farbe und
dieser bestimmte Raum die Bestimmtheiten einer Einheit sind,
liegt in dem einen Ort, der ihnen beiden identisch ist."
Diesmal nun setzt uns der Philosoph allerdings endlich
einen reinen Sachbrocken ohne sonstige Zuthaten vor. Aber
bei allem guten Appetit können wir das Stück nicht einmal
anbeissen, geschweige denn verdauen. Also Raum (Gestalt) und
Farbe bilden nicht eine Einheit, weil sie unzertrennlich zu-
sammengehören, sondern weil beide einen identischen Ort haben.
Hat vielleicht der Raum einen eigenen und die Farbe einen
eigenen Ort, und befinden sich nun beide an einem gemein-
samen dritten Ort ? Oder zieht sich ein gemeinsamer Ort durch
— 24 —
Baum und Farbe hindurch? Im ersten Falle setzen sich wohl
die „Angenblickseinheiten^ Farbe und Raum zosammen an den
runden Tisch und haben so im selben Sinne ihren „identischen
Ort" wie wir Menschen, wenn wir uns zusammen im selben
Zimmer in Gesellschaft befinden. Im zweiten Falle machen
unsere „abstrakten Individuen" eine Ausnahme von der Regel,
dafs im selben Zeitpunkt zwei Dinge nicht denselben Ort ein-
nehmen können. Und als ineinander verwachsene Zwillings-
individuen sind sie ja gewifs über alle gemeinen Regeln erhaben.
Doch ist es keineswegs ausgeschlossen, dafs unser „identischer
Ort" wie eine rätselhafte Inschrift nur einer wohl verzeihlichen
Vergefslichkeit seinen Ursprung verdankt. Denn im ver-
geblichen , mühevollen Suchen und Ringen nach einem be-
sonderen Merkmal der Dingeinheit könnte sich ganz wohl jene
Ermüdung einstellen, die uns vergessen macht, was wir
wollen, so dafs wir ein wenig vom Ziele abschweifen und nach
den Wolken schauen. Verf. (z. B. S. 52) spricht nämlich auch
hin und wieder vom sogenannten principium individuationis und
hiermit scheint er anzudeuten, dafs ihm nicht sowohl seine ur-
sprüngliche Frage nach der Natur der realen Einheit, als viel-
mehr die gleichfalls von der Spekulation aufgeworfene Frage
von der 'Möglichkeit' der Individualität als solcher wenigstens
zeitweise vorschwebe und sich an die Fersen der ursprünglichen
Frage hefte. Diese beiden Fragen schwirren nun so durch-
einander, sie ballen sich zusammen wie Wolkenfetzen und zeigen
uns schliefslich eines jener Gesichter, die man oft in den Wolken
sieht. Denn, da Verf. (S. 52) nicht nur fragt, wie die ver-
schiedenen Augenblickseinheiten sich zu einem (zusammen-
gesetzten) Ding-Individuum verbinden, sondern überdies noch
jedes einzelne abstrakte Individuum für sich durch den „Ort"
bestimmt sein läfst : so sieht man, soweit sich so was überhaupt
sehen läfst, wie der Raum oder der Ort als scholastisches
principium individuationis die Rolle übernimmt, die Gestalt und
die Farbe durch ihren „identischen Ort" zu einer Einheit
(Individuum) zu machen.
Dies sind die Entdeckungen , welche uns das Ding-
Individuum beschert, und wir fragen daher weiter: was bietet
uns das Seelen- Konkrete? Hier gestaltet sich die Sache in-
sofern sehr einfach, als Verf. (S. 124), um die „konkrete Ein-
heit des Bewufstseins klar zu machen", sich einfach auf das
in den verschiedenen Augenblickseinheiten selbige „Bewufst-
seinssubjekt" beruft, so dafs demnach der lange gesuchte Unter-
schied zwischen der Dingeinheit und dem Seelen-Individuum in
dem Fehlen oder Vorhandensein des „Snbjektmomentes" (8. 51)
in seiner die „Einiieit begrQndenden Kraft" besteht. Bildlich
und in Gealalt einer einfachen sc hem »tischen Zeichnang (S. 471
druckt Verf. denselben Gedanken so ans, dafs er sagt, die
Bestandteile des „Dingaugenbücks" (z. B. Gestalt, Gröfse,
Farbe) liegen einfach „neheneinandcr im nut wendigen Zusammen
der Augenblickseinheit". Der „Ich- Augenblick" jedoch — führt
Verf. fort — enthalt nicht nur ein Nebeneinander von Denken,
Fühlen nnd Wollen, sondern dazu noch das Subjekt, welches
nicht in derselben (horizontalen) Linie der „ Bewnfstsein s bestimm t-
heilen" (Denken, Fühlen und Wollen) steht, sondern „über
ihnen" (in senkrechter Lage) thront. Ohne Bild würde dies
also besagen, dafs die Dingeinbeit eine Einheit ohne besondere
„Einheit begründende Kraft" und dagegen die Seele eine Ein-
heit mit Einheit begründender Kraft sei. Da der Philosoph in
seinem Werk sich im allgemeinen als Feind der Bildersprache
benimmt, so begreift man nicht recht, wie er gerade hier sich
so sehr nicht nur in eine Metapher, sondern sogar in eine
wirkliche Bilderzeichnung vertieft, wenn diesmal nicht vielleicht
das Bild zur Sache geworden ist. Wie es sich hiermit verhält,
werden wir später in einem allgemeinen Zusammenhange sehen,
wenn wir die Abneigung des Philosophen gegen das „Anschau-
liche" und seinen Vorwurf und Tadel, dafs man sich so ungern
zum reinen, un an seh au liehen Denken emporschwinge, besprechen
werden. Augenblicklich beschäftigt uns etwas anderes; denn
wir möchten gerne wissen, wie der Philosoph dazu kommt, das
absolut einfache Subjekt-Ich als Bestandteil und in gewissem
Sinne sogar als Hauptbestandteil des „unmittelbaren Seelen-
Gegebenen" hinzustellen, insofern ja das Subjekt in seiner
„Einheit begründenden Kraft" sowohl Bestand als Besonderheit
(im Unlerschied zum Ding-Individuum) der Seele erst gewähr-
leistet. Und hierzu sehen wir uns um so mehr genötigt, als uns
die tiefsinnige „Ortsidentit&t" der Angenblickseinheit des Ding-
Konkreten schon bisher überraschle und wir nun (S. 48) noch
weiter erfahren, dafs, was das Ortsmoment für die Augenblicks-
einheit des Dinges leiste, von dem Snbjektmoment fürdie „abstrakte
Einheit seines eigenen Augenblicks" geleistet werde. Das reine,
absolut einfache Subjekt-Ich ist nun im Geiste (S. 461) unseres
Denkers nichts anderes als ein „Stück" des „Bewnfstseins
überhaupt". Und dieses Bewnfslsein überhaupt seinerseits fällt
mit der Welt selbst zusammen , insofern sie ohne Raum und
Zeit (sub specie aeteniitatis) sich dem Philosophen durch höhere
Offenb.irung (Selbst offen hu rung) enthüllt. Und wenn wir nun
— 26 —
weiter alles weglassen ^ was das einzelne Seelenkonkrete zu
einem unter vielen macht, dann sehen wir sogleich, dafs das
Seelenkonkrete und das höhere „allgemeine Bewufstsein über-
haupt^ ganz dasselbe sind. Denn die individuelle Seele ist ja
das allgemeine Bewufstsein überhaupt, sofern dasselbe mit dem
principium individuationis (Raum und Zeit) eine Verbindung
eingegangen hat. Wenn wir daher die Einzelseele ohne Beziehung
auf Baum und Zeit betrachten, so stofsen wir eben auf das
allgemeine Weltbewufstsein , welches nur darum vom „ewigen
konkreten Bewufstsein" besonders unterschieden wird, um seine
Verbindung mit Raum und Zeit durch das „ Ausgedehnte '^ oder
die „gegenständliche Bewufstseinsbestimmtheit'* immer auch noch
mit anzudeuten.
Was es mit einer solchen Realität, möge sie nun „Be-
wufstsein" oder sonstwie benannt werden, ohne die nötige fort-
währende raum-zeitliche Beziehung auf sich hat, haben wir in
unserem Artikel: Empiriokritizismus u. s. w. gezeigt^).
Wir wollen uns aber hierauf nicht speziell berufen, sondern
mit dem Philosophen einmal annehmen, das „Subjektmoment"
sei unmittelbar gewifs, weil die Welt selbst Bewufstsein und
das Subjekt mit der Welt, sofern sie in ihrer Einheit und
Einzigkeit in Betracht fällt, ein und dasselbe sei. Dies also
angenommen, fragen wir, was ergiebt sich aus der Inhalts-
bestimmung des Subjektes und aus seiner Beziehung zu den
„Bewufstseinsbestimmtheiten" (Denken, Fühlen, Wollen) hin-
sichtlich unserer Hauptfrage, inwiefern nämlich gerade das
Seelenkonkrete die Psychologie als Fachwissenschaft allein
„möglich" mache. Der Philosoph wollte uns zeigen, wie sein
Seelen-Individuum als Veränderliches der Spezialpsychologie,
welche es ja gerade mit den Gesetzen des Seelen- Veränderlichen
zu thun habe, ihren Gegenstand sicher stelle und fest umgrenze.
Und was haben wir statt dessen gefunden? Wir suchten zu-
erst eine Antwort auf die Frage, was ein Veränderliches über-
haupt, dann im besonderen was ein Ding- Veränderliches sei,
und fanden die Antwort beidemal nicht. Jetzt sind wir endlich
so weit, zu sagen, dafs das Seelen-Konkrete oder das individuelle
Bewufstsein schlechtweg in der Einheit der beiden Momente:
„Bewufstseinssubjekt" und „Bewufstseinsbestimmtheit" besteht.
Aber was wir gerade wissen sollten, was nämlich das Seelen-
Veränderliche sei, dies wissen wir wieder nicht. Denn
nicht nur erklärt der Philosoph wiederholt, dafs das Subjekt-
^) Insbesondere im ersten Artikel (IL). Vjschr. f. wiss. Phil.
Jahrg. XX. 1.
- 27 —
momcnt (als absolat Einfaches) absolut unveränderlich und als
solches sogar (S. 154) überhaupt gar kein Gegenstand der
Psychologie sei, sondern er entläfst uns überdies mit dem
Eätselwort, dafs die dunkle, Einheit begründende Kraft des
Subjekts aus absolut Unveränderlichem ein Veränderliches mache.
Denn sowohl das Subjekt als die abstrakten Augenblicks-
individuen sind, wie wir gesehen haben, gemäfs der Lehre des
Philosophen selbst unveränderlich. Und dennoch soll das
Subjekt neben der Einheit zugleich auch die Veränderung seiner
Bestimmtheiten zustande bringen, da (S. 49) diese letzteren als
Veränderliches dem unveränderlichen Subjekt ausdrücklich
gegenübergestellt werden.
Dies also war des Pudels Kern ; und selbst der Kasus
der uns lachen macht, fehlt nicht, wenn der Philosoph, um
sein Subjektmoment in volles Licht zu setzen, schliefslich sogar
(S. 133) die Moral anruft und in der Möglichkeit, dafs „viele
Seelen Eine Seele" seien, erst die wahre Grundlage der Ethik
erblickt, da das „Sittengesetz" ein „buchstäbliches Eins-
sein" einer Mehrzahl von Seelen erheische ! Es fehlt nur noch,
dafs der Philosoph , wenn er diese Ethik in Praxis übersetzt,
zur sittlichen Gültigkeit der Ehe, das Einssein in Gestalt der
Zwittergeschlechtlichkeit postuliert !
Wer möchte hier, und sogar wenn er ein Christ ist, die
Geduld nicht verlieren ! Indes besprechen wir das Werk nicht
in seiner Einzelstellung, sondern weil es für unsere sachliche
Untersuchung von Bedeutung ist und an einem sehr geeigneten
und hervorragenden Beispiel zugleich die Macht und die Ohn-
macht der Metaphysik in Bezug auf die zunächst beteiligten
Gebiete auf eine sehr lehrreiche Weise offenbart. Folgen wir
daher unserem allgemeinen Lehrbuch noch einige Schritte auf
gewisse spezielle Gebiete der Psychologie, denn der Weg führt
uns von selbst mitten in die allgemeine Krisis hinein.
Rekmke gruppiert das gesamte psychologische Material in
Analogie mit der Vermögenstheorie in die „gegenständ-
liche" (vorstellende in weitester Bedeutung), die „zuständliche"
(Lust, Unlust) und die „ursächliche" (Wollen) „Bewufstseins-
bestimmtheit", welche Bewufstseinsbestimmtheiten sämtlich durch
die uns schon bekannte Einheit des Subjektmomeiites zusammen-
gehalten werden. Und um nun die Gesetze (!) dieses ver-
änderlichen Bewufstseinskonkreten kennen zu lernen, überträgt
der Autor die „Kausalität" auf die psychischen Inhalte. Und
in welchem Geiste und mit welchen Mitteln dies geschieht,
zeigen (S. 111 u. 112) einige Bemerkungen über das Energie-
- 28 —
gesetz. Das Wirken der Seele Dämlich auf den Leib, an
welchem Wirken durchaus festgehalten werden müsse, sei so zu
verstehen, dafs nicht etwa neue Energie geschaffen, sondern
nur (!) potentielle Gehirnenergie in lebendige übergeführt werde.
Das Seelenkonkrete, welches wir bisher nur in seiner philo-
sophischen Stille und Zurückgezogenheit kennen gelernt haben^
offenbart sich also sogleich, sobald es sich im einzelnen frucht-
bar erweisen soll, als der längst bekannte schattenhafte Doppel-
gänger unseres eigenen Körpers. Und was ist nun das Produkt
des Zusammen- und Aufeinanderwirkens dieses Gespensterpaares?
Da heifst es z. B. (S. 310) über das Verhältnis von Vor-
stellung und Gefühl, die dem Gefühl voraufgehende Vorstellung
sei (in Bezug auf das Gefühl) das Bedingende, solange das
Gefühl den Charakter eines Vorgestellten besitze; sobald man
jedoch das Wahrgenommene betrachte, verhalte es sich anders,
in diesem Falle seien Wahrnehmung und zugehöriges Gefühl stets
gleichzeitig und ein Folgen des einen auf das andere und folg-
lich auch ein Bedingungsverhältnis zwischen ihnen nicht mehr
vorfindbar. Aber was sagt uns Verf. zur Begründung eines so
seltsamen Verhaltens und einer so grofsen Verschiedenheit der
Gefühlscharaktere? Soviel wir sehen, betrachtet er seinen
Lehrsatz wie etwas Selbstverständliches und verteidigt ihn nur
gegen abweichende Ansichten. Und doch wäre das allererste
Erfordernis gewesen, uns genau zu sagen, was denn eine Vor-
stellung und was ein Gefühl sei, um sie in ein Bedingungs-
verhältnis zu einander zu bringen , und woher wir denn im
einzelnen Falle ein einfaches Zeit Verhältnis (der Aufeinander-
folge) zu einem Bedingungs- und Abhängigkeitsverhältnis zu
machen die Berechtigung nehmen. Nun bespricht zwar Verf.
sowohl Vorstellung als Gefühl lange und ausführlich genug, aber
was er über letzteres — um uns für unsere Zwecke nur an
dieses Beispiel zu halten — sagt, klingt so wundersam, dafs
uns so unmittelbare Bealitäten wie Lust und Unlust wie der
Schatten aus einer anderen Welt anmuten. Da sollen (S. 248)
die Gefühle, weil nichts „Dingliches", gar nicht wahrgenommen,
sondern nur vorgestellt werden ; ja wenn wir eine spätere Stelle
(S. 295) nehmen, so wie sie dasteht, könnte das „rein Seelische"
der Gefühle sogar nicht einmal vorgestellt werden. Denn an
der bezeichneten Stelle lesen wir wörtlich: „Lust und Unlust
haben ist zwar eine Bewufstseinsbestimmtheit, aber dies ist weder
ein Wahrnehmen noch ein Vorstellen". Und dieser ge-
wifs äufserste Grad des Spiritualismus stimmt sehr gut mit dem
Übrigen, was uns sonst noch über das Gefühlsleben gelehrt
- 29 -
wird. Denn nicht nur werden (297 n, 298) Lust und Unlust
den „disparaten Begriffen" der Logik, welche nichts miteinander
gemein haben, gleichgesetzt, so dafs wir uns sowohl eine „Seele,
die nur Lust, als eine solche, welche nur Unlust hat, sehr wohl
denken können", sondern die Geftlhle werden nns als etwas so
Einfaches wie das absolut einfache Subjekt selbst (S. 323 bis
325) geschildert. Der „einzelne Augenblick" weifs infolge hier-
von nur von einer Last und einer Unlust, und gar nichts
von irgend welchen Gefühtsänderungen und noch weniger von
einem Übergang der Lust in Unlast oder umgekehrt, und über-
haupt von gemischten Gefühlen. Wer alles anders findet und
etwa die Kedensart gebraucht, dafs Lust und Unlust ineinander
umschlagen, zieht sich eine scltarfe litige zu, weil der Philosoph
eine solche Kedeweise für gar unphilosophisch hält und sogar
eine „bedenkliche Gedankenlosigkeit" dahinter sieht. Dafür
zeigt sich wohl des Philosophen Denken etwas überfein; und
wie kurz und wie brüchig die Fäden dieses Denkens sind, er-
sieht man in besonders auffallender Weise an denjenigen Stellen
der Psychologie, wo, wie bei der Willenstheorie, das
Seelenkonkrete mit der konkreten Erfahrung in etwas nähere
Berührung tritt. Fassen wir nämlich die seelenreine Willens-
theorie des Verfassers ins Auge, so ergieht sich, dafs der Wille
oder das „ursächliche" llewufstsein mit dem Snbjeklmoment
durchaus zusammenfällt. Denn nicht blofs präsentiert sich uns
das ^ursächliche Bewufstsein" (S. 341) als dieselbe, jeder
Mannigfaltigkeit entbehrende Einerleiheit wie das Subjektmoment,
sondern nimmt sogar durch seine Kennzeichnung als „Kern"
(S. 425) des Scelenindividuums (hinsichtlich der „BewuCatseins-
bestiraintheiien") dieselbe zentrale Stellung ein, wie das Subjekt
selbst. Andrerseils jedoch sind jene Ergebnisse der wissen-
schaftlichen Psychologie, wonach sich die Willenspbänomene als
höchst zusammengesetzt und in mannigfaltiger (biologischer)
Weise abhängig erweisen, am Verfasser nichts weniger als spurlos
vorbeigegangen , denn er polemisiert (S. 403) sehr energisch
gegen die „psychologische Dogmatik" und das „Vorurteil der
Ursprünglichkeit" des Willens-Individuums (im Schopbnhahek-
sohen Sinne) als „Dichtung". Nun aber haben wir, und zwar
mit den eigenen Worten des Verfassers soeben gezeigt, dats das
(absolut einfache) zum Zenlralbegriff erhobene Snbjektmoment
dem Willen als „ursächliche Bestimmtheit" wie ein Ei dem
andern gleicht. JDtes ist nun freilich höchst fatal und nicht
anders , als wenn ein Schauspieler in derselben Szene zwei
Personen darstellen sollte. Indes ein Philosojib vollzieht Auf-
— 30 —
träge dieser Art ganz aas dem Stegreif. Zuerst nämlich (S. 365
und 366) wird auf Grund des Sprachgebrauches (!) das Wollen
als „Selbstbewufstsein der Seele, Ursache zu sein", bestimmt,
so dafs wir beispielsweise bei einer Bewegung unseres Leibes
das „Bewufstsein haben, selbst, und zwar nicht als Leib, sondern
als Seele die Ursache der betreffenden Bewegung gewesen za
sein". Und in dieser Eigenschaft als bewegende Ursache geht
nun das Wollen dem „Wirken" und „Thätigsein" (S. 367 bis
380) stets voraus, und nur gerade insofern es vorhergeht, wird
das Wollen als Ursache (ursächliches Bewufstsein) gekenn-
zeichnet. Andrerseits wirkt aber der Wille nur, wenn er in
den sogenannten (S. 378) „praktischen Gegensatz" verflochten
ist, d. h. wenn die Verbindung eines „vorgestellten Lust-
bringenden mit einem wirklichen Lustbringenden oder Un-
lustbringenden die besondere Bedingung der ursäch-
lichen Bewufstseinsbestimmtheit" bildet. Jetzt also geht der
„praktische Gegensatz" vorher und der Wille als „ursäch-
liche Bestimmtheit" (S. 399—406) folgt nach. Nun könnte
uns der Philosoph freilich entgegnen: er unterscheide eben
zwischen dem Willen als solchen und dem Willen in seiner
Thätigkeit ; nur der letztere folge nach, der erstere als bleibende
und ruhende Bedingung gehe immer voraus. Aber davon ab-
gesehen , dafs hier mit demselben Wort nicht nur Ver-
schiedenes, sondern sogar miteinander Unverträgliches be-
zeichnet wird, weil der Wille, wenn er, wie Verf. (S. 417)
sagt, „befriedigt" ist, ein „Aufgehörthaben und Nichtmehr-
dasein" des Willens ist, was doch wohl eher zu einem flüchtigen
Vorgang stimmt als zu einer Bedingung, welche als Absolutes
(absolut Einfaches) unbedingt ist: so genügt schon allein dies,
dafs man tote Werte, wie das absolute Einerlei, für Thatsachen
und Begriffe hält und ein Blindekuhspiel und einen Tanz mit
ihnen für eine Theorie ausgiebt. Wir brauchen uns daher mit
dieser Willenstheorie nicht mehr länger aufzuhalten und nach-
zusehen, wie sich genau dieselbe Geschichte mit der „Ur-
sprünglichkeit" und „Spontaneität", mit der Freiheit („Un-
determiniertheit") und Unfreiheit („Determiniertheit") und endlich
mit der unmittelbaren und mittelbaren Erfahrbarkeit des Willens
wiederholt.
Ähnliches wie von dieser eben besprochenen Willenstheorie
wäre von der Raumtheorie, womit sich Verf. ziemlich aus-
führlich (S. 206 — 246) beschäftigt, zu sagen, und wir be-
gnügen uns daher mit Angabe ihrer Resultate und einigen
Bemerkungen dazu. Gleichwie der Philosoph im Gebiete des
— 31 -
„rein Seelischen", wie wir gezeigt haben, vollkommen freie
Hand hatte, nach Belieben zu schalten und alles was er wollte,
bald zu einer Vorstellung, bald zu einem Gefühl oder zu
einer „Augenblickseinheit" und einer „Bewufstseinsbestimmtheit"
zu machen y und danach auch Vorher und Nachher und Be-
dingung und Bedingtes miteinander zu vertauschen, gerade wie
es ihm einfiel: ganz ebenso frei benimmt er sich, wenn er uns
zu sagen hat, was allein „leiblich" und was nur „rein seelisch",
oder was sowohl auf die eine als die andere Weise bedingt an-
zusehen ist. Und fast scheint es , unser Psychologe habe seine
Eaumtheorie nur erfunden, um diese seine Freizügigkeit in
einem besonderen Beispiele mit der Gebundenheit, mit der
Strenge und Schärfe der Logik und Erfahrung in Kontrast zu
setzen. Die Theorie (S. 233—246) lautet: das Raumbewufst-
sein ist ein dreifach abgestuftes: das unbestimmte, das einfach
bestimmte und das vollbestimmte. Das erste (unbestimmte) ist
rein physiologisch (leiblich), das zweite (einfach bestimmte) so-
wohl physiologisch als auch psychologisch und das dritte (voll-
bestimmte) endlich ist rein psychologisch (seelisch) bedingt.
Wie nun sollen wir die einzelnen Worte dieser Gesetzestafel
und ihre Verbindung untereinander verstehen ? Das „unbestimmte
Raumbewufstsein" beschreibt uns der Theoretiker, der Pr&dikation
entsprechend, ganz grau in grau. Er sagt (S. 234) : man könne
sich dasselbe am besten vorstellen, wenn man die Körper aus
dem Raum so viel als möglich wegzudenken und nur einen
„grenzenlosen und ununter schiedenen" Raum in grauer Farbe
zurückzubehalten suche. Und weshalb, fragen wir, ist nun
gerade dieses unbestimmte Grau rein leiblich bedingt? So
etwas kann man eben nur ahnen, nachdem uns der spekulative
Philosoph zuvor eröffnet hat, dafs das nächsthöhere (das ein-
fach bestimmte) Raumbewufstsein als „Aufsereinander" das
„unterscheidende Denken" voraussetze und „folglich" (!) nicht
nur physiologisch, sondern zugleich auch psychologisch bedingt
sei. Die Moral dieser Raumgeschichte bis zu ihrer zweiten
Stufe ist danach diese:
1) Alles Unbestimmte, welches kein „unterscheidendes
Denken" voraussetzt, ist rein leiblicli bedingt; nun ist das un-
bestimmte (nebelgraue) Raumbewufstsein ein solches (unbestimmtes)
Etwas, folglich ist es rein leiblich bedingt.
2) Alles was ein unterscheidendes Denken voraussetzt, ist
sowohl leiblich als seelisch bedingt; das „Aufsereinander" als
einfach bestimmtes Raumbewufstsein setzt ein unterscheidendes
Denken voraus, es ist also sowohl leiblich als seelisch bedingt.
— 32 -
Einige Abwechselung bietet uns nun das volle oder „drei-
dimensionale Raumbewufstsein^. Von ihm heifst es nur (S 246),
es sei das auf Grund des einfachen (einfach bestimmten) Raum-
bewufstseins und des „Bewegungsehens^ vollbesümmte
Raumbewufstsein und unterscheide sich von den beiden ersten
liauuistufen dadurcli, dafs es rein seelisch bedingt sei, insofern
das „Bewegungsehen" seine „unmittelbare Bedingung" bilde.
Hier läfst sich offenbar nicht, wie in den früheren Fällen, eine
Beziehung zu einem Obersatz herstellen, und wir müssen daher
der rein seelischen Bedingtheit des vollen Raumbewufstseins den
Charakter eines Axioms beilegen, und zwar eines Axioms, wie
ähnliche nur in einer über alle Erfahrung erhabenen Spekulation
üblich sind. Denn die unmittelbare, „rein seelische Bedingtheit",
wird aus dem „Bewegungsehen" als S e i n s prädikat im selben
Sinne gefolgert, wie der Mathematiker aus der Definition
des Dreiecks die drei Winkel oder die drei Seiten folgert.
Noch weiter auf psychologische Einzelfragen einzutreten, würde
sich nicht rechtfertigen, weil wir nirgends eine wesentlich andere
Ausbeute erhielten.
Zwar, und dies insbesondere (S. 516 u. 534) beim Ge-
dächtnis, finden sich einige ganz hübsche Ausführungen; sie
haben aber doch nur einen ganz bescheidenen Wert, weil sie
teils nur ein paar alte Sachen neu auffrischen, teils eine sehr
lange und durch einen unverhältnismäfsigen Kraftaufwand und
eine nichts weniger als konzise and durchsichtige Darstellung
teuer bezahlte Wanderung machen, bis sie endlich an den von
uns bezeichneten Orten ihren Hafenplatz finden. Um so mehr
aber ist hier der Ort, uns vor der Berufung des Philosophen
auf seine nicht - anschauliche höhere Erkenntnis zu verant-
worten.
Verf. spricht von einem „Bann", von einer „Sucht der
Anschaulichkeit" und einem nach „Anschaulichkeit durstenden
gemeinen Bewufstsein". Und wie wir gesehen haben, nimmt
das nicht-anschauliche Bewufstsein nicht nur keine Gefühle wahr
und stellt solche auch nicht einmal vor, sondern es besitzt sie
als einfache „Augenblickseinheiten". Aber weshalb sollten diese
Augenblickseinheiten weniger wirklich sein und nicht gerade
ein Beispiel einer höheren („rein seelischen") Wirklichkeit dar-
stellen? Denn auch das allgemeine, „Alles Seiende Bewufst-
sein" können wir nicht vorstellen, und dennoch ist es wirklich,
weil wir selbst es (das allgemeine Bewufstsein) ja sind und in
keinem Augenblicke nicht sind.
Wir mischen uns gar nicht in diese höhere Logik, wir lassen
BW ganz unberührt und möchten nur das Bedenken änfBern,
dara sie sich in unserem allgemeinen Lehrbuch der Psychologie
wenigstens nicht sehr bewährt hat. Und so lange wenigstens,
bis wir etwas Positiveres und Klareres als das Seelenkonkret«
und seine Spröfslinge besitzen , können wir dem reinen, uicht-
anschanlichen Denken kein grofses Vertrauen schenken. Aber
auch der Philosoph selbst ist der Sache im Grunde seines
Herzens gar nicht so sicher, wie uns sein kühnes Antlitz und
seine trotzige Stirn vortäuschen. Denn so wenig ihn, wie er
eich ausdrückt, die „brutalen" Thatsacben befriedigen, so wenig
fühlt er sich andrerseits auf seinem , wie man meinen sollte,
eigensten Gebiete heimisch. Das „Geheimnis (S. 141) der
Seelenentstehung" lockt und reizt ihn zwar ganz auCserordent-
lich, und er kann der Versuchung nicht widerstehen, den „Boden
(S, 455 u. 456) der Thatsacben zu verlassen", um doch irgend
welche Autwort auf seine „brennende Frage" zu erhalten. Und
was für eine Antwort denn? Nun keine andere als die Be-
kanntmachung, dafs er (S. 143 u. 459) diesen „unsicheren
Boden" in Wahrheit gar nicht betrete, sondern sich cur mit
einigen Andeutungen begnUge, um in das „Dunkel des Seelendaseins
überhaupt etwas Licht zu brlagen". Nein, sagen wir doch
statt dessen lieber einige dunkle Andeutungen , uQi das wenige
Licht ganz zu umschatten! Denn das ganze Werk, welches
wir in seinen wichligsteii Bestandleilen kennen gelernt haben,
enthält allerdings nicht viel anderes als dunkle Andeutungen.
Der „Schöpfmigsgedanke" des K r ea t i an i s raus (S. 140
und 141), womit der Philosoph den „Boden der Thatsachen"
zn verlassen glaubt, unterscheidet sich nicht im mindesten von
den „Thatsacben" unserer spiritualistisehen Psychologie selbst.
Wir finden hier alles überall gleich hell und gleich dunkel und
wollen als Beweis noch ein kleines Beispiel vorführen.
Neben die drei früher erwähnten „ BewufstBeins bestimm t-
heiten" (Denken, Fühlen und Wollen) fügt Verf. noch nachträglich
(S. 479) das „ZeitbewufBtsein" , welches er, wie aus der Be-
zeichnung: „unmittelbares Zeithewufstsein der Seele" hervor-
geht, also offenbar nicht zu seinen Andeutungen des Schöpfungs-
gedankens, sondern zu den „Thatsacben" (des Seelenlebens)
rechnet. Nun mache jeder das Experiment und lese dieses
Zeithewufstsein (S. 466—478), zusammen also nur elf
Seileo, tind ich wette, wenn der Leser nicht gerade aus lauter
Tiefsinn zusammengesetzt ist, so wird er nach der Lektüre deu
Kopf zwischen beide Hände nehmen, das Buch zusammenklappen
und in dumpfer Betäubung einige Zeit die Wand vor sich oder
Willj. nie Kiisi» ia lex Rnjctolugie. 3
— 34 —
den Himmel draufsen anstarren! Wenn also vielleicht der
spiritualistische Philosoph und Psychologe das nicht-anschauliche
Denken so versteht, als gehörten, gemäfs dem Spruch, welcher
Gleiches durch Gleiches erkennen lehrt, zu einem dunkeln Gegen-
stand auch eine dunkle Erkenntnis: so haben wir unserseits
nur um so mehr Grund, uns nicht zu sehr von der Anschauung
zu entfernen. Und sogar der Philosoph selbst, als Freund der
Weisheit und Selbsterkenntnis wird nicht viel dagegen einzu-
wenden haben, wenn wir ihm, und zwar in recht anschau-
licher und deutlicher Weise zu seiner Selbsterkenntnis
vielleicht etwas beitragen.
Im ersten, historisch-kritischen Teil seines Werkes be-
spricht Verf. die älteren spekulativen Richtungen der Psycho-
logie. Und ganz richtig kennzeichnet er hier die ^Seele' des
älteren Spiritualismus und Animismus als Schattenbild des ge-
wöhnlichen körperlichen Dinges. Auch zeigt er in seinen sich
fast durch das ganze Werk fortspinnenden Auseinandersetzungen
mit HöFFDiNG nicht nur überhaupt sehr viel Scharfsinn, sondern
triflFt in einer langen Reihe von Fällen den Nagel auf den Kopf.
Wenn wir nun aber hiermit den systematischen Teil zusammen-
halten und finden, dafs das „Seelenkonkrete" ja gar nichts
anderes ist, als das alte, aber lebendig geschundene Seelending,
welches in diesem Zustand auf den Thron erhoben und zum
König ausgerufen wird , weil sonst, wenn wir und die ganze
übrige Welt uns mit dem Marterbild nicht Eins wüfsten, das
„Sittengesetz" in Gefahr schwebe: so können wir das Ver-
dienstliche des historischen Teils unseres Lehrbuches wohl immer
noch anerkennen, aber leider nicht mehr aus ganzem Herzen
unterschreiben. Denn eine historische Kritik dieser Art, weil
sie keine Einsicht in den psychologischen Ursprung der
historischen Irrtümer besitzt, ist eben kein Naturgewächs und
gleicht vielmehr einer Treibhauspflanze, welche zwar durch
allerlei exotische Pracht und Triebentfaltung ergötzt, aber uns
kein Stammholz liefert und keinem Unwetter trotzt. Bekanntlich
aber begegnet es Philosophen sehr oft, dafs sie eine naive
spekulative Traumphantasie vom Standpunkt einer angestrengten,
technisch durchgebildeten und historisch geschulten und insofern
virtuosen Reflexion aus umarbeiten und nun die übrigbleibenden
Sprachtrümmer als wahren Kern und Gehalt eines nur 'vor-
stellungsmäfsigen'* und durch den „Bann" der Anschauung be-
grenzten Denkens ausgeben! So beruft sich denn auch unser
Verfasser fortwährend und insbesondere in seiner von uns ge-
schilderten Willenstheorie, an Stelle der verpönten und ver-
achteten Anschanung auf die Sprache und den Sprach-
gehrauch und glauht genug gethan zu haben, wenn er nur
mit Ausdrücken operiert , welche wohl auf uiimittelhar That-
Eächliches hinweisen, aber znniüchst doch nur so, wie die Etikette
einer Flasche einen sehr reizenden Inhalt nennt, auch wenn die
Flasche seihst vielleicht leer sein sollte. Und in unserem Falle
sind die Flaschen wirklich leer ; denn, statt wie es sich gebührt
hätte, das Seelen-Ding höflich und liebenswürdig zu verab-
schieden, setzt sich der Philosoph an den Seziertisch, zerlegt den
Seelen-Schmetterling bis in die zartesten Teile, setzt das nied-
liche Gebilde hübsch wieder zusammen, hängt ihm den Eealitäts-
mantel des „Individuums", des „Konkreten", des „Veränder-
lichen" und des „Bewufstseins" um und ruft voller Freuden;
hier endlich ist das schon so lange vergeblich gesuchte Seelen-
Konkrete, ohne welches die Psychologie als Spezial Wissenschaft
des Seelen-Verän der liehen ja gar nicht „möglicli" ist!
Genau dieselbe Krisia haben wir hei "Wtjndt schon kennen
gelernt; sie wiederhoU sich bei Rxhmee auf ganz demselben
Boden des Spiritualismus, nur bewegt sie sich auf einer viel
breiteren Flüche und zeigt entspreishend gröfsere nud daher
auch besonders eindrucksvolle Proportionen,
Ganz ohne positives Ergebnis indes möchten wir doch unser
allgemeines Lehrbuch der Psychologie nicht verlassen , obwohl
Bein Urheber uns fast ganz im Stiche liefs. Aber eine An-
regung wenigstens hat er in uns hinterlassen, welche uns ver-
anlafst, schliefslich noch einen, keineswegs unwichtigen Punkt
festzustellen.
Wie wir hei Wtjndt schon gesehen haben , mufiten wir
das psych opbysische Parallelprinzip vor einer metaphysischen
Umdeutung bewahren. Rekmke bespricht das Prinzip ebenfalls
einläfslich und kritisiert es auch im selben metaphysischen
Sinne wie WtrsDx. Statt nun aber schou Gesagtes einfach zu
wiederholen , wollen wir lieher die Frage beantworten ; woran,
an welcher allgemeinen , von jeder speziellen methodologischen
Rücksicht unabhängigen, leicht farslichen und ohne weiteres
einleuchtenden Erfahrung liegt es, daf:] wir alles Psychische
in Bezug auf ein zugehöriges Physisches immer nur als ein
Abhängiges und nicht etwa umgekehrt ebensowohl auch als
ein Unabhängiges und das Physische (in Bezug auf das
Psychische) als ein Abhängiges denken müssen? Wir werden
finden, dafs in der angedeuteten amfassenden und einfachen
Erfahmng der rein natürliche und rein thatsäch liehe
Sinn des ebensoviel angefochtenen als raifs verstau denen psycho-
- 36 —
physischen Parallelprinzips enthalten liegt. Weil nun aber,
wenn man es rein natürlich versteht, das genannte Prinzip so-
wohl auf die metaphysische als die rein erfahrnngsmäfsige
Psychologie ein helles Licht wirft, so ist es eben deshalb sehr
gerechtfertigt, wenn wir bei Betrachtung der spiritualistischen
Krisis in der Psychologie, unsere eben gestellte Frage mit aller
Sorgfalt beantworten.
Betrachten wir zuerst eine ganz beliebige Kette von Vor-
gängen im Gebiete des Physischen und nehmen wir ferner an,
die betreffenden Vorgänge stehen derart in einem Abhängigkeits-
verhältnis zu einander^ dafs, wenn der eine der Vorgänge eine
Änderung durchmacht^ auch der andere sich ändert, oder dafs
der zweite Vorgang sich nur ereignet, wenn der erste als un-
zertrennlicher Begleiter eingetreten ist, sonst aber, wenn
dieser Begleiter ausbleibt, ebenfalls ausbleibt.
Nimmt die Temperatur des umgebenden Mediums bis auf
^ ab, so friert das Wasser ein. In diesem Falle mufs also
zuerst die Temperatur so weit abgenommen haben, und dann erst
tritt der Vorgang des Einfrierens ein. Und in diesem Sinne,
weil die Temperaturabnahme die Vorbedingung oder vor-
bereitende Bedingung des zweiten Vorgangs ist, bezeichnen
wir die Temperaturabnahme in Bezug auf das Gefrieren des
Wassers als 'Ursache"* oder unabhängig Veränderliche
und den letzteren Vorgang in Bezug auf die Temperatur-
abnahme als *^ Wirkung' oder abhängig Veränderliche.
Ganz gleich, und es wird nicht nötig sein, das Beispiel
besonders zu analysieren, verhält es sich mit Donner und Blitz
in Bezug auf einen bestimmten Zustand der Atmosphäre. Diesen
Zustand der Atmosphäre, welchen wir in seiner Gesamtheit
kurz als elektrische Spannung bezeichnen wollen, ist in Bezug
auf die Gewitterentladung im selben Sinne die Ursache oder
unabhängig Variable, wie die Temperaturabnahme des vorigen
Beispiels die Ursache in Bezug auf das Gefrieren des Wassers
war. In diesen beiden Fällen kann ich offenbar die Vorgänge
nicht vertauschen und zur Wirkung machen, was Ursache war
oder umgekehrt was Wirkung war, zur Ursache machen. Denn
weder hätte jemals die Aussage einen Sinn : das Einfrieren des
Wassers ist die Ursache der umgebenden Temperaturabnahme,
noch auch die andere: Blitz und Donner sind die Ursache der
elektrischen Spannung. Wohl aber können wir beispielsweise
die Wirkung des ersten Beispiels: das Gefrieren des Wassers
dann zur Ursache machen, wenn wir den Vorgang statt mit
der Temperaturabnahme des umgebenden Mediums, mit der
- 37 -
T^etstion der Pflanzen in Beziehung setzen and, hieranf ge-
Ettltzt , die Aussage machen : der Frost ist die Ursache des
Winterschlafes der Pflanzen. Und ähnlich kann ich auch die
■Wirkung des zweiten Beispiels zur Ursache machen , wenn ich
mir einen Blitzfunken, statt ihn als elektrische Entspannung
zu hezeicbnen , durch einen Draht fortgeleitet denke und nun
diesen Draht mit der Hand berühre. Der dadurch 'ver-
ursachte' (bezw. 'bewirkte') 'Schlag' ist nun die Wirkung, und
die Elektrizität ist die Ursache.
Nehmen wir einen dritten Fall, und setzen wir voraus, da.h
die sich bewegende Billardkugel a der ruhenden Billardkugel b
einen Stnfs erteile, so daFs nunmehr auch b sich bewege. Nach
Analogie der früheren Fälle sehen wir ohne weiteres ein , da&
wir die Bewegung der Kugel a als Ursache der Bewegung der
Kugel b bezeichnen müssen. Sofort leuchtet aber auch ein,
dalE wir es ganz in unserer Hand haben, welche der beiden
Kugeln wir auf die andere 'einwirken' lassen wollen. Und in-
wiefern wir diese Freiheit besitzen, ist es in diesem Falle nun
allerdings, weil wir Ursache und Wirkung miteinander ver-
tauschen können, rein zufällig, was wir zur Ursache und was
wir zur Wirkung machen.
Modifizieren wir endlich unser drittes Beispiel in dem
Sinne, dafs beide Kugeln sich gegeneinander bewegen und auf-
einandertreffen, so haben wir einen Fall sogenannter Wechsel-
wirkung. Denn offenbar ist die ursprüngliche Bewegoog
jeder der beiden Kugeln die zugehörige Ursache in Bezug auf
die resultierende Bewegung (oder Ruhe) der jeweiligen
anderen Kugel als Wirkung. Und dies heifst kurz gesagt:
beide (sich bewegende) Kugeln sind Ursache und Wirkung
zugleich.
Wir ziehen aus dieser Übersicht folgende Schlüsse:
1) Im Gebiete des Physischen kann jeder beliebige Vor-
gang bald die Stellung der Ursache (der unabhängig Variabein),
bald diejenige der Wirkung (der abhängig Variabein) ein-
nehmen,
2) Prinzipiell steht nichts im Wege, die jeweiligen Be-
ziehungsglieder von Ursache und Wirkung miteinander zu ver-
tauschen; wann dies jedesmal möglich ist und wann nicht,
hängt von den besonderen Umständen des einzelnen Falles ab,
3) Da der Fall der Wechselwirkung nichts anderes als ein
zusammengesetztes Kausalverhältnisist, so ist Wechselwirkung
im Gebiete des Physischen jederzeit wenigstens denkbar; und
wenn daher Wechselwirkung einmal nicht mehr denkbar sein
- 38 —
sollte, dann müTste auch ein betreffendes AbhäDgigkeitsverhältnis
anders als nach rein physischen Analogieen gedacht
werden.
Hiermit haben wir nun alles beisammen, um der psycho-
physischen Abhängigkeitsbeziehung oder dem sogenannten
Parallelprinzip seine eigentümliche und ausgezeichnete Stellung
anzuweisen. Wenn es nämlich unserer Fragestellung gemäfs zu-
trifft, dafs das Psychische in Bezug auf das Physische immer
nur die abhängig Variable bildet, so brauchen wir nur zweierlei
zu zeigen, nämlich 1) weshalb das psychophysische Parallelprinzip
nach Analogie derjenigen physischen Beispiele gedacht werden mufs,
deren Abhängigkeitsglieder nicht miteinander vertauscht werden
können, und inwiefern 2) das Psychische in Bezug auf die frag-
liche Abhängigkeitsbeziehung sich vom Physischen derart charak-
teristisch unterscheidet, dafs niemals ein Stellenwechsel der Ab-
hängigkeitsglieder in dem Sinne stattfindet, dafs die abhängige
psychische Variable jemals zur unabhängigen werden könnte.
Und dies können wir auf sehr einfache Weise zeigen. Solange
wir den Standpunkt der Erfahrung festhalten, treten psychische
Vorgänge immer erst dann ein, nachdem vorher gewisse Vor-
bedingungen oder vorbereitende Bedingungen erfüllt sind,
welche sämtlich dem Gebiete des Physischen angehören.
Denn im selben Sinne, wie Donner und Blitz erst dann das
Firmament erschüttern, wenn sich die Atmosphäre in einem
geeigneten vorbereiteten Zustande befindet: so treten auch alle
Affekte und Stimmungen, alle zarten Gedankenbilder und sinn-
liche Anschauungen nicht früher zu Tage, als die biologische
elterliche und vorelterliche Stammesgeschichte mit unserem eigenen
Körper und der ganzen übrigen Körpersphäre jene Mischung
eingeht, welche den Nährboden unserer gesamten menschlichen,
sowohl individuellen als gesellschaftlichen Existenz und Ent-
wicklung fortwährend unterhält und erneuert. Aber freilich,
ist nun auch alles Psychische so etwas wie Glut, Licht und
Blitz, so läfst es sich doch nicht wie der elektrische Blitz auf
einen Draht überleiten, und ebensowenig bewegt es sich wie das
gewöhnliche Licht von einem Körper auf den anderen fort ; und
zwar aus keinem anderen Grunde, als weil im Gesamt-
umfange der Erfahrung jede Analogie einer physischen
Wechselwirkung auf psychophysischem Gebiete fehlt. Und
weil die physische Analogie der Wechselwirkung fehlt, so kann
folglich auch die psychische Abhängige ihre Stelle niemals
wechseln und zur Unabhängigen werden. Nun reden wir frei-
ich, und auch in wissenschaftlichen Schriften, fortwährend von
der 'WeehBelbeziehung' , 'Wechsel wirk ong' , 'Wechseleinflnra'
n. s. w. des 'Geistes' und 'Körpers', und es fällt uns nicht
ein, diese freien Redensarten vor ein strenges Examen za
ziehen, sobald sie nichts anderes als die nnzertrenn liehe Zu-
sammengebörigkeit des Physischen nud Psychischen znm Ans-
drack bringen u'ollen. Denn dies ist die einzig statthafte
Deutung der angedeuteten Redewendungen ; eine Deutung, deren
rein thatsächlicben Gehalt das metaphysikfreie psycho-
physische Parallelprinzip rein als solches, und ohne noch den
Charakter eines methodologischen Hilfsprinzipes zu besitzen, in
hegriiTlich präziser Weise verdeutlicht. Gewisse Thatsachen, auf
welche man sich so gerne beruft, wie das Erröten oder Erblassen
im Affekt, die Anstrengung und der Erfolg des 'Willens' beim
Handeln, endlich und vor allem die fast übermenschlichen
Leistungen jener stahlharten energischen Männer, welche oft in
einem gebrechlicben Körper an der Spitze ihrer Umgebung
stehen und eine grofse Anhängerschaft zur Begeisterung ent-
flammen : dies alles beweist natürlich nie etwas von der 'Macht'
und dem 'Einflufs' des 'Geistes' auf den Körper nach Analogie
der physischen Wechselwirkung, sondern besagt nur,
dafs Physisches und Psychisches ein zusammengehöriges Ganzes
bilden. Denn der leidende und schwächliche Körper des 'grofseu',
'starken' 'Geistes" verdient ja nicht deswegen diese Prädikate,
weil er im Verhältnis zum betreffenden 'Geist' ein 'minder-
wertiges Instrument' wäre, sondern weil er ganz entsprechend
dem "rastlos thätigeu Geist' weit über das gewöhnliche Mafs
und fast bis zur Erschöpfung in Anspruch genommen ist. Ist
nun schon in diesen lockeren Redensarten, weil sie gar gerne
und wie von selbst auf wissenschaftlichen Boden übertreten,
eine Gefahr im Sinne metaphysischer Beeinflussung vorhanden,
so trifft dies wohl in noch höherem Mafse zu, wenn nun um-
gekehrt gewisse naturwissenschaftliche Kreise die Bedingtheit
des Psychischen durch das Physische mit einem 'Hervorgebracht-
virerden' der 'Seele' durch das 'Gehirn' verwechseln und infolge-
deasen von einer begriifsmythologischen 'Ahleitbarkeif des
'Geistes' durch den Körper wie von einer selbstverständlichen
Thatsache reden. Welche Verquickung vou Metaphysik und
Methodik hierin liegt, haben wir schon in der Kritik Wuisdts
gezeigt. Hier mochten wir nur noch besonders hervorheben,
welchen Vorteil Rehmke und mit ihm der gesamte Spiritualis-
mus aus dem angedeuteten naturwissenschaftlich und biologisch
gefärbten Materialismus in seiner Weise zu ziehen weifs. Die
durchgängige und ausnahmslose Abhängigkeit des 'Geistes vom
— 40 -^
Körper ist für den SpiritoalismDs freilich eine höchst nnbequem«
ut)d in seinem Sinne sogar gewifs „brutale^ Thatsache. Da
aber der Metaphysiker bekanntlich die Thatsachen and sein«
spekulativen Nebelbilder in besten Treuen nicht voneinander zu
unterscheiden weifs und auf seiner Palette beides ganz nach
freiem Ermessen mischt, so spricht Rehmke überhaupt gar nie
vom psychophysiscfaen Parallelprinzip im Sinne eines Verhält-
nisses rein thatsäehlicher Zusammengehörigkeit, sondern er
schiebt an dessen Stelle ohne weiteres (S. 103) einen meta-
physischen Parallelismus, welcher 'Geist' und Körper als die
zwei Seiten einer zu Grunde liegenden verborgenen „Identität"
beansprucht. Und so sehr treibt den Philosophen alles za
dieser metaphysischen Deutung des rein thatsächlichen Parallel-
prinzips, dafs ihm schon der Name „Parallelität" em ge^
nügender Grund zu seiner Auslegung zu sein scheint, denn, wie
er erklärt, läge ja sonst gar kein Grund vor, ein einfaches
Bedingungsverhältnis (zwischen Gehirn und 'Seele') als Parallel-
prinzip zu bezeichnen! Wohl aber glauben wir unserseits
allerdings genügenden Grund zu haben, uns um die bei den
Philosophen übliche Yertauschung der Sachen mit den Namen
nicht zu kümmern und der Erfahrung auch gerade besonders
dann die Ehre zu geben, wenn sogar stimmführende Geister
in der Philosophie sich bald zu Aposteln ihrer persönlichen
Erfahrung machen, und bald umgekehrt unsere menschliche
Erfahrung mit einem Scheltwort belegen, weil sie (die philo-
sophischen Theoretiker) eine ihrer Theorie widersprechende
andere und gewöhnlich ad hoc von ihnen selbst zugestutzte
Theorie mit der Erfahrung verwechseln.
3. Franz Brentano und verwandte Richtungen.
1) Der Thatbestand.
Franz Brentano hat vor allem auf eine Reihe öster-
reichischer oder in Österreich wirkender Psychologen und
Philosophen einen nicht geringen Einflufs geübt. Freilich sind
es hauptsächlich nur einige Sätze, welche diesen Einflufs ver-
anlafsten. Aber auch hiervon abgesehen , dürfen wir uns, wie
unsere Kritik zeigen wird, auf die angedeuteten Gesichtspunkte
der allgemeinen Psychologie^) beschränken. Neben dieser, wie
^) Psychologie vom empirischen Standpunkte von Dr. Franz
Brentano (erster Band). Leipzig (Duncker u. Humblot) 1874. 350 S.
Ks scheint, flbrigeDs auf den ersten Band und allgemeinen Teil
für immer beschränkl bleibenden Psycbologie, hat Brknta»o in
neuester Zeit : am letzten internationalen Psycho logen-Kongrefs
ia München einen Vortrag gebalten und ein Thema besprochen,
worauf er selbst sehr groCsen Wert legt. Wir werden diesen
Vortrag ') gleichfalls beBpiechen, weil er, wie wir finden werden,
sowohl im Sinne anserer Betrachtung von Interesse ist, als er
uns überdies, gleichwie die Lehre der allgemeinen Psychologie
des Verfassers, ein hübsches Beispiel derselben ebenso scharf-
sinnigen als unhaltbaren und unerquicklichen Verquickang von
Erfahrung und Scholastik vor Augen stellt.
Der Hauptsatz der von Beentaho sogenannten empirischen
Psycbologie ist der Salz, dafs die intentionale Inexistenz
die psychischen Phänomene eben als psychische und im Gegen-
satz zu den physischen charakterisiere und weiterhin zu den
verschiedenen Weisen jener intentionalen Inexistenz führe wie
sie {eben diese Weisen) in der Unterscheidung von Vor-
steilung und Urteil za Tage treten. Diese intentionale
Inexistenz in ihrer zwiefachen Wendung: inwiefern sie nämlich
sowohl im allgemeinen einen prinzipiellen Unterschied zwischen
psychischen und physischen Phänomenen behauptet und insofern
sie im besonderen den angedeuteten allgemeinen Gegensatz in
Form einer verschiedenen Weise der intentionalen Inexistenz
auf Vorstellung und Urteil überträgt: diese intentionale In-
existenz, sagen wir , war es eben , wodurch sich Bbentano in
der Psychologie eine gewisse herrschende Stellung eroberte.
Diesen Satz der intentionalen Inexistenz werden wir daher vor-
zugsweise betrachten, und zwar in etwas vereinfachter Gestalt,
insofern wir uns weniger an die allgemeine Unterscheidung der
psychischen und physischen Phänomene als an die durch Vor-
stellung und Urteil repräsentierten verschiedenen Weisen der
intentionalen Inexistenz halten werden. Wir werden finden,
dafs nicht nur die Bezeichnung: intentionale Inexistenz
der Scholastik entstammt , sondern dafs der Inhalt des
Satzes selbst grörstenteils in reiner Scholastik aufgeht.
Freilich klingen daneben allerdings eine Reihe Thatsachen an,
aber nur so wie eine halb erstickte Stimme, so dats man nicht
weifs, ist's ein menschlicher Seufzer oder irgend ein anderes
nur seufzerähnliches Geräusch. Es ist daher nötig, dafs wir
') Zur Lehre von der Empfindung von Dr. Fhasz Brenta
Der Vortrag wurde den Teilnehmern des Kongresses gedruckt »
geteilt und umferst 23 Seiten.
— 42 —
zaerst die hierbei in Betracht kommenden Tfaatsachen ohne
scholastische Verstümmelung und in voller Deutlichkeit vor-
führen.
Wenn wir nur eine rein konventionelle Bedeutung von
^Vorstellung' und ^ürteiP und ohne noch im mindesten an eine
prinzipielle Ausdeutung zu denken, festhalten, so sind es etwa
folgende Thatsachen, welche die angedeutete (rein konventionelle)
Unterscheidung von Vorstellung und Urteil herbeiführen.
Geläufig und allbekannt ist uns die Unterscheidung zwischen
Phantasiegestalten wie Sirene, Triton oder Nereide und Exi-
stenzen, wie sie der Physiker beschreibt, oder wie wir sie un-
mittelbar vorfinden, wenn wir mit unseresgleichen verkehren.
Hiermit haben wir den Unterschied zwischen dem Wahr-
genommenen und dem Vorgestellten angedeutet, welchen Unter-
schied wir der Kürze wegen oft einfach so ausdrücken, dafs
wir das Wahrgenommene schlechtweg als das 'Existierende'
bezeichnen. Dies ist nun freilich nur eine durch die jeweiligen
besondern Umstände gerechtfertigte abgekürzte Redewendung.
Denn, obwohl das Wahrgenommene schliefslich allerdings das Ur-
mafs aller, so oder anders, nämlich als wahr — unwahr, als seiend —
nichtseiend, als wirklich — scheinbar, als gewifs — zweifelhaft —
wahrscheinlich charakterisierter Aussagen ist : so haben
wir ja auch die Freiheit, ganz beliebige Inhalte als Existenzen
auszusagen, sofern es uns einfach darauf ankommt, dasjenige,
was wir gerade betrachten, als so und nicht anders und eben in
diesem Sinne daher auch als Existenz zu markieren. Es
ist ferner klar, dafs insbesondere jene Gedanken oder Vor-
stellungen, welche als Umgebungsreflexe irgend eine, entweder
nähere oder fernere, oder menschliche oder aufsermenschliche
Umgebung repräsentieren, so sehr zum 'Seienden' in weiterer
Bedeutung gehören, dafs wir ja erst mit Hülfe derartiger Vor-
stellungen unsere unmittelbare Erfahrung erweitern, ergänzen
und berichtigen. Dies Beides : sowohl die Unterscheidung
von Phantasiegestalt und physischem Körper oder menschlichem
Individuum, als die Aussa^^e, dafs irgend etwas gerade als
Wahrgenommenes und nicht nur als Vorgestelltes in Betracht
fällt, ist in Brentanos Grundeinteilung der psychischen Phäno-
mene in Vorstellung und Urteil wohl deutlich spürbar, aber es
verliert auch alsbald jede erfahrungsmäfsige Charakteristik, so-
bald wir bedenken , dafs Brentano seine Einteilung als
elementare Zweiteilung versteht, welche in Vorstellung und
Urteil etwas toto genere Verschiedenes voneinander scheidet.
— 43 —
Aber diese Zweiteilung auf Grund eines Aasein an derf alten s von
Vorstellung und Urteil hat der sich selbst so nennende em-
pirische Psycholog keineswegs der Erfahrung abgelauscht. Unsere
Erfahrung weifs nichts von einer Vorstellung wie von einer
mecbimiEchen Spiegelung, so daCs nun im Urteil wie durch
einen Zauber etwas zweites und ganz andersartiges zur Vor-
stellung hinzutreten müfste. Anfänglich, im aufdämmernden
Kindesalter wissen wir wohl Überhaupt noch nichts davon, dafs
Vorstellung und Urteil nicht dasselbe sind. Alles schwebt hier
vielmehr gJeichmäCsig wie in einem diffusen Schimmer, so dals
wir gewifs auch alles fQr ein Wahrgenommenes nud Seiendes
halten. Aber nun später , wenn wir aas dem Traum der
Kindheit erwacht sind, können wir vielleicht jetzt, und wäre
es nur an einem einzigen Beispiel , jenen prinzipiellen Gegen-
salz verdeutlichen, wie ihn unser Philosoph in Gestalt von
Vorstelluog und Urteil aufgestellt hat? Ich behaupte, wir
können es nicht, und dies nicht an einem einzigen Beispiel.
Vielmehr ist, was ich finde, etwas ganz anderes. Wenn z. B,
verschiedene miteinander unverträgliche Meinungen auftauclien,
so kann man zu seinem Gegner sagen : ich verstehe wohl, was
du meinst, aber ich leugne es, ich glaube es nicht und be-
haapte das Gegenteil. Was ist nun aber der Sinn dieser Worte?
Etwa dies, dafs A und G ganz genau wie zwei stummo Spiegel
dasselbe zwar vorstellen, aber nicht auch glauben und für wahr
halten ? So etwas ist mir etwas Unbekanntes, weil ich bei mir
selbst die Vorstellung immer nur im «Zusammenhang mit etwas
Wahrgenommenem vorfinde. Ereignet es sich nun, dafs jemand
etwas behauptet, was ich verneine, so fallt es mir nicht im
mindesten ein, anzunehmen, daCs mein Gegner genau das-
selbe zwar vorstelle was ich vorstelle und sich nur in seinem
Glanben anders verhalte wie ich- Nein I Sondern es kann gar
nicht anders sein, als dafs mein Gegner und ich, soweit wir
eben Gegner sind, nicht blofs nicht denselben Glauben haben,
sondern auch nicht dasselbe vorstellen. Und dafa wir andrer-
seits, sofern wir dasselbe vorstellen, gewifs auch ganz denselben
Glanben haben. Ich habe hiermit nur angedeutet, was auf ihre
Weise schon sowohl Spinoza als David Hdme klar ausgesprochen
haben. Spinoza sagte: die Vorstellungen sind keine stummen
Bilder, und David Humb gab sich gerade eine aufseror deutlich
grofse Mühe, zu zeigen, dafs jene Vorstellungen, welche wir
glauben, eben auch ganz andere Vorstellungen sind als jene,
welche wir nicht für wahr haken. Denn alles kommt ja dar-
auf an, welche Stellung und welchen Zusammenbang die
— 44 —
Vorstellungen besitzen, wenn wir sie das eine Mal gUaben nnd
ein anderes Mal nicht glauben. Alles, was mit sieiner Er-
fahrung, d. h. mit demjenigen, was ich für wahr halte, nidst
in Widerspruch steht, lasse ich mindestens als glaubhaft gelten
and yemeine alles, was mit meiner Erfahrung unverträglich ist.
Dies ist nun allerdings etwas sehr anderes als Bbentavo
behauptet. Denn weder sind, wie unser Philosoph lehrt, Yen*-
Stellung und Urteil als Gegensätze elementare Charaktere, wie
etwa an einem Ton die Tonhöhe oder -stärke und die- ent-
sprechende, begleitende, angenehme oder unangenehme Erregung,
noch sind sie insbesondere prinzipielle Gegensätze. Sondern,
wie unser Beispiel gezeigt hat, ist es prinzipiell sogar ganz
einerlei, ob ich von Vorstellung oder Urteil spreche. V^Tir
dürfen beides miteinander vertauschen und haben vollkommen
freie Wahl zwischen ihnen. Oft freilich machen wir einen
Unterschied, wie etwa in dem Falle, wenn wir sagen, daJb wir
unser Urteil zurückhalten und nur thatsächliche Mitteilungen
machen. Dafs aber hier (der Kürze und Prägnanz halber)
Vorstellung und Urteil einander nur so gegenübertreten, wie
— es ist nun gleichviel was — wenn wir entweder verschieden-
artige (gegensätzliche) Vorstellungen (oder entsprechende Ur-
teile) für sich allein genommen in irgend eine Beziehung setzen
würden : dies ersieht man sofort , wenn man im Sinne unseres
Beispieles erwägt, wie verschieden dieselben als ran that-
sächlich bezeichneten Mitteilungen gefärbt erscheinen, je nach
den Individuen, welche die Mitteilungen machen, und zwar,
wie die Aussagenden, und wohl (von ihrem Standpunkt aus)
mit Recht behaupten, ohne dafs sie hierbei ihr Urteil mit ein-
fliefsen liefsen. Wer sein Urteil wohl zurückhält, aber seine
Sache genau versteht oder eine fremde Meinung vollkommen
durchschaut, referiert ja offenbar ganz anders als jemand, der
nur da und dort etwas aufgeschnappt hat. In diesem letzteren
Falle hätten wir nun ja allerdings ein Analogen zu d^
stummen Vorstellungsbildem, wie sie Brentano dem Urteil ent-
gegensetzt. Vorstellungen aber, die etwas bedeuten, wären dies
eben nicht mehr. Um nicht nur Trümmer, sondern Vorstellungen
zu besitzen , müssen wir natürlich immer auch zugleich das-
jenige mitbesitzen, was unser Philosoph durch Zerstörung eines
ungeteilten und unteilbaren Ganzen, seinem sogenannten (be-
sonderen) Urteil zuweist. Dafs das Gesagte sich, nur ein wenig
modifiziert, wiederholt, wenn vielleicht jemand in der ästhetischen
Anschauung die reine Vorstellung ohne alles Urteil entdeckt
zu haben glaubt, dies ersieht man ohne weiteres. Denn es
— 45 —
genügt zn dieser Einsicht schon die BemerkiiDg , dals wir in
nnserem ästhetischen Verhallen nichts weniger als nar vorstellen,
sondern gerade im Gegenteil sehr eindrucksvolle Realitäten er-
fahren, nur eben etwas andere als im gewöhnlichen Leben.
Endlich haben wir ja die Einheit und den fortwährenden Über-
gang von Vorstellung und Urteil überall da vor Augen, wo wir
uns nur erst eine Frage vorlegen , ohne dafs wir auch schon
die Antwort gefunden hätten, sondern uns noch mitten im
Drange des Suchens betluden. Eine Vorstelluugsreihe verdrängt
hier die andere, bis schliefslich eine Festigkeit gewinnt und
nun anch sogleich den Charakter des Urteils erwirbt , etwa in
der Form, dafs dies oder das sich so und so oder nicht so
verhalte. Hiergegen möchte uns nun wohl Brentano einwenden,
dfifs er die Einheit von Urteil und Vorstellung keineswegs zer-
schlage , sondern durch den Akt des Vorstellens im Gegensatz
zum Vorgestellten gerade besonders hervorhebe, da er ja das
Vorstellen als Akt zur einheitlichen Grundlage aller psychischen
Phänomene gemacht hätte.
Allerdings ! Wir sind ganz einverstanden und halten mit
BßBNTANo dafür, dafs in der Unterscheidung von Vorstellen
und Vorgestelltem eine bedeutsame Thatsache steckt. Diese
bedeutsame Thatsache jedoch — fahren wir in unserer Gegen-
antwort fort — hat unser Psycholog eben gerade nicht er-
fahrnngsmäfsig verwertet, sondern er bat sie (die Thatsache)
durch die Behauptung, dafs VorsteUung und Urteil von ein-
ander toto genere vorschieden seien, sogleich nachdem er
sie entdeckt hatte, in den Schlingen der „intentionalen In-
existenz" erwürgt. Dieser intentionalen Inexistenz, welche hei
Bhentano mit dem Akte des Vorstellens in unlösbarer Einheit
erscheint, müssen wir nun unsere ganz besondere Aufmerksam-
keit schenken. Wir erlauben uns dabei die Freiheit, dafs wir
unserer Betrachtung die Vorstellungstheorie von Kasimje Twah-
DowsKi'j zu Grunde legen.
TwABDowsKi ist von Beentano inspiriert imd (soweit er
eben för uns in Betracht kommt) ganz in Übereinstimmung mit
ihm. Nur bietet seine Darstellung den Vorzug, dafs die Theorie
reiner als bei Brentano und mit einer Deutlichkeit hervortritt,
nelche nichts zu wünschen Übrig läfst und ganz nach Art eines
transzendenten Mechanismus das Gefügc unserer Erfahrung wie
ein Mühlstein zerreibt.
■ Lehre
Um die von Brentako als intentionale Inexistenz ge-
kennzeichnete VorstelluDg keniien zu lernen , sehen wir zu, wie
TwARDOwsKi in tler genannten Sclirift (S. 3 — 20) jene In-
existenz oder Beziehung der Vorslellung auf einen immanenten
Gegenstand schildert. Verfasser benützt (S. 13—16), um seine
Theorie zu verdeutlichen, ein Gleichnis. Er sagt: denken wir
nns zuerst eine Landschaft, dann das ihr entsprechende ge-
malte Land Schafts liild and endlich den Maler oder Betrachter,
welcher im Gemälde die Landschaft wiedererkennt, so haben
wir ein zutreffendes Analogen der Inexislenz-Theorie. Dia
Landschaft nämlich bedeutet den Gegenstand, auf welchen die
psychische Thätigkeit (als vorstellende nnd arteilende) gerichtet
ist ; das Landschaftsbild fällt zusammen mit dem Vorstellnngs-
bild oder dem immanenten Gegenstand; und das Wieder-
erkennen des Betrachters oder Malers ist die mit dem Vor-
stellungsakt verbundene intentionale Beziehung des Urteilens.
— ^ Trefflich gesagt, fürwahr ! Wenn wir nur auch mit dem
Maler, welcher seine vorstellende Thätigkeit auf einen (trans-
zendenten) Gegenstand richtet, so genaue Bekanntschaft ge-
macht hätten wie mit dem Künstler im Atelier oder dem
Besucher einer Gemäldegallerie ! Freilich reden die Philosophen
vom 'Subjekt', welches mit dem 'Gegenstand' in Beziehung
steht, so vertraut wie vom besten Freund! Dafs aber das
philosophische Subjekt das Zeitgemälde herslellt, wie der Maler
ein Landschaftsbild entwirft, dies sagt uns wenigstens Twab-
DowsKi nicht. Sondern er (S. 5) hält gerade im Gegenteil
die besondere Art der intcntionalen Beziehnng auf den Gegen-
stand für etwas Unbeschreibliches, was nur die „innere
Erfahrung" unmittelbar verdent Hellen könne.
Bekanntlich jedoch bedeutet die Berufnng auf die sogenannte
innere Erfahrung so viel als die Bekanntmachung eines Orakels,
Und aof unserem Standpunkt betrachten wir dieses Orakel nur
als eine Einladung, seinem Ursprung nachzugehen, so dafs wir
denn doch vielleicht das philosophisch „Unbeschreibliche" ar-
fahrungsmäfsig fafsbar machen.
Wenn die Materialisten des Altertums eine Beziehung
zwischen Subjekt und Gegenstand durch die Ausflüsse und
Ei'diüka herstellten, wenn später die Scholastiker des Mittel-
alters den Spezies und ficta eine ähnliche Funktion zu-
wiesen: so können wir von der Frage, ob die betreffenden
— 47 —
PhilOBophen ihre Bilder und Operationeo als innere Erfabrong
oder BODstwie, vielleicht als Eiugebnng, ErleacbtoDg u. dgl.
Bebilderten, ganz abseben. Denn die Hauptsache hierbei bleibt
der Umstand, dafs die angedeuteten philoBop bischen Tbeorieea
die Komponenten unserer Erfahrung, nämlich die Umgebung
und das menBchliche Individuum wie zwei fDr sich (beziehungs-
los) besiebende Stücke betrachteten. Erst nachträglich, infolge
eben des Umstandes, dafs wir erfahren (wabrnehmeu) und
denken, kommen die Philosophen auf den Einfall, die zwei von
ihnen nrsprünglich als getrennt betrachteten Stücke miteinander
zu verbinden. Man kennt diese SchweriäUigkeit des Denkens,
welche die verschiedenen Bestandteile eines einheitlichen und
unzertrennlichen Ganzen als Einheit nicht festzuhalten vermag,
im allgemeinen schon längst und beschreibt sie auch richtig
als Yemechslung der Abstraktionsprodakte mit den einheitlichen
Bestandteilen der Anschauung. Aber diese allgemeine Kenntnis
ist bei den Philosophen gewöhnlich nur eine angelernte Tradition.
Denn sie zeigt sich, wie der gute Vorsatz, welcher nie eine
Entscheidung herbeiführt, immer wieder viel schwächer als der
alte Schlendrian. Das Beste, was sie wissen , vergessen unsere
Philosophen immer wieder. Sonst würden sie nicht eine Theorie
aufstellen, welche, wie die „intentionale Inesistenz", nur eine
Bublimierte Zuspitzung der demokritischen EidtuXa und der
mittelalierlicben Spezies und ficta darstellt. Wer an Slelle der
Einheit und funktionellen Beziehung zwischen Umgebung und
Individuum zwei getrennte Stücke setzt und nun die auf diese
Weise transzendent gemachten Trennstücke durch eine nach
rein räumlichen Analogieen gedachte imaginäre Beziehung wieder
zusammenschweif st, hat offenbar einen ganz anderen Erkenntnis-
drang, als wer unsere Erfahrung kennen lernen milchfe. Doch
ist es leicht erklärlich, wie ein derartiger tief metaphysischer
Erkenntnisdrang nach und nach feste Gewohnheit und „innere",
philosophische Erfahrung wird. Wer seine grofse und spezifische
Freude an Rätseln hat, kann ganz unabhängig von aller
Erfahrung jene Freude auskosten, und wenn die Sache sich
weiter eo gefügt hat, dafs die Erfahrung den zufUlHgen Anlab
zu den Rätselfragen gab, so ist nun der Schritt bis znr Ver-
wechslung der internen Rätsel fragen mit der ErfahruDgs-
erkenntnis gar nicht mehr weit. Und in unserem Falle reicht
der Anlafs zu den metaphysischen Rätseln eben bis zu dem
Punkte zui-ück, wo mit der Scheidung und Trennung von Sub-
jekt und Objekt die sonst so bekannte und durch Wahrnehmung
wohl vertraute 'Existenz' unserer Umgebung die tiefste Er-
BCbflttemng erleidet. Nachdem dieser Stofs und Schlag einmal
geechehen war , endete die Bewegung bekanntlich nicht eher,
als daTs Umgebung and menschliches Individuum vom Schau-
platz der Philosophen radikal verschwanden. Auch unsere
Bbentano und Tward<:iwski haben die Wanderung und den
ÄUHzog ins gelobte Land bis hierher mitgemacht. Sie haben
die Heimat verlassen und befinden sich mit den meisten andern
Philosophen in einer Gegend , wo es cur noch (an Stelle der
Umgebung) eine (transzendente) Welt 'aufiier uns' und (an
Stelle des menschlichen Individuums) ein (transzendentes) Sub-
jekt 'in ans* giebt. In diesem Lande der Terbeilsaug wachsen
nun, wie man weifs, sehr verschiedene Früchte. Alle aber
schmecken wie Himmelsbrot, nnd so freuen sich denn auch
Dnaere beiden Psychologen ihrer schönen Entdeckung äer in-
tentionalen Inexisienz. Brentano gelangte zu seiner Entdeckung
durch die Fragen: was ist Vorstellung, was ist Erkenntnis?
Da nan der Philosoph, ohne Umgebung and Individnom, sich
nur noch auf eine transzendente Aktion zwischen Subjekt und
Objekt angewiesen sah , so mufste er seine Fragen auf diesem
Boden beantworten. Weil nun aber das philosophische Subjekt
ohne Kopf und ohne Muskeln, so konnte sich unser Denker
seine transzendenten Aktionen nur noch als rein geistige (nn-
bewutste) Retlexthätigkeilen nach Analogie geköpfter Frösche
denken. Und wirklich: die doppelte intentionale Beziehung
des Vorstellens nnd Urteilens ist nichts anderes, als eine (abge-
schwächte) doppelte Reflesaktion des enthaupteten metaphysischen
Frosch- Subjekts. Im ersten Akt (infolge des 'Anstosses von
aulsen') stellt das Subjekt vor; im zweiten Akt bestätigt es
jene Vorstellung und erkennt sie. Von Vorstellung nnd Er-
kenntnis (Urteil) dttrften wir streng genommen freilich gar
nicht mehr reden. Sondern wir mhfsten an deren Stelle nichts
als die nnbewufsten Refleizuckurgen setzen. Das Fehlende
nun ersetzt der Philosoph durch energische Worte wie: „un-
mittelbare Evidenz, innere Wahrnehmung, inneres Bewnfstsein" .
Und an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt, nährt sieh
Brektano, wie die Götter, von Ambrosia. Uns jedoch genügt
diese Speise so wenig, dals wir bei ihr, wie Bchidak zwischen
den Büfs duftenden Bündeln Heu verhungern müfsten. Aber wir
mögen Umschau halten , wo wir wollen , etwas anderes , als
Ambrosia setzt uns Brentano nicht vor. Und um dies zu be-
gründen, genügt es, wenn wir eine einzige Behauptung (Psycho-
logie S. 119) des Philosophen besonders berücksichtigen. Aji
der bezeichneten Stelle findet sich neben der Behauptung, dab
nnter EkUeo Erfahrungsgegenstänrlen einzig den psychisclien
Phänomenen eine „nnmittelbare und untrügliche Evidenz" zu-
komrae, noch überdies der Zusatz, dafs die „innere" Wahr-
nehmung die einzige Wahrnehmung im „eigentlichen Sinne
des Wortes" sei, weil die von Brentano so bezeichnete
„äufsere" Wahrnehmung „streng genommen" als solche gar
niclit betrachtet werden dürfte. Ähnlich spricht (S. 35 n. 36)
sich TwABDOwsKi aus, wenn er bemerkt, dafs die intentionale
loexistenz Gültigkeit beanspruche, wie immer man — und gleich^
viel, ob überhaupt positiv oder nur noch negativ — den trans-
zendenten Gegenstand bestimmen möchte, dessen „immanentes
Abbild oder Zeichen" eben durch die immanente Beziehung des
Torsteüens nnd Urteilens die „innere" Erfahrung und Wahr-
nehmung darstelle. Was besagt dies doch — nur eben unbe-
absichtigt — mit trocknen Worteu anderes, als was wir schon
immer bemerkten, dafs nämlich, nachdem die Umgebung ver-
schwunden, nun Existenzen nnd Evidenzen durch irgend eine
nachträgliche Konstruktion vergebens heraufbeschworen werden I
Versichert euch durch eure intentionalen Aktionen und Trans-
aktionen eurer inneren Erfahrung so oft ihr wollt und sagt uns
nur immer weiter, dafs die Wahrnehmung unserer Umgebang
gar keine Wahrnehmung sei, weil wir ja doch nur den
immanenten (im Subjekte drin steckenden) Gegenstand besäfsen.
Dies alles macht auf ans denselben Eindruck, wie wenn die
Spiritisten gewisse Fufsabdrttcke und aufgeschriebene Worte
ihren spiritis anrechnen. Freilich, die intentionale Inesistenz
ist kein Klopfgeist. Da aber bei allen Geistern nicht sowohl
der Geist selbst, als vielmehr das Medium und die allgemeine
Geisterstimmung das Wirksame sind , so können wir die ent-
Bprechende Wirkung auch in unserem Falle sehr schön beob-
achten. Denn weshalb macht Beentako aus Vorstellung und
Urteil zwei psychische Phänomene ganz besonderer Art, und
weshalb erklärt (S. 5) Twajiduwsei so nachdrticklich. dafs es
zwischen Vorstellen und Urteilen keine Übergänge gebe? Nun,
einfach deshalb, weil der transzendent- immanente Aktions-
Ticktack der intentionalen Doppelbeziehung (Vorsteilen, Urteilen)
eben nur Tick und Tack machen kann. Brknta»ci hat nun
freilich seine scholastischen Präparier Übungen mit einer zwischen
Grazie und Grandezza schwebenden sanften Würde und Ruhe
ausgeführt.
Unser empirislisch angebauchter und ganz modernisierter
Scholastiker drückt sich sehr gemessen und überall in wohl
geprägten Worten aus. Obwohl der Philosopii wenig eigene
Willy. Die Kriiis iii Jui P<yol.iiluKta. 4
— 50 —
Erfahrungen bietet, so zeigt er sich doch andrerseits mit den
Ergebnissen der Wissenschaft and noch mehr mit den philo-
sophischen Streitfragen aller Zeiten sehr vertraut. So kann es
nicht fehlen, dafs das feine in das Meer geworfene Netz einige
Goldfische an die Oberwelt schleudert, so dafs nun der seltsame
Fischer wie in magischem Glänze erscheint und auf philo-
sophische Gemüter keine geringe Anziehungskraft übt. Rein
zufällig wenigstens ist es gewifs nicht, wenn die neuesten ür-
teilstheorieen sowohl der Logiker als Psychologen zu einer be-
sonderen Litteratur angeschwollen sind. Sehr erbaulich nun
ist diese Litteratur gerade nicht. Ihre Schilderung würde uns
viel zu weit ablenken. Doch wollen wir nicht unbemerkt lassen,
dafs ohne Berücksichtigung des Ganzen und des jeweiligen Zu-
sammenhanges, am isolierten Satzglied nur noch Splittersachen
aufzustöbern sind. Die Urteilstheoretiker scheinen ihre Analyse
so gründlich durchzuführen, dafs sie ihren Gegenstand in Stücke
schlagen, um doch ja die einzelnen Steine und Steinchen von
allen Seiten begucken zu können. Diese, die Analyse mit Zer-
splitterung verwechselnde Scholastik, macht sich auch bei
Brentano schon bemerkbar, ohne dafs man erst seine Theorie
der Inexistenz näher kennen lernt. Der Philosoph greift
irgend ein einfaches Sätzchen heraus, um daran den Unterschied
von Vorstellung und Urteil zu demonstrieren. Und so viel
freilich, dafs uns wenigstens die Gegensätze von Phantasiegestalt
und Wahrnehmungsgegenstand vorschweben, läfst sich schon auf
diesem Wege erreichen. Was Brentano, abgesehen von seiner
speziellen Theorie, sonst noch vorbringt, scheint nichts anderes
zu sein, als dafs er die Kennzeichnung irgend einer Aussage
im Charakter der Gültigkeit oder Ungültigkeit besonders her-
vorhebt. Etwas anderes als dies läfst sich für die Reduktion
des sogenannten kategorischen Satzes auf das ''ExistenzialurteiP,
worauf Brentano so grofses Gewicht legt, schwerlich auftreiben.
Weiter, wie bemerkt, befassen wir uns mit den ürteilstheorieen
nicht. Wohl aber ist es von Interesse, unsere bisherige
Charakteristik der Inexistenz von einer etwas neuen Seite
kennen zu lernen, wenn wir ihre Spuren in C. Stumpfs Ton-
psychologie ^) ein wenig verfolgen.
3) Beeinflussung C. Stumpfs durch Brentano.
In seinen hübschen Untersuchungen der Tonpsychologie
(I, S. 53 u. 54) charakterisiert Carl Stumpf die Psychophysik
*) Tonpsychologie von Dr. Cael Stumpf (erster Band). Leipzig
(8. Hirzel) 1883. 427 8.
als ein Kapitel einer messenden UrteÜslehre. Stumpf
(I, S. 51) greift Brestanos Bemerkung, dars die Gleicliheit
und die Gleichmerliliciikeit der Empfindungen von einander
unterschieden werden müfsten, anf nnd giebt überhaupt {1, S. 4)
seine volle Zustimmung zur Lehre von Vorstellung und Urleil,
wie wir sie bei Bbentanü kennen gelernt baben. Verfasser
glaubt durch Beispiele und Experimente der messenden Psycho-
logie das intentionale Vorstellungs- und Urteil s-Doppelwesen
demonstrieren zu können. Wenn wir, bemerkt (1, S. 4) unser
Psycholog, einen Ton unterschied nur unsicher anzugeben ver-
mögen, so liegt dies an der Beurteilung. Denn, sagt Verfasser
weiter, in der augenblicklichen Empfindung raufs ja das Ver-
hältnis (Toaunterscliied) ganz unzweifelhaft exislieren und erst
wenn nun die BeurtMlung als eioe „neue und heterogene
Funktion" hinzutritt, ändert sich die Sache. An einer zweiten
Stelle (I, S. 32) legt uns Stumpf das Beispiel einer schnellen
Tonfolge und Punktreihe vor und findet es nun als selbst-
verständlich, daCs. wenn der Beobachter die Zahl der Töne
oder Punkte einmal als 15 und einmal als 20 schätzt, die
„Schuld" nicht die Ton- oder PunktempSndung selbst trägt,
lliese „Schuld", meinen wir, trägt aber auch nicht die von der
Empfindung ganz „heterogene Urteilsfunklion" , Denn von einer
solchen vermögen wir in den Beispielen nichts zu entdecken.
Beide Male liegt eben einfach der Fall vor, dafs vvir feinere
Unterschiede unmittelbar weniger leicht wahrnehmen als gröbere.
Denn im ersten Beispiel des Abschätzens von Tonhöhen existiert,
wie Verfasser sich ausdrückt, der Tonunter schied in der „augen-
blicklichen Empfindung" allerdings, aber eben nicht so fein,
Hafs wir ihn sogleich mit einem bestimmten Intervall der Ton-
Gkala bezeichnen könnten. Um dies zu können, müssen wir
entweder mit erhöhter Spannung wahrnehmen oder uns anf
andere Weise üben , dafs wir auch feinere Tonunterschiede
mit Leichtigkeit wahrnehmen.
Ganz dasselbe lehrt das zweite Beispiel. Da wir, um den
Eindruck einer Reihe zu erhalten , Zeit brauchen , su ist ein-
leuchtend, dal's wir uns, wenn wir in sehr kurzer Zeit eine
Reihe abschätzen sollen, sehr leicht täuschen. Die „Schuld"
oder der Irrtum und die Täuschung liegt also allerdings ebenso
wenig an der Empfindung als an der Urteilsfunktion,
sondern an der längeren oder kürzeren Zeit, an der wechseln-
den Aufmerksamkeit und Übung. Im weiteren stützt sich
Stumpf für seine , messende Urteilslehre" nur noch auf die
Unterscheidung der UnterschiedsempfindJichkeit und der Unter-
- 52 —
scheidnngsfähigkeit oder mit andern und kürzeren Worten :
sof deQ Unterschied der Hbemerkten" und der „unbemerkten"
Empfindungen.
Und allerdings: die bemerkte und die unbemerkte
Empfindung sind nur ein vereinfachtes nnd daher besonders
dentlicbes Gegen bild der intentionalen Vorstellungs- und
Urteilsfunktion. Wir sehen daraus , dafa die durch Bbbk-
TANO zu einiger Berühmtheit gelangte Unterscheidung ge-
legentlich vollständig mit den berühmten bewafsten und anbe-
wnfsten Empfindungen zusammenfälll. Stumpf zwar giebt sich
grofse Mühe, einen solchen Vorwurf abzulehnen, aber nur noch
Art eines hüpfenden Balles, der uns ja wohl immer aan den
Händen gleitet, aber doch auch wieder jedesmal, so oft er zur
Erde fällt, einen neuen Stofs erhält. Unser Psycholog (1, S. 35)
glaubt die unbemerkten Empfindungen dadurch zu retten und
sie von den unbewufsten zu unterscheiden, dal's er sie als solche
binstelll, welche nur durch ihre „relative Schwäche und gleich-
zeitige Verbindung mit andern'' (Empfindungen) der „analy-
sierenden Aufmerksamkeit" entgehen. Aber, fragen wir, ist
noch etwas Unbewufsteres denkbar, als was auch der ange-
strengtesten („analysierenden") Aufmerksamkeit entgeht? Hat
es vielleicht einen Sinn, dafs man (S. 35) die „unverbundenen"
und „starken" unbewufsten Empfindungen den „schwachen"
und „verbundenen" unbemerkten als etwas Zweites und
anderes gegenüberstellt? Mit demselben Recht könnte man
auch von slark und schwach schneidenden Messern ohne Heft
und Klinge sprechen. Und an einer Stelle wenigstens (S. 34)
spricht Verfasser von der Empfindung und ihrer „Wahrheit",
wie ein Philosoph von seinem unbekannten Ding an sich spricht.
Hier nämlich hebt der Psychologe hervor, dafs es Fälle gebe,
„wo wir bei aller Anstrengung die eigenen Empündungen
nicht, wie sie in Wahrheit sind, erkennen". Indes ist es vrahr-
scheinlich , dal^ neben der Einwirkung Bbektahos noch ein
weiterer Umstand hinzukam, um in Stumpf jene Einwirkung
zu befestigen. Und dieser Umstand scheint kein anderer zu
sein, als das Bemühen der Psych oph ysi k , zwischen Reiz and
Empfindung eine strenge Gesetz mäfsigkoit herzustellen. UnserTon-
psycholüge machte eben in seinen Untersuchungen die Erfahrung,
dafs die diesen Untersuchungen zu Grunde gelegten Schätzungen
tiberauB wechselnden Bedingungen unterliegen.
Ein (strenges) Gesetz, meint daher (S. 51 Änm.l Stumpf,
kann sich nur auf eine einzelne jener Bedingungen beziehen,
welche einzelne Bedingung eben keine andere ist als die „Em*
pfindlichheit".. Bebntano nnn aber hat unsern Psychologen
gelehrt, dafs Empfinden (Voratellen) und Uotersuheiden
(Urteilen) zwei ganz verschiedene Dinge seien ('.), und infolge
dessen betrachtet Stumpf eben jene sehr wechselnden Schätzungen,
womit sich seine Ton Psychologie beschäftigt, als urteile und
überläfst die Empfindungen den Psychophysikern. Denn (S, 35)
zuerst, meint Sihjmpf, müfste man die wechselnden Bedingangen
vor allem der „subjektiven Zuverlässigkeit" kennen lernen, da
ja die reinen (un beurteilten) Empfindungen nur den übrig
bleibenden Rest ausmachen, nachdem erst die Unterscheidungen
und Schätzungen als solche in Abrechnung gebracht sind. Wir
glauben freilieb, dafs die Psych ophysik er mit dieser Eollen-
verteilnng schwerlich einverstanden sein werden. Das in „weitere
Feme" gerückte psychophy sieche „Bestproblera" mag immer-
hin ein Femeprohlem sein, aber nur ja kein Restproblem.
Denn, da wir diesen Rest soeben als eine der vielen Masken-
gestalten des Unbewnfsten aufgezeigt haben , so kann es nun
natürlich nur jene psychophysische Beziehung geben, welche an
Stelle der reinen (unbemerkten) Empfindung das Physische,
nnd an Stelle der heterogenen Funktionen des Vorstellens
and Urteitens das Psychische in seiner Ungeteiltheit und Ein-
heit setzt.
Die mancherlei übrigen Beeinflussungen BKüNTANns, welche
sich bei Männern wie Meinono, Hoefleb, Maett, Ehbenpei.h
sehr deutlich und zum Teil in mafsgebender Weise zeigen,
dürfen wir übergehen. Sie sind teils zu zerstreut, nnd teils
würden sie unserer Krisisbe trachtung doch zu wenig ^eueB
bieten. Dagegen liegt allerdings ein psychologisches Werk \or,
welches, wenn auch schwerlich von Bkektako direkt angeregt,
doch seinem allgemeinen Charakter nach , durchaus in die
Richtung: DKENTANO-TwARnowsKi gehört und dalier hier ein-
gereiht werden mufs. Das angedentete Werk hat G. K. üphugb
zum Verfasser und bezeichnet sich als Psychologie des Er-
kennens')- Das Zeichen des empirischen Standpunktes,
welches, wie bei Beentäno, an der Stirne prangt, täuschte uns
indes nicht lange. Eine nähere Durchsicht zeigte uns, dafs
Verfasser seine gesamte Metaphysik und Erkenntnistheorie nebst
reichlichen und zu selbständigen grofsen Exkursen angewachsenen
historisch -kritischen Bemerkungen nnd Exegesen zu einem
'I Psychologie des Erkennens vom empirischen Standpunkte
Ton GoawiN K. Ufdues (ereter Band). Leipzig (Wilhelm Engelmann)
1898. 318 S.
— 54 —
Büschel zusammengestellt and mit dem Bindfa4en der „em-
pirischen Psychologie des Erkennens^ versehen hat. Dies hatte
nun am Ende in seiner Weise freilich auch Brentano in seiner
allgemeinen Psychologie so gemacht. Indes bei Bbentano hebt
sich eine bestimmte Lehre aus der breiten sich dahinwälzenden
Stoffmasse ab; eben diejenige, welche in die wissenschaftliche
Psychologie eingedrungen und welche wir besprochen haben.
So etwas darf man nun bei Uphues nicht suchen. Der uner-
müdliche Scharfsinn und die ausgedehnten Kenntnisse dieses
Philosophen liegen so tief im Geschiebe der historischen Über-
lieferung darin verschüttet, dafs es ein sehr schlechtes Geschäft
wäre, dieses Bergwerk auszubeuten. Unlängst erst (Viertel-
jahrsschrift f. wissenschaftl. Philos. 1896, Heft 3) haben wir
eine Schrift eines Schülers von Uphues besprochen; und wir
können das früher Gesagte mit den nötigen Änderungen einfach
auf Uphues selbst übertragen. Von jener durch Uphues in-
spirierten Schrift („Bewufstsein der Transzendenz oder Wirk-
lichkeit") von Emil Koch haben wir gesagt und begründet, dafs
sie keine Früchte gezeitigt hätte. Dasselbe müssen wir von
Uphues wiederholen und verweisen zur Begründung dieser Be-
hauptung auf unsere Besprechung der Schrift von E. Koch.
So kehren wir wieder zu Bbentano zurück und betrachten
seine psychologische Intensitäts-Theorie.
4) Brentanos Theorie der Empfindungs-
Intensität ^).
Hatte Bbentano durch seine Vorstellungs- und Urteilslehre
eine Verdoppelung eingeführt, so macht er uns in seinen Bei-
trägen zur Empfindungstheorie im Gegenteil mit einer ein-
schneidenden Vereinfachung bekannt, indem er die Intensitäts-
charakteristik unserer Wahrnehmung und Erfahrung überhaupt
mit einem Schlage abschafft. Wir werden nun freilich sehen,
dafs jene Verdoppelung und diese Vereinfachung wie zwei
Komplementärstücke zusammengehören, und dies eben war der
Grund, weswegen wir hier die spezielle Empfindungstheorie des
Verfassers mit seiner allgemeinen Psychologie in Zusammenhang
bringen. Schon die Art, wie der Philosoph gegen die Annahme
der Intensität vorgeht, ist sehr bezeichnend. Keineswegs etwa
geht der Theoretiker von der Wahrnehmung aus. Jemand,
welcher beispielsweise einfach sagen würde : an einem Ton nehme
^) Die Daehfolgenden eingeklammerten Seitenzahlen beziehen
sich auf Brentanos früher bezeichneten Kongrefs- Vortrag.
— 55 —
ich BDfser seiner Höhe auch seine Stärlie wabr; und wenn ich
eine Farbe sehe, entgeht mir neben ihrer spezifischen Farben-
qualilät und ihrer größeren oder geringeren Reinheit und
Helligkeit anch der Umstand nicht, dafs sie mehr oder weniger
brennt, also von ungleicher In tenai tat ist: jemanden, sagen
wir, der so sprechen würde, läfst unser empiristiseher (!) Psycholog
und Philosoph Überhaupt und von vornherein gar nicht zu
Worte kommen. Sondern er benimmt sich von Anfang an so,
als ob es gar nicht anders sein könnte, als dafs irgend eine
Theorie ganz selbstverständlich das Erste sein mtifste und die
Thatsachen so gnt oder so schleclil wie es eben geht, sich nach
der apriori-Tlieorie zu richten hätten. Die Theorie nun, welche
er bekämpft, stellt unser Neuerer (S. 16 Anm.) als etwas in
sich Absurdes dar und schliefst daraus, dafs hier offenbar Un-
klarheit bestehen mUfste, da aufser ihm die absurde Intensitäts-
theorie noch gar niemand gerügt hätte. Wir indes brauchen
uns mit der von Ebestano so gekennzeichneten absurden In-
tensitätstheorie , welche er überdies sognr als die heiTschende
bezeichnet, gar nicht zu befassen, und lassen es dahi>r auch
ganz dahin gestellt, ob sie wirklich, wie Bebntano behauptet,
die herrschende sei. Für uns kommt eben keine andere Theorie
als diejenige Brentanos in Betracht, und alles, was wir sonst
nooh wissen möchten, dreht sich um nichts als die Frage, wie
sich der Tntensitälstheoretikor zur Erfahrung stellt. Nachdem
der Meister seine Theorie dargestellt, empfiehlt er sie uns gegen
Ende (S, 19) seiner Betrachtung als eine flanschauliche Hj'po-
these" und spricht von dem „Segen", welchen die Einführung
einer anschaulichen Vorstellung ja überall erhoffen liefse. Lassen
wir uns also segnen and hören wir andächtig, was von den
Lippen des Weisen zu uns herüberströmt. Seine „anschauliche
Hypothese" hat Bbektano selbst (S. 9) in die Schlagworte zu-
sammen gcfafst : die Intensität ist ein gewisses Mafs von
Dichtigkeit der Erscheinung im allereigentlicbsten
Sinne. Dichtigkeit der Erscheinung! Dies klingt ja ganz
physikalisch! Aber eben gera'ie dieser freilich in hohem An-
sehen stehende Klang scheint unserem Entdecker im Ohre ge-
summt zu haben, als er seine neue Hypothese ausdachte. Denn
allerdings, es ist nicht anders, jene „Dichtigkeit der Erscheinung"
betrachtet Brentano selbst durchaus nur als Übertragung der
Atom-Vorslellung auf die Empfindung, Der Philosoph, wie er
(S. 16) ausdrücklich hervorhebt, will, wie der Physiker den
Unterschied leichterer und schwerer Stoffe auf die „Besonderheit
— 56 —
der Eollokation*' zurückführt, seinerseits die Intensitäts-Unter-
schiede der Empfindung durch dieselbe (physikalische) Kollo-
katiocs Vorstellung „erklären^.
Wie man sieht, ist dies freilich eine „gesegnete" An-
schauung (!), welche sich von der profanen und erfahrungs-
mäfsigen Anschauung so gründlich entfernt, dafs von dieser
letzteren rein nichts mehr übrig bleibt als ein gebrochener
Widerschein, welcher sich mit den Thatsachen entweder über-
haupt gar nicht verträgt oder ihnen mindestens Gewalt anthut.
Wir wollen von dem starken prinzipiellen Widerspruch, welcher
in der Übertragung der „Kollokation" auf die Empfindung
liegt, sogar ganz absehen, weil wir denselben Widerspruch,
nur eben in anderer Form, schon bei Rehmce angetroffen
haben. Wie wir das von Rehmxe so bezeichnete „abstrakte
Individuum" als Begriffsgespenst kennen gelernt haben, so
ist ja natürlich auch der „Empfindungsraum", das „In-
dividuationsprinzip" und „Gesetz der Undurchdringlichkeit"
der Empfindung, womit sich Bbentano zu schaffen macht, das-
selbe verschwommene Gemengsei. Wer, wie unsere Philosophen,
nur noch die eigene 'innere' Wahrnehmung besitzt und doch
andrerseits die volle Körperlichkeit unserer Umgebung täglich
vor Augen hat , gebraucht eben diese Umgebung nur noch
so, wie der Maler seine Farben und seine Leinwand benützt.
Und demgemäfs zeichnen denn auch unsere Maler-Philosophen
ihre 'innere' Erfahrung auf das Papier der 'äufseren' Erfahrung
und produzieren nun ihre Gestalten aus lauter Wolkenklexen.
Doch wollen wir, wie gesagt, diese nun einmal übliche
philosophische Manier nicht weiter antasten. Sondern wir
möchten gar nichts anderes als nur die Frage erheben: was
für Vorzüge bietet uns denn die Intensitätskollokationstheorie,
wenn wir sie nur, wie die physikalische Atom Vorstellung, als
Hülfsfiktion betrachten ?
Brentano wird uns ohne Zweifel antworten: es sei doch
gewifs ein Vorzug, wenn man eine Sache besser verstehe; und
er hat denn auch an einigen Beispielen dieses bessere Ver-
ständnis der Sache zu zeigen versucht. Folgen wir also dem
Philosophen so weit und betrachten wir seine Beispiele.
Die Mischfarben (und Mischklänge), meint Brentano,
können wir uns so am besten verdeutlichen, wenn wir uns z. B,
(S. 8 — 11 u. S. 17) das Violett aus unendlich kleinen roten
und blauen Mosaikstücken zusammengesetzt denken, und uns
nun weiter die Mosaikmonaden dichter oder weniger dicht zu-
sammengedrängt, oder in gröfseren oder in kleineren Abständen
befindlicb vorstellen. Ein intensiveres Violett ist nnn znsaminen-
gesetzt aus roten und blauen Mosaikstiften , welche für sich
weniger intensiv und d. h. weniger dicht gruppiert oder gelagert
sind. Und analog ist nnn auch der (i|nalitalive) ungeteilte
Mischeindmck des Violett als solcher zu erklären. Denn wie
das Empfiudangsmosaik in ungleichen Abständen gelagert ist,
so ntHssea wir aach unmerkliche kleine Übergänge in den
Qualitäten (S. 6) voraussetzen, so dafs wühl noch verschiedene
Teile im allgemeinen, aber nicht mehr die Verteilung im
einzelnen unterscheid bar ist.
Was speziell die Empfindung betrifft, so haben wir nnn
hiermit diese neue Intensitäts- und Farbeniheorie kennen gelernt.
Und gewifs: wenn sie lachen könnten, die Farben würden über
ihren Hofmeister mit Mosaikaugen in das Lachen der homerischen
Götter ausbrechen 1 Das Violett würde sagen: zwar nur das
Veilchen unter den Farbenblumen , bin ich deswegen nichts
weniger als nur aus lauter unmerklichen Übergängen zusammen-
gesetzt. Und dafs man mich aus Blau und Kot herstellt,
kümmert mich wenig. Denn, nachdem ich einmal bin, was ich
bin, so bin ich gerade eine so vollwertige, selbständige uud
einheitliche Farbe wie jede andere. Zu dieser Stimme gesellen
sich die Übrigen; und vor allen die Kontrastfarben und das
Hell und das Dunkel verstärken kräftig und beifällig die
führende Stimme. Auch der Philosoph kann sich diesem Chor
nicht verschliefsen und wird deswegen doch etwas kleinlaut.
Zwar glaubt er sich mit dem ganzen Sinnesgebiete des Gesichts
dadurch abzufinden, dafs er hier Überhaupt gar keine Intensitäts-
unterschiede anerkennt und sich hierfür (S. 9) auf Hebino
beruft. Nun ist es ja freilich bekannt, dafs man Hell und
Dunkel auch als Farben und insofern als Qualitäten betrachten
darf. Dies gestattet jedoch nicht im mindesten, die Intensitäts-
charaktere der Lichtempündung zu vernachlässigen , sondern es
bat dies offenbar ja nur den Sinn, dafs Hell und Dunkel uns
veranlassen, einen zwiefachen Gesichtspunkt der Betrachtung,
nämlich einen solchen sowohl der Intensität als Qualität, auf sie
auszudehnen. Doch dies sieht Bbentano schlierslicb auch selbst
ein und sagt (S, 11) denn aach geradezu und wohl ganz in
Übereinstimmung mit uns: dafs es nnr in gewissem Sinne statt-
haft sei , den Färb enersch einungen die Intensitätsunterschiede
abzusprechen, Denn in anderem Sinne wäre eine derartige
Annahme entschieden falsch und der Erfahrung entgegen. An
der Schwierigkeil dieses Falles drückt sich daher unser Philo-
soph vorbei, da er mit seinem Fliegengani die Licht- und
— 58 —
Farbenschmetterlinge vergebens za erhaschen sich bemühte.
Was von der ganzen neuen Intensitätstheorie noch übrig zu
bleiben scheint, ist demgemäfs nar die Thatsache, dafs eine
aasgedehntere Fläche, z. B. ein breiterer Streifen Rot, einen
stärkeren Eindruck macht als ein weniger breiter. Doch setzt
dies natürlich immer voraus, dafs die Intensitäten neben den
Qualitäten ursprünglich and fortwährend wahrgenommen werden.
Brentano nun aber verfolgte mit seiner Theorie gerade die
Absicht, die Intensitätsunterschiede aas reinen Qualitätsver-
dichtungen und -Verdünnungen zu „erklären". Eine Erklärung
dieser Art, welche mit der Intensität auch alle übrigen, ein-
heitlich und unzertrennlich mit ihr verbundenen Bestandteile
der Empfindung weg erklärt: eine solche Erklärung, sagen wir,
gehört offenbar ganz wo anders hin als in eine empirische
Psychologie. Und diesem Gefühl vermag sich auch Brektano
nicht zu verschliefsen, wenn er endlich (S. 15, 16) zuletzt doch
mit seiner, alle Anschauung und Erfahrung negierenden Meta-
physik ungescheut herausrückt. Brentano citiert an der an-
gedeuteten Stelle Dercartes und sagt in Übereinstimmung mit
seinem Gewährsmann: würden wir nicht die sinnlichen Er-
scheinungen mit unvollkommener Deutlichkeit per-
zipieren, so würden wir statt eines Scheins von Intensitäts-
unterschieden und Wechseldurchdringung (Mischempfindungen)
nur Besonderheiten der Kollokation in unserem Be-
wufstsein vorfinden.
Wir brauchen dem Leser weiter nicht auseinander za setzen,
dafs diese sich auf die gesamte Erfahrung erstreckende un-
vollkommene Deutlichkeit offenbar ganz dasselbe ist,
was die in ihrem ganzen umfange als verworren bezeichnete
Erfahrungserkenntnis als philosophischer Rationalismas war. Es
ist daher nur ganz in Ordnung, aber freilich eine seltsame
Kombination, wenn sich unser Erfahrungsphilosoph von so
verworrenen Sachen, wie seiner Meinung nach unsere Er-
fahrung ist, ferne hält und sich ganz nur einer reinen und
erfahrungslosen Erkenntnis widmet. Und dafs Brentano dies
wirklich und gerade auch in seiner Empfindungstheorie gethan
hat, dies sehen wir, wenn wir noch die schon von vornherein
und gerade mit Absicht herausgekehrte rein negative Seite der
Intensitätslehre unseres Denkers ein wenig berücksichtigen. Im
zweiten Teil seiner Abhandlung (S. 13 — 15) nämlich kommt es
Verfasser nur darauf an, uns einzuschärfen, dafs alles Nicht-
sinnliche, wie vor allem das abstrakte Denken, gar keine In-
tensität besitze. Und ein Verdienst allerdings räumen wir hier
unserem Gegner sehr gerne ein. Denn sein Scharfsinn hält mit
vollem Recht Sachea ansei d an de r , die nar zu oft entweder
überhaupt gar nicht unterschieden , oder , was noch bei weitem
schlimmer, miteinander sogar verwechselt werden. Intensität
nämlich, sagt Bbt:ntano mit vollem Recht, ist nicht dasselbe, was
ein bestimmter Grad der Überzeugnng oder was eine Zuversicht ist.
Zuversicht und Überzeugung als solche können sehr stark, ja
nnerschatterlich sein, und dennoch ist es gar nicht aas geschlossen,
dafs, was man glaubt, oder worauf man hofft, der Intensität
nach uns nur sehr schwach und kaum wie ein leiser Lufthauch
berührt. Mit dieser letzten Bemerkung nun haben wir die
Grenzen der Übereinstimmung mit Brentako sclion fiberschritten.
BKXirrANO behauptet : was nicht spezifisch sinnlich ist, hat keine
Intensität. Wir dagegen belianpten: alles besitzt eine Intensität
und mnfs eine besitzen, weil auch das zarteste und von der
vollen (sinnlichen) Anschauung am weitesten abliegende Psychische
mit dem Sinnlichen an einer so wesentlichen Stelle wie die In-
tensität seinen Znsammenbang und seine einheitliche Zusammen-
gehörigkeit mit ihm nie verlieren darf. Dagegen allerdings
haben wir volle und nnbescliränkte Freiheit, die verschiedenen
Grade der Intensität behebig abzustufen- Wir können des-
wegen eben im Gegensatz zu Brentano (S. 14) gar eicht ein-
sehen, weshalb im Denken des „Begriffes" 3 oder im „Uiteil"
1 4- 1 =: 2 nicht das mindeste von Intensität stecken sollte.
Viel braucht es ja nicht zu sein. Aber dafs etwas dabei ist,
fühlt man sehr deutlich, man mag sich nun bei jenen mailie-
malischen Beispielen einfach die Ziffer vorstellen oder sie an
einem konkreten Zählakt veranschaulichen. Wenn wir die
genaue Gröfse und Gestalt eines Sandkornes angeben sollten,
so würden wir diese Zumutung freilich ablehnen. Desungeachtet
jedoch sind wir äberzengt, dafs auch das Sandkorn allerdings
eine Figur und Gröfse besitzt. So können wir auch die In-
tensität nur in den wenigsten Fällen und insbesondere auch
dann, wenn sie nnr als schwacher, hauchartiger Nachhai! vor-
handen ist, nicht genauer bezi-ichnen. Aber sie Überhaupt zu
leugnen, fallt uns deswegen doch nicht ein, DaCs aber ein
Philosoph, welcher die wahrgenommene Körper weit als solche
gar nicht gelten läfst, die Intensität leugnet, begreifen wir
freilich sehr wohl. Denn woher anders sollte die (psychische)
Intensität zuletzt stammen, als aus dem Kontakte anderes Or-
ganismus mit der Umgebung?
Nun erkennen wir auch den Znsammenhang seiner Em-
pfind ungstheorie mit der Vorstellungs- und Urteilslehre der
allgemeinen Psychologie anEeres Philosophen. Weil beide Male
die Umgebung fehlt, so tind nun auch sowohl die „Em-
pfiiidungen" als die „Vorstellutigs- und Uneilsakte" eine so
luzide ErkeDDtniB, d&k man durch sie, wie durch eine einzige
gro/se, über HchtloEe Lichtung hin durchsieht!
Dennoch spricht (S. 22 — 23) Beentano znletzt noch von
einer Körperwelt, welche er sich nicht ranben lasse, sondern
sie (die Körperwelt) mit der Naturwissenschaft (?) als Hypo-
these aller Hypothesen betrachte. So freilich darf nur
ein Philosoph sprechen. Denn da für alle Nicht- Philosophen
die Körperwelt in ihrem Gesamlbestand unmöglich jemals
hypothetisch werden kann, so mUssen wir die , Hypothese aller
Hypothesen" in eine Linie mit der Meinung jener Wald-
Philosophen stellen, Kelche die ehemals am Himmel befindliche
Erde zu uns herabfallen und dafür die ehemals unten befind-
lichen Sterne an den Himmel hinaufsteig;en lafat. Wir müssen
diese Wald -Philo sopliie nnr umkehren, und dann erhalten wir
wohl die Hypothese unseres Philosophen, welcher unsere Erde
weit weg von uns an den Himmel verlegt und nun ans Stern-
weite über unsere irdischen Dinge wie über eine „unbemerkte
Empfindung" (!) philosophiert. —
Nun aber genug des Spiritualismus in der Psychologie !
Unsere Absicht war, zu zeigen, dafs die Psychologie, solange
sie ihre Aufgabe noch darin erblickt , einen besondern Gegen-
stand, wie im Sinne Rehmkes: das „Seelen-Konkrete" oder vcie
die spezifischen „psychischen Phänomene", wodurch Bbektäno
die psychologische Wissenschaft zu umgrenzen versuchte , zu
bearbeiten: dafs, sagen wir solange dies geschieht, sich die
Psychologie überhaupt gar nicht auf dem Boiien der Erfahrung
bewegt. Doch mufslen wir uns an diesem Punkte etwas länger
aufhalten, weil er allerdings nicht nur sehr aktuell, sondern
überhaupt entwicklnngsgeschichtlich von grofsem Interesse ist.
In unserem Falle nämlich lernten wir den Spiritualismus nicht
etwa als eine frei in den Lüften schwebende Metaphysik, sondern
als eine Seeschlange kennen, welche den Saft unserer Erfahrung
so ausgesogen hatte, wie ein Vampyr eine ganze Gegend aus-
saugt. Es ist dies eben eine Folge des Umstandes, dafs sich die
Metaphysik zwar in Nebel aufgelöst, aber noch keineswegs zer-
streut hat. Dieser Zustand iüt daher wie dazu geschaffen, eine
allgemeine, bald zu Erweichung, bald mehr zu Verhärtung
neigende Ideen- Schrumpfung einzuleiten, wie wir sie bei Wundt,
Rehmke und Brkntasü geschildert haben.
So weit also wenigstens sind wir. um einzusehen, dafs
— 61 —
die streng erfahrnngsmärsige psychologische B et rachtangs weise
sich nniuöglich in dem Sinne zu einer Wissenschaft empor-
arbeiten kann, daCs sie, wie dies mit Erfolg die Naturwissen-
schaft that, besondere Gegenstände bearbeitet. Was
aber soll die Psychologie dann thun ? Diese Frage, welche in
die methodologische Krisiä überführt, wird uns in unseren
folgenden Betrachtungen beschäftigen.
III. Die meth.odolog'ische Krisle oder Ansehauimg'
und Abstraktion in der Psychologie.
1, Bestand and allgemeiner Charakter der wissen-
schaftlichen Psychologie.
Die metaphysische Krisia in der Psychologie hat uns ge-
zeigt, wie eine alles überwache mde Gel ehrten Spekulation ihre
mit allen Mitteln gelehrter Kunst und geschulten Scharfsinns
fabrizierten, zwar wenig amüsanten , aber in der Wissenschaft
höchst einflufsreichen Geislertheorien derart mit der Erfahrung
verwechselt, dafs die wissenschaftliche Psychologie hinler der
Nebelwand der Spekulation fast ganz verschwindet. Neben
dieser gröberen Art der Erisis giebl es indes noch eine unend-
lich viel feinere. Denn sie ist allerdings gerade die Folge der
höchsten Wissenscliaftlichkeit. Bein wissen sc liaft liehe und streng
theoretische G eist er werden daher die methodologische Erisis
in der Psychologie schwerlich so oline weiteres einsehen. Und
leicht möchte ihnen als Eingriff in ihr höchstes Recht erscheinen,
was doch im Interesse einer zweckmürsigen Verwertung unserer
menschlichen Erfahrung nur geboten erscheint.
Fast gleichzeitig sind eine Reibe hervorragender psycho-
logischer Erscheinungen zu Tage getreten. William Jaues hat
vor einigen Jahren (1891) schon wohl eine der nrafassendsten
GesamldarsteÜungen der Psychologie geliefert. Etwas Ähnliches
wie James als Amerikaner hat Fbieubich Jüdl (1896) als
Deutscher durchgeführt. Das Lehrbuch der Psychologie von
JoDL ist zwar lange nicht so umfassend und geht nicht entfernt
so sehr ins einzelne ein wie die Darstellung von James, Den-
noch gebührt auch unserem deutschen Lehrbuch eine hervor-
ragende Stellung. Denn das Werk von Jodl weist gerade in-
folge seines, in Anbetracht des gewaltigen Materials mäfsigen
Umfanges gewisse eigentümliche Vorzüge auf. Als Dritter im
— 62 —
Bunde zeigt sich Hebmann Ebbinohaus. Bis jetzt hat er zwar
erst den ersten Halbband and die erste Hälfte des ersten Teils
seiner Grundztige der P s y c h o 1 o g i e veröffentlicht. Doch
das Vorliegende ist sehr viel verheifsend, und das Ganze scheint
sehr interessant und bedeutend zu werden. Endlich müssen
wir hier auch Richard Avenabius gerade als Vertreter der
wissenschaftlichen Psychologie den übrigen zur Seite stellen.
Der Verfasser der Kritik der reinen Erfahrung steht
zwar etwas abseits von der breiten Strömung, aber vielleicht
eben nur deshalb, weil er sich näher bei den Quellen befindet.
Jedenfalls werden wir an Avenabius nicht entfernt einen anderen
Mafsstab legen als an die übrigen. Uns interessiert hier nur
die Kritik der wissenschaftlichen Psychologie. Und wenn wir nun
Avenabius, dei bei den Psychologen vielleicht gar nicht als
ihresgleichen gilt, doch einmal unserer Betrachtungsweise ein-
verleiben, insofern sie sich gerade auf die S p e c i a 1 Wissenschaft
der Psychologie bezieht, so kann nur unsere Darstellung selbst
ein solches Vorgehen rechtfertigen. Die genannten Schriftsteller
nun repräsentieren zwar freilich lange nicht den Gesamtbestand
der wissenschaftlichen Psychologie. Indes, auf diesen Gesamt-
bestand in seiner ganzen Breite kommt es uns auch gar nicht
an, sondern unserer Kritik genügt eine bemerkenswerte und
interessante Gruppe aus der Überfülle der wissenschaftlichen
Psychologie. Wir werden uns daher aufser an unsere soeben
umschriebene Gruppe hauptsächlich nur noch an W. Wundt
und Ernst Mach halten, was indes nicht ausschliefst , dafs wir
zur Ergänzung noch manches andere heranziehen.
2. Die Erfahrung und ihre allgemeine
Verwertung.
Nachdem die Naturwissenschaften durch ihre nun schon
seit ein paar Jahrhunderten fortwährend steigenden Erfolge nach
und nach auf den verschiedensten Gebieten sich eine mafs-
gebende Stellung erobert, so scheint nichts natürlicher, als dafs
man sie im gesamten grofsen Reiche des Wissens zum Vorbild
nehme. Naturwissenschaftliche Methode und wissenschaftliches
Verfahren überhaupt müfsten, so scheint es, offenbar zusammen-
fallen. Und neben dem Umstand, dafs sie sich überhaupt zur
Erfahrung bekennt, zeichnet sich denn freilich unsere moderne
wissenschaftliche Psychologie gerade besonders dadurch aas,
dafs sich dieselbe so viel als möglich der exakten Methoden be-
dient und im übrigen die lebendige, die vielgestaltige und viel-
— 63 —
deutige AnschaaiiDg der Etrengea uod starren Form des Begriffe
unterordnet. Die Oberherrschaft des Begriffs als solche allerdinge
ist niuiitB Neues. Nur ist iudes eben die wissenschaftliche
Psychologie bemüht, durch ihr begriffliches Verfahren ihrem be-
sonderen Material nicht mehr, wie dies ja die ältere Richtung
ganz allgemein gelhan hatte, Gewalt anzuthun, sondern dasselbe
in eineoi dem naturwissenscha filichen ganz analogen Sinne auf
die gleichmäfsige und einheitliche Form des Gesetzes zu
brinfjen. Stellt man sich inzwischen die Frage, von welchem
Erfolg die psychologische Gesetzgebungsarbeit gekrönt wäre,
so wäre es ja gewifs sehr kleinlich, nur altein schon deswegen,
weil hier noch vieles zu wünschen Öbrig bleibt, die ganze
.Arbeitsweise zu bemängeln, ohne etwas Besseres an deren Stelle
zu setzen. Indes, uns schwebt etwas ganz anderes vor. Yod
der gröfseren oder geringeren Vollkommenheit des augenblick-
lichen Bestandes der Psychologie sehen wir gana ab. Man mag
dieselbe so vollkommen oder so unvoilkominen annehmen, als
man Lust hat, und ihrer Weiterentwicklung was immer für eine
Prognose stellen: dies alles betrachten wir durchaus als Neben-
sache. Sondern wir möchten unsere Aufmerksamkeit nur allein
für die Frage in Anspruch nehmen: ob nicht gerade am Ende
infolge ihrer grandiosen Wissen schaftl ich keit die Psychologie be-
trächtlichen Schaden leide, und ob es nicht im Gegenteil sehr viel
besser wäre, von der Strenge gewisser Forderungen ein wenig
nachzulassen. Nicht davon, dafs wir überall und so viel als
möglich eine strenge uod gewaltige Wissenchaft hervorbringen,
hängt unser Heil ab, sondern Hauptsache wird doch wohl sein,
dafs wir uns in zweckmäfaiger Weise produktiv erweisen. Ge-
schieht es nun aber im besonderen Falle, dafs der wissenschaft-
liche Apparat soivohl als die Einseitigkeit des rein theoretischen
(begrifflichen) Verhaltens überhaupt das fruchtbare Hervorbringen
nicht mehr fördert, sondern stört und hemmt, dann ist die
Frage, zu welchen Verwertungsarten unsere menschliche Er-
fahrung überhaupt Anlafs bietet, eine ganz natürliche und gewifs
berechtigte.
Überall, wo wir aus verschiedenen Bestandteilen ein Ganzes
entweder machen oder ein aus Teilinhalten zusammengetztes,
aber zusammengehöriges und einheitliches Ganzes als solches an-
schauen oder entdecken, überall dann verhalten wir uns hervor-
bringend. Dass wir diesen Schaffensdrang sehr lebhaft in uns
verspüren and uns am wohlsten befinden, wenn es uns gelingt,
ihn mit Erfolg zu befriedigen, dies beweist einleuchtend,
dafs unsere natürliche Umgebung mindestens fortwährend dazu
i
- 64 —
ennontert, etwas ins Werk zu setztn, wenn sie es nicht vorzieht,
UDB geschenkweise mit ihren Gaben zu überschütten. Aach
wäre es sehr verwnnderlith , wenn uns Natur und Umgebnng
nicht schon von sich aus sehr deutliche Winke geben sollten,
-wie wir uns am zweckmälsigslen zu bethätigen hätten. Unsere
eigene Brost nicht minder als das Antlitz des HimmeU nnd
der Erde sagen nns, dafs wir die Einheit und das Gesetz des
Ganzen in den einzelnen Bestandteilen und ihren Besonderheiten
selbst sehen und finden miilgten. Daher eben kommt es, daä
der unmittelbare praktische Verkehr zwischen Menschen und
Dingen sich wie von selbst und rein instinktiv nicht nnr Über-
haupt einleitet, sondern diesen instinktiven Charakter insofern
fortwährend bewahrt, als uns keine Methode, kein Unterricht
und keine Erziehung weder die Rascbheit der Handlung noch
die Sicherheit, die Beweglichkeit und Feinheit der Anschauung,
wenn wir dies alles in der Hauptsache (als kräftige Anlage)
nicht schon ursprünglich besitzen, beizubringen vermöchten.
Ganz ähnlich wie im gewöhnlichen praktischen Lehen zeigt sich
die Art der Produktion in Kunst und Poesie. Die Bethätignng
auf diesen Gebieten ist auf erhöhter Stufe nur das Abbild
eines praktischen Kiinnens. Und wenn endlich der darstellende
Historiker die Schatten der Vergangenheit heraufbeschwört,
wenn er Menschen, Schicksale und Ereignisse in einen Augen-
blick zusammenl'asst, so kann ihn hierbei niemand un t erst ätz ea ;
er ist ganz allein auf seine eigene Phantasie, seine Findigkeit
und Kraft der Anschauung angewiesen. Aber ein wenig anders
allerdings sieht die Sache aus, wenn wir die abstrakten Be-
griffsoperationen ins Auge fassen, wie sie in der philosophischen
Spekulation, in Mathematik und in den strengeren Gebieten der
Naturwissenschaften üblich sind. Im selben Mafse, wie die Ab-
straktion fortschreitet, zerfällt anch die Einheit und Unmittel-
barkeit der Anschauung. Der einzelne Fall und die all-
gemeine Regel treten auseinander. Begriffe nnd Systeme von
Begriffen greifen ineinander und schweben, obwohl sie freilich
die Anschauung durchsetzen nnd sich überall mit ihr berühren,
doch wie eine zweite, höhere Welt über ihr. Inwiefern daher
die Eigenschaft der Begriffe , konstant nnd (mehr oder
weniger) allumfassend zu sein, mit dem Charaktermerk mal des
streng theoretischen Verhaltens zusammenfällt, insofern haben
wir Veranlassung, diesen begrifflichen Charakter von der Einheit
der Anschauung zu unterscheiden nnd dementsprechend von
theoretischen und (im weiteren Sinne) praktischen
Charakteren oder Werten zu reden. Theoretische und praktische
u
— 65 —
Charaktere freilich gehören der Sache nach dnrOians zasammeii.
Und auch im rein theoretischen Verhalten der slrengereu Natur-
wiBSenschaften , wenn wir wenigstens von ihren hypotheli sehen
und spekulativen Bestandteilen hier ahsehen, sind in Wahrheit
keine andern als [aas theoretischen und praktischen Werten
zusammengesetzte) Misch Charaktere vorhanden. Etwas anderes,
als ein Mehr oder Weniger theoretischer oder praktischer Werte
kann es gar nicht gehen. Und in der Psychologie nun ist
freilich ein besonders feiner, geübter und umfassender Takt er-
forderlich , um immer die richtige Grenzlinie des theoretischen
und praktischen Mehr oder Weniger zn treffen.
Aus Mangel an Takt allein indes wäre es wohl schwerlich
jemals zu einer methodologischen Krisis in der Psychologie ge-
kommen , insofern gerade die höchste Anspannung des rein
theoretischen Verhaltens in Übersteigerung umschlägt, sodafs
die Theorie sich selbst im Wege steht und ihre mit aller Kraft
und Hingebung angesirebten Ziele durch ihr eifienea Ühermafs
beeinträchtigt. Denn gerade auch bei sehr begabten Psychologen
geht manchmal die angedeutete Überspannung sehr tief. Es hat
dies eben seine tief ge wurzelten entwicklutigsgeschichtlichen
Gründe. Nachdem sich einmal das rein theoretische Verhalten
in einem besonderen Gelehrtenstand vom übrigen Leben abge-
zweigt und immer weiter differenziert halte, trat eine völlige
Verschiebung im natürlichen und sachgemäfsen Verhältnis
zwischen Anschauung und Begriff immer deutlicher zu Tage.
Das theoretische Verhalten in seinem ganzen Umfange ist von
unserm Staudpnnkt aus nur cice im Interesse einer ganz
speziellen Richtung durchführbare Verwertung unserer Erfahrung.
Und zwar eine Verwertung, weiche überdies von einem hohem
Gesichtspunkt aus dem (im festgesetzten Sinne) praktischen
Verhalten und der Anschauung in einem gewissen Sinne
sogar dienstbar gemacht werden mufs. Hiervon ganz abweichend,
habeu die reinen Theoretiker nach Art gewisser Poeten, welche
die Welt selbst am liebsten iu einen Roman verwandeln
möchten, die Neigung, die Welt als Ganzes zu einem womöglich
geschlossenen und schön abgerundeten System zu machen. Die
allerhöchste begriffliche Kraft des Menschen begeistert eben
Philosophen und Systematiker derart, dafs sie des Glaubens
leben, als wäre die Welt ganz eigens für sie gemacht. Und
doch lehrt schon ein flüchtiger Blick in eben diese Welt, dafs
jene scharfe Sonderung variabler uud konstanter- Bestandteile,
wie sie das rein theoretische Verhalten nötig hat, zwar viel-
leicht an den meisten Punkten unserer Erfahrung nicht ganz
WiMj. Dil. Krisi» in fler Ptjcb.^logie. n
ansgeschtosaen , aljer aoch fast überall — in fruchtbarer
Weise — nur auf kurze Strecken durchföhrbar ist and fort-
während in eine baldgröfsere bald kleinere GesamtanBChaunng
einiuQnden mul's.
Auf dem Gebiete der Psychologie nun, wo theoretische
und prabtiscbe Charaktere so tausendfach wie sonst nirgends
einander durchkreuzen, verspricht die Schilderung der methodo-
logischen Krisis besonders ergiebig, aber hoffentlich auch ent-
sprechend aufklärend zu werden ').
Die mafägehenden Gesichtspunkte unserer Schilderang und
Kritik sind folgende. Den zwei grofsen , relativ von einander
unabhängigen Gebieten unseres Gegenstandes entsprechend, werden
wir zuerst sogleich zum Kern des Ganzen vordringen und so-
wohl die mehr naturwissenschaftliche Seite oder die exakten
Methoden als auch gerade die Kehrseite , nämlich die sozialen
und entwicklungsgeschichtlichen Bestandteile der Psychologie in
Angriff nehmen.
Und hierauf weiter müssen wir in Wert und Unwert der
Hypothesen, mit Rücksicht insbesondere auf die Psychologie,
Einsicht gewinnen und werden hierbei Gelegenheit finden, über-
dies die prinzipielle Zusammengehörigkeit und einheitliche Wurzel
der metaphysischen und methodologischen Kriais in der Psycho-
logie kenntlich zu machen.
3. Das exakte Verfahren der Psychophysik
jHebsiann Ebbinühaüs).
Mit grofser Sachkenntnis, mit kühler Überlegenheit und in
gewandter und sogar eleganter Darstellung verbreitet sich
Ebbikqhads im Znsammenhange der a1 Igemeinen Fragen^)
') WiKi)itr,uiM> setzt In seiner bemerkenswerten Kekt^ratsrede :
Geschichte und Naturwissenschaft (Htrafaburg 1894), Än-
Bchannng und Begriff in einem ganz ähnlichen jsinne einander
entgegen, wie ich zwischen theoretischen und praktischen
Charakteren unterschieden habe. Und allerdinge glaube ich nüch
nicht zu täuBcben , wenn ich hier ein Zusammentreffen in onem
wesentlichen Punkte hervorhebe. So erfreulich dieser Umstand ist,
BO habe ich freilich keine Gewifsheit, wie weit unsere Verwandtschaft
reicht. Denn in welchem Mafse das Wort: wenn zwei dasselbe
sagen, ao ist es nicht dasselbe, in unserem Falle üutriiFt, muTs ich
hier als offene Frage betrachten, weil der allgemeine ZueammenhaDg,
in welchem unser Zusammentreffen sich findet, ja freilich bei
WiNDEi-BAND ulcht derselbe iet wie bei mir.
^) Vgl. OmndzUge der Psychologie, (Leipzig 189T) Band I,
S. 60—88.
J
— 67 —
auch über Experiment und Messung in der Psychologie.
Seit etwa 20 Jahren hat sich, nach Meinung des Verfassers, in-
folge Aushildung und Anwendung der na tu r wissenschaftlichen
Methoden in der Psychologie, die Wissenscliaft ganz anders ge-
staltet und ist in diesem Zeitraum in eine ganz neue Entwicklungs-
phase getreten. Da jedoch, sehr zum Verdrufs unseres exakten
Psychologen , die prinzipiellen Diskussionen über Sinn und Be-
deutung, ja sogar Zulässigkeit ttherhaupt der physikalischen und
mathematischen Technik auf dem Gebiete der Psychologie immer
noch nicht verstammen wollen: so fand es Ebbik&haus für gut,
in sehr ausführlicher Weise alle betreffenden Fragen zu er-
örtern und seine von ihm eingenommene Stellung zu rechtfertigen.
Es ist sehr verdienstlich, daTs dies geschehen ist. Auf uns
freilich hatte diese methodologische Auseinandersetzung zunächst
nur die Wirkung, dafs Verfasser abermals eine, und diesmal
speziell gerade an ihn sich richtende Kritik des exakten natur-
wissenschaftlichen Verfahrens in der Psychologie zu hören
bekommt.
Unser Psychologe nämlich, wie wir glauben, hat die scharf
geschliffenen Waffen seines glänzenden Arsenals so selir gegen
die eigene Brust gekehrt, dafs er sich auf unserem Waffengang
vielleicht doch etwas mehr verwunden könnte, als er sich in
seiner Siegesgewi fsheit darauf vorzubereiten schien. Um indes
nicht schon von vornherein alle Aussichten auf Verständigung
oder wenigstens Beeinünssung abzuschneiden, wollen wir sogleich
bemerken, dass wir gegen eine gewisse Art der Messsung
nnd des Experimentes in der Psychologie gar nichts einzuwenden
haben. Die in dieser Hichtuug geleistete Arbeit halten wir
keineswegs für verloren und wissen insbesondere auch die ent-
sprechenden Bemühungen von Ebbinghaub sehr wohl zu
würdigen.
Verfasser ist der Meinung, dafs im wesentlichen, von
gewissen, jedoch nnr zufälligen Modifikationen abgesehen, in der
Psychologie ganz im selben Sinne gemessen und gezählt werde
wie in der Physik. Mcht zwar, als ob es überhaupt nur auf
Zahlen ankäme, was ja bei keiner Messung, die etwas Sinnvolles
beabsichtigt und erreicht, der Fall ist, Wohl aber — meint
der Philosoph — ist gleichfalls in der Psychologie ganz wie in
der Physik eine durch mathematisches Mafs und Zahl bestimmte
Thatsache der denkbar genaueste und vollständigste Ausdruck
eben jener Thatsache. Wie den Fallzeilen gewisse zugehörige
Fallräume, und den verschiedenen Atomgewichten bestimmte bei-
geordnete spezifische Wärmen entsprechen: im seihen Sinne
—87) schliefst Ebbinghäüs von eiazelnen abgelesenen
zurück aaf die zagebörigeii Emptimliuigsgrörsen',
und insbesondere bringt er die Measungen von Reaktionszeiten
in Analogie zu den Elektriziiätsbestimmuugen mit Hilfe eines
Galvanometers. Wir unsrerseils seben die Sachen anders an.
Wir glauben, abgezähltes Mesi^en und Zahl Überhaupt wären im
Gesamlumfaiige der Psychlogie so wenig der genaueste und
TOllständigste Ausdruck der Thatsacben. dafs wir in den in die
Psychologie eingeführten Zahlgröfsen nnr ein in gewissem Sinne
zufälliges , obzwar bequemes und in vielen Fällen gewifs auch
wertvolles Hilfsmitte! erblicken, auf Umstände hinzuweisen, die
als solche ganz aufser dem Bereiche der Zahl gelegen
nnd dennoch gerade allein geeignet sind, die Thatsachen der
Psychologie voll und wahr zn machen. Hiermit habe ich unsere
Differenz schon in voller Deutlichkeit and Schärfe angedeutet.
EssDioHAns sieht in den Messungen in Psychologie und Physik
nur einen Unterschied der Schwierigkeit und Genauigkeit- Ich
hingegen glaube, dafs uur die Naturwissenschaften überhaupt
Zahlgröfsen kennen und deshalb alle Mafazablen in der Psycho-
logie nur eine übertragene und gleichsam metaphorische
Bedeutung besitzen. Ist nun aber diese unsere Ansicht nicht
nur eine ebenso oft ausgesprochene, als widerlegte und längst
schon veraltete Meinung'? Dafs man vielleicht einzelnes von
dem, was wir zn sagen haben, auch schon sonst und vielleicht
schon wiederholt gesagt hat, möchte wohl immerhin sein. Doch
alles kommt ja allein auf die begleitenden Grilode und den
Znsammenhang an. So kennt man ja freilich eine Anzahl
Kritiker der exakten Methoden in der Psychologie, welchen
durch ihr negatives Verlialten wohl nar darum zu thun war,
das Licht des Tages zu fliehen und rasch wieder hei ihren ge-
liebten Schatten im Orkus zu schweifen. Hingegen unsere
Kritik soll ganz nur der wissenschaftlichen Psychologie dienen.
Wir bestreiten ja die Berechtigung der exakten Psychologie
keineswegs und glauben gerade durch unser abweichendes Ver-
halten die Hilfsmittel der Naturwissenschaft nur um so sicherer
und mit gröfserem Erfolg in den Gesichtskreis der Psychologie
zu ziehen.
Inzwischen müssen wir zunächst zusehen, wie Ebbisghads
Experiment und Messung als Hilfsmittel der Psychologie schildert.
Denn diese Schilderung gerade war es, welcher wir unsere Kritik,
und zwar inwiefern dieselbe auch sclion in der Psychophysik
die Psychologie als Ganzes kennzeichnet, verdanken.
Ebbinghäüs findet es merkwürdig, da(s man nicht schon
längst wisse, was es heifse, eine Empfindung ist das 2-, 3-,
4facbe einer anderen Empfindung, Denn die Antwort auf diese
Frage existiere ja schon längst. Die Äslronomen, meint der
Philosoph (8. 62—64), sagen es uns ja sehr hübsch, wenn sie
die verschieden hellen Hterne in die 1., 2., 3. u. s. w. Gröfsen-
klasse einteilen. Aber wie doch — was sagen uns denn die
Astronomen? Zunächst sagen sie uns, dafs die Hetligkeits-
differenzen an sich verschieden beller Sterne oft den gleichen
Eindruck machen, und dann benützen sie weiter diese Thntsache
und bezeichnen die einzelnen den verschiedenen Helligkeiten
entspi echcnden Sterngrofsen oder Abstände mit 1, 2, 3 u. s, v.
Die Zahlbezeich nung nun macht Verfasser zu einem psychischen
Messen und sagti wenn z. ß. Sterne 4. und 5. Gröfse ver-
glichen mit einander den Eindruck einer gleich grofsen Hellig-
keitsstnfe machen wie Sterne 5. und 6. Gröfse, so heifst das
offenbar so viel wie: Sterne 4. nnd 6. Gröfse verglichen mit-
einander machen den Eindruck einer doppelt so grofsen
HelUgkeitsstufe , wie Sterne 4. nnd 5. oder Sterne 5. und 6.
Gröfse. Diese, wie der Philosoph sie nennt, so offenbare Gleich-
setzang verschiedener durch eine oder zwei Ziffern voneinander
abstehender Gröfs en klasscn mit einer einfachen und
einer doppelten Empfindung ist indes eine offenbare Ver-
wechslung des St ernkÖrper-Zählens nnd -ürnppierens
mit einem zahlenmäfsigen Abschätzen des S ternenlicht-
Empfindens. Der Astronom, wenn er wirklich nur ein
solcher und nicht vielleicht auch noch ein Philosoph und Psycho-
physiker ist, wird, was die Empfindung betrifft, gewifs nie
etwas anderes aussagen als gleich nnd ungleich, stärker
und schwächer. Niemals; wenn der Astronom beispielsweise
die 1. und 2. und 2. und 4. Stcrnklasse miteinander vergleicht,
fällt es ihm ein zu sagen, dafs die HelligkeitsdifTerenz als Em-
pfindung bei Klasse 2 und 4 doppelt so grofs wäre, als
bei Klasse 1 und 2, Denn gewifs würde er sich gegen eine
solche Zumutung nur verwahren. Der Astronom weifs ja eben
nur zu gut, dafs die (in der Empfindung) etärkern and
Bchwächern Sterne nur zahJenmäCsig benannt nnd eingeteilt
(gruppiert) aber nicht gemessen werden. Also gerade das
Seispiel der Sternklassen bestätigt die alte, längst bekannte und
schon oft ausgesprochene Wahrheit, dafs es rein willkürlich ist,
ob ich von einer Empfindung verglichen mit einer andern sage :
sie sei doppelt oder 100 nnd 1000 mal gröfser oder kleiner.
Denn einen zablenmäfsigen Mafsstab giebt es im Bereich der
Empfindung schlechterdings nicht. Statt es also mit dem Philo-
k
- 70 -
GDpben wunderbar za finden, weshalb wir wohl erst so spät die
Entdeckung machten, dafs die Astronomen schon so lange eine
anbewufste, die Empfindung messende Psychophysik gelrieben
hätten: sollten wir uns vieSmehr darüber wandern, weshalb schon
ein täuschendes Wort und Äquivokation wie Gröfsenklnsse
und Helligkei tssCufe genügt, am die offenkundigsten That-
sacben zu mifsdeuten. Inzwischen wissen wir, dafs es gewisse
Grel ehrten Vorurteile giebt, die, wie sie gegen das Einfachste nnd
Natürlichste blind machen, so umgekehrt im Künstlich-Gemachten
und Gewaltsamen den höchsten Triumph des Erkennens erblicken.
Als was sich in ansernj besondern Falle diese Vorurteile aas-
weisen, werden wir bald genug erfahren. Vorerst indes möchten
wir an einigen Beispielen deutlich machen, was wohl, da doch
keine einzige psychische Gräfse eine Zahlgröfse ist, die
exakten Marsmetboden in der Psychologie za bedeuten
hätten^ Nun, schon das astronomische Beispiel der Sterngröfsen-
klassen ist geeignet, unsere Frage zu beantworten. Wenn wir
die verschieden bellen Sterne durch Zahlen benennen nnd
gegeneinander abgrenzen , sind wir mit dem Uiramel , weit wir
ein Orientiernngsmittel besitzen, schon viel vertrauter. Wer
als ganz Gefibler die Gröfsenk lassen der Sterne am Himmel
ohne weiteres abliest, hat schon infolge dieses Umstandes allein
ein ganz anderes Gesamtbild; ihm wölbt sich fast schon der
ganze Himmel anders als dem Unkundigen. Wenn wir nun
weiter geben und einen Fall wählen, der den psychophysiscben
Experimenten entsprechend eine Empfindangsreibe oder Strom
von Empfinilangen mit physischen und d. h. räorolich be-
stimmten Gröfseu in Beziehung setzt, so können wir als solchen
die Skala der Wärmegrade auf dem Thermometer betrachten.
Denn gewöhnlich benützen wir das Thermometer nicht als
Instrument zu physikalischen Zwecken , sondern ganz wie eine
psych ophysische Skala. Wir wollen nur wissen, wie empfind-
lich kalt oder warm es an einem bestimmten Tag im Jahre
war. Dies wie warm oder wie kalt bedeutet aber offenbar nie
ein zahlenmäfsiges so viel oder so viel mal. Wenn wir den
Abstand höchster Sommerhitze und tiefster Winterkälte durch
+ 30" und — 20" andeuten, so hätte die Aassage, dafs wir
das eine Mal 60 mal weniger und das andere Mal 50 mal mehr
Wärme fühlen entweder gar keinen oder einen rein vvillkür-
lichen Sinn. Wohl aber erleichtert uns die Thermometerskala
das Hervorrufen der konkreten Situaton, sodafs wir wissen, wo-
i die Rede ist. Und sogleich fUhleo wir denn auch schon in
der Erinnerung sehr lebhaft, wie uns bei — 20" und + 30"
- 71 —
Warme jedesmal zu Mute ist. DaCs wir nämlich bei + 30"
mitten im Freien wie in einem Dampfbade schwitzen und bei
— 20 ** von einer heirsenden, steif und slarr machenden Beize
wie umflossen sind.
Nichls anderes nun, als ein Hilfsmittel, unsere Anschauung
in einem intimen und intimsten Verkehr mit der Umgebung zu
verfeinern und im einzelnen Falle sie so voll als möglich schon
in der Erinnerung hervorzurufen, sind die psychophysischen
Methoden. Sehr hübsch beweisen dies zwei vom Verfasser
(S. 83 — 84) besprochene Beispiele. Zwei graue Farbenstreifen
von derselben Helligkeit sehen auf weifsem und schwarzem
Grunde sehr verschieden hell aus. Variiert man nnn das Grau
und ersetzt die ursprünglichen gleich hellen Stücke durch zwei
ungleiche Grau, so tritt der Fall ein, dafs sie auf dunklem und
hellem Grunde gerade gleich hell aussehen. Auf diese Weise
schaut man die schon ursprüngliche Kontrast-Differenz und Kon-
trast-Erhöhung wie durch ein Vergrörseruugsglas an. Die so
zarten und flüchtigen Kontraat-Erscheimingen sind uns nun viel
fafslicher, ihr leises Verschwehen verdichtet sich zu fester Ge-
stalt, die uns wie in greifbare Nähe gerückt erscheint. Etwas
Ähnliches haben wir, wenn man ein mäfsig schweres Gewicht
eine Zeit lang gehoben hält. Das Gewicht scheint leichter zu
werden, denn man fühlt die drückende Last nicht mehr so
schwer wie im Augenblicke des Ilebens. Belastet man nun die
zweite Hand mit einem geeigneten leichteren Gewicht, als die
erste trägt, so erscheinen uns eine Zeit lang beide (ungleich
schwere) Gewichte gleich, und die Kontrastnüance ist durch den
Abstand beider Gewichte wie verkörpert. Freilich Ebbinöhadh
sieht die Sache nicht ganz so an. Er wählte die Beispiele, ora
zu zeigen, dafs man den Kontrast zahlenmäfsig bestimmen und
in Zahlen gleichsam einfangen könnte. Indes, ganz wie die
Empfindungsstufen bei den Sterngröfsen- Klassen betrachtet der
Philosoph die Kontrast Beispiele doch auch wieder nicht. Er
unterscheidet nämlich zwischen direkten und indirekten Messungen
in der Psychologie, und rechnet die Mafszahlen des Kontrastes
zu den indirekten oder un eigentlichen Messungen. Im be-
sonderen bezeichnet er denn auch das Ko nt rast ge wich t , wenn
wir so sprechen wollen, als eine den Vorgang charakteri-
sierende Zahl, Eine Schilderung dieser Art, so kurz dieselbe
ist, könnte man nnn sogar versucht sein, ganz in unserm Sinne
auszulegen und die Zahl in der Psychologie nur wie ein Sinn-
bild und gar nicht im strengen und eigentlichen Sinne als
Zablgröfse zu verstehen. Wir werden jedoch finden, dafs
t
dies schwerlich die Meinnng dcE Verfassers ist, weil Aber dem
Ganzen eine Wolke der Unklarheit schwebi. Wir werden dieeea
Üänunerschleier schon uoch kennen lernen, und wir werden ihn
auch (Inrcbsichtig machen. Inzwischen möchten wir im frOhero
Zusamnien hange fortfahren und zunächst die Messungen von
ReaklioQszeiten von nnserm Gesichtspunkt ans betrachten.
Wenn wir zur Walirnehmuug unserer Sinnesein drücke eine gewisse
Zeit brauchen and diese Eindrücke in verschiedenen Fällen
in verschiedenen Zeiten nach aufsen kundmachen, dann könuen
wir doch offenbar die Zeiten ganz genau messen und in Zahlen
ausdrücken. Giebt es also hier nicbt doch auch auf psj'chischem
Gebiet ein wirkliches Messen V Die Zeil ist ja überall dieselbe
und läfst sich überall zahlenmäfsig hestimmen. Jawohl, Zeit
und Zeitniafs sind überall prinzipiell dieselben; auch geschieht
ja alles in der Zeil. Aber was in der Zeit geschieht, ist gar
sehr nicht überall dasselbe. Eine zurückgelegte Wegstrecke
z. B. bestimmen wir durch Zeil und Geschwindigkeit so, dafs
wir sie stückweise zusammensetzen. Die einzelnen Stücke sind
einander voUkcmmen gleichartig und können eins an Stelle des
andern gesetzt werden. Alle MaCsbeBtandteile nämlich sind hier
lauter Kaumstücke. Denn Zeit und Geschwindigkeit, sobald sie
als Mafs und Gemessenes in Betracht fallen, verschwindea
als solche augenblicklich und lassen wie der ausgeschlüpfte
Schmetterling nur ihre Hülle zurück. Sollen wir nun dem analog
auch das menschliche Individuum , wenn wir seine psychischen
Reaktionszeiten bestiininen , als ein Ding ansehen, das sich (in
abstracto) stückweise zusammensetzen lal'st, sodafs wir die Ter-
Bchiedene psychische Beweglichkeit und Geschwindigkeit ver-
schiedener Individuen als Mafs- und Zahlgröfse zu Grunde legen
könnten ? Nun, ich weifs nicht, wie sich die Psych ophysiker zd
dieser Fr^e stellen würden. Wohl aber werde ich die Gründe
angeben , weshalb ich die Frage verneine , und weshalb auch
im Falle der psychischen Reaktionszeilen alle Zahlen nur eine
rein symbolische und gar keine mathematische Bedeutung be-
sitzen.
Es ist ja freilich gewifs, verschiedene menschliche Individuen
fassen verschieden rasch auf. Manche unterscheiden Formen,
Farben und Töne leichter als andere, und nehmen entsprechende
Unterschiede früher und sicherer wahr. Kein Zweifel besteht
femer, dafs es experimentell möglich ist, auf, in angedeuteter
Richtung genau gestellte Fragen entsprechend genaue Autworten
zu erhallen. Aber was anders sollten wir auf diese Weise
erfahren , als dafs uns die betreffenden Unterschiede durch
— 73 —
einsetne, eorg^ttig nmschrieljeDe konkrete Beispiele ?erdentlicht
werden? Denn die Gröfsea-Charakteristik als soldie behält ihre
Vieldeatigkeit ond Uubestimnitheit nach wie vor bei. Über ein
mehr oder weniger, ein stärker and schwächer
kommen wir nirgends hinaus. Wenn beispielsweise jemand in
manchen Sinnesgebieten besonders rasch wahruimml und feine
Unterschiede kennt, so erhalten wir über dieses besondere Ver-
halten dnrcb Zahlen keineswegs gduauere Gröfsen-Ängabea.
Jede zahlen m als ige Gröfsenbestimmung nämiicb setzt allerdings
Bestandteile voraus, die wir stückweise (dnrcli gleichartige Ein-
heiten) zusammensetzen können, und dies trifft nur hei räamlichen
Grölen zu. Und in Wahrheit zählen und messen wir denn
auch nichts anderes als Raum und Räumliches, entweder direkt
oder indirekt. Indirekt, wenn wir z, B, Wärme und Elektrizi-
tät durch riiumhche Äquivalente messen, Dafs man gerade
vor allem diskrete Dinge und abstrakte Gröfsen zn Zähleinbeiten
macht, ändert am Raumcharakter des Zählens nichts, weil ja,
worauf alles ankommt, die gleichen, beliebig anein an derfüg baren
Einheiten immer, wenn gemessen oder gezählt werden soll, vor-
hauden Bein mfissen. Giebt es nun im Psychischen dergleichen
gleiche, beliebig miteinander verlauschbare Einheiten? Könnte
etwa jemand sagen, was eine Vorstellung und was ein Ge-
fühn Und wenn er es könnle, wäre er dann weiter imstande,
die bezeichnete eine Vorstellung beliebig zu wiederholen und zu
vervielfältigen ? Oder sollte es sich vielleicht mit den
Empfindungen anders verhalten, welche der Psychophysiker
zu messen vorgiebt ? Fällt , wenn psychische Beaktionszeiten
gemessen werden, das Gemessene nicht ausschlierslich auf den
Zeichenapparat , welcher die Zeiten in Eaumstrecken angieht,
und sind die zugehörigen Empfindungen und Wahrnehmungen
nicht einfach eine durch das experimentelle Verfahren verdeut-
lichte and konkreszierte Erscheinung, welche uns mit dem zahlen-
mälsig nnfafsbaren und rein relativen Intensitätscharakter
vertraut und beimisch macht ? Wenn wirklich , wie wir be-
baopten , aufser dem Bereich des angedeuteten Raumcharakters
ein Zählen und Messen gar nicht denkbar ist, dann ist diese
Frage offenbar zn bejahen. Ebbimghaüs freilich scheint der
Meinung zu sein, man könnte auch ohue Raamcharakter messen.
Aber allerdings hält er Messungen dieser Art , wozn in seinem
Sinne eben gerade die eigentlichen psychischen zahlen mäfsigen
MaEsbestimmnngen gehören sollen, für besonders schwierig. Und
so sehr ist sich unser Psychophysiker dieser Scbwieriglieiten
bewulst, dai'a er sie in ebenso offenherziger als interessanter
- 74 -
Weise beschreibt. Denn hier, bei diesen Schwierigkeiten mnis
es sich zeigen, ob denselben iiur besondere Komplikatioaen des
Messen E und nicht vielleicht prinzipielle ünklarbeiteD und
Widersprüche zu Grunde liegen. Verfasser kennzeichnet
zunächst in sehr eingebender Weise die besonderen, bei
der Messnag der Empfindongsintensität hauptsächlich von
Theosor Fedhneb ausgebildeten psychophysischcn Methoden.
Er zeigt, wie die rein änfserlich zusammeDgestellten bekannten
vier Methoden in Wahrheit zusammengehören und von einem
einheitlichen Gesichtspunkt aas, der übrigens in der Anwendung
eine der ursprünglichen Unterscheidung analoge und nur noch
viel reichere Gliederung herbeiführt, aufgefafst werden müfsten.
Ohne den Wert und die vollständige Sacbgeraäfsheit dieser
speziellen methodologischen Darstellung im mindesten zu ver-
kennen, so interessieren uns dennoch nur die Schwierigkeiten,
welche die Durchfuhrung der psycbophysischen Intensitäts-
methoden im Gefolge hat. Das menschliche Individuum, wie
Verfasser (S. 79) seihst besonders hervorhebt, geht nur als ein
ganzer Mensch in die experimentelle Untersnchnug ein. Und
doch soll derselbe ganze Mensch, solange er unter den Händen
des Psychophysikers ist ,■ arbeiten wie ein Prazisionsinslrumeut!
Diese zwei Worte schildern schon vollständig den Charakter
unserer Schwierigkeiten und lassen uns ahnen, was es heifst,
wenn unser Psych op hys i ker , obwohl er die allerlei Nebenge-
danken und tortwährend wechselnden Stimmungen , welche die
experimentell abgenötigten Aussagen begleiten, völlig in der
Ordnung findet, wenn — sage ich ^ unser experimenteller
Philosoph in allen jenen mitschwingenden übertönen des ganzen
menschlichen Individuums doch wieder nur eine Trübung
dessen sieht, was man eigentlich erfahren wollte. Diese
Trübung, welche hier freilich so viel als der Mensch selbst ist,
wird nun also — was wird dieselbe doch gleich — sie wird
wie ein getrübtes Glas Wein gerüitolt und geschüttelt und zeigt
sich nur immer, je mehr man schüttelt, um so stärker. Aber
das, was man eigentlich wissen möchte, erfährt man nie.
Und was ist es denn, was man wissen möchte? Nun, eben eine
Art psyehomechanischer Präzisionsarbeit. Man möchte im Innern
des ganzen Menschen einen Empfindungsapparat entdecken, den
man mit Fug und Recht nur wie einen experimentell befragten
Beobachter betrachten könnte, um sich seine Antworten zu merken
und hübsch zu verzeichnen, wie man die Pendelschläge der Uhr
zäblt und ihren Zeigerstand abliest. Doch nein — wendet uns
wohl der Psychophysiker ein — doch nein, wir wollen gar kein
)L
- 75 —
Uhrwerk entdecken, soodern wir möchten nur, soweit der Mensch
wirklich auch in psychischer Hinsiebt so gesetzniäfsig wie ein
Uhrwerk ist, den Gang dieses, freilich änfserst fein gearbeiteten
und auf die leisesten EinSüsse reagierenden Werkes regulieren.
Dann also sind unsere Schwierigkeiten wohl Uören-Eegulier-
schwierigkeiten? ja, und von ganz ausgesuchter Art!
Man mag es (S. 79 — 82) anstellen wie man will, man wird
die bOsen Geister, die man rief, nie mehr los ! Läfst man die
Versucbsreize in göfseren Sprüngen variieriin, dann raiscbt sich so-
gleich der Kontrast als Störenfried ein, und was als g 1 e i c h aasgesagt
werden sollte, wird, eben infolge des zu grofsen Sprunges für kleiner
oder gröfser erklärt. In anderer Weise führt das gegenteilige Ver-
fahren irre. Wenn die Versachsperson nur weifs, dafs mit ver-
schiedenen Beizen unregelmäfsig gewechselt wird, so erwartet
sie, wenn man einmal vielleicht ausnahmsweise etwas länger
in einer bestimmten Reizregion bleibt, jetzt nur nm so mehr,
daCs endlich etwas anderes kommt und giebt im einzelnen Falle
da^ Urteil in diesem Sinne ab, obwohl thatsäcblicb nichts ge-
wechselt hat. Noch schlimmer wird die Sache, wenn man zu
viel nur relativ kleine Reizdifferenzen zur Beurteilung vorlegt.
Der Beexperimentierte müht und quält sich nun vergeblich ab,
Dinge zu wissen, die, wie eben so zarte Kleinigkeiten, oft that-
sächlich gar nicht wifsbar sind. Indes, wenn man dem lange
Gequälten gerne zu Hilfe käme nnd ihm die Sache gerne recht
leicht machen möchte: dann gerade trifft man weit vom Ziel.
Denn relativ grofse und daher an sich leiclit unterscheid bare
Keizabstände verschaffen dem Befragten zwar freilich Kr-
leichterung, aber verfQhren ihn auch alsbald zu Leichtsinn nnd .
Übermut, sodafs er nun in dieser Stimmung andere als die
gröbsten Unterschiede gar nicht mehr beachtet. Dies ist dem
Befragten aber auch wirklich zu verzeihen. Denn er gleicht
ja ganz einem Zeugen vor Geriebt, der, als Mann aus dem
Volk, den Kreuz- und Querfragen, welche Richter und Anwälte
an ihn stellen , sich unmöglich gewachsen fühlt und dann sich
zuletzt, wenn nicht müde und verwirrt, so doch in seinen
Antworten gewifs gleichgiltig und unaufmerksam zeigt.
Doch alles wird schon besser gehen. Setzen wir Frage-
und Antwort-Experimente nnr genügend lange fort, so etwa
einige Wochen mindestens, wohl auch monate- und vielleicht
jahrelang. Aach die Drillexerziziea und asketischen Übungen
sind ja im Anfange sehr schmerzlich, aber nach and nach ver-
richten wir sie wie eine tägliche Morgen an dacht. Übung erst
macht den Meister! Aber so recht schön gleichmäfsig will die
\
■ — 76 —
Übfing in nnserni Falle nie werden, nnd alles bleibt in einem
ewigen Schwanken zwiEcbeu Übung und Ermüdung. Und doch
Bullte sich der befragte Beobachter fortwährend so viel als
möglich in derselben subjektiven Verfassung befinden. So häuft
sich aaf die alte nur immer «ieder neue Experimentierqual.
Jene Übungsschwankungen mtlssen durch erneute und wleder-
bolle Versuche geebnet und ansgegüchen werden. Aber ein
bifschen Folter schadet ja auch nichts. Ist der Delinquent erst
gehörig durchweicht und gegerbt, dann setzen wir noch ein
wenig den Schraubstock und Hobel an, und nun ist er genügend
gebügelt and reguli^t.
Dies ist ein etwas teurer Preis, um einige und dazu iinmer
noch anfechtbare Durchschnittszahlen und Mittelwerte zu erhalten.
Dasselbe oder doch ein ähnliches Ziel könnte wohl auch auf
eine etwas menschlichere und weniger grausame Weise erreicht
werden. Wäre es der Sache nicht viel zuträglicher, wenn man
diese Experimente am Lebenden so gestalten würde, daTs man,
statt hohe Regulierkunst zu treiben, aach bis in die feinsten
Spitzen hinein immer den ganzen Menschen frei zu Worte
kommen liefse V Freilich murste man dann mit jener Grund-
vorstcllung und Grundvoraussetzung, von welcher durchdrungen
EBBiNßUAns seine Materie experimentell bearbeitet, wenn nicht
radikal verlassen, so doch wesentlich modifizieren. Denn
dies gerade unterscheidet das ganze menschliche Individuum
von einem StQck Naturkörper oder Kunstprodukt , dafs es an
keiner Stelle nicht entfernt jene strenge und peinliche
Sonderuug zwischen konstanten und variabeln Bestandteilen and
Vorgängen verträgt, wie eine solche Sondernng in den physi-
kalischen Wiflsen sc haften durchführbar ist.
Auf welche Weise sind denn die Astronomen zu ihren
Sternklassen gekommen, wie hat jeder von ihnen an sich selbst
die persönliche Gleichnng erfahren, und wie bringt ra
der Musiker dazu, dafs er immer gleichmärsiger feine und feinste
Töne deutlich wahrnimmt? Dies alles kam zustande im Zu-
sammenhange mit dem gesamten Berufsleben. Mitten iu die
gröfseren Züge jener Berufsarien schlagen als sanfte Wellen
auch die feinen psychophysi sehen Variationswerte. Nnn
schwimmen Musiker und Astronom ruhig weiter. Bald und
unvermerkt werden sie mit jenem zierlichen Variationsgekräusel
vertrauter und freuen sieb des Anblicks. Will man nun aber
die Sache als etwas für sich and methodisch betreiben, so darf
man dennoch einen weitern Gesichtskreis nie zu sehr verlassen.
Dafür dürfte man auch die Experimente freier gestalten, und
- 77 —
könnte sie mehr gelegentlich nnd anr in halber Strenge vor-
nehmen. Dem Ernst der Sache geschähe dadurch nicht im
geringsten Abbrach. Es bliebe ja dem Paychuphysiker r\acM
wie vor unbenommen, seine Methoden zur höchsten Raffinerie zn
steigern. Nur allerdings Experimente, welche mit Absicht sinn-
lose Wörter und Silben zählen, um den Mechanismus des Ge-
dächtnisses doch ja recht gründlich kennen zu lernen, müfst«
man unterlassen. Es käme ja jetat gar nicht mehr darauf
an, vollkommene Konstanten austindig zn machen, sordern nur
Werte zu schildern , welche im kleinen eiu Bild des ganzen
Menschen bieten. Und hierzu gerade wären ja die psycho-
physischen Methoden sehr wohl geeignet. Immer ja haben wir
bisher schon hervorgehoben, rnft das eiperim enteile Tei fahren
in der Psychologie neue und eigentümliche Erscheinungen hervor,
v^orin sich der Mensch in einer oft interessanten Weise spiegelt.
Natürlich mnfs Ebbinohaus als Eingeweihter diese Erscheinungen
besonders gut kennen, und er sagt {S. 79} denn auch geradezu, da/s
allerlei auftanchende Nebengedanken , weil durch die Methode
selbst veranlafst, völlig, wie wir schon hörten, in Ordnung wären.
Aber wie wir gleichfalls schon gesehen haben, bezeichnet be-
merkenswerter Weise unser Psychophysiker eben jene durch die
Mafsmethoden erzeugten ordnnngsmäl'sigen Erscheinungen als
Trähung dessen, was man eigentlich wissen möchte. Indes, die
Trtthung hat vielleicht doch wo anders ihren Ursprung. Und
dies wollen wir dadurch zeigen, dafs wir unsere frühere Be-
hauptung, dafs nur im liereiche der Kaum Charaktere eine
(zahlenmäfsige) Messung überhaupt denkbar wäre, zu Ende be-
gründen.
Die Intensität von Empfindung und Wahrnehmung hat in
gewissem Sinne etwas Täuschendes nnd Paradoses an sich. Alles
Sinnliche und also auch die Wahrnehniungsintensität ist ja doch
etwas sehr Positives, und dennoch, sobald man sie ihrer Gröfse
nach mathematisch fassen oder wie Verfasser sagt , in Zahlen
einfangen will, entfernt sie sich nur um so weiter von uns.
Denn alle psychischen Inlensiiäten schweben als GröTsen-
charaktere in lauter Belationen. Die Zahlgröfse hat
daher hier gar keine Stelle. Dies nun scheint deshalb so
paradox, weil die Wahrnehmung in ihrer Unmittelbarkeit und
Greifbarkeit zugleich in iauter verschwebenrte Relationen auf-
gelöst zu sein scheint. Indes es ist nicht anders , und der
paradoxe Schein verschwindet sogleich, sobald wir zwischen der
Wahrnehmung als solcher und ihrem intensiven Gröfsen-
charakter genügend unterscheiden. Mag etwas als hlofs Wahr-
- 78 —
genommenes noch so poEitiv sein, so verträgt sich hiermit sehr
nobl, daTs seine tirbfsenwerte gar keine ZablgrÖfEen, sondern
lauter an sich vieldeacige und ganz Dnbestimmte mehr und
weniger, stärker und schwächer sind. Nan fällt zwar
in die psychische latensität neben den zahienmäfsig nnbestimm-
baren mehr und weniger anch die Relation von gleich
und ungleich. Diese (positive und negative) Oleichbeits-
reltttion ist freilieb als solche eindeutig, aber sie ist noch keine
Zahl, sondern nur ein Etwas, das sieb stets in derselben
Weise wiederholt. Dieser etwas paradoxe psychische Iiitensitäts-
charakter scheint mir, hat Ebbisohaus getänseht, als er sich
zo zeigen bemühte, dafs man auch reine Emptindungsintensitäten
zählen and messen könnte. Nichts, sagt unser Philosoph, ist
doch einfacher, als einzugeben, daTs man ganz wohl Empfindungen
messen kann. Eine Empfindungsgröfse (S. 64) als Mafseinheit
definiert Ebbinghäus als ein von zwei Empfindungen begrenztes
Intervall oder eine Stufe von einem gewissen Umfang. Wenn
man nun, werden wir weiter belehrt, eine Anzahl solcher Stufen
80 oft aneinanderfflgt , als Emptindungsunterschiede vorhanden
sind , die wir ihrem nnmittelharen Charakter nach alle als
gleich grofs bezeichnen, dann hätten wir eben die Empfin-
dung gezählt und gemessen. Doch nein! sondern, wenn wir es
machen, wie der Philosoph ea uns vorschreibt, dann haben
wir einfach gewisse — zahlenmäfsig ganz unbestimmte —
Gröfse 11 -Relaiions werte so oft nnd oft wiederholt. Um jedoch
zählen und also auch messen zu können, müssen wir absolut e
Gröfsen haben. Und der einzige Fall in unserer ge-
samten Erfahrung, welcher uns mit absoluten oderZahl-
gröfsen bekannt macht, ist nur der R a u m Charakter. Hier allein
haben wir gleichartige und von einander unabhängige
Einheiten, die wir aneinanderfügen und abzählen oder abmessen
können. Aach die algebraischen Gtröfsen, die a b s y haben
Raam Charakter, den es sind absolute oder Zahlgröfsen und sind
nur, als allgemeine Zahlen, von der besondern (gröfsern oder
kleinern) Zahlenzusammengesetztheit unabhängig. Die vom Ver-
fasser so bezeichneten Empfindungsstufen jedoch sind gar
keine absoluten, von einander unabhängige und für sich be-
stehende Zahleinheiten, sondern jene Stufen sind Ter-
gleichungsseindrücke and Sprünge von einer Gleichheit
(oder Ungleichheit) zur andern. Wer aber könnte mit einer
Grö&enfolge, die nur aus den Zeichen > <: und = zusammengesetzt
wäre, noch rechnen?! In dieser Weise aber Empfindungen zu
zählen and zn messen, hat der Philosoph an uns die Zumutung
- 79 ~
gemacht. Und er hat sich sogar noch verwundert, darg man
dies niclit schon längst gethan hätte !
Oder glanbt EBBiN&nAci' am Ende wirklich, dafs analogu
(gleiche) Ebenmerklichkeiten oder eben solche Überraerklichkeiten
ahsolute und zahlenmäfsige Mafseinheiten wären? Wir
wissen es nicht. Äher nur um so dringlicher sind wir daher zu
unserer Frage genötigt. Denn eben auf jene Behauptung, die wir
in jener Frage hervorgehoben haben, gründet sich schliefBlich
die Möglichkeit des psychischen zahlenmäfsigen Messens. Wir
unsrerseits können nur sagen, dars jene angedeutete Behauptung
aller Erfahrung und allem Denken — was hier beides dasselbe
bedeutet — widerspricht. Denn jene gleich grolsen Merklich-
keiten, sobald man für sich bestehende Mafseinheiten aus
ihnen machten möchte, verlieren gerade durch eine derartige
Operation jede Spur von Analogie mit ZahJgröfsen. Denn sie
sinken auf diese Weise allerdings zu blofsen vagen Allgemein-
begriffen hernnter, die erst wieder deutlicher werden, wenn man
dieselben nur als konkrete aber ganz un mathematische Ver-
gleichungsprädikate betrachtet. Und hierin liegt denn auch der
klarste Beweis, dafs jene Merklichkeitsgröfsen und -stufen eben
nur als Relationsgröfsen ohne den mindesten absoluten und
Zahlen Charakter Überhaupt denkbar sind.
Zahl und Mathematik fallen somit allerdings zwar aufser
den Bereich der psychischen Gröfsen, aber deswegen noch nicht
auch aufserhalb aller Psychologie. Denn man könnte immerhin
ganz wohl von einer messenden Psychologie reden , wenn dies
eben nur in dem rein symbolischen nnd metaphorischen Sinne ge-
schilbe, dafs man Zahl und Mafs als Mittel benutzt, nicht sowohl (wie
in der Physik) zu zählen und zu messen, als vielmehr nnr einfach
in der Absicht, mit gewissen Erscheinungen vertrauter zu werden.
Hierin allein besteht im Interesse der Psychobgie der Wert der
exakten naturwissenschaftlichen Methoden, dafs uns dieselben die
vieldeutigen und rein relativen Gröfsenwerte der intensiven psychi-
schen Variationserscheinungen durch ein Hervorrufen der nötigen
konkreten Umstände und Ereignisse wie anschaulich machen.
Wie dies geschieht , haben unsere früheren Beispiele gezeigt.
Und hier will ich nur noch unsere frühere allgemeine Be-
merkung, dafs die Psychophysik nicht mit so grausamem nnd
blutigem Ernste, sondern nur wie eine Digression , mit etwas
Mafs und der nötigen Freiheit betrieben werden möchte, durch
das psycLophysische Gesetz erläutern. Die einzige Bedeutung
jener Qesetzmäfsigkeit besteht darin, dafs uns dieselbe die rein
relativen Gröfsencharaktere der Em pön dun gs Intensitäten ver-
asschanlicht. Und zwar biefet uns hierfOr der HiraraCl mit
natUrlichea Sterngröfsenklassen das bei weitem schönste
Hier liat sich alles so von selbst gemacht. Himmel
nnd Sterne laufen uns nicht von heute aaf morgen davon: und
die Ästronomen sind so geduldige und so zuverlässige Leute
und nisseti alles gleich prakiisch zu machen. An Geduld
nun lassen es die Psych ophysiker ihrerseits freilich ebenso-
wenig fehlen. Aber dennoch ist unser Glaube an sie nicht
sehr stark. Denn wie lange haben dieselben doch an dem
psych ophysisc heu Gesetz herumgepumpt! Aber der klare Strahl
des Gesetzes ist nie gesprungen, und nur stoEsweise ist ein
trübes Wässerlein zur Erde gefallen. Zufall und Erfahrung
haben es so gefügt, dafs die Empfind ungsgröfsen von den ab-
soluten Reizgröfsen genügend unabhängig sind, nnd dafs gewisse
Gröfseti- Gleichheilsrelationen auf beiden Seiten einander an-
nähernd parallel gehen. Dies ist, wie angedeutet, ein ganz
hübscher Parallelismus, am den Fall reiner Gröfsenrelativit&t
zu illustrieren. Weiter aber ist es nichts. In den Hörafilen
nnd Kompendien freilich hat man uns mit mathematischer
Miene gelehrt, dafs denselben absoluten Empfiiidungagröfsen
dieselben relativen ReizgröCsen entsprechen. Diese hohen
Worte habe ich einsl mit einiger Ehrfurcht schwarz auf weiCs
getrost nach Hanse getragen; heute aber weifs ich, dafs es
keine absoluten Empfind ungsgröfsen und folglich auch kein
psychophysisches Logarithmengesetz giebl. Denn ebenmerk-
liche sowohl als überraerkliche Empfindungsuiiterscbiede
sind ja rein relative und keine absoluten Grö fsen werte ').
Wenn sich daher (S. 87) EnniNGeAus darauf beruft, dafa aaf
den verschiedenen Sinnesgebieten schon eine ganze Reihe von
Annäherungen vorhanden wären , die genugsam bewiesen , dafs
zwischen physikalischen und psychischen Messangen gar kein
wesentlicher Unterschied bestehe: so haben wir, vun allem Bis-
herigen abgesehen, nur zn erwidern , dafs Verfasser als Psycho-
loge ja gewifs nur allzngut weifs, dafs oft die widersprechend-
sten Ansichten sich alle gleichmäfsig auf die Thatsachen berufen,
und überall nur die schönste Übereinstimmung zwischen Theorie
und Erfahrung entdecken. Wir wollen also getrost abwarten,
bis EsBiNOHAirs sein Werk weiter veröffenl licht haben wird.
— 81 —
Eb wird sich ja dann wohl zeigen, ob sich seine An-
näherungen besser mit seiner eigenen Theorie oder mit
meiner hiervon abweichenden Anschauung vertragen. Nur auf
künftige ingeniöse Köpfe, die uns, wie der Philosoph
anzunehmen geneigt scheint, noch vieles Unerwartete nicht etwa
nur in der überhaupt mit exakten Mitteln arbeitenden, sondern
das Psychische selbst messenden Psychologie bringen
könnten, darf sich EBSisonADS keine Hoffnungen mehr machen.
Denn in der Empfindungsmefskunst in des Wortes verwegenster
Bedeutung haben ea die Psychophysiker wahrlich schon weit genug
und so weit gebracht, dafs sie ganz virtuos auf den Köpfen
spazieren gehen. Aber wie — haben wir nicht doch vielleicht
noch etwas Wesentliches vergessen ? Wir hätten ja immer nur
— so könnte uns jemand zu bedenken geben — von Intensi-
täten gesprochen. Aber giebt es nicht auch in der Psychologie
extensive GröfsenV Nun — meinetwegen. Jedenfalls wissen
wir, was man mit jenen extensiven psychologischen Gröfsen im
allgemeinen im Auge hat. Man denkt hierbei offenbar an die
Thatsache, dafs wir räumliche Gröfsen wahrnehmen und die-
selben abschätzen, dafs wir sogenannte Gesichtstäuschungen er-
leiden und den Getrag derselben iu EaumgröCsen und zahlenmäfsig
festzustellen wissen. Dafs mau uns die Sehschärfe mifst und
iu Zahlen ausdrückt, ist eine nicht minder bekannte Thatsacbe.
Und wenn wir endlich noch hinzunehmen , dafs wir Gewichte
auf der Hand schätzungsweise bestimmen, so scheint ein eigent-
liches und zahlenmäfsiges Messen auf psychischem Gebiete
mindestens nicht vollständig ausgeschlossen zu sein. — Doch
alle diese Thatsachen, wie wir sogleich sehen werden, sind nur
scheinbare Ausnahmen und beweisen durchaus nicht ein zahlen-
mäfsiges psychisches Messen, sondern nur eine, allerdings nahe-
liegende Verwechslung.
Wir können vom Mathematiker sehr wohl sagen, dafs er
in Gedanken mifsi. Aber dafs derselbe deswegen nun auch
Gedanken selbst" messe, dies zu behaupten fällt niemand
ein. Wenn wir nun Distanzen oder Gewichte schätzen, die
Sehschärfe bestimmen oder Gesichtstäuschungen zahlenmäfsig
ansdrIScken , so treiben wir in allen diesen Fällen freilich eine
Art Mathematik, aber eben auch nur In der Vorstellung,
ohne deswegen die Vorstellung oder Wahrnehmung als solche
zu zählen oder zn messen. Nehmen wir ein Beispiel. Hier in
meinem Zimmer sieht in angemessener Sehweite ein Ofen vor
mir. Solange ich nun diesen Gegenstand einfach betrachte, sehe
ich allerdings neben anderen Eigenschaften auch eine ränmliche
und folglich extensive Gröfse. Aber etwas Mathe matiscbes nncT
ZahleomätBiges zeigt jene unmittelbare optiech-sinnliche Raam-
und Gröfsengestalt keineswegs. Erst wenn ich nun die nn-
mittelbar gesehene Raumgröfse abschätzen möchte, dann stell'
BicU sogleich die Vorstellung einer Zahl — einer Anzahl Centi-
meter oder Meter ein. Sobald aber dies geschehen ist, dann
befinde ich mich mit einem Schlag auf einem anderen Boden.
An Stelle des optisch -sinnlichen , noch nicht spezifisch mathe-
matischen Raumes ist nun eben dieser letztere selbst und hier-
mit indirekt auch der mechanisch -physiche Raum getreten.
Denn ob ich nur eine Zahl in der Vorstellung mit mir herum-
trage, oder ob ich ein materielles Mafs zur Hand nehme, ist
prinzipiell dasselbe. Die mathematische und zalilen-
mäfsige Vorstellung, obzwar freilich Gedanke, ist dennoch Abbild
nicht des opiisch sinnlichen , sondern des mechanischen , phy-
sischen und von uns und unserer Vorstellung und Wahrnehmung
unabhängigen Raumes. Wir ersehen hieraus, dafs die
extensiven Gröfsen in der Psychologie, sobald wir dieselben
2ahlenmärsig (genauer oder ungenauer) bestimmen möchten, ihren
psychologischen Charakter sogleich verlieren, weil dieselben als
solche nun Überhaupt verschwunden sind und entweder dem
physischen mechanischen Kaum und Mafs oder dem Abbild
desselben in der Zahl ihren Platz eingeräumt haben.
Unser Satz, dafs wir in der Psychologie niemals in strengem,
begrifflichem und zahlenmäfsigem Sinne messen, erleidet also auch
durch die psychischen Raumgröfsen keine Ausnahme , wie der-
selbe Satz schon früher (s. S. 72 u. 73) durch die Zeitgröfeen
keine solche erlitten hatte.
Denn wir sehen ja nun ganz deutlich ein, dafs wir auch
im Falle der extensiven Gröfsen immer nur materielle Linien
oder Körper und Gewichtstücke zählen und messen. Freilich,
weil der optisch-sinnliche und der mathematisch -physische Raum
in ■Wirklichkeit in eins zusammenfliefaen und eine nnzer-
trennliche Einheit bilden, geschieht es nun allerdings sehr
leicht, dafs wir Unmittelbar - Sinnliches und Mathematisch-
Physisches nicht an sein anderhalten. Und doch besagt jeoe
Verwechslung in unserem Falle — weil ja das Sinnlich-
Räumliche dem Psychischen und das Zahlenmäfsig - Räumliche
dem Physischen entspricht — nichts anderes als nur eine
ungenügende Unterscheidung der physikalischen und der psycho-
logischen Betrachtungsweise.
Aber wenn, wie wir nun soeben in abscbliefsender Weise
gefunden und gezeigt haben, die streng begrifflich verstanden
sein wollende Mefsltansi in der Psychologie allerdings nur eine
Folge der angeiicuteteii und noch fortwährend üblichen Ver-
wechslung bedeutet: so haben wir anderseits natürlich gar
nichts dagegen, wenn man aas GrDnden der Kürze nnd Be-
quemlichkeit gewisse Mafszahlen ohne weiteres z. B. der Seh-
schärfe, dem Äugenmafs, der Gröfse der Sinn est ans cbnng oder
endlich der gröfseren oder geringeren Tast- und Mnskelmerk-
lichkeit gleichsetzt. Aber VorauBsetzung hierbei bleibt immer,
dafs wir das durchaus nur Symbolische und Metaphorische jener
psychischeo Mafszablen niemals vergessen. Denn anch im Falle
der extensiven Psychologie symbolisieren und veranschaulichen
wir wechselseitig Psychisches und Physisches nur in einem ganz
analogen Sinne , wie wenn wir unser eigenes Individuum mit
einer Wage und die Wage mit einem empfindlichen Organismus
vergleichen.
Fragen wir uns nun , was unsere Betrachtung und Kritik
des exakten Verfahrens in der Psychologie für die gesamte
Konstitution und Organisation dieser Wissenschaft für Früchte
zeitigt, so lautet die Antwort: in der gesamten und also auch
in der Sinnespsychoiogie dürfen wir uns keineswegs die matlie-
matisch verfahrende und messende Physik zam Vorbild nehmen.
Denn das Ziel der Psycliologie ist, ganz abgesehen von ihrer
allgemeineren Betrachtungsweise, ein wesentiich anderes als das-
jenige der Physik. Die Physik und die exakten Naturwissen-
schaften sind darauf augewiesen, die Anschaanng begrifflich zu
zerlegen und dieselbe durch eine bereicherte , erweiterte und
verfeinerte Analyse stückweise wieder zusammenzusetzen. Die
Psyehoiegie hingegen bat vielmehr wie durch einen leichten Pior
das Einzelne und das Allgemeine, die individuellen Züge und
das überall Wiederkehrende in- und durcheinander anzuschauen.
Auf Begriff und Analyse braucht sie deshalb noch lange nicht
zu verzichten. Denn Hilfsmitte! dieser Art , sofern sie über-
haupt noch Wissenschaft bleiben und ihre Einsichten von zu-
fälligen und vorübergehenden Voraussetzungen so viel als möglich
unabhängig machen will, kann die Psychologie allerdings nicht
entbehren. Es triflt, wie Ebbikiiiaiis (S. 165} sehr richtig
eagt, durchaus zu, dafs die Anschauung die diskursiven Be-
trachtungen des Verstandes nicht ersetzen kann. Wenn der
Philosoph indes weiter bemerkt, dafs die Anschauung die
Begriffsanatysen nur zu vollenden hätte, so möchte ich viel
lieber gerade das Umgekehrte behaupten und sagen, dafs Be-
griff und Analyse nur dazu dienen, die Anschauung zu vollenden.
Denn überall, und gar nicht erst in der Psychologie ist es die
— 84 -
AüBChanung, welche wie die Sonne ihre Anne bis an die
änfserste Flanetenperipberie aosstreckt. Alles, was man sagen
kann, ist nur, dofs die Natnm-isseDschaft sich ohne Gefahr auf
den Leitern der Abstraktion und mit Hilfe einer durchgebildeten
and schalmäfsig überlieferbaren Methodik von der Anscbanong
viel weiter entfernen darf als die Psychologie. Wie es andrer-
seits nun der Psychologe gerade anzustellen hg.tte, dafs er seineD
Gegenstand weder dnrc hAhstraktion zersplittert, noch am Ein-
zelnen zu sehr haften bleibt: hierüber ist allgemein nichts
auszumachen. Sehe jeder selbst zu, wie er seine Sache aupitckt.
Man frage den Dichter oder den künstlerisch darstellenden
Historiker, wie sie denn ein Ganzes mit so mannigfaltigen
Akten und Scenen zu stände brUchten. Sie werden es nicht wissen.
Auch der Psychologe braucht es nicht zu wissen. Hat doch
sein Thun mit der Manier des Dichters mindestens so viel und
mehr Ähnlichkeit, als mit derjenigen des Physikers und Natur-
forschers. Der Erfolg in der Psychologie, glaube ich, stützt sich
nicht auf scbön zubereitete Methoden. Denn aufser dem Be-
reich der maiheniaiiscben und strengeren Naturwissenschaften
werden jene Methoden nar allzu leicht zur hemmenden Fessel. In-
des, unser Philosoph meint es anders. Er glaubt (S. 164 — 166),
auch der Psycholog müfste die Anschauung ebensosehr wie
der Naturforscher zerpflücken. Denn die Gefahr der Zer-
splitterung sei in der Psychologie nicht gröfser als anderswo,
wenn man ihr nur mit der nötigen Teilnahme entgegenkomme.
Die allgemeinen Methoden nun, abgesehen speziell von den
Mafsbestimniungen , welche uns Ebbinghaub (S. 161 — 166) in
der Psychologie empfiehlt, sind, ganz wie in der Naturwissen-
schaft, eine Art Morphologie, Physiologie und Entwicklungs-
geschichte. Diese in der Naturwissenschaft üblichen Verfahren
nämlich überträgt unser Forscher durch Analogie auf seine
eigene Wissenschaft der Psychologie. Diese naturwissenschaft-
lich - psychologische Analogie nun ist im allgemeinen , als
greiser Gesichtspunkt, der alles Einzelne dem Augenblick über-
l&fst, selir hübsch. Aber ist dies dieselbe auch noch dann,
wenn sie so verstanden wird, als ob wir in der Psychologie den
Naturforscher im einzelnen und melhodisch so viel als möglich
nachzuahmen hätten 'i Doch gerade etwas, wie eine Nacheiferung
dieser Art scheint unserem Psychologen als methodisches Ideal
in seiner Wissenschaft vorzuschweben. Und es ist ja gewifa
wahr: Zuslände, Vorgänge und Entwicklungsreihen giebt es in
der Psychologie gerade so, wie in den Naturwissenschaften,
Nun aber kommt das beiderseits Charakteristische und Unter-
- 85 —
scheidende. Und worin besteht denn dies? Ach, es ist JB
schon längst bekannt ! Man weifs Ja längst , daCs wir weder
unser eigenes Selbst noch unsere Milmenschen wie einen Nator-
körper methodisch bearbeiten können. Wohl aber kommt in
der Psychologie alles auf unabsichtlich gehäufte Erfahrung, auf
jenen gewissen Ein- und Zusammenklang zwischen Mensch und
Natur und anf besondere Gunst des Zufalls an. Und gerade
auch die scheinbar das Gegenteil beweisende Psychophysik
können wir für unsere Behauptung in Anspruch nehmen. Denn
wir haben ja eben gezeigt, dafs die Psychophysik, je selbst-
herrlicher sie vorgeht, und je mehr dieselbe die Psychologie
der Physik methodisch anzunähern sncht, sich gerade imi
so mehr von der Psychologie entfernt. Weiter aber bestärkt
uns in unseren Zweifeln an die naturwissenschaftlich- psycho-
logische und methodologische Parallele die Art, wie Ebbinghaus
die Zellen, Muskelfasern und Blutkörper des Anatomen mit den
Empfindungen, Wahrnehmungen, Affekten und Associationen des
Psychologen methodisch fast in eine Linie stellt. Bei den
Elementarbestand teilen des Anatomen weifs man sogleich, wovon
die Rede ist, und die Untersachung der Einzel bestand teile kann
sich eine weite Strecke vom Zusammenhang des Ganzen unab-
hängig gestalten. Verhält sich dies nun auch so mit den
Empfindungen und Associationen des Psychologen? Unser
Psychologe allerdings fültrt als Beispiel einer psychischen
Physiologie die Herbartiscbe Theorie der Vorstellnngshemmung
and der Apperzeption an. Gerade diese Theorie aber ist ein
Beispiel von zweifelhafter Gate. Jene Herbartiscbe Psychologie
eines psychischen Geschehens beweist nns vielmehr, dafs
Empfindungen , Vorstellungen und Associationen gar nicht in
naturwiasenschaftlichem Sinne als Elemente und Elementen-
Komplexe bezeichnet werden dUrfen. Denn es ist nicht anders:
im Grunde giebt es in der Psychologie gar keine Elementar-
bestandteile. Denn bestenfalls dürfte man hier von feineren und
gröberen, mehr oder minder zahlreichen Fäden nnd Geflecbt«D
sprechen , woraus die verschiedenen menschlichen
Individuen ;<usammen gewoben sind. Die Empfindungen,
Vorstellungen u. s. w. sind ja weiter nichts als entweder
zusammenfassende Resultate oder vorbereitende Spuren, die uns
aber den zu durchlaufenden Weg die erste Orientierung geben.
Denn sobald man beispielsweise in der Psychologie die Em-
pfindungen in einem analogen Sinne zu Elementen macht wie
die Zellen in der Anatomie, dann versinkt man alsbald in
einem Mückenteich und treibt mit Herhart und anderen nicht
mehr Psychologie , soDdern eine besondere Art Planelentheorie.
Eber scheint Spinoza mit seiner Zergliederung iler Affekte einen
grol'sen Repräsentanten einer psycliischen Morphologie und
Anatomie darzostellen- Indes, gerade das Beispiel Spinozas be-
stätigt, was ich angedeutet habe. Die Äffektenlehre von Spinoza
entfernt sich in ihren Definitionen gar nicht weit von der un-
raitielbaren Anschannng. Und vor allem darf man ferner nie
vergessen, daCs man überall nnd fast ans jedem Wort den
ganzen Spinoza durcbhört. Doch wir beschäftigen uns nun
selbst in unseren folgenden Bei rächt angeii mit Entwicklnngs-
theorie und Associationspsychotogie und werden dann schon
seilen, wie sich die wissenschaftliche Psychologie gestaltet.
4. EntwicklungsgeBchichtlicher Gesichtspnn k t.
(RlCHAKD AVENARltrS.)
1) Vortemerkangen.
Wie die Sonne, wenn sie an einem trüben Nebelmorgen
durchdringt und die Landschaft fortschreitend in die Klarheit
des Tages taucht: mit demselben lichten Sonnenauge erfafste
Richard AvENAHius in seinem menschlichen Weltbegriff
das gesamte menschliche Verbalten als reinen Umgebmigsreflex,
so dafs die über den ganzen Himmel zerstreuten Tri) um gestalten
nnd Wolkensehleier wie ein besiegtes Heer vordem andringenden
Feind zertlattern nnd verschwinden. Aber wie merkwürdig!
Derselbe Mann mit dem sonnenhellen Auge und der sinnlichen
Klarheit der Anschauung hinterläfst nns in seinem grofsen
Hauptwerk der Kritik der reinen Erfahrung ein Buch,
welches als Ganzes und in einem Zusammenbang gar nicht
lesbar, geschweige denn zu geniefsen ist. Denn so grofa und
be wandern 8 wert , ebenso wunderlich nnd abstrus ist jenes selt-
same Werk. Als Richaed Avbnabids seine philosophische
Gesamtansicht darstellte, geschah dies in zwei sehr verschiedenen
Weisen, In seinem kleineren Hauptwerk (Weltbegriff) überliefs
er sich dem Zug der Entwicklung und schilderte einfach, was
weit hinter ihm in der Vergangenheit sich zugetragen, und was
bis heute fortwährend mitten in unserer Gegenwart noch imme r
geschieht. Ganz anders ist die Betrachtungsweise in de r
Kritik der reinen Erfahrung. Hier glaubte der Philosoph
den gesamten geschichtlichen Verlauf, soweit wenigstens nur
gewisse allgemeine Gesichtspunkte in Frage kommen, bis an
sein Ende liberscbanen zu können. Alles, meinte er, nähere
-- 87 —
sich langsam, aber nnanfhaltsam einer aanften Harmonie, worin
aller Storni und Drang erloschen und alle starken Wellen aus-
geglichen wären. Wir lassen an dieser Stelle noch unenlBChieder,
welches Motiv den Philosophen zu seiner Propbetie bestimmte.
Indes, was immer für ein Schicksal die Menschheit in sehr
weit abliegenden Epochen treffen möchte : heute und auf abseh-
bare Strecken stehen wir noch mitten im Strom der Zeiten.
Dennoch versuchte Avenabius, die geschicLtliche Bewegung
von einem gleichsam unbeweglichen tiesichtspunkt aus in feste
Begriffe zu fassen und alle psychischen Änderungen schlie&lich
als annähernd reine Wiederholungen wiederzuerkennen. Indes,
ich werde zeigen, dafs dieser Versuch miisglücken mufste, weil
er nur die Einseitigkeit des rein theoretischen Verhaltens von
einer neuen und für uns besonders wichtigen Seite offenbart.
Denn gerade die Kritik der reinen Erfahrung kommt dadarcb
in das ärgste Gedräuge , dafs dieselbe auch die individuellen
und wechselnden Züge des psychischen Lebens einem festgeftigten
Begriifsnetz unterordnet.
Ja, wenu wir eine Salzlösung abdunsten lassen, dann bilden
sich schöne, regelmäl'sige Krystaile. Aber ein solcher Ab-
dunst nngsprozefs lälst sich auf die Psychologie nicht übertragen.
Denn eine ausglättende und abgekältete B etrac h tun p weise be-
wirkt hier nur die gröfste Hemmung, Störung und Verschiebung.
Um dies deutlich zu machen, werde ich eine Keihe von That-
sachen und Beobaclitungen dei- Kritik der reinen Erfahrung
mit einigen Hanptzügen im Stufengang des menschlichen Ver-
haltens einheitlich zusammenfassen und auf diese Weise die
reine Erfahrung in Gestalt der Anschauung der rein he-
grilfsmäfsigen Analyse entwicklungsgesehichtlicb ent-
2) Stufen der Klarheit (Unklarbeit) des Denkens (vom Stand-
punkt der Anschauung),
Wer kennt nicht jene Fälle normaler und rasch wieder
vorübergehender Illusionen, wenn wir infolge gewisser be-
günstigender Umstände etwa eine kleine Fliege für einen Sperling,
einen Schmetterling für einen Adler halten; wenn wir die
Lichter des schwingenden Uhrpendels einen Moment noch wahr-
nehmen, obwohl die Uhr schon steht; oder wenn uns eine an
einem Spinnfaden schwingende Baumnadel einen greisen, in fernem
Bogen vorbeifliegenden Vogel vortäuachtV Was in diesen Fällen
nur ein zufälliger Anflug, bedeckt wie mit einer Wolke die
gesamte kindliche Periode des Menschen. Vereinzelte Wahr-
nelimungt'n and aufgetauchte richtige Beobachtungen verflieTeen
beim Kicide mit gehörten, aber nn verstandenen Worten und
wilden Einfällen heliebiger Art zur kindlichen Erfahrung, die
fortwährend durch Fragen anterbrochen und hier- und dorthin
abgelenkt, in eine Reihe Einzelheiten ohne Zusammenhang zer-
streut, in ihren besonderen Bestandteilen vielfach vergessen and
immer nieder von vorn angeknüpft wird. Kinder von drei und
Tier Jahren bezeichnen die Mondsichel als zerbrochene Schtlssel
oder wandern sieb , wenn ihnen die vor ihrer Verfolgung ent-
flohene und ann unsichtbar gewordene Hatze sich nicht mehr,
wie ein willfähriger Bedienter und Spielgenosse, 7.üi freien Ver-
fügung stellt.
Noch vie) deutlicher und in gräfserem Umfange als die
Erfahrung der Kinder unserer Kultur und Umgebung zeigen
die Ansichten and Theorien primitiver und wilder Voikerstämme
die Züge der Illusion und eines wachen Traumdämmers. Die
Individuen auf dieser Stufe verkehren mit den Geistern Ver-
storbener wie mit ihresgleichen. Ein Sohn z. B. betet zum ab-
geschiedenen Vater, er , der verstorbene Vater, möchte sich ihm
doch liebevoll nnd hilfreich erweisen, da er ja bisher in seinem
Leben sich immer su gezeigt hätte. Und wenn diesen wilden
Philosophen ganz unbekannte und fremde Männer der weifsen
Rasse begegnen, so erkennen sie in denselben Geister. Noch
auf dem jenseitigen Flnfsufer befindlich , werden jene Geister
in diesem Totenlande nicht sehr freundlich empfangen ; denn
die Eingeborenen richten die Bitte an dieselben, sie, die Geister,
möchten sie, da die Nacht hereinbreche, doch ja in Ruhe lassen
und den Flufs nicht überschreiten. Entsprechend diesen Er-
fahrungen sbd die Theorien, zu welchen gewisse auffallende
Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens Veranlassung
bieten. Die Verfinsterung von Sonne und Mond erklären sich
diese Naturphilosopheu durch den Umstand. daCs Sonne und
Mond jeweilen ihr Kind im Arme halten. Und die alltägliche
familiäre Erfahrung der Ähnlichkeit der Kinder mit den ver-
storbenen Eltern oder Verwandten deuten sich die Familien-
glieder durch Beerbung der Seelen infolge Einwanderung der-
selben in die Kinder , nachdem deren Eltern oder Verwandte
gestorben waren. Der träum verseht eierte Zustand dieser Söhne
der Wildnis ist im allgemeinen ein tiefer Seelenfriede und
gleicht sehr dem Schlummer der Nachtwandler, die immer erst
von Schrecken befallen werden, wenn man sie aufweckt. Doch
mehr oder weniger umschwebt wohl ein gewisses geh ei mnis volles
Dunkel die Gesichte der Naturvölker stets. Und um so mehr,
je Bchärfer die Traumgestalten mit der Tagesansicht kontraatiereQ,
Schon die Matamba- Witwe, die sich geru ein zweites Mal ver-
heiratet hätte, konnte sich dazu nicht sofort entschliefsen, weil
sie in einiger Angst schwebte, daCs sie die an ihrem Leibe
haftende Seele ihres verstorbenen Mannes durch untertauchen
in den Flufs vielleicht nicht ertränken könnte. Und gar der
eingeborene Bediente eines Missionars, wie ratlos war er, als
demselben ein von ihm getreulich übcrbracbtes Begleitschreiben
ein Vergehen an den Tag brachte 1 Der Bediente versuchte
seine Missethaten ein zweites Mal dadurch geheimzuhalten,
dafs er nach Ankunft bei seinem Herrn das an denselben ab-
zugebende Schreiben vorsichtig mit einem Stein zudeckte.
Die Philosophen unserer Kultur möchten nun auch eben so
gern das eindringende Licht mit ihrer Spekulation wie mit
einem Steine zudecken. Da jedoch das Licht überalt durch-
dringt, schlagen sie lieber ein fUr allemal die Augen zu und
stecken die Eöpfe in den Sand. Wenn die Bakairi die
Sternbilder als irdische Körper betraohteten , welche einst , als
die Erde an ihrer Stelle dort oben war , sich hier unten be-
fanden, so sind sie nicht lange verlegen, um sich den Zustand,
wie er jetzt besteht, durch eine Vertauschung und Umkehrung
begreiflich zu machen. Als nämlich einstmals sehr viele Menschen
starben, ärgerte dies den Zauberer Keri gar sehr, und in seinem
Zorn versetzte er die Sterne aufwilrts. Deren Bewohner nun
flüchteten sich zur Erde, welche dnrch jene Vertauschung nach
unten fiel, wo sie heute noch liegt. Unser berühmter Joseph
Schelling dagegen, der die Welt, analog wie die Bakairi, als
zerbrochene Einheit erkannte, sah sich schon genötigt,
den Zauberer Keri zu verbannen und denselben durch den
arsprüngliclien Menschen in Gestalt der freien
Ursache zu ersetzen. Unser moderner Philosoph war eben
in der Lage, seine Lehre einem Kreis aufgeklärter Schüler Yor-
zntragen, und als aus dieser Schar eine Stimme des Zweifels
laut wurde und die Frage stellte: wer denn die Ursache der
2erbrochenen Einheit wäre, mufste der Lehrer auf eine solche
Frage eine Antwort bereit halten. So war denn die freie
Ursache, da Gott als Schöpfer der Welt dieselbe doch un-
möglich zerbrochen haben könnte, in genügend weite Ferne ge-
rückt und hatte alle sinnlichen Hüllen abgestreift, so dafs ihre
Unfafslichkeit und Unbekanntheit wohl ein genügender Grund
war, nra sie wie ein grofses und geheiligtes Tier und höchste
Respektperson unangefochten zu lassen. Dem ursprünglichen
k
— 90 -
Animismus noch viel nälier und verwaadter ist die griechische
SpekalatJou. Die platoDischen IileeD, deren sich die Seele aag
einem vor- und überirdischen Zustande her erinnert, sind zwar
nicht mehr die Seelen oder Geisler, welche in den Körper bald
eintreten und denselben bald verlassen, aber sie deuten doch
noch anf den Ort der Seelen und haben ihre Beziehung zu
einem Seelenorl, der entweder als überhimmliscbes Empyreion
oder als irdischer Kerker und GeRtngnis bezeichnet wird, keines-
wegs eingebüfst. Bei den Späteren verblaEst diese Ortsbeziehung
der Seele immer mehr, nnd schon in der Lehre der angeborenen
Ideen bei Descartes ist sie zu einem unbestimmten Einwohnen
herabgedämmert. Eine Unbestimmtheit, welche im Kantischen
B priori noch weiter fortgeschritten ist aml sich nur noch als
Anlage gewisser Vermögen behauptet. Dasselbe zeigt sich, wenn
wir die urBprünglichen Götter und Seelen nnd auch natürliche
Dinge mit den philosophischen Substanzen, Monaden nnd
Dingen- an- sich vergleichen. Die Leibnizischen Monaden sind
weder Gespenster noch natürliche Individuen, die Kantischen
Dinge-an-aich weder [JmgebungsbestandteilenochVorstellnngen,
nnd die unendliche , sowohl aasgedehnte als denkende eine
Bnbstanz , welche von Spinoza als Gott nnd Welt zugleich be-
zeichnet wird, ist weder ein Mensch, noch ist sie die Welt.
Als die Scholastiker des Mittelalters die Frage diskntierteu,
welchen Geschlechtes die Engel im Himmel wohl sein möchten,
meinten sie, dieselben wären geschlechtslos. Was aber die
Substanzen, die Dinge -an -sich und die Monaden sind, dürfen
wir gar nicht fragen; sie sind eben gespenstische Schatten bei
Hon d schein b el euch tu ng. Und wie I'olonins auf die Frage,
welche Gestalt die Wolke besitze, ob sie wohl aussehe wie ein
Kamel oder wie der Rücken eines Wiesels oder wie ein Wal-
fisch, immer getrost und sicher mit ja antwortete: gerade so
dürfen wir dasselbe in unserem Falle thun , und wir werden
immer recht behalten. Wie anders doch sprechen jene
Menschen zu uns, welche etwas mitzuteilen haben nnd aufzeigen
können , was sie gesehen nnd entdeckt haben ! Als Galilei die
Grundgesetze des freien Falles aufstellte, erweiterte er mit
einem Schlag unseren Gesichtskreis, als ob wir plötzlich aas
der Niederung auf einen höchsten Gipfel empor gezaubert worden
wären. Der grofse Mann brachte fortwährend und von Anfang
an seine Gedanken und Kombinationen mit Beobachtung nnd
Wahrnehmung in Beruh rnng. Da durfte er es auch einmal
wagen , mit seinen Gedanken der unmittelbaren Anschauung
vorauszueilen nnd in dieser kühnen Weise mitten durch c
— fll —
störende, weil von der Hauptsache ablenkende Nebenerfahrungen
hiudnrch zur reinen FallgeschwiDdigkeit vorzudringen. Und
Galilei hatte sich nicht getäuscht ; es war so , wie er voraus-
sagte, dafs es wohl sein möchte. Ähnlich geht es uns, wtnii
wir sehen, wie die Astronomie sich langsam. Schritt für Schritt
entwickelt, wie dieselbe, so vorbereitet, durch Kopernikus
weniger eine Umwälzung als nur einen starken Stofs erhält,
der ihre ausgerenkten Glieder in die rechten Fugen rückt,
SO dafs nun die Nachfolger erst recht zur Tiefe dringen, Himme)
und Erde nunmehr ein Ganzes ausmachen und dennoch etwas
anderes und unendlich viel Gröfseres sind als vorher. Dieser
fortschreitende Zug und entsprechende Klarheitsvermehrung
findet sich nur im Kreis und auf dem Weg der natürlichen An-
schauung. Denn Fortschritt und gesteigerte Klarheit sind
selbst nichts anderes als nur die anwachsende and erweiterte
Anschauung, ßie spekula#ve Richtung dagegen, wie sie immer
noch die bessere Menschheit belastet, stellt eine ganz andere
Stufe dar. Denn in jener Richtung giebt es allerdings keine
positive Entwicklung nnd keine Klarheit, sondern nur Dämmerung,
Kacht, blindes Vorurteil und sieb wälzende und drängende
Nacbtgesichte. Den Zustand, wie er dem niederen und höheren
Animismus (Spiritualismus) entspricht, mufs man abschütteln,
wie man eine Krankheit übersteht oder einen Rausch verschläft:
es bleibt davon nur die wüste Erinnerung zurück. Aber steht
hiermit nicht in offenbarem Widerspruch die unleugbare That-
sache, dafs es denn doch eine schöne und grofse Geschichte der
Spekulation und Philosophie giebt V ja, gewil's! Auch die
Philosophie hat eine Geschichte und Entwicklung, aber freilich
gerade nur so weit, als dieselbe mit der übrigen Geschichte
zusammenfällt. Sonst aber zeigt sich gerade infolge ihrer Be-
rührung mit der ülirigen Geschichte, dafs Spekulation und
Philosophie selbst keine eigene Geschichte haben. Wir haben
gesehen , wie der naive Animismns das Bild des Menschen be-
liebig variirt, auf alles überträgt und vervielfältigt nnd auf
diese Weise die gesamte Umgebung durch einige familiäre
Vorstellungen des primitiven Gesellschaftslebens aufsaugt. Und
an demselben Bilde des Menschen zehrt die philosophische
Spekulation weiter ; sie verschluckt es aber nie , sondern kaut
nur immer and wiederkäut so lange, bis der alte, abgestandene
Brocken, allseitig durchlöchert und zerkleinert, fast nur noch
aas leeren Hohlräumen besteht. Diese öden Hallen Uberkleiden
die Philosophen, da sie ja nun im Laufe der Zeiten von der
Strömung des Tages immer weiter getrieben werden, mit irgend
fc
einem positiven Erfahrangsiuhali und sagen uns, sie wären so
tief nnd bis zum Unbekannten vorgedmngen, so dafs sie ans ntn-
noch die Anlfunft daselbst, aber sonst weiter keine Neuigkeiten
mebr zu vermelden bätten. Inzwiscben giebt es gewisse aller-
modernsle Philosophen, welche behaupten, das absolal einfache
Seelensnbjekt sei, obzwar freilich kein selbständiges Individnum,
so doch ein Bestandteil der Erfali ru iig und daher gar nichts
Verborgenes und Unbekanntes, sondern etwas vollkommen Ge-
wisses, Vorhandenes und sottar im Lichte der vollsten Klarheit
Leacbtendes Nun, es giebt gewifs auch unter den wilden
Philosophen verschiedene Parteien und Riebtungen, wovon die
einen vielleicht etwa zur Ansicht neigen, es gebe Geister, auch
wenn man sie nicht sehe, wogegen die anderen wohl versichern,
sie hätten die Dämonen und Geister deutlich gesehen nnd ge-
hört. Da ich roeinerseilE nichts kenne als vielfach zusammen-
gesetzte Zustände, Änderungen und ^eschafTenheiten der raum-
zeitlichen Umgebung — als Affekte, Gefühle und Stimmungen
und endlich Vorstellungen nnd Gedanken, welche letztere aber
als reine Umgebungsreflexe Umgebang und Affekte in wenig
varriierter Gestalt einfach nar wiederholen, und insofern selbst
nnr Schatten und Umrifsliuien (und Symbole) der Umgebung
nnd Nachklänge der Gefühle sind, — da, wie gesagt, das An-
gedeutete alles ist, wovon ich welfs, und was ich verstehe, so
bin ich wohl gern bereit, unseren Philosophen, welche durch
reines Denken ein absolut einfaches Seelensubjekt
als Bestandteil der Erfahrung vorfinden, ein höheres, mir
freilich vollständig fehlendes Erkenntnisvermögen einzuräumen.
Indes, dafs die Philosophen sich einer besonderen, ihrer höheren
Erkenntnis entsprechenden höheren Klarheit erfreuten, kann ich
nicht zugeben.
Wenn die Animisten der Wälder versichern, sie hätten
einen Geist gesehen oder gehört, so glauben wir ihnen anfe
Wort, weil wir wissen, dafs ihr Zustand es mit sich bringt,
Phantasiebilder und Umgebungsbestandteile in eins verfliefsen
zu lassen. Gewisse Affekte nun , welche die Naturvölker un-
fähig machen, über ihre nächsten Bedürfnisse hinaus menschlich
zu schauen und zu denken -^ebendieselben oder doch verwandte
Affekte bewirken, dafs unsere philosophischen Litteraturgröfsen
nur ein sehr beschränktes Anschauungsvermögen , dafür aber
ein fast unbegrenztes höheres De.ikvermSgen besitzen. Und in
höchst vorbildlicher Weise machte von diesem philosophischen
Vermögen Descarles in seinen berühmten Meditationen Gebranch.
Um seinen reinen, einfachen und aktiven Geist übrig zu be-
halten, lieCe er nnr alles weg, was er teils der Materie, teils
der sinnlichen Anschannng zuteilte. Der zurückbleibende
Rest war dann freilich rein nichts mehr als die leere Be-
zeiclinung: reiner, einfacher und aktiver Geist. Wenn man
aber bedenkt, dass der französische Philosoph als Grofsmeisler
der Mathematik und mechanischen ilJatur wissen sc haften zugleich
dem Glauben seiner Jugend und kirchlichen Erziehung gern
eine bleibende Stätte bewahrt und eine wissenschaftliche Stütze
dargeboten hätte , dann hegreift man die hierzu nötige Unter-
miniernugsarbeit nur allzu wohl. Im Strom und Gedränge der
wechselnden Affekte und mitten in einer angestrengten Denk-
thätigkeit konnte es nun leicht geschehen , dafs bloCse leere
Hohlräume, wenn nur schöne, vertraute und die nie ganz er-
loschene Jugendphantasie ein wenig anregende Namen als
schwebende Brücken dienten , zu höchsten Spitzen mit den er-
habensten Aussichten gemacht wurden- Als nicht zu übersehender
Umstand kommt noch hinzu, dafs DeEcartes als Franzose ge-
wohnt und geübt war, die Spraclie zu meistern, und durch seine
sprachliche Darstellung die Täuschung bei sich und andern noch
mehr begünstigte, als ob er uns den reinsten Spiegel vorhalte
and die herrlichsten Bilder schauen lasse. Und dennoch, wenn
man die Sache schärfer ansieht , sind gerade die Meditationen
von Descarles, durch welche sich ihr Urheber den Ruf des Be-
gründers der neueren Philosophie zugezogen bat, ein Produkt
der ärgsten Unklarheit. Das einzige Positive, was die Medi-
tationen enthalten, sind einige bekannte Sätze der scholastischen
Philosophie über die verschiedenen Substanzen. Alles übrige
ist das reinste Kaleidoskop und mülsiges , durch fortwährende
Sprünge und tausend Kreuz- und Querzüge in alle Winde zer-
streutes Gankelwerk. Sagt uns doch Descartes am Schlüsse
geiner Betrachtungen seihst, nachdem er uns vorher so lange
dnrch einen künstlichen Zweifel in Spannung gehalten und alle
mäglichen skeptischen Täuschungen durchdiskutiert bat, dafs nun das
Schauspiel zu Ende sei und der grofse Gott, dessen Allgute gar
nicht zuläfst, dafs wir in den wichtigsten Dingen jemals ge-
täuscht werden könnten, als Retter und deus es machina sogleich
auf der Bühne seineu Einzug halte. Dies ist ganz das Ver-
fahren des Sonntagsjägers, der zwar sehr viele Hasen aufscheucht,
aber keinen trifft and nun auf dem Heimweg beim Wildbret-
händler seine Jagdbeute einkauft.
Neben Descartes steht Kant als zweiter grofser Markstein
der Geschichte der neueren Spekulation, Die geschichtliche
Bedeutung des Mannes abzuschätzen liegt uns fern. Wohl aber
r stürmen
ist das Beispiel der Kritik der reinen Vernunft sehr
geeignet, nns jene Stufe der Unklarheit, die uns eben be-
schäftigt, krüftig za markieren. Die Hauptbegriffe jener
Eantischen Kritik, nämlich Erscheinung und an-sich-seia , die
raain-zeitlichen a priori- Formen, die a posteriori -Stoff-Empfindung,
die reine synthetische Einheit der Apperzeption , die trans-
zendentalen Vermögen and der Zwölftafeln-Kategorienapparat —
vfas sind diese Zwiltergeburten denn anders als eine
illusionäre Erfalimng von ganz derselben Art, wie wir die-
selbe bisher geschildert haben'? Die mageren, dQrren Seelen-
finger, die zur darebsichtigen Wachstnaske ausgehöhlte Umgebung,
die Zanberlalerne der Unendlichkeils- Antinomien, welche di«
Strahlen der über sinn liehen Moral und der Ubersinnlicben Hoff-
nungen auffängt : so und mit diesen Attributen begleitet ans
die zweibeinige Riesenspinne durch ein Labyrinth von Katakomben ;
und Schritt für Schritt versiegelt dieselbe immer wieder eine
neue Grabkammer mit einer geheimnisvollen Inschrift, so dafs
wir von Modergerach, von Kälte und feuchter Dunkellieit halb
erstorben dem Grabe entsteigen. Eine ganz helle und warme
Sonnenperiode von langer und ununterbrociiener Dauer ist
nötig; sonst bleibt uns nach einer solchen horribili dictn
kritischen Wallfahrt nur übrig, Zeit unseres Lebens als ge-
schundene Irrfahrtler krank und siech an den Mauern hernni-
znkriechen.
Heinrich Heine bemerkt speziell vom Philosophen Schelling
sehr treffend, derselbe sei eins von jenen Geschöpten, denen
die Natur mehr Neigung zur Poesie als poetische Potenz ver-
liehen und die, unfähig, den Töchtern des Pariiassns zu genügen,
sich in die Wälder der Philosophie geflüchtet, am dort mit ab-
strakten Hamadryaden die unfruchtbarste Ehe zu führen. Von
allen spekulativen Philosophen samt und sonders and von allen,
welche sich von denselben im mindesten beeinflussen lassen, hätte
Heine sagen können: sie wären unfähig, im Elemente der An-
Bchauungzu leben, und als halb sohl ächtigen Ämphibiengeschöpfen
werde ihnen weder zu Lande noch zu Wasser recht wohl,
Saher, wenn die Philosophen noch so erfahren und gelehrt,
so dialektisch gewandt nnd ph an tasie begabt sind, und wenn sie sich
sogar noch Überdies in der Welt umgesehen: es gelingt ihnen
doch nie, ein schönes nnd geniefsbares Werk zu schaffen. Weil
die Anschauung nicht lebendig genug, versagt auch das 'Wort.
Die Philosophen sind entweder langatmig, umständlich, trocken,
gelehrt-sorgfältig und schablonenhaft nüchtern oder himmel-
stürmend, mystisch, unzulänglich, spitzfindig, verworren und töd-
Beil unfruchtbar. So viel Vorzüge, so viel EiuBicliten, so viel
herbe nnd gesunde Schönheiten sie aufweisen: es hält leider
alles nicht stand. Die Spekulation geht viel zn frUh Meister,
and da sitzt nun wieder unverseheiis der stille Bruder in seiner
System-Einsiedelei ! Möchte er da nur selig werden, aber auch
dies gelingt ihm nicht. Auch diese höchste Lust stockt —
ach, wie bald — und wird leider zur Qual ! Der die Anschauung
begrifflich schulmeisternde Denker mufs BuPse thun! Er sitzt
im Kämmerlein seines Systems in Gesellschaft seiner Ideen und
unerfüllboren Aspirationen und stellt uns in seiner PerBOU die
Mitglieder einer häuslich eingeschlossenen Familie dar, welche
durch die täglichen kleinen Reibungen und wechselseitigen Röck-
aichten für alles Grofse gewohnheitsmäCsig abgestumpft werden.
Halb resigniert flieht eine solche Gesellschaft in den Winkel nnd
ist uniUhig, sieh Freude oder Schmerz mit freier Seele hin-
zugeben. Um in diese dnmpfe Stockung einigen Zug zu bringen,
kam Hegel auf den glänzend philosophischen Gedanken , die
Wahrheit ein für allemal zn definieren als die Bewegung
ihrer selbst an ihr(!) Aber o Jammer! Kein Mensch
begleitete den philosophischen Nordpoifabrer, denn Hegel be-
kannte zuletzt, der einzige, der ihn verstanden, hätte ihn —
mifs verstau den !
Inzwischen leachtet auch im Gebiete der nalürlichen An-
schauung die höchste Klarheit gewöhnlich nicht sofort auf, aber
es giebt doch einen Weg dazu. Die Dämmerung hier ist nicht,
wie im Reiche der Spekulation, eine ewige Nebelnacht, sondern
der hell und immer heller glänzende Schimmer vor Sonnen-
aufgang. Zuerst nehmen wir alles nur in gröberen Zügen wahr.
Es braucht schon eine schärfere oder geschärfte Beobachtungs-
gabe dazu, um die verschiedene Struktur des harten und weichen
Holzes oder verschiedener Arten von Haaren überall sicher
wahrzunehmen. Einander sehr ähnliche menschliche Physiognomien
werden im Anfang zn Gunsten derjenigen Person verwechselt,
welche öfter gesehen wurde. Später treten dann die Unter-
schiede sehr dentlich hervor, und die nunmehr erreichte Stufe
der Klarheit kontrastiert alsdann, wenn der Übergang nicht zu
langsam geschah, sehr mit der früheren relativen Unklarheit.
Dass in einer, in analogem Sinne der Klarheit fortschreitenden
Verschärfung und Erweiterung der anschauenden Intelligenz
unsere gesamte positive höhere Entwicklung überhaupt beschlossen
liegt, ist ohne weiteres einleuchtend. Indes, es giebt hierfür
zwei besonders schöne und ganz einfache Beispiele, welche wir
daher ein wenig näher betrachten wollen.
Die Gerade stellt die kürzeste Verbindung zwischen zwd
Panklen her. Diese Wahrheit sehe ich rein erfshruDgsmälsig
ein, weil die Bewegang, welche der Weg erfordert, imraer dann
ein Minimnin ist, »enn ich die einmal eingeschlagene Richtung
80 viel als möglich beibehalte. Wenn ich nun aber weiter be-
denke, dafs, was ich als gerade bezeichne, eben nichts weiter ist
als jener einem jeweiligen Bewegungsminimnm entsprechende
Weg, 3ü gilt der Satz von der Geraden ganz allgemein und
ausnahmslos. Dasselbe zeigt sich bei allen geometrischen Axio-
men. Die Wahrheiten dieser Art, wie z. B., dafa zwei Drei-
ecke, welche xwei Seilen nnd den von jenen zwei Seiten ein-
geschlossenen Winkel gleich haben, einander kongruent sind,
bezeugen also die Thatsache, dafs die mathematische Gewirsheit
keinen spezifischen Fall darstellt, weil sich dieselbe und zwar
rein erfahrnngsmäCsige Gewissheit überall da wiederholt,
wo die Erfahrung als Ganzes, gleichviel ob in Gestalt eines
einzelnen Falles oder als ein irgendwie bestimmtes All-
gemeines vorliegt. Unzertrennlicher Begleiter jener axtoraatiachen
Wahrheiten ist indes ferner die Thatsache, dafs in der gesamten
Umgebung weder eine vollkommene Gerade noch zwei voll-
kommen ebene nnd miteinander genan kongruente Dreiecke vor-
handen sind. Daraus schliefse ich, dafs alle mathematischen Sätze
direkt nicht von der Umgebung gelten, sondern zunächst immer
nur durch körperliche Symbole dargestellte Phantasieg est alten
nnd BegrifTsdefinitionen betreffen, und alles Mathemntische auf die
Umgebung bezogen, daher nur annäherungsweise zutrifft. Diese
Beispiele stellen die Klarheit als abgeschlossene und ohne halb-
klare Übergangsformen dar. Non giebt es aber auch genug
Übergangsfälle. Und besonders reizend und ahnungsvoll treten
dieses Halbdunkel und diese halb aufgebrochene Blüte in
Goethes „Faust" zu Tage. In den ersten Monologen nnd in
dem Gespräche Fansts mit dem Erdgeist in den ersten Scenen
gärt ein reiner Erkenntnisdrang mit dem Streben nach Wrft
nnd Gennfs stürmisch durcheinander. Man sieht noch nicht
deutlich — und vollends nicht in der halb mystischen
Geisterbeschwörung — was das Ende eines solchen , den
jugendlichen Dichter erfüllenden Zustandes wohl sein möchte:
oh Taumel und Verdrufa, ob Resignation und absinkende Ver-
dämmerung oder nicht vielmehr im Gegenteil ruhige Weiter- und
Hftherent Wicklung. Indes, obwohl wir dies nicht deutlich ein-
sehen, so beweist doch die Umsetzung des angedeuteten Zn-
Btandes in eine so volle Poesie, wie sie in Goethes frühestem
Faust fliefst, eine so starke Anschauung, dafs <
i.
oethes truuestem i
. dieser schönste |
- 97 -
junge Tag gewits einen vollen Sonnentag ankündigt. Und er
ist denn auch nicht ansgeblicben , jener Sonnentag, Denn
nur ein wenig weiter zurück in den später als die ersten
Monologpartien entstandenen Gesprächen zwischen Fauat nnd
Mephisto, gleich vor Antritt der Weltfahrt, zeichnet der Dichter
— ich meine davon abgesehen, daTs er die Lösung des dra-
matischen Konflikts andeutet — - den immer strebenden und
immer irrenden Menachengeist klar genng.
Bei den Philogophen nun spüren wir von diesem im Halb-
dunkel achwebenden ahnungsvoll aufkeimenden Elarheitszauber
wenig genug und gerade so wenig viie von der vollen Klarheit.
Ein Zauber zwar berückt die spekulativen Denker und Dichter
freilich; aber es ist nur jener von uns schon geschilderte
lUusionszauber eines träumenden Halbschlafes. Und es ist ja
wohl wahr, im Traum giebt es weder Irrtum noch Täuschung —
aber ein Erwachen könnte es doch geben. Und ist nicht die
natürliche Anschauung ein solches Erwachen? Und zehrt
nicht das spekulative Träumen fortwährend von der natürlichen
Anschauung ?
Alle Illusion , als Verwechslang und Vermengung der
Phantasien mit der Wahrnehmung ist ja stets ein die Erfahrung
aufzehrender Widerspruch. Dieser Widerspruch und diese
ninsion können sehr verschiedene Formen annehmen. Die krassen,
zur Halluzination gesteigerten Illusionen sind immer eine krank-
hafte Erscheinung und gewöhnlich die Begleiter von Geistes-
and Gehirn krankheit. So grobe Störangen sind die spekulativen
Illusionen freilich nicht. Dieselben vertragen sich sogar mit
einem hochgesteigertfln Geistesleben sehr wohl , aber keines-
wegs mit einem fruchtbaren Hervorbringen. Dennoch täuscht
die Spekulation eine Art Entwicklung vor, weil der Fortschritt
der Erfahrung die Illusion verfeinert und der Zerstörung immer
wieder neue Nahrung bietet. Den Vorgang der Illusion und
Zerstörung haben wir im einzelnen hier nicht weiter zu schildern.
Wir möchten nur hervorheben, dafe alle Spekulation im
wesentlichen Animismus ist. Denn Materialismus und Spiri-
tualismus gehen fortwährend ineinander über ; und je weiter der
Prozefs fortschreitet und abstraktere Formen erzeugt, um so
metir verfliefsen dieselben in irgend einer Gestalt des Ab-
soluten ineinander. Im Interesse unserer psychologischen Be-
trachtungsweise waren wir daher berechtigt, uns einfach nur
an den Äniraiamus (Spiritualismus) zu halten. Die für unseren
Zweck genügend vollständige Schilderang soll uns nur dazu
dienen, den kritischen Standpunkt zn gewinnen, um jene stark
Willi, Wb Krinis iu dar PijFhoHiKi^. 7
— 98 —
analytische und begriffliche Betrachtangsweise kennen zu lernen,
welche Ayenabius in seiner Kritik der reinen Erfahrung in die
Psychologie einzuführen versuchte.
d) R. Avenarius als psychologischer Theoretiker (Analyse
und Anschauung im Widerstreit).
Wir haben die natürliche Anschauung und die Stufen
positiver Klarheit immer als zusammengehöriges Ganzes be-
trachtet. Und entsprechend war auch, wie ich sie bezeichnen
möchte, unsere Darstellung eine dramatische. Die Betrachtungs-
weise des menschlichen Weltbegriffs ist im wesentlichen
dieselbe. Und obwohl dem Schema der Introjektion,
welches die illusionäre Erfahrung wie durch eine projek-
tivische Zeichnung veranschaulicht, etwas Künstlich - Abstraktes
anhaftet, so vereinigt die Darstellung im ganzen dennoch die
denkbar höchsten Vorzüge : dieselbe ist zugleich unmittelbar und
allumfassend. Das immer wieder aufs neue anziehende Produkt
gewährt uns den schönsten Genufs, weil die durch das Ganze
sich hinziehende leise Ironie der gröfsten Einsicht ein sanftes
begleitendes Ergötzen hinzugesellt. Die Kritik der reinen
Erfahrung, womit wir im folgenden nun zu thun haben,
macht alles ganz anders. Hier treten die Stufen der Klarheit
und die Anschauung auseinander, und die Hauptzüge der Dar-
stellung sind nicht mehr anschaulich. Dafs jedoch dieses Ver-
fahren der entwicklungsgeschichtlichcn Betrachtungsweise nicht
mehr zusagt, werde ich nun an einigen Hauptpunkten aufzeigen.
Unsere Stufen der Klarheit betrachtet die Kritik der reinen
Erfahrung als reine Formalprädikate, ganz abgesehen davon,
ob nur die Anschauang und Erfahrung oder auch Spekulation
und Illusion daran beteiligt wären. Die ursprüngliche Be-
schreibung (Kr. d. r. Erf. II, 50—60) jener Stufen allerdings
liefert die Wahrnehmung durch verschiedene Beispiele einer
entweder erhöhten oder herabgesetzten Deutlichkeit.
So können wir eine gewisse Umgebung, z. B. ein bestimmtes
Haus, in gewisser Entfernung eine längere Zeit hindurch vielleicht
kaum beachten, dann aber durch ein besonderes Ereignis, wie
etwa aufsteigenden Rauch oder Feuer auf jenes Haus besonders
aufmerksam werden. Der Korrektor läfst sein Auge an den
gewohnten, bekannten und eingeübten Buchstaben rasch vorüber-
gleiten. Sobald jedoch ein abweichen des Wort oder eine abweichende
Wortzusammensetzung sein Auge trifft, bereitet ihm dies eine
kleine Überraschung und fesselt seine Aufmerksamkeit. Allgemein
bekaont ist der erhühte, eiuer gesteigerten Sättigung gleich-
wertige Eindruck, wenn wir geeignete nod als Kontrastfarben
bezeichnete Farben zusammenstellen und gleichzeitig wahr-
nehmen- Obwohl der Farben kontrast ein ganz spezieller Fall,
dürfen wir dennoch alle Übergänge von einer geringeren zu einer
grosseren Deutlichkeit der Anschauung als durch Kontrast
hervorgernfen betrachten. Denn immer, wenn ein gesättigteres
Wahrnehmen stattfinden soll, mufs ein gewisser, mit dem Bis-
herigen kontrastierender Wechsel stattgefunden haben. Wir
müssen, nm recht klar wahrzunehmen, das Alte entweder in
einem neuen Liebte sehen oder in engstem Zasaramenbange mit
demselben etwas anderes and Neuartiges wahrnehmen. Denn zu
grofs freilich darf ein solcher Übergang nicht sein, sonst ist der
Eindruck ein fremdartiger und verwirrender. Kaspar Hauser,
als er zum erstenmal in eine Sommerlandschaft blickte, hatte
den Eindruck eines bunten Durcheinanders von Farben. Und
alB Goethe (itaUenische Briefe; 20. März 1787) vom Vesuv
herunterstieg und, den Kopf voll Lavaglut und rnfsige Feuer-
brände und Dtlnste vor den Augen, auf einmal beim herrlichsten
Sonnenuntergang in die paradiesische neapolitanische Land-
schaft schaute, da konnte er, wie er sich ausdrückt, empfinden,
wie sinnverwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise,
da Schreckliches und Schönes so oahe beisammen, einander
aufheben und eine gleichgültige Empfindung hervorrufen.
Diesen an der Wahrnehmung vorgefundenen Wechsel der Klar-
heit überträgt nun die Kritik der reinen Erfahrung auf
psychische Ändemagsreihen beliebiger Art und spricht ganz
allgemein von verschiedenen (positiv oder negativ) charakteri-
sierten Abhebungswerten. Und freilich besteht kein
Zweifel, dafs auch der spekulative Philosoph, wenn er mit
einer Problemreihe beginnt und etwa die Frage stell! : sind
denn auch Himmel und Erde samt Mensch und Vieh wirkliche
Dinge and nicht vielleicht nur Vorstellungen in mir? — dafs ein
solcher Philosoph, sage ich, bei seiner Frage sich zunächst wohl
sehr verwundert, später aber, nachdem er, wie wir annehmen
wollen, durch die Unterscheidung von Erscheinung und
Ding an sich die ursprüngliche Problemfrage beantwortet
hat, gewiss eine hohe Befriedigung empfindet und eine volle
Klarheit aussagt. Insofern scheint es daher nur gerechtfertigt,
die angedeutete Übertragung zu vollziehen, zumal wenn man
bedenkt, dafs ja gerade der Psycholog von seinem erhöhten
Standpunkt aus alle Erscheinungen gleichmätsig zu umfassen
hat. So sehr dies zutrifi't, so steht hiermit doch 1
- 100 —
Widersprach, dafs man nicht nur gewisse allgemeine Züge,
sondern ebensosehr die individuellen Werte nicht vergesse. Und
in unserem Falle sind gerade diese individuellen Werte die
wahren Voll werte. Mag nämlich der als Beispiel gewählte
Philosoph mit seiner Unterscheidung von Erscheinung und Ding
an- sich von seinem Standpunkt ans eine noch so hohe
Klarheit verbinden^ so lehrt denn doch die natürliche Anschauung,
dafs die Klarheit, welche der spekulative Philosoph aussagt, sich
nur auf Gefühl und Affekt bezieht. Da alle Bewegung des
spekulativen Denkens nur darin besteht, die ursprünglichen
krassen Animismen nicht etwa zu durchbrechen, sondern die-
selben nur in das unbekannte Leere hineinzuverlegen , so sind
mit diesen Aktionen wohl wechselnde, steigende und fallende
Gefühle und Affekte verknüpft, aber das Gebiet der betreffenden
Vorstellungen verbleibt im Grunde fortwährend auf dem Boden
toter Werte, weil dieselben als verschleierte Widersprüche
gar keiner positiven Abhebung fähig sind. Wenn man indes
bedenkt, dafs oft eine sehr kräftige Gefühlsaktion auch ganz
verworrene und sogar vollkommen leere Vorstellungen begleitet,
so begreift man leicht, dafs jener Tumult der Affekte, sobald
er sich etwas gelegt hat, vielleicht eine hohe Klarheit vor-
spiegelt. Immer ist es ja die fortschreitende Erfahrung, welche
den Anstofs zur Bewegung erteilt, weil sie die spekulativen
Widersprüche aus ihrem Schlummer ein wenig auMttelt. Als-
bald freilich versinken dieselben nur wieder hinter einem neuen
Schleier, und alles ist nun wieder in jenem Gleichgewicht, in
welchem wir uns manchmal im Schlaf befinden, wenn uns lang-
sam und sanft hingleitende Traumbilder umschweben. Ala
Kant unsere gesamte Sinnenwelt zu Vorstellungen in nna
machte, leitete ihn unter anderem hierbei der Gedanke, dafs ja
ohne jene Annahme die Dinge draufsen in uns hineinwandem
müfsten — und dies zu glauben — war ihm doch zu stark.
Der Philosoph liefs daher die Dinge draufsen fahren, machte
sie zu unbekannten Dingen an sich und verlegte die natürliche
Erfahrung und Umgebung alsVorstellungeninunshinein.
Dies ist denn freilich in der Sache dieselbe imaginäre und
illusionäre Doppelwelt, wie diejenige des Animismus dies immer
schon war und neu daran ist nur die Art der Verschleierung.
Das Hinüberwandern der Dinge draufsen in uns hinein ist
hinter dem Unbekannten verschwunden, und die im Leeren
schwebenden Vorstellungen in uns werden ja doch immer
von den Dingen an sich angeregt, denn so unbekannt jene
Dinge sind, so sind sie eben doch, und ihre Realität
— 101 —
im mindesten anzutasten, wELre, wie Kant sich ausdrückt, ein
Skandal. Dasselbe sehen wir bei Spinoza, wenn er die
populäre Gottes Vorstellung in seinem Sinne variiert. Der
pantheistische Philosoph findet den überlieferten anthroporaorpben
Gott in Widerspruch mit seinem Weltbegriff und überwindet
diesen Widerspruch durch Gieichsetzung Gottes und der Welt.
Eine einfache Gleichung ist die angedeutete Identifikation nun
allerdings nicht. Denn die eine Gott-Substanz liegt im
Duniel und die Eifahrnng und Welt mufsten sich eine Ver-
wandlung in die Attribute und Modi gefallen lassen. Indes,
einiges von der Anschauung geborgtes Licht schimmert überall
durch und reicht gerade hin, um aus dem künstlichen Falleu-
wurf ein durch syllogistiscbe Verkutkpfung zusammengehaltenes
Netz über uns auszubreiten und jene ungeheure schoiastisch-
mystische und tiefsinnige Wirkung hervorzubringen. Eine solche
Wirkung dieses Zwielichts und dieses gewaltsam in- und über-
ein an dergeschichteten und geschachtelten Syllogismen bau es ist
nun aber etwas ganz anderes als Klarheit. Obwohl niemand
mehr als Avenakius — und mehr als alles beweist dies seine
Schildernng im mensehlichen Welthegriff — obwohl,
sage ich, dies alles niemand besser wusste als Avenabidb, hatte
er dennoch in seinem Hauptwerk bei Betrachtung der Abhebungs-
werte in maßgebender Weise nur die Affektiv Charaktere herbei-
gezogen. Diese Beschränkung geschah also offenbar ganz mit
Absicht. Da der Philosoph alle psychischen Werte und Ände-
rungen immer nur im Znsammenhang mit seiner allgemeinen
VitaltJieorie darstellte, war es freilich, da jene Theorie mehr
auf allgemeine Begriffe als auf individualisierte Anschauung fährt,
fast unvermeidlich, dafs unsere Stufen der Klarheit nur wie
eine Nebenerscheinung in den allgemeinen Pulswellen der auf-
und absteigenden Gefühle verschwanden. Aber gerade auf jene
allgemeine Vitaltheorie wird unsere Schilderung späterhin die
nötige Beleuchtung werfen. Inzwischen müssen wir unsere
Schilderung noch etwas weiter ausführen. Denn wenn, wie wir
gesehen haben, schon im Gebiete der nächsten Wahrnehmnng
die erhöhte Deutlichkeit sich als Kontrasterscheinung ausge-
wiesen hat, so wird dies um so mehr dann zutreffen, wenn die
auf- und absteigende Klarheit oder Unklarheit das gesamte
menschliche Individuum ergreift und sich als kleinere oder
gröfsere zusammenhängende Ansicht äufsert. Wenn hier Meinung
gegen Meinung in Kampf, in Widerstreit oder in Überein-
elimmung zusammentreffen, so mafs sich ja zeigen, was Wahr-
heit, was Irrtum, was Unklarheit und was Vorurteil ist.
- 102 —
Hegel nannte einst den Widersprach die Warzel aller
Bewegung und Lebendigkeit. Doch als diese Warzel möchte
ich lieber die Klarheit der Anschauung und ihre positive Ent-
wicklungsfähigkeit bezeichnen. Ohne Widerspruch freilich geht
es nicht ab. Denselben aber zum Prinzip erheben ist nur ein
Zeichen von Unklarheit. Indes, weil die Entwicklung nicht in
gerader Linie fortschreitet, weil allerlei Hemmungen zu über-
winden sind, und Wahrheit und Irrtum einander oft seltsam
nahetreten und sich beinahe wechselseitig durchdringen , sehen
wir unschwer ein, wie Hegel zu seiner Apotheose des Wider-
spruchs geführt werden konnte. Denn freilich» immer, wenn wir
einen Irrtum begehen, werden wir des Widerspruches überführt.
Und alsbald, wenn wir nur den Widerspruch einsehen und ein-
gestehen, ist auch der Irrtum verschwunden. Derselbe existiert
ja nur im Augenblicke des Übergangs von einer Behauptung,
einer Ansicht oder Wahrnehmung zur anderen. Wenn wir im
Wald oder Gebirge von der Richtung abgekommen sind, müssen
wir entweder die Anschauung erweitem und uns selbst fort-
helfen oder uns durch einen Kundigen von geeigneter Übung
und Findigkeit lenken lassen. Ganz in diesem Falle befanden
sich die Astronomen unmittelbar vor Kopernikus. Immer weiter
drangen sie in den Himmel vor, und je tiefer sie hineingelangten,
um so weiter gerade sahen sie sich vom Ziel entfernt. Erst
die neue Orientierung durch Kopernikus führte sie wieder auf
den Weg.
Hegel nun scheint kein Waldspaziergänger gewesen zu
sein, und ein Astronom war er sicher nicht, denn er hielt die
Sterne nur für einen Lichtausschlag und daher auch nicht
für bewunderungswürdiger als einen Aussatz oder Krätze
am Menschen. Inzwischen aber sah der Philosoph eine ziem-
liche Anzahl Meinungen seiner Vorgänger vor sich, welche ein-
ander alle mehr oder weniger widersprachen. Daher kam Hegel
auf den Gedanken, jene verschiedenen Meinungen ganz herzhaft
durcheinanderzurütteln, um auf diese Weise auf demselben Weg
zur Wahrheit zu gelangen, wie man das grofse Los gewinnt.
Und das grofse Los ist Hegel wirklich zugefallen. Denn so-
weit sich sein Prinzip der Widersprüche nur auf die Spekulation
bezieht, trifft dasselbe allerdings und sogar in dreifacher Weise
zu. Die Spekulation widerspricht der Erfahrung im ganzen;
sie widerspricht sich in ihren verschiedenen Formen und
Meinungen auf dem historischen Kampf- und Schauplatz, und
endlich widerspricht sich noch jeder einzelne Philosoph selbst*
Letzteres, die Selbstwidersprüche der einzelnen Philosophen,, hat
man längst eingesehen. Ja, die Philosophen selbst haben eine
Ahnung und manchmal sogar ein sehr deutliches Wissen davon.
Während z. B. noch Kant nur meinte , Widersprüche in seiner
Kritik der reinen Vernunft könnten sich vielleicht wohl finden,
sicherlich aber wären dieselben nur leichterer Art und müfsten
in der Folge durch geeignete Mitarbeiterschaft von selbst ver-
schwinden — gieng des berühmten Philosophen berühmter Schöler
unseres Jahrhunderts Fr. A. Lamgb schon sehr viel weiter and
so weit, (iafs man weiter gar nicht mehr gehen kann. Fr. A,
Lauge nämlich gesteht ganz offen ein , dafs der Widerspruch
gerade das wahre Ei des Kolumbus in der Philosophie wäre,
weil man einsehen niUfste, dafs wir zuletzt nicht uur nichts
wissen könnten , sondcro sogar das Kreuz des Widerspruchs,
aber nicht als Heilande, sondern als arme Sünder und gesenkten
Hauptes, in alle Ewii^keit auf uns zu nehmen hätten. Nun, da
es die Philosophen selbst sagen , dals sie arme Sünder wären,
müssen wir ihnen dies wohl glauben.
Wie dieselben aber weiterhin noch dazu kommen, ihren
Bankrott zu erklären, dies ist nns gleichfalls kein Rätsel mehr.
Eine erweiterte Erfahrung, verschärfte Kritik und vertiefie An-
schauung kontrastieren eben mit der Spekulation allzusehr, als
dafs nns die illusionäre Beschaffenheit derselben noch irgend
verborgen bleiben könnte. Und wie Wespen, wenn man ihnen
das Nest anzündet, so fliegen fortwährend die Bestandteile jener
Illusion als offene Widersprüche und als trümmerhafie und un-
fafsbare Gedankensplitter frei in der Luft herum. Der übrig
bleibende Rest, wenn ein solcher noch vorhanden ist, kommt
dann irgend einer positiven Anregung in Wissenschaft, Kunst
oder Kritik zu gute, oder derselbe zeitigt vielleicht als unmittel-
bare persönliche und individuelle Einwirkung seine Früchte.
Wieviel, neben ihrer Illusionsüh er tragung, die Philosophen der-
artige schöpferischen Keime und Thaten ausbreiten möchten, dies
haben wir nicht zu untersuchen. Es genügt, daCs die illusionären
uud die positiven Bestandteile jener Bewegung, welche Philo-
sophie und Spekulation beschreiben , immer mehr und immer
deutlicher nnd schärfer aase inander treten.
Alle Meinungsverschiedenheit mufs sieb endlich in zwei
Reihen formieren, wovon die eine Anschauung und Erfahrung,
die andere die Illussiou darstellt. Denn aufser Irrtnm nnd
Wahrheit, Unklarkeit und Vorurteil sind sonst keine Möglich-
keiten vorhanden. Nun ist aber das Vorurteil nur jene spezielle
Form des Irrtums, welche der Anschauung nicht weicht, und
als blinde Verschlossenheit und Verstocktheit in ihrem einsamen
- 104 —
Dämmer verharrt. Daher fällt das unbewegliche Vorurteil
offenbar mit der Illusion zusammen, und leicht ist einzusehen,
dafs überall, wo es der Anschauung an genügender Freiheit
und Weite mangelt, Vorurteil und Illusion leicht Eingang finden.
Dieselben verharren ruhig als schwebendes Phantom, solange
sie ungestört bleiben. Sobald aber ein Blitz der Anschauung
auf sie fällt, fahren sie auf in Gestalt der Verworrenheit und
des Widerspruchs, wie die Fledermäuse und Nachteulen, wenn
sie das Tageslicht schreckt. Einen besonderen Fall der Illusion
und Unklarheit möchte ich hier noch besprechen, weil ich den-
selben persönlich erfahren habe, und weil er beweist, dafs nicht
nur die Spekulation, sondern auch die strengste Wissenschaft,
sobald dieselbe durch Abstraktion sich von der Anschauung
zu weit entfernt, ins Bodenlose sinkt.
Ein Mann, von dem ich wufste, dafs er Anschauung und
Erfahrung sehr wohl kannte und dieselben auch in weitem Um-
fange zur unbedingten Richtschnur nahm, hatte doch infolge
eines fachmäfsigen Studiums der mathematischen Wissenschaften
noch ganz andere Antriebe in sich aufgenommen. Dies zeigte
sich eines Tages aus Zufall. Der Zug unseres Gespräches
führte mich dem Mitunterredner gegenüber auf die allgemeine
Behauptung, dafs neben Erfahrung und rein erfahrungsmäfsigen
Begriffen auf Gültigkeit sonst gar nichts Anspruch hätte. Als
er dies hörte, stutzte mein Gesellschafter ziemlich bedenklich
und meinte: die Mathematik hätte ja längst die alte
euklidische Anschauung überschritten und den unwidersprechlichen
Beweis geliefert, dafs z. B. ein 4dimeusionaler Raum sehr wohl
denkbar, obwohl wir ja denselben gar nicht anschauen und er-
fahren könnten. Als ich erwiderte: die Analogie, dafs der
Sdimensionale zum 4dimensionalen Räume sich verhalten sollte,
wie der 1- und 2dimensionale zum Sdimensionalen; wäre ganz
hinfällig, weil wir niemals verschiedene Dimensionsräume
vor uns hätten, sondern von nichts als einem und demselben
empirischen und immer Sdimensionalen Raum etwas wüfsten,
so dafs jene vermeintliche Analogie zunächst Abstraktions-
produkte mit der Anschauung und schliefslich eine leere
Negation, eben die vierte Dimension, mit einem un-
bekannten Raum verwechsele — als mein Mann diese Erwiderung
hörte, hatte er als Antwort nur ein Lächeln, welches aber deut-
lich besagte, dafs man der Mathematik mehr zu glauben hätte,
als einem in Mathematik ungenügenden Empiriker. Diese Ant-
wort war ganz die Ansicht der Philosophen, welche gleichfalls,
wenn man Anschauung und Klarheit bei ihnen vermifst, immer
- 105 -
die ÄDtwort bereit halteo, Eie halten eben über Anschaoung und
Klarheit hinaus ein höheres Erkenntnisvermögen. Noch weiter
den illusionären Charakter der blinden Vorurteile zu verdeut-
lichen, halte ich nicht für nötig. Es genügt in dieser Beziehung
schon die einfache Erinnerung an die historischen Ueispiele des
horror vacui und die von der Erde, wenn sie sich um ihre
Axe drehen sollte, herunterfallenden Gegenfüfsler.
Unsere Schildemng hat hiermit gezeigt, dafs die Stnfen
der Klarheit erat in einem gesteigerten gesellschaftlichen Leben
des Menschen ihre volle, sowohl positive als negative Hübe er-
reichen. Die einzig angemessene Weise der Uarsteljung jener
Stnfen ist daher auch nur diejenige, welche dem Zug der Indi-
viduen in ihrer Ganzheit folgt und jenen Zug im Spiegel des
eigenen Individonms anschaut. Indes, Avenäuius war anderer
Ansicht. Er vermied es , soviel er nur konnte , lebendige
Individuen zu schildern, weil er fürchtete, das Porträt möchte
nicht so ausfallen, wie es die Geschilderten am liebsten haben
mochten. Die Kritik der reinen Erfahrung, um jede
Indi vi dual Schilderung und Indivldaalkrilik zu vermeiden, scheint
sich daher in ihrer Weise Spinoza zum Vorbild genommen zu
haben und möchte alles Menschliche am liebsten so darstellen,
wie der Mathematiker seine Linien und Winkel an die Tafel
zeichnet.
Diesen gigantischen Versuch der Kritik der reinen Erfahrung:
die Hauptzüge der gesamten Psychologie durch eine halb natur-
wissenschaftliche, kalb konstruktive und spekulative Weise dar-
zustellen, darf man im einzelnen nicht kritisieren. Es wäre
dies zugleich ungerecht und unfruchtbar. Denn obwohl jener
denkwürdige Versuch in gewissem Sinne vollständig
fehlschlagen mufste, so steht man andererseits doch unleugbar vor
der eindrucksvollen Thatsache, dafs die psychologischen
Einzelbilder als solche von höchster Feinheit und durchschlagen-
der Tiefe sind. Überblickt man aber die psychologische Schilderung
im ganzen, so ist alles von allen Seiten wie kreuz und quer
durchschnitten und vereinzelt. Man glaubt sich in einen Garten
versetzt, der mit der höchsten Kunst der Abmessung die un-
durchdringliche Wildnis des Urwaldes vereinigt. So bleibt nichts
übrig, als dafs man das Buch mit Hilfe des Registers wie eine
kleine Bibliothek benutze. Die einzelnen Teile des Buches ver-
halten sich zu einander fast wie selbständige Bücher. Anderer-
seits freilich sind sie wieder nur Bruchstücke. Diese Bruch-
stücke sprechen zu uns wie eine grofse Ruinenstadt , deren
Einzelbestandteile einer Versammlung der vortrefflichsten Menschen
— 106 —
gleichen, welche aber alle voneinander nichts ¥a88en und
daher eben zu jenem schmerzlich - trümmerhaften Ruinendasein
verurteilt sind.
Dieses traurige Geschick, welches unserem Philosophen be-
schied^ war, fühlte er selbst deutlich. Denn an entscheidender
Stelle hat es Ayenabiüs offen ausgesprochen, dafe ihm seine
Philosophie zur schmerzlichen Erisis geworden wäre. Jawohl,
so ist es, sie war eine sehr schmerzliche Erisis, diese Eritik
der reinen Erfahrung. Und gerade weil ihr Verfasser eine sehr
feine Natur und ein umfassender und tiefer Geist war, muTste
sich jene Krisis bis zur Tragik steigern. Ayenabiüs neigte einer-
seits ganz zur Bevorzugung des streng Begrifflichen und All-
gemeinen, und jene Selbstherrlichkeit und Oberherrschaft des
Begriffes durchdrang und begeisterte ihn wie nur je einen
Philosophen. Andererseits jedoch verstand er sich zugleich auf
die Feinheiten und bedeutsamen verborgenen Einzelzüge der
psychologischen Erfahrung wie nur selten ein Philosoph. Ein
Ausweg war hier schwer zu finden. Avenabius versuchte es
durch seine Vitaltheorie. Das Hypothetische an dieser Theorie
und ihre naturwissenschaftlichen Bestandteile lassen wir hier zur
Seite. Dies gehört in einen anderen und allgemeineren Zu-
sammenhang ^ der uns erst an einer späteren Stelle besonders
beschäftigen wird. Hier betrachten wir jene Theorie nur vom
entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkt aus. Avenabius, ganz
im Geiste einer in den strengeren Naturwissenschaften üblichen
reinen Konstanten-Betrachtung, übertrug ein analoges analytisches
Verfahren auf die gesamte Psychologie und zerlegte die mensch-
lichen Individuen, wie wir die Bewegung zerlegen, wenn wir
die wechselnden Lagen eines bewegten Eörpers durch einzelne
Zeichnungen fixieren und nun durch Zusammenstellung und
Rotation jener festen Bewegungslagen den Eörper wieder als
Einheit und in Bewegung haben. Nun konnte der Philosoph
die menschlichen Individuen zwar sehr kunstgerecht und in einer
ungewöhnlich scharfsinnigen Weise zerlegen, aber zusammen-
setzen kann sie nun niemand mehr. Die menschheitliche Ent-
wicklung und Individualität läfst sich weder wie ein logischer
Schlufs aus Vordersätzen ableiten, noch giebt es im selben
Sinne überhaupt Entwicklungsgesetze, wie es Naturgesetze
giebt. Alle Entwicklung ist ebensowohl Verschiedenheit und
Wandel und Werden und Vergehen als ein Sein und eine Die-
selbigkeit. Die Entwicklung ist eben dies alles in unzertrenn-
licher und durchgehender Einheit. Die Naturgesetze aber um-
fassen wohl ein Geschehen, aber niemals ein Werden und Ver-
— 107 —
"gehen. Vergehen und Werden wären ja gerade der Tod einer
rein natnrgesetzlicben Uetrach tu ngs weise. Denn die Naturgesetze
drücken ja nur aus, was immer ist und geschieht, und haben
auch stets and überall nur die Absiebt, eine Seins fo rni el , wo
noch keine solche besteht, aufzufinden. Die gemeinsamen Züge
der gesamten m enschli ei t liehen psychischen Gestaltung freilich
drängen sich, wie die Gattungmerkmaale überall sonst auch, mit
Macht auf. Und eine grofse , durchgehende Reihe derselben
lässt sich wie mit einem Blick verfolgeu,
Ayenabids hat nun mehr als nur eine Keihe solcher
Gemeinsamkeiten beschrieben; er hat sie alle aufgedeckt, und
da ihm audererseita anch die individuellsten Intimilälen nicht
entgehen, so rieselt iu der Kritik der reinen Erfahrung, tief
verborgen allerdings unter Felsgestein, das theoretisshe und
praktische Verhalten des Menschen in seinen HauptzUgen wie
die reinste und nie versiegende Quelle. Diesen ganzen Grund-
akkord: die positive und negative Existenzialcharakteristik, dag
Bekannte und Unbekannte, der Zweifel, die Ungewissheit, die
Sicherheit und Ruhe, die Diesel bigkeiten und die Andersheiten
samt der begleitenden Skala der auf- und absteigenden Affekte,
welche in ihrer bald mehr sinnlichen , bald mehr geistigen
Färbung starker oder schwächer schwingen, hat unser Philosoph
von den verschiedensten Gesichtspunkten geschildert und die
reichste Auswahl der schönsten konkreten Beispiele als Seben-
text in seine darüber achwehende allgemeine Theorie eingeschoben.
Fast wie in einer kleinen Monographie vereinigt, trifft man dies
alles beisammen mitten im grofsen Werk, wenn Avenabius bei
Betrachtung des appetitiven Verhaltens zeigt, dafs das
ganze weile Gebiet des Wollens, Begehrens und Wünsehens
keine speziellen Werte, etwa eine besondere Willenstbätigkeit,
aufweist, sondern nur eine Zusammensetzung und Modifikation
des Wahrnehmens und Vorstellens , der Bewegung und der
Affekte darslellt. Sehr deutlich und scharf bebt sich in dieser
Schilderung des appetitiven Verhaltens das charakteristische
Moment desselben ab: das Auseinandertreten von Wahrnehmen
und Vorstellen, das Vorschweben eines dereinst Wahrzunehmen-
den in der Vorstellung und der gehemmte oder leichtere Über-
gang von der Vorstellung zur Wahrnehmung nebst begleitenden
Bewegungen und Bewegungsimpnisen.
Daneben und gleichzeitig lafst sich indes auch gerade be-
sonders in dieser ganz auf das Konkrete angewiesenen Schilderung
der Äppelition jene von der Anschauung sich zu weit ent-
fernende begriffliche Tendenz bemerken. Neben dem Umstand,
— 108 —
dafs in dieser Beschreibang sich jene eigens hergestellte kflnst-
liehe Terminologie, welche wir alsbald mit einigen Worten be-
sonders besprechen werden ^ gerade sehr störend erweist, gab
sich der Theoretiker überdies die besondere, aber vergebliche
Mühe, bestimmte Gruppen des appetitiven Verhaltens so yiel
als möglich streng begrifflich voneinander abzugrenzen. Indes,
diese falsche Nacheiferung der strengeren Naturwissenschaften
gerade war es, welche den Philosophen dazu führte, seine
definitorische Terminologie zu erfinden und dieselbe auf die
Psychologie zu übertragen. Keineswegs ist die so streng durch-
geführte Terminologie bei Ayenabius nur etwa ein Mittel,
sprachliche Mifs Verständnisse zu vermeiden. Dieselbe hat einen
viel tieferen Ursprung. Dies beweist, wenn auch der Philosoph
hiervon vielleicht selbst kein Bewufstsein hatte, besonders das
die ganze Betrachtungsweise der Kritik der reinen Erfahrung
beherrschende Piinzip der Übung, soweit dasselbe eine ent-
wicklungsgeschichtliche Stellung behauptet. Denn im Zusammen-
flufs, im Widerstreit oder in Übereinstimmung mit der Über-
lieferung, welche ganz zwangsmäfsig auf uns lastet und uns wie
eine fremde Gewalt da- und dorthin schiebt und noch viel
lieber gewaltsam irgendwo festhält — in jener Beeinflussung
dieser ihre Macht ausübenden Überlieferung und der erfahmngs-
mäfsigen Anschauung, welche uns als zweiter übender Faktor
in analogem Sinne beeinflufst, bevorzugt Avenabius gar nirgends
die konkrete Anschauung, sondern er macht eine spezielle und
rein begriffliche Bearbeitungsart der Erfahrung zum Mafs und
Prinzip der fortschreitenden und abschliefsenden positiven
höheren Entwicklung des menschlichen Verhaltens. Jene be-
griffliche Bearbeitungsart bezeichnet die Kritik der reinen Er-
fahrung als Annäherung an dieselben vollkommenen Konstanten,
welche in Mathematik und mathematischen Naturwissenschaften
üblich und hier in gröfserem Umfange verwirklicht sind. Diese
reine Konstanten- Betrachtung war es, welche der Kritik der
reinen Erfahrung als Darstellungsnnittel zunächst die strengeren
systematischen Formen und dann infolge hiervon überdies noch
ein entsprechendes adäquates Ausdrucksmittel in Gestalt einer
streng definitorischen und in technischen Wortbildungen gefügten
Terminologie aufnötigte. Da jedoch in der Psychologie alles
nur auf eine genügende Anschauung, welche in der Darstellung
den freiesten Spielraum haben mufs, ankommt, war jene künst-
liche und strenge Terminologie nur da nicht von Nachteil, wo
dieselbe, wie im menschlichen Weltbegriff, nur dazu
diente, einen grofsen Grundrifs zu skizzieren, und daher nur in
— 109 -
sehr mafsvollen Zügen sich in die Darslellang mischte. Sobald
hingegen jenes nur der reinen EonsUnten - Betrachtung an-
gepasBte terminologische Ausdrucksmittel, wie in der Kritik der
reinen Erfahrung der Fall ist, sich in voller Breite entfaltet und
sich dem speziellsten Inhalt mitteilt, macht man die Erfahnug,
dafs die terminologischen Spannhölzer nur als Rippen und
Pfeiler zu jenem grofsen, dunkeln Gewölhe gehören, welches in
Gestalt einer abstrakt-biologischen Konstraktion für sich allein
&st einen ganzen Band ausfüllt und fast einer geschlossenen
Festung gleicht. Und doch befinden wir uns in einer Gemälde-
gallerie nnd bähen nun das Vergnügen , tausend Gestalten nnd
Geschichten aus dem menschlichen Leben, welche in der Höhe
jenes Gewölbes angebracht sind, von unten auf zu betrachten
und uns die Angen aus dem Kopf herauszusehen.
Anders als in einer gewissen Unmittelbarkeit können wir
nns von keiner Entwicklung Rechenschaft gehen. Und auch
dann, wenn wir vorzugsweise gemeinsame Grnndzüge in Betracht
ziehen, kann dies nur so geschehen, dafs wir dieselben im
engsten Znsammen hange der zugehörigen individuellen Modi-
fikationen und Richtungen schildern; nicht anders, als wenn wir
beispielsweise die Kinder verschiedener Schuiklassen in rascher
Aufeinanderfolge betrachten und aus den verschiedenen Ant-
worten, welche die einzelnen Kinder auf ihnen von uns vor-
gelegte geeignete Fragen erteilen, ohne weiteres die Entwick-
langshöbe der kindlichen Individuen erraten, als ob wir in einen
Garten schauten und hier an einer Stelle erst eine undeutliche
Knospe oder einen schwachen Keim, an einer anderen Stelle aber
schon ein volles Grün und eine ballj aufgebrochene Blüte wahr-
nähmen.
5. Assoziationspsychologie (Wii,liam James;
RicHABD Wähle).
1) "W. Jamea.
Im Unterschied und Gegensatz zu gewissen früheren
Schalen und Richtungen ist W. James unterrichtet genug, um
einzusehen, dafs wir es bei der Assoziation keineswegs mit einer
geschlossenen Theorie zu thun haben. Jamgs^) (I, 551 £F.) lehnt
nicht nur jene in Analogie von Druck und Stota konstrnierte
psychische Mechanik und Atomistik ab , sondern derselbe hebt
im besonderen hervor, dafs die Vorstell ungsassoziation, als von
') The principles of Psychology. London 1891. 11 Vol.
— 110 —
der Umgebung und dem konkreten menschlichen Individuum
losgelöstes Medium, unfafsbar wäre und wie ein Wolkenschleier
zerfliefse. Dennoch fafst unser Psychologe am Ende seines
Assoziationskapitels (I. 604) seine Ansicht dahin zusammen,
dafs die gesamte Assoziationstheorie bestehen bleibe, wenn man
nur die angedeuteten Korrekturen mit derselben vorgenommen
hätte und nicht mehr von losgelösten und atomistisch-einfachen
Vorstellungen spreche. In dieser vermittelnden Ansicht zeigt
sich deutlich, wie der amerikanische Philosoph viel weniger die
Absicht verfolgt, neue Theorien aufzustellen, als das bisherige,
von verschiedenen Seiten und Richtungen aufgearbeitete Material
in grofsen Zügen frei und selbständig zu gruppieren und im
einzelnen kritisch zu sichten. Da er alles nur irgendwie branch-
bare Physiologische so viel als möglich herbeizieht, wäre der
psychologische Philosoph wohl am liebsten gewillt, der
Assoziation durch eine entsprechende Gehirntheorie eine sichere
Unterlage zu bieten. Da dergleichen Aussichten aber sehr fern
liegen, macht James weiter keinen Versuch, jenes Dunkel zu
erhellen. Und unserem vermittelnden Theoretiker blieb daher
nur übrig, die bestehende Assoziationstheorie auf das Verhalten
des menschlichen Individuums, so gut es geht, anzuwenden.
Denn dafs der Abstand zwischen jener abstrakten Theorie und
dem thatsächlichen menschlichen Verhalten nicht ein sehr grofser
wäre, dies leugnet James durchaus nicht. Sondern derselbe
setzt jenen Abstand und Gegensatz (I. 577 — 82) gerade im
Gegenteil in das vollste Licht. Schon der gewöhnliche und
alltägliche Gedankenablauf des gewöhnlichen Menschen wider-
setzt sich ja oft genug der Vorausberechnung. Und wie erst
wollte die theoretische Psychologie es anstellen, ein ungewöhn*
liches Individuum mit seinen kühnen und abweichenden Ein-
fällen und fortwährenden Sprüngen einzufangen ? Doch wir
wollen keine zu hohen Anforderungen stellen. Wir wollen uns
bescheiden und sind ganz wohl zufrieden, wenn uns auch nur
etwas von jenen reichen und fruchtbaren Anwendungen der
Assoziationstheorie, wie sich James auf dergleichen beruft, in
den Schofs fällt.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Prüfen wir
dieselben. Wäre es beispielsweise nicht ganz hübsch, wenn man
die geniale Intelligenz von der gewöhnlichen durch die Ähnlich-
keitsassoziation unterscheiden könnte? James glaubt an der«
artige Formeln und beruft sich für seine Behauptung (n. 360),
dafs Genie und eine grofse Menge von Ähnlichkeitsassoziatioiien
dasselbe wären, auf eine Schilderung (I. 601 — 602) von Bair.
- in —
Was anderes denn, meint Bain, könnte es gewesen sein, was
Watt zum Erfinder der Dampfmaschine machte, als dafs der
berühmte Mann eben viel rascher als der gewöhnliche Mensch
die Ähnlichkeit zwischen einem Wasserfall, einem zischenden
Dampfstrahl und einer lebendigen Pferdekraft entdecktet'
Interessant wohl wäre es, wenn man Watt seibat diese
Diagnose vorlegen nnd seine Meinung darUber vernehmen könnte.
Da inzwischen eine ganze Reihe von Erfindern fortwährend mit
mehr oder weniger Erfolg thälig sind, können wir sie ja alle
vor ans versammelt denken nnd eine kleine Zwiesprache mit
denselben halten. Und wie würde wohl ihre einstimmige Ans-
sage lauten? Erfinden — vrtirden sie sagen — ist keineswegs
ein allgemeines Aufsuchen verborgener Ähnlichkeiten. Mit den
schönsten und verborgensten Ähnlichkeiten können wir Erfinder
nichts anfangen, wenn dieselben nicht von vornherein in ganz
individueller Gestalt erscheinen. Gedanken — hört, hört, ihr
reinen Theoretiker ! — Gedanken und greifbare Sachen, an denen
man Experimente vornehmen , die man vielfach abändern und
konstruieren und woran man nach Herzenslust he mm probieren
kann, sind bei nns so sehr eins und gar nicht voneinander zu
trennen , dafs wir nicht entfernt im stände sind, den Übergang
von einer allgemeinen Ähnlichkeitsgedankenschwebe zum er-
finderischen Entwerfen, Prohieren und Gelingen vor den strengen
Schranken der Praxis zu beschreiben oder gar notwendig zu
machen. Indes, eine dergleichen lebendige Unterhaltung wUrde
einen psychologischen Theoretiker gewifs nicht von der Schwäche
seiner Behauptung überzeugen. Als psychologischer Interviewer
mufste es ja schon Sokrates (Plato) erfahren, wie wenig doch
die Kflnstler und Dichter zu sagen hatten , als er dieselben be-
fragte, wie, durch welche Hilfsmittel, Mafsregeln, Überleguniien
und Selbstkontroversen sie denn wohl ihre so schönen nnd an-
ziehenden Sachen zu stände brächten. Betrachten wir also lieber
einen Theoreliker, wie Dahwin oder Newton. Und wahrlich,
was diesen letzteren betrifft, hat man — und auch James wählt
dieses Beispiel — das Fallen des Apfels schon so oft zum
Spiritus rector der NEwroNBchen Planeten - Theorie gemacht,
dafs man nan auch einmal, wie wir soeben gethan haben, den
gewaltigen Unterschied zwischen der allgemeinen Gravitations-
Idee und der ausgeführten Planetentheorie bemerkbar macht.
Jeue allgemeine Ähnlichkeitsidee der Gravitation war in unserem
Falle so wenig das Entscheidende, dafs dieselbe bekanntlich
gerade im Zeitalter Newtons unabhängig von letzterem , aber
hart neben demselben aufgetaucht war und dennoch warten
~ 112 -
moTste, um fruchtbar zu werden, bis Newton erschien. Und
die Fertigkeiten und Fähigkeiten, wodurch allererst Newton
die allgemeine Gravitationsidee fruchtbar macht, sind so spezi-
fischer Art, dafs dieselben gar nicht — und am allerwenigsten
durch die Formel der Ähnlichkeitsassoziation — so im all-
gemeinen zu beschreiben sind, sondern nur durch individuelle
Kongenialität und geschichtliche Darstellung fabbar gemacht
werden könnten. Und bei Dabwin ist die Sache nicht anders.
Freilich, als derselbe den Konkurrenzkampf und die geschlecht-
liche Auswahl aus dem Gesichtskreis des Menschen auf die ge-
samte organische und freie Natur ausdehnte, hatte er gewiJOs
eine grofse Menge Ähnlichkeitsassoziationen. Aber doch nur
insofern, als er überhaupt mehr Gedanken als ein Durchschnitts-
mensch produzierte. Denn aufser dem Zug verwandtschaftlicher
Beziehung untereinander waren die Gedanken Dabvhns gewiHs
vor allem dadurch ausgezeichnet, dafs dieselben klar und lebendig
und dennoch wie in fortwährendem Aufruhr vielfältig und
kombinationsfähig auf ihrem Yorbeizug miteinander zusammen-
trafen. Wer möchte nun behaupten, dafs gerade die assoziative
Ähnlichkeit für sich einen besonderen Vorzug bedeute? Ist
dieselbe nicht vielmehr nur im Zusammenhange der übrigen
Züge der Geistesphysiognomie so abzulesen, wie man in einem
menschlichen Antlitz Liniengestalt, Mimik und Augengewalt zwar
wohl unterscheidet, aber nur als Ganzes anschaut ? Dafs Unter-
scheiden und Vergleichen, dafs ein gewisser Grad von Geübtheit,
von Frische und Interesse in einen gröfseren Assoziations-Zug ^)
immer miteinfliefsen, weifs ja natürlich auch James. Wer will
hier trennen und sondern? Etwas anderes ist es, wenn wir
durch unterscheidende Züge aus einer gröfseren Anschauung
heraus schildern. Und einem derartigen, obzwar halb unbewofsten
Versuch nähert sich James, wenn derselbe Phantasie- und
Verstandesmensch einander gegenüberstellt. Das mehr unmittelbare
Anschauen und das durch einen strengen Stufengang fort-
schreitende logische Denken schildert unser Analytiker insofern
nicht unrichtig, als derselbe dem spezifischen Denker im Ver^
*) Und hierunter (Assoziationszug) verstehe ich hier und fort-
während, so oft die Rede davon ist, keineswegs jene sogenannte,
durch irgend eine Formel bestimmte spezifische Yorstellunga-
assoziation, sondern ich habe stets einen konkreten, Gefühle und
Afiekte gleichfalls mitumfassenden Gedankenstrom im Au^e, insofern
derselbe eben nichts bedeutet als nur eine Welle oder emen Sturz-
bach einer tiefer zurückliegenden, gröfseren und bald mehr, bald
weniger bewufsten G^samt-Erfahrung und Gesamt-Anschauung.
— 113 —
hältnis zum phantasiemäfsigen Betrachter mehr Überlegung, mehr
Gemessenheit und begründendes Vorgehen beiraifst. Durch diese
bekannte Charakteristik glaubt man sich dann weiter zum
Schlüsse berechtigt, dafs Künstler und Dichter und die denselben
mehr oder weniger verwandte Sippschaft nur halb klar und be-
wufst arbeiten und denken, und derogemäfs auf der Stufenleiter
der Intelligenzen nicht die höchste Stelle einnehmen. Auch
James macht dieselbe Schlufsweise , wenigstens insofern, als er,
obzwar nicht immer im einzelnen Falle, aber doch im allgemeinen,
dem sogenannten strengen Denken die erste Stelle anweist.
Hätte sich indessen James vom scholastischen Vorurteil einer
höchsten Stufe der Intelligenzen im Sinne einer stehenden
Kategorie, welche offenbar aus der Vermögenspsychologie
stammt, frei gemacht, dann hätte er auch nicht mehr, wie er
gethan, Assoziation und Denken (association and reasoning),
sondern nur ein wenig verschieden charakterisierte mensch-
liche Individuen zu einander in Beziehung gesetzt. Die
Gegensätze zwischen konkreten Individuen sind aber immer
ganz anders und vielmehr durch mannigfache Übergänge ver-
mittelt, als diejenigen zwischen abstrakten Kategorien. Die
spezifische Bewufstheit — im Sinne reflektierender Überlegung —
ist als solche nichts weniger als ein Vorzug, sondern unmittel-
bar immer ein Nachteil und ein Mangel, weil das betreffende
Individuum einen fehlenden Kraftüberschufs durch gewaltsame
Anstrengung zu ersetzen bemüht ist. Ginge alles rein instinktiv
und wie Essen und Trinken frei, dann wären wir unendlich
viel vollkommener. Und nur weil ohne Geburtswehen überall
nichts Rechtes und Grofses zustande kommt, müssen wir fort-
während mit bewufster Arbeit einsetzen und nachhelfen.
Bewufst bedeutet daher insofern nur ein langsameres Arbeits-
tempo als unbewufst. Neben diesem letzteren giebt es in-
dessen noch ein anderes Unbewufstes. Es ist das nur halb klare und
halb noch verschleierte Denken oder Phantasieren. Dieses ge-
brochene Halblicht besonders ist es, welches man gerne als
Künstler- und Dichtermedium mit den scharfen Lichtern und
Schatten des Begriffsmenschen in Kontrast setzt. So zutreffend
es nun ist, wenn man annimmt, dafs die künstlerische Darstellung
gährender Leidenschaften und dunkler Stimmungen dem Dichter
selbst immer auch etwas von derselben Farbe mitteilt und bei
demselben sogar bis zu einem gewissen Grade einen ähnlichen
Zustand voraussetzt: so darf man andererseits doch nie ver-
gessen, dafs ein bedeutendes Kunstwerk immer eine sehr grofse
Besonnenheit voraussetzt. Wie immer nun in einem phantasie-
Willy, Die Krisis in der Psychologie. 8
— 114 —
geschwängerten Geist Halblichter und Dämroerschatten in scharfe
Konturen mannigfach hereinragen : darin geht man sicherlich viel
zu weit, wenn man oft meint, der Produzierende verhalte sich
zu seinem eigenen Werk fast wie zu einer fremden Sprache,
die erst durch einen Dolmetscher übersetzt werden mflfste.
Wenn James (II. 362) mit Bezug auf eine Stelle in Shakespeares
Othello vermutet, dafs dieselbe in ihrer verborgenen Schönheit
dem Dichter selbst vielleicht gar nicht aufgegangen sein möchte,
so wollen wir die Frage zu keiner Streitfrage machen. Es soll
so sein, wie James vermutet. Vereinzelte Fälle dieser Art
kommen ganz naturgemäfs hei allen starken und rasch hervor-
bringenden Individuen vor. Wer seine Schultern unausgesetzt
schwer belastet, läfst wohl dann und wann ein zierliches Reis,
eine Kornähre oder einen Blumenkelch zur Erde fallen, ohne
dafs er davon eine Ahnung hat. Und wer zuerst Bahn bricht,
zeigt auch als Denker gewöhnlich nicht alles sogleich in voller
Klarheit. Wie daher die verschiedenen Grade der Reflexion
sowohl , als die wechselnden Lichter der Bewufstheit (Klarheit)
zu keinen abstrakten, psychologischen Kategorien ftthren, sondern
immer nur Darstellungsmittel im Dienste der Anschauung bleiben,
so können wir auch aus der gröfseren oder geringeren Möglidb-
keit — wie dies James (II. 363 ff.) anzunehmen geneigt scheint
— für irgend eine Ansicht oder Urteil schlufsfolgemde Gründe
aufzutreiben, nicht entfernt eine verschiedene höhere oder
niedrigere Entwicklung oder Zustand des menschlichen Verhaltens
überhaupt ableiten. Nur deshalb, glaubt James, gilt es für ein
Zeichen grofser Überlegenheit, wenn jemand beispielsweise in
einer ethischen Frage über ein klar begründetes Urteil verfügt,
weil wir uns im allgemeinen gerade in allen praktischen und
ästhetischen Dingen nur von Fall zu Fall und auf Grund tastender
Analogien fortzuhelfen wissen, ohne dafs noch im mindesten
infolge reinlicher Abstraktion eine strenge Begriffsordnung sich
gebildet hätte. Was, fragt der Philosoph, würde mir mein ge-
lehrter Freund auf meine Frage antworten: weshalb er Titiak
Paul Vbbonese vorziehe; oder aus welchen Gründen in seiner
Vorstellung Beethoven und Michel Angelo durch eine gewisse
innere Verwandtschaft und Zusammengehörigheit immer mit-
einander verbunden erscheinen ? Nun, die Antwort des gelehrten
Freundes würde — im Sinne des Philosophen — ungefähr so
ausfallen, wie diejenige eines Dienstmädchens, welches man be-
fragte, weshalb ihm seine ländliche Heimat besser oder schlechter
gefalle als die fremde Stadt seiner Herrschaft. Dies wäre indes
doch immer nur eine der vielen Denkbarkeiten. Auch kSme
— 115 ~
alles darauf an, inwiefern jenes Mädchen nnd Jener gelehrte
Freund im stände wären, ihre Ansichten verständlich, klar und
anziehend auszn drücken. Wäre dies nur überall geleistet, dann
brauchten wir am Ende gar keine weiteren und besonderen
Gründe mehr. Wenigslens dies wird wohl auch der Pliilosoph
zugeben, dafs wir nicht überall unsere Gründe so darlegen
können, wie man in der Mathematik mit Linien - Elementen
Konstruktionen macht oder von Zahlgröfse zu Zahlgröfse fort-
schreitet. Es ist keineswegs nur etwa eine Folge zufälliger
Un Vollkommenheit der Wissenschaften, wenn uns in den meisten
Fällen allgemeine Begriffe und abstrakte Regeln im Stiche lassen.
Denn wie es beispielsweise jemand gelingen sollte, aus der Ethik
eine methodische Wissenschaft zu machen , kann ich nicht
glauben, so oft ich nur den flüchtigsten Blick von den ethischen
Abstraktionen zurück auf das Lehen seibat werfe. Jene Abstrak-
tionen , anch wenn dieselben nicht falsch sind , bleiben stets
blasse schwankende Gestalten, die nicht blors zur Bereicherung
meines praktischen Lebens nichts beitragen , sondern auch als
rein theoretische Erkenntnis sehr wenig leisten. Ich achliefse
daraus ganz allgemein, dafs unsere menschliche Erfahmng einen
sehr weiten Spielraum geöffnet hat, wie wir das Verhältnis
zwischen Anschauung und Abstraktion im einzelnen Falle je-
weilen am zweckmäfsigsten auszunützen hätten. Trifft es, wie
in der Mathematik, in grofsem Umfange zu^ dafs wir die An-
schauung durch Abstraktion erweitern und derselben fast
Schritt für Schritt auf dem Boden der Begriffe zu folgen ver-
mögen, dann ist hier sehr viel Aussicht vorhanden, dafs wir
immer neue Gebiete, inwiefern dieselben nur überhaupt zum
Raumcbarakter gehören, in ein zusammenhaltendes, übergreifendes
Begriffsnetz einbeziehen und auf diese Weise alles zugehörige Ein-
zelne streng begrifflich, wie es der Philosoph so gern liebt, be-
gründen können. Wie wir nun aber soeben gesehen haben, ver-
hält sich die Sache ganz anders in der Psychologie. James
hat nach dem Muster strenger Abstraktion die Ähnlichkeits-
Bssoziation herausgegriffen und mit Hilfe dieser Formel die
geniale Intelligenz zu erklären und begründen versucht.
Indes hat hiermit der Philosoph nichts erreicht, als dafa er sich
von der Anschauung entfernte und alles mit einer Nebelgestalt
bedeckte. Jener Assoziations-Mechanismus, den unser Philosoph
zu durchbrechen, zu ergänzen und berichtigen die Absicht hatte,
scheint daher doch noch in der Tiefe weiter zu leben und mehr
Gewalt über ihn zu besitzen, als James vielleicht selbst glaubt.
Die Beispiele wenigstens und die Gewährsmänner (I, 597—99),
— 116 —
auf welche sich der Philosoph dahei stützt und beruft, sind so
gewählt, dafs man glauben möchte, wir könnten mit Hilfe der
Assoziationstheorie ein fast mikroskopisches Bild vom Menschen
entwerfen. So heilst es (I, S. 598 — 99) vom Existenzialcharakter,
inwiefern derselbe sich auf ein einzelnes Sinnliches, aber nicht
unmittelbar Gegenwärtiges bezieht: belief in anything not present
to sense is the very lively, streng and steadfast association of
the Image of that thing with some present Sensation. — —
Sobald man indes nur ein wenig deutlich und frei übersetzt^
so steckt hierin nur eine umschreibende tautologische Definition^
als ob man etwa sagte, wenn ich glaube, daüs es Begenwetter
giebt, glaube ich, dafs dichte, andrängende dunkle Wolken-
massen und starker Westwind ein Anzeichen von Begen sind.
Zwar ist es gewifs sehr richtig, dafs eine feste Assoziation einer
Vorstellung mit der Wahrnehmung geeignet ist, den ^Glauben'
an die Existenz jenes durch die Vorstellung Angedeuteten und
über sie Hinausweisenden zu wecken, zu unterhalten und neu
zu beleben. Hieraus jedoch geht nur hervor, dafs aller Glaube
schliefslich aus der Wahrnehmung und Sinnlichkeit stammt.
Nun aber weiter derartige Thatsacben assoziationstheoretisch zu
mikroskopieren, führt nur, je tiefer man dabei gräbt, um so
sicherer zu leeren Schattenspielen. Wozu denn, um uns zu
sagen, was Wohlwollen ist, eine aus so vielen Stücken zu-
sammengesetzte Fuge wie die folgende (1, S. 599): beneyolence
— — arise — by the transfer of the bodily pleasure experi-
enced as a reward for social service, and hence associated with
it, to the act of service itself, the link of reward being dropped
out. — — Besagt dies irgendwie mehr, als Wohlwollen ist un-
eigennütziges Wobltbun? Und was erst sollen wir zur Asso-
ziations-Definition des U r t e i 1 s sagen ? Dieselbe lautet : judgement
is transferring the idea af truth by association from one
proposition to another that resembles it. Diese Definition
stammt von Pbiestley. Aber James hat sie in seine Beispiel-
sammlung als Muster aufgenommen. Nun, jene von Vorstellung zu
Vorstellung wandernde besondere idea of truth gleicht ja ganz
einem fallenden Wasserstrahl, wenn etwa ein solcher auf seinem
Wege einige Gegenstände trifft und jedem derselben von seiner
Spur ein Stück zurückläTst. Solange solche Proben freilich nur
als vereinzelte Beispiele auftreten, können wir uns von der über
sie ausgegossenen besonderen Wisseuschaftlichkeit allerdings noch
lange keine genügende Vorstellung machen. Dies ist erst möglich,
wenn wir unserem Philosophen auf einen etwas gröfseren Schau-
platz folgen. James widmet (II, S. 283 ff.) der perception
- 117 -
of reality ein besonderes Kapitel, nnd scheint hierbei unsere
soeben in die nötige Belenchtnng gerUckte Definition von belief
und judgement als Modell benützt za haben.
Schon Fbänz Bbentano hatte in seiner Weise, wie wir
dies früher (a. 8. 40 ff-) geschildert haben, die idea of trnth
in Gestalt seines Urteils zu einer Zauberformel gemacht. Und
William James nun (II , S. 286) hebt .jenen Schlüssel mit
Berufung auf Brentano und das entsprechende admirable
chapter of bis Psychologie voll Entzücken auf. Aber
welch ein Wunder geschieht! Es zeigt sich, dafs jener Zanber-
ring alle Thüren aufmacht. Wir wissen nun gar nicht mehr,
welches Thor das wahre Glaubensthor ist. Unser scharfsinniger
Psychologe sieht ja natürlich sogleich ein, dafs es nicht genügt,
die idea of trnth in Händen zu haben. Sondern wir müssen
auch fragen (II, 287): under what circumstances do we think
things real? Sind wir nicht ursprünglich geneigt, alles Beliebige
für wahr zu halten? Und giebt es nicht (II, 294:) eine gött-
liche überirdische Halle, worin errors, tictions, tribal beliefs,
are parts of the whole great Universe which God has mad, and
He must have meant all these things to be in it, each in ita
respeclive place — ? Wie sich aas der Verlegenheit helfen ?
— Nichts einfacher als dies. Wir nehmen aus dem grofsea
Ideen -Reservoir nur gerade heraus, was wir brauchen und (II, 295)
what WB need is practical reality, reality for onrselves. — ■ Heilst
es doch nicht umsonst schon im Sprichwort: as sure as I
exist !
Danach handelte schon DfiacABTEs; und (II, 297) Mein
Jetzt nnd Hier, as Prof. Lipps says , „ist der letzte Angel-
punkt für alle Wirklichkeit, also alle Erkenntnis". wie
gerne möchten wir unsern geheimnisvollen Ring noch in jene
glühende Farbe tauchen, welche dem Kalifen Omar die Fackel
entzündete, womit er die grofse Bibliothek in Alexandrien in
Brand steckte! Es geschah dies doch nur, weil (11, 308) nothing
which I can feel ^ — can be false — wie jede innige religiöse
Überzeugung spricht. Aber an diesem Punkte zu verharren,
verbietet unserem Denker eine sehr starke Instanz. Dieselbe
ist keine andere, als die sinnliche Erfahrung. James weifs ans
der Geschichte sehr gut, eine wie grofse Menge von Theorien,
Hypothesen and Ansichten wie welkes Laub dabinsanken, weil
dieselben es verabsäumten , den so nötigen nnd unerlafslichen
Anschlnfs mit der Wahrnehmung herzustellen. Nun ist diese
Wahrnehmungsinstanz mit einem Schlag die paramonnt
reality of sensations. Nun ist die Verlegenheit noch
— 118 —
gröfser als zuvor. Aber wozu hat man denn eine Assoziations-
theorie? Es ist nar nötig, dieselbe ein wenig ins Praktische zn
Übersetzen, und sie wird auch die grölsten Schwierigkeiten über-
winden. Bekannt ist ja doch das Verfahren jenes schöngeistigen
Liebhabers, welcher das weibliche Schönheitsideal ästhetisch
anatomisch in einzelne Ideal -Hände, -Füfse, -Augen, -Lippen,
-Haare und -Teints zerlegt, jedes einzelne Sttlck ansf&hrlich and
normativ beschreibt, und es nun dem schaffenden Kttnstler oder
Liebhaber überläfst, sich danach ein Gemälde zu schaffen oder
die Geliebte in Person aufzusuchen. Ein solches Vorbild ist
es, welches James vorschwebt, um die wahre perception of
reality zu verwirklichen. Hierzu freilich wäre ein groÜBartiges
philosophisches System erforderlich! Ein System, welches unser
Philosoph zwar nicht selbst entwirft, aber doch wenigstens im
allgemeinen die psychologische Möglichkeit desselben
schildert. Jene Möglichkeit (II; 312) setzt eine Theorie voraus,
welche, ohne sich mit unserer sinnlichen Erfahrung im Geringsten
in Widerspruch zu setzen, überdies alle unsere höheren praktischen
und ästhetischen Interessen zu befriedigen hätte. Nun — mehr
kann offenbar nicht mehr geleistet werden. Die Assoziations-
theorie hat sich aber daneben auch zum Sturmwind angefacht,
der die ganze Welt erschüttert. — Aber wie ein Fels im Meer
(II, 317) steht the perfect object of belief God
or Soul of the World — represented both optimistically and
moralistically — — and withal so definitely conceived as to
show US why our phenomenal experiences should be sent to
US by Him in just the very way in which they come. — Wir
haben sonach wohl allen Grund, die T hat s ach e der Assoziation
von der Assoziations theo rie zu unterscheiden. Weshalb sollte
oder könnte doch nicht jeder natürliche Gedanken verlauf asso-
ziativ verknüpft sein? Aber je zweckmäfsiger , je organischer
und grofszügiger der Gedankenstrom vorbeizieht, um desto un-
merklicher gerade sind die Stellen und Fugen der einzelnen
Übergänge markiert. Was in dieser Weise, zur guten Stunde
und in raschem Augenblick sich vollzogen hat, ist für immer
vorüber. Dasselbe kehrt so niemals wieder und ist nicht so
gefällig, dem vorgehaltenen Spiegel des analytischen Psychologen
stand zu halten. Es ist keineswegs zufällig, wenn die Asso-
ziationsbeispiele fast immer nur ein paar vereinzelte Bruchstücke
enthalten. Sobald wir nämlich in rein theoretischer und ab-
straktbegrifflicher Absicht, sei es durch unmittelbare Selbstschau
oder auf dem Wege experimentellen Befragens, unser gesamtes
Individuum unterbinden, dann strömt eben nur noch zu, was
— 119 —
wir uns entweder selbst von aufsen stückweise vorsetzen, oder was
sich phantomartig und wolkenfetzenhaft vom gesamten Stock unserer
bisherigen Erfahrung loslöst und im Gesichtskreise haften bleibt.
2) Riehard Wähle*).
Derselbe machte auf dem Boden reiner Selbstschan und
auf Grund der bekannten Einteilung in Kontiguitäts- und Ähnlich-
keitsassoziation einen Versuch, eine entsprechende allgemeine
Theorie anzubahnen. Dieser Versuch beweist aber gerade sehr
deutlich, dals hier alle Theorie verlorene Liebesmüh ist ; und eben
deswegen wollen wir jenem Versuch einige Aufmerksamkeit schenken.
Wähle zählt eine längere Keihe sogenannter Kontiguitäts-
assoziationen auf, und sieht sich so von seinem Standpunkt
einer rein psychologischen Assoziationstheorie vor die Frage ge-
stellt : was ist der besondere Grund dieser Assoziationen ? Denn
mit der blofsen raumzeitlichen Benachbarung will sich Wähle
nicht begnügen, da ja sonst, wie derselbe bemerkt, alles
assoziierbar wäre. Und als jenen besonderen Assoziationsgrund
bezeichnet nun Verfasser : die Identität des Zeitpunktes
von Neuem und Abklingendem. Und um dieses Grundes
willen sollte nun nicht mehr alles assoziierbar sein? Jener
sogenannte Grund ist ja doch offenbar nur eine Umschreibung
des rein zufälligen Gedächtnisses. Da wir nichts vollkommen
Isoliertes wahrnehmen ,^ und auch im Erinnerungsnachbild sich
eine analoge Aufeinanderfolge oder Zusammenhang wiederholt,
so sehen wir ohne weiteres, dafs Kontiguität und Ähnlichkeit
nur das Gedächtnis einteilen. Wenn der Anblick eines Photo-
gramms das Gedächtnisbild der zugehörigen Person oder Land-
schaft wachruft, so spricht man in diesem und allen anderen
verwandten Fällen von einer Ähnlichkeitsassoziation. An Stelle
des Erinnerungsnachbildes nun kann auch einfach jeder beliebige
andere Inhalt treten, sobald derselbe eben infolge raumzeitlicher
Benachbarung eine frühere Aufeinanderfolge wiederholt. Ob sich
gewisse Scenen wiederholen, wenn die zugehörigen direkten
Repräsentanten vorhanden sind, oder schon infolge blofser Benach-
barung, z. B. beim Betreten eines Hauses mein früheres Leben
in diesen Räumen wieder auftaucht: es ist beide Male nur ein
vereinzeltes Gedächtnis- oder Erinnerungsbild. Und wenn man
bei den leichten und vielfältigen Übergängen zwischen Gedächtnis
und Phantasie die Assoziationsvorgänge entsprechend erweitert.
^) Bemerkungen zur Beschreibung und Einteilung der Ideen-
assoziation (Vierteljahrsschrift für w. Philos. IX. 4, 1885).
— 120 —
dann sieht man erst recht, dafs allerdings — was Wahi<e gerade
yermeiden wollte — alles assoziierbar ist. Und beweisen nicht
auch die Beispiele, welche Wähle ans seiner eigenen Erfabnmg
beschreibt, dasselbe? Die — beim Anblick ehies französisch
redenden Kindes in Wien — anfgetaachte Kombination: so
früh am Morgen nnd schon französich, obwohl dieselbe
ein verwandtes Vorbild hat, ist doch schon so individaell , dafs
man dabei gar nicht mehr an besondere Assoziationsgesetze,
sondern nur noch an den angenblicklichen £infall denkt. Und
noch mehr trifft dies zu, wenn Wähle von sich erzählt, an einem
bestimmten Tage, als er in der Zeitung etwas von Robinsonade
gelesen hatte, wäre ihm beim Anblick der Suppenschftssel ein
Bild ans seiner Jugend eingefallen, und deutlich hätte ihm wi
Schiffsjunge vorgeschwebt , welcher mit einer Bowle Punsch ans
der Küche auf das Deck steigt. Den Assoziationsgesetzen zu-
liebe ist es daher allerdings im Sinne Wahles keineswegs nötig,
mühsam die einzelnen Stücke aufzusuchen und den Assoziations-
zusammenhang zwischen jenem Stückwerk festzustellen. Es ist
ja, wie wir nun gesehen haben, freilich alles assoziierbar. Und
wenn diese Möglichkeit keine volle Verwirklichung findet, so
sind hieran wahrlich nicht die (nirgends existierenden) Asso-
ziationsgesetze, sondern nur die allgemeinen natürlichen Schranken
der menschlichen Individuen schuld.
Mit diesem Ergebnis ist die Assoziation in der Ge-
schichte in vollem Einklang. Denn es ist keineswegs zu-
treffend, wenn man, wie dies oft geschieht, David Hume zum
Urheber der späteren Assoziations- Theorien macht. Zwar hat
derselbe allerdings die bekannten Assoziationsregeln aufgestellt.
Aber er hatte hiermit nichts weniger als die Absicht, den Grund
zu einer allgemeinen psychologischen Gesetzgebung zu legen.
Nicht allgemeine Assoziationsregeln wollte Hume aufstellen ; sondern
die Festigkeit einer ganz bestimmten und konkret umschriebenen
Assoziationsverbindung fafste er ins Auge, um an diesem Punkte
mit einer Kritik und Schilderung der Kausalität einzusetzen.
Diese Aufgabe und Hauptarbeit Humes war also keineswegs eine
Assoziationstheorie. Sondern der Philosoph benützte nur eine
assoziative Thatsache, um zu einer Schilderung des menschlichen
Verhaltens in theoretischer und praktischer Hinsicht überhaupt
vorzudringen. Und in einem analogen Sinne werden wir später
Gelegenheit finden, die Betrachtung der Assoziation zu vervoll-
ständigen. Vorerst aber wollen wir das Bisherige von einer
anderen Seite ergänzen, nachdem wir nur erst noch zwei Punkte
angemerkt haben werden. Ebensowenig nämlich wie in Humb
— 121 —
darf man in Hobbee den Urheber der Assoziatioastheorieo sehen.
HoBBEs spricht sich über die Assoziation nur ganz gelegentlich
und im Zusammenhange praktischer Absichten aus. Ganz ebenso
gut wie HoBBBs und Hume könnte man auch Spujoza oder schon
Abistotbleö nn Begründern der Assoziationstheorie machen.
ÜDd doch leuchtet es gerade in diesen beiden letzteren Fällen
ganz beKonders ein , dafs uns einfach das Gedächtnis und die
gedächmismä feige Phantasie in rein zufälliger Weise he-
achrieben werden. Spinoza, gelangte ja zu der betreffenden
Schilderung nur infolge Gegenüberstellung der gewöhnliehen
(siunlichen) und der adäquaten (philosophischen) Erkenntnis.
Und wenn Abibtotgles zuerst in seiner Weiee die Assoziations-
regeln kenntlich machte, so liegt dies gewifs nur daran, dafs
der Philosoph — nicht etwa ein bedeutsames Gesetz entdeckte —
sondern sich nur infolge seiner drückenden Wissenslast manchmal
wohl genötigt sah , durch bewufstes Nachsinnen in seinen Ge-
dächtnis Sehern herumzusuchen.
6. Die Grundgestalt der Psychologie im Lehr-
buch^) von FSLEDBICH JODL.
Schon in seinen früheren Arbeiten hat Jobl gezeigt, dafs
er ein bedeutendes Schrift stellertalent mit psychologischem
Scharfblick und umfassendem Wissen in sehr anziehender
Weise zu einem Ganzen zu vereinigen versteht. Und alle diese
Eigenschaften finden wir in seinem Lehrbuch der Psychologie
wieder beisammen, so daCs wir nun ein sehr wertvolles und ver-
dienstliches, zugleich wissenschaftliches und in fesselnder Dar-
Btellnng sich zeigendes Kompendium der Psychologie besitzen.
ÜDd was der Verfasser (vgl. Selbstanzeige; Viertel Jahrsschrift
für wiss. Philos. Heft 3. 1897) zunächst beabsichtigte: den
grofsen Stoff and insbesondere die massenhaft angehäufte psycho-
logische Litteratur zn vereinheitlichen und das Ganze in nicht
überm üfsigem Umfang zusammenzufassen, hat derselbe vollkommen
erreicht. Indes ist es nicht das Lehrbuch, was uns an Josl
interessiert. Dieser Kompendien- Charakter ist nur die zufällige
and vorübergebende Seite des Werkes. Was Jodl selbst weit
mehr am Herzen liegt, bezieht sich (Vorw, VI und Vll) auf
die Einheit und „Wechselwirkung" der psychologischen Dnter-
snchnng mit der philosophischen Gesamtanschaunng. Und offen-
bar versteht der Philosoph diese psychologisch - philosophische
') Lehrbuch der I'Bjchologie (Stuttgart 1896).
— 122 —
Wechselwirkung and Zasammengehörigkeit 8o, dafs die Psychologie
dadurch die nötige Einheitlichkeit und Zusammenhaug , die
Philosophie ihre erfahruugsmäfsige Sicherheit, ihre besoDdere
Stärke und Klarheit empfangen. Nur diese beiden Gesichts-
punkte kommen für uns in Betracht. Und zwar werden wir
an späterer und geeigneter Stelle speziell den Philosophen ein
wenig näher betrachten; zum Gegenstand unserer gegenwärtigen
Schilderung aber machen wir die vom Verfasser versuchte
Gliederung und Einteilung des psychologischen Materials.
JoDL glaubt, damit man doch ja die elementaren mit den
abgeleiteten psychischen Phänomenen nicht verwechsle oder ver-
mische, wäre es nötig, die übliche Einteilung des Primären und
Sekundären um die Stufe des Tertiären zu erhöhen. Im all-
gemeinen nun versteht Verfasser unter jenem Tertiären nichts
anderes, als was wir als Begrififliches und Reflexionsmäfsiges be-
zeichnen. Und inwiefern nun gerade dieses bekannte und gerne
sogenannte höhere Denken dazu kommt, die Stelle eines oberen,
dritten Stockwerks einzunehmen, dies werden wir sehen, nach-
dem wir des Philosophen Urteilstheorie kennen gelernt haben
werden. Die Urteilsfunktion (619 — 34) — lehrt uns Verfasser,
wäre durch zwei bemerkenswerte Besonderheiten von der blofsen
Assoziation unterschieden: die Art der Verknüpfung und
die Prädikation des Allgemeinen. Wie die Assoziation
als solche stets nur Einzelnes und Einzelnes, nur Bild an Bild,
wie einen Straufs von Blumen aneinanderfüge, so hätte es daher
auch gar keinen Sinn, ein derartiges blofses assoziatives
Aggregat als wahr oder falsch, richtig oder un-
richtig zu bezeichnen. Vielmehr müfsten wir, um durch Be-
griffe verknüpfte und als wahr oder falsch charakterisierte Aus-
sagen oder Urteile zu bilden, eine eigenartige Synthese vollziehen.
Worin nun aber soll diese Synthese bestehen ? Da der Philosoph
zu einer allfälligen Verdeutlichung und Veranschaulichung der-
selben, so viel ich wenigstens sehe, nichts vorbringt, scheint er
also vorauszusetzen, dieselbe verstehe sich von selbst. Aber
lassen wir uns durch dergleichen , bei den Philosophen nicht
ungewöhnlichen Versicherungen nur ja nicht irreführen. Nehmen
wir einen Augenblick an, wir hätten einen grofsen, wohlgeformten
Baum vor uns, so stellt derselbe offenbar die schönste Synthesis
dar, denn alle Baum -Bestandteile gehören ja unzertrennlich zu-
sammen und sind ein einheitliches Ganzes. In ganz demselben
Sinne nun giebt es auch menschliche Gedanken, die von selbst
sich wie eine Baum-Krone entfalten und sich zusammen wölben ;
während in anderen Fällen alles, was der Mensch denkt oder
— 123 —
EU denken sich bemüht, mehr einem Trümmerfeld gleicht.
Bieraas sehen wir doch wie mit einem Schlag und schon infolge
jenes einzigen eiafacheu Beispiels, dafs die UnterscheiduDg des
assoziativ eu Aggregates and der synthetischen Urteilsfonktion
eine willkürlicbe und bedeutungslose Schulmeinung ist. Denn
alles, was diese Unterscheidung Positives andeutet, heroht aof
Zustand und Entwicklung» höhe eines gesamten mensch-
lichen Individuums, und ist nur vom Gesichtspunkte einer
entsprechenden Schilderung überhaupt verständlich. Wir ver-
mögen daher auch wahrlich nicht, wie dies die Philosophen
thun, eine SOnde wider den heiligen Geist darin zu sehen, wenn
wir etwa im einzelnen Falle die Prädikate wahr und wirk-
lich miteinander vertauschen und es mit dem philosophischen
Wörterbuch überhaupt nicht sehr genau nehmen. Die an-
gedeutete Unterscheidung hat ja freilich ihren guten Sinn, in-
sofern dieselbe das üufällig Vereinzelte und das allgemein
Gesetz mäPsige. das unmittelbar Sinnenfällige und das mehr im
Hintergrund schwebende und verschleierte Gedankliche aus-
einanderhält. Wer aber weiter geht, und, wie unser Psycholog
dies macht, das Allgemeine und Begriffliche dem Einzelnen und
Bildlichen als eine spezifische sogenannte (tertiäre) Urleils- und
Schlufsfunktion entgegenstellt, vergifst, dafs das Allgemeine sich
alsbald und ausnahmslos einstellt, sobald wir sprachlich mit-
einander verkehren und unsere Gedanken oder Anschauungen
wechselseitig austauschen. Wie wäre es auch möglich , durch
das Mittel der Sprache Gedanken aufzubewahren und wieder
flüssig zn machen, wenn nicht gewisse durchgehende und daher
gemeinsame (begriffliche) Adern oder Schichten alles Einzelne,
Individuelle und Anschauliche wie ein Bindemittel zusammen-
hielten? Wie man sieht, ist es daher sehr wohl möglich, dafs
wir, je nach Eigentümlichkeit der Individuen und der Besonder-
heiten des Erfahrungsmaterials , bald mehr begriffliche und ab-
strakte, und bald mehr anschauliche nnd phantasiemäTsige mensch-
liche Arbeiten und Leistungen höherer Art antreffen. Wie es
aber möglich sein sollte, die sogenannte spezifische Urleils funktion
entweder durch Anschauung oder durch Abstraktion festzuhalten,
dies hat uns Jodi. nicht einleuchtend gemacht. Denn wir werden
gerade im Gegenteil zeigen, dafs nicht nur speziell die Synthesis,
sondern die gesamte versuchte Dreiteilung der Psychologie nur
einen Nachball der veralteten Vermögenstheorie darstellt und
sich nichts weniger als geeignet erweist, uns eine haltbare grofse
Übersicht zu verschaffen. Den Zusammenbang seiner eigenen
mit der älteren Vermögenseinteilung verkennt Jodl (152)
- 124 —
selbst keineswegs. Doch hält er dafür, das alte Gertlste müTste
dadarch tragfähiger gemacht werden, dafs man jene frtlhere
GrundeinteiluDg (Denken, Fühlen, Wollen) darch den entwick-
Inngstheoretischen Gesichtspunkt ergänze and durchkreuze, 8oda£s
nun jedes der drei Grundglieder in der Höhendimension gleich-
falls dreifach abgestuft wäre und von der Sensation als dem
Primären über die Assoziation und das Sekundäre zum
tertiären Gipfel der Reflexion führte.
Sehen wir daher zu, was aus dieser entwicklungsgeschicht-
lichen Betrachtung folgt, wenn wir den Verfasser bei seiner
Schilderung des Wo Ileus begleiten. Auf der untersten
(primären) Stufe (425) wird uns der Wille vorgestellt als blinder
Drang des Strebens ohne die mindeste Vorstellung irgend eines
Zieles. Und nur, weil schliefslich die an sich beliebig vielen
Triebe alle der Erhaltung des menschlichen- Organismus und
Individuums überhaupt dienen, könnten wir dieselben einheitlich
zusammenfassen und zum Selbsterhaltungstrieb machen. Was,
fragen wir nun weiter, ist aus diesem blinden Selbsterhaltungs-
trieb geworden , wenn derselbe auf der höchsten (tertiären)
Stufe angelangt ist? Ist derselbe nun wohl sehend geworden?
Dies mufs wohl sein, da wir schon von vornherein und noch
im Bereich der primären Stufe (420) erfahren, dafs nur
zweckbewufste Handlungen als Willensakte bezeichnet
werden könnten. Indes das Wollen ist jetzt, wie der Philosoph
(721) behauptet, viel mehr als nur ein Sehen und Wählen; es
ist überdies ein Produzieren. Und dies besagt wohl im
Sinne des Verfassers ohne Zweifel, dafs der Wille sich auf der
tertiären und obersten Stufe als produktiven Künstler entpuppt
hätte. Als einen Künstler, der ins Werk setzt, was Gedanke
und Vorstellung blofs abbilden, weswegen derselbe denn auch
immer erst am Schlufs, und wenn alles übrige vorbereitet ist,
erscheint. Nun, dies ist ja ganz die aus der spekulativen
Philosopie wohlbekannte zweite, im natürlichen Individuum drin
steckende, geheimnisvolle Willenspersönlichkeit, welche bald wie
ein tastender Empiriker und gleich daneben als vorschauender
und berechnender Techniker oder Künstler handelt! Oder
spricht in dieser Weise vielleicht nur der Sprachvirtuos? Wir
gönnen demselben gewifs die gröfste Freiheit, wenn er uns nur
hinter seinen Spiegelscheiben etwas zu zeigen hat. Wir müssen
indes frei gestehen, dafs wir in diesem besonderen Falle nur
glänzende Rahmen und Scheiben, aber keine Bilder sehen. Jodl
(723) freilich macht uns selbst gerade aufmerksam, dafs die
Sprache in ihrer Kürze und Bequemlichkeit beliebige psychische
— 125 —
Vorgänge und insbesomlere auch das Wollen mit der Kraft
einer natürlichen Illusion personifiziere und mit diuglichen
Namen bezeichne. Aber wenn er denu doch jene natürlicha
Illusion durchfichaut hat , weshalb verschweigt uns nan der
Philosoph, dafs das Wollen gar keinen spezifischen Inhalt be-
sitzt, sondern uns nur einen Ü bergan gszusl and des gesaraten
menschlichen Individuums in seinem praktischen Ver-
halten andeutet. Das praktische Verhalten selbst aber ist immer
ein darch besondere Stimmung oder Äfiekte und Leidenschaften,
also Gefülilscharakiere unii begleitende Bewegungen
gefärbtes Wahrnehmen oder Denken und Vorstellen unserer
Umgebung oder unserer selbst, d. h. unseres eigenen Körpers,
insofern der wahrgenommene oder vorgestellte Widerschein
unserer Umgebung odtr unserer selbst auf unsern eigenen Körper
als Zentralpunkt eines Äbhängigkeilsverbältnisses bezogen er-
scheint. Jene besonders schmerzlichen oder besonders lust-
vollen Znstande nun, welche einen jeweiligen, auf halbem Wege
stehen gebliebenen oder in seinem Ablauf gehemmten und ge-
Btßrten Übergang von Vorstellung (Gedanke) zu Wahrnehmung
erfüllen , bezeichnen wir insbesondere mit Streben , Begehren,
Wollen und ähnlichen Ausdrücken. Ein von unserem eigenen
Körper ausstrahlendes und denselben wie ein Heiligenschein um-
schwebendes Phantasie- oder Gedächlnisbild in der Mitte;
Btfirkere oder schwächere, von entsprechenden äurseren {mimischen)
Bewegungen und inneren (organischen) Erschütterungen begleitete
Gefühlswellen auf allen Seiten; ein herein ragender Hintergrund,
welcher die vorschwebenden und verfliersenden Traomgestalten
verdrängen und uns mit einer sanften Berührung belohnen
oder mit einer bekannten and vertrauten Gestalt erfreuen
möchte: dies ist das Wollen. Und hiermit haben wir denn
überhaupt das gesamte und beliebig abgestufte appetitive
Verhallen in aller Kürze beschrieben. Wie man sieht, ist der
so bezeichnete Wille allerdings nichts anderes, als der Mensch
selbst in einer konkreten Situation. Und es kommt nun ganz
darauf an, ob man sich die angedeuteten Umstände im einzelnen
Falle genligeod lebendig vergegenwärtige, oder ob man sich zu
sehr auf das blolse bequeme Wort stütze. Und von diesem
letzteren Hilfsmittel hat nun Jodl bei seiner Willens theorie
einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht. In einem utigebeoren
und ganz auverhältnismälsigen Aufwand von Worten erfahren
wir von dem, wie der ewige Jude, unendlich abgehetzten Willen
nie etwas anderes als verhüllende Masken. Bald (437, 725)
ist's ein Akt der Spontaneität, bald das unbeschreibliche
— 126 —
Fiat des Bewufstseins ; und endlich (137, 151) sind es die
Formen des Yorstellens, Fühlens and Wollens
als Dreieinheit der psychischen Grundfanktionen, womit wir hin-
gezögert und zuletzt eingeschläfert werden. Den verborgenen
Grund dieser auf elastischem und glattem Boden sich fort-
bewegenden plastischen und doch abgeschwächten Wort-Mythologie,
die sich bei uns gerne als Psychologie und Theorie einschmeicheln
möchte, werden wir erst später aufdecken und schenken
inzwischen der Gefühlstheorie unseres Philosophen einige Auf-
merksamkeit.
Neben dem Willen schildert Verfasser in den beiden letzten
Kapiteln auch die Gefühle; und in diesem Zusammenhang
(659 — 90) findet sich ein Abschnitt, welcher, ganz im Gegen-
satz zur Lehre vom Willen, nicht nur insbesondere vielleicht
das Beste enthält, was uns das JoDL'sche Lehrbuch bietet,
sondern überhaupt eine bemerkenswerte und vom übrigen Buch
vollkommen unabhängige, kleine Monographie darstellt. Glück-
licherweise hat Jgdl bei den von ihm so bezeichneten Person-
gefühlen seine allgemeine theoretische Einteilung vergessen,
sodafs er sich der Sache ganz angemessen, da man die Gefühle
selbst direkt ja gar nicht beschreiben kann , mitten unter den
konkreten Menschen aufstellt und beobachtet, wie sich dieselben
bei freundlichem und feindlichem Zusammentreffen benehmen.
Aufserhalb dieses Zusammenhangs des natürlichen menschlichen
Verhaltens hat Jgdl freilich noch zwei weitere Geftthlsklassen
besonders unterschieden , und dieselben als Formal- und
ästhetische Elementargefühle zu rubrizieren versucht.
Die Übersicht (643 — 59) der sogenannten Formalgefühle zeigt
indes nur, dafs die Gefühlswerte, sobald man dieselben, wie es
infolge dieser Formalkategorie geschieht, als abstrakte Gröfsen
betrachtet, wie Phantome zerflattern, und uns nur noch als
übrig gebliebene allgemeine und in der Allgemeinheit ver-
schwebende Relativitäts- Charaktere und gespenstische Nebel-
projektionen eine kleine Strecke weit begleiten. Indes, wenn
diese Formalgefühl - Allgemeinheiten doch noch, obzwar sehr
schattenhafte, allgemeinmenschliche Umgebungsreflexe waren,
so haben nun weiterhin die ästhetischen Elementar-
gefühle, mit welchen der Philosoph zugleich auch das ge-
sunkene Andenken insbesondere an Hebbabt ein wenig erneuem
möchte, einen exklusiv-spekulativen Ursprung, da dieselben nur
bei ästhetisierenden Psychologen angetroffen werden. Da soll
es also, wenn wir nur so fein aufmerken, dafs wir das Gras
wachsen hören, so was, wie eine mikroskopische Harmonie^
— 127 —
Symmetrie, Proportion und Eurythmie geben ! Das Wohlgefällige
und Anmalende sollen wir an gewissen kleinen und abgerisBenen
Bruchstücken, welche man Ange oder Ohr vorlegt, ohne weiteres
und ohne Mitbeteiligung unserer gesamten ästhetischen Persön-
lichkeit rein als ästhetische Schnecke mit den Fühlbörnern be-
tasten. Wenn wir eine kurze eiDgliedrige Tonfolge oder analoge
Linien - Gruppierang vielleicht dennoch einmal im geeigneten
Moment als schön bezeichnen, so geschieht dies natürlich nur,
weil oft auch ein sehr schwaches und entferntes Bindeglied
schon genügt, im Teil das Ganze zu wittern. Und wie der
Thierkenner aus wenigen vereinzelten Knochen das ganze be-
treffende Tier konstruiert, so werden wir durch geeignete Sinnes-
eindrücke ästhetisch angeregt and in Stimmung versetzt. Nichts
als diese Thatsache nun ist es, welche den Theoretiker dazu
verleitet, ästhetische Elementargefühle za entdecken und hiermit
eine gründliche Kopfstellung vorzunehmen. Diese vermeintliche
Elementar - Ästhetik nämlich ist gerade im Gegenteil etwas
relativ Unsinnliches nnd verdankt nur dem Umstände ihren Ur-
sprung , Jafs es uns oft infolge unserer Bildung und in einer
bestimmten Richtung kulturmäfsig gesteigerten Beschäftigung
sehr schwer föllt, beim Sinnesein druck stehen zu bleiben und
denselben nicht unwillkürlich ästhetisch aufzufassen. Dieses
starke östheiiscbe Hysteron-Proteron aber gerade ist es, was
uns besonders interessiert. Fortwährend sind wir ja zu zeigen
bemüht, dafs es ein methodologischer MifsgrJff wäre, die Psycho-
logie den strengeren BegriSsformcn dienstbar und eine geharnischte,
schön schrittweise und mit gebundener Marschroute vorgehende
Wissenschaft aus ihr zu machen. Und wie schon die sogenannten
Assoziation sgeselze ihre ganze Bedeutung nur durch den be-
sonderen einzelnen Fall besitzen, so machen wir hier nun weiter
am Beispiel der ästhetischen Elementargefühle die Erfahrung,
dafs der Gesichtspunkt psychologischer Betrachtungsweise eine
nach Analogie der Naturwissenschaft versuchte und von dort
herübergenommene Mikroskopie nnd Anatomie gnr nicht ver-
trägt- Unser Verfasser freilich steckt schon ganz drin in diesem
Schematismus nnd kommt daher in Gefahr, dafs er öfter nicht
mehr beobachtet, nnd gar nicht mehr immer weifs, was er sagt,
JoDL spricht (406 — 407) von einem intuitiven Zusammenfassen
gewisser Sinneseiudrücke, an welche sich gewisse Gefühls-
wirkungen knüpften, die, obwohl ästhetischer Art, doch anderer-
seits wieder durchaus sinnlich wären , weil sie sich nicht im
Gefolge von Gedanken und Assoziationen, sondern nur
im Zusammenhang kombinierter Sinnesqualitäten ein-
- 128 -
stellten. Sinnlich und unmittelbar freilich ist alle ästhetische
Anffassong, weil die betreffenden Darstellangsmittel sinnlich und
von der Sache unzertrennlich sind. Folgt aber hieraus, dab es
nun auch eine Ästhetik ohne Assoziation gebe? Man blicke
einmal nicht mit den Augen des Malers in den Wald und be-
trachte Licht und Farben ohne Stimmungsanklänge und nur .wie
eine Reihe aufeinander folgender Zeichen oder Marken, dann
schwindet auch sogleich alle Ästhetik. Eine Reihe verschieden
gefärbter Papierschnitzel sind nur noch Etiquetten^ keine ist
besonders schön oder hälslich, und keine schöner oder weniger
schön als die andere. Nicht anders verhält es sich mit geo-
metrischen Figuren, sobald wir nur alle architektonische
Analogien ferne halten und nur noch mathematische Raum-
gröfsen und Abstände sehen. Die Elementar- Ästhetiker aller-
dings, wenn sie uns entsprechende Fragen vorlegen, möchten
von uns gewöhnlich gerne erfahren, ob. z. B. diese oder jene
hingezeichnete mathematische Figur oder Linien Teilung schöner
oder weniger schön wäre, als ein anderes ähnliches, aber ab-
weichendes Gebilde. Aber schon die Art solchen Befragens
beweist, dafs Frager und Befragte sich wechselseitig vexieren;
der Befragte wird dadurch unwillkürlich und ohne dafs er sich
davon Rechenschaft giebt, in ästhetischer Weise hypnotisiert
und giebt uun auch eine entsprechende ästhetische Antwort.
Aber gewifs nicht, wenn die Antwort nicht etwa nur aus Ver-
wirrung geschieht, erfolgt dieselbe ohne geheimen und stillen
Einflufs irgend welcher Assoziationen. Der Fragende aber,
weil er in Bezug auf ein Schnitzelstück von Realität eine
runde Frage stellte und ein Ja oder Nein zurückerhält , sieht
die Sache hierdurch für ausgemacht an, und glaubt nun an
Papierschnitzel-Schönheiten. So weit scheint nun freilich Jodl
nicht zu gehen. Denn er sieht (413) ja ein, wie alle Gefühls-
wirkungen und also auch die ästhetischen Elementar-
gefühle vom Gesamtzustande des aufnehmenden
Bewufstseins abhängig wären. Man mufs nur fragen, wes-
halb uns der Philosoph dies nicht schon früher sagte, sodafs
er uns mit seiner gesamten Elementar-Ästhetik verschont haben
würde. Aber so geht es, wenn man in der Psychologie hohe
Gesetzgebung übt und (411—412) erklärt, dafs alles sinnliche
Wohlgefallen nur eine Anwendung des allgemeinen Ge-
setzes bedeute, dafs alle „Lustwirkungen ein Mittleres zwischen
Unterreizung, Überreizung und Abstumpfung '^ wären, und in der
Psychologie daher nur als Beispiel jenes „Grund Verhältnisses"
in Betracht käme ! wie wahr sind doch gewisse allgemeine
— 129 —
iesetze in der Psychologie ! Wenn dieselben nur aach nicht
so gar nüchteru wären. Im Tode sind wir alle gleich ; nnd
anch dies ist ein allgemeines Gesetz (!) Aber solange wir leben,
kftmmera wir uns wenig darum , nnd wissen daher auch mit
psychologischen Gesetzen , welche totengleich machen , nichts
anzufangen .
Indes, bevor wir Jgdl in zusammenfassender und ab-
schlieCsender Weise betrachten, haben wir noch zur Vervoll-
ständigung der methodologischen Krisis einen weiteren und sehr
wichtigen Gesichtspunkt, nämlich die Unterscheidung von
Thatsacben und Hypothesen in ihrer Bedeutung kennen
zu lernen.
7. Thatsacben und Hypothesen.
11 AllKemeine Orientierung.
Zu einem ähnlichen, zu einer Krisis gesteigerten Konflikt
zwischen Anschauung und Begriff, wie wir denselben im Bis-
herigen an verschiedenen Punkten aulgezeigt haben, ist nun
insbesondere auch die Hypothesen -Bildung geeignet. Gewöhnlich
klafft zwischen Thatsacben und Hypothesen ein sehr weiter Ab-
stand. Man hält indes dafür, dies müfste wohl so sein. Mit
vereinzelten Thatsacben könnte sich wahre Wissenschaft doch
unmöglich begnügen, und um Einheit und Zusammenhang an-
zubahnen, dazu eben wären die Hypothesen da. Wenn es nur
immer auch wahr wäre. Aber fast scheint es, man möchte sich
mit den Hypothesen vom Boden des Tbatsäcblicben am liebsten
gODZ ferne halten nnd sich einen Zusammenbang aus eigener
und von allei Anschauung unabhängigen Denkergröfse schaffen.
Wie wäre es sonst möglich, dafs die Hypothesen wie die Pilze
aas der Erde schiefsen und am liebsten dann, wenn dieselben
wie ein wurzelloses Schlinggewächs frei in den Lüften und Über
dem Abgrund schweben. In nebelgraue Femen führen eben als-
bald alle Vorwelt- und Abstara mungsbypothesen. Hier giebt's
nur einen freien Aufstieg U[id Herumflog, aber die BrUcken zu
den Thatsachen sind abgehroclien. Und alle Hypothesen dieser
Art sind denn auch weiter nichts als Hieroglyphen. Freilich
kommt sehr viel darauf an , wer Hieroglyphen - Hypothesen
schreibt. Wenn sich ein grofser Forscher, nachdem er vielerlei
anschaubare und sinnliche Sachen entdeckt oder sich als Er-
finder bewährt hat, nun auch überdies noch dazu getrieben
fühlt, über das Nicht-Wifsbare einen magischen Glanz zu ver-
breiten, dann lassen wir ons so was, und am liebsten dann,
— 130 —
wenn es ohne Dogmatismus geschieht, sehr wohl gefallen. Wir
danken ja auch dem Maler und freuen uns, wenn er eine kleine
verlorene Ecke, die sich dem Ganzen nicht fügen wollte, noch
dazu benützt, dass er dieselbe mit zierlichen Arabesken aus-
füllt. Bis ins tiefste Forscherherz hinein ist indes die ange-
deutete freie wissenschaftliche Arabesken-Stimmung freilich noch
lange nicht gedrungen. Die Ki^Nx-LAPLACE- Hypothese wird
immer noch mit strengstem Ernste diskutiert. Und welch einen
Wald und Rattenkönig von märchenhaften, viel weiter als der
Himmel selbst zurückreichenden Stammbaumgeschichten und
Urtier-Physiognomien hat nicht die DABwiNSche Ansicht in ge-
wissen Kreisen veranlaTst! Und doch wäre gerade ganz be-
sonders D^BWiN geeignet, zu zeigen, wie im günstigsten Falle
alles Hypothetische sich auf das engste mit dem Thatsächlichen
vereinigt und überhaupt sich nur insofern fruchtbar zu erweisen
scheint, inwiefern es den bisherigen Kreis des Thatsächlichen
nur sehr wenig weit verläfst, und nur schon Bekanntes erweitert,
von einer anderen und neuen Seite betrachtet, und auf diese
Weise wohl neue Aussichten eröffnet und Wege zeigt, aber
keine Kunstbauten errichtet, welche nur in die Ferne weisen
und nur deshalb einen schönen Schein verbreiten, weil es
zwischen uns und dem Unbekannten viele dämmerige Zwischen-
räume giebt. Wenn man von Daewins Lehre alles Metaphysisch-
Urweltliche und Theoretisch-Dogmenhafte wegläfst, dann bleibt
immer noch und erst recht etwas sehr Grofses zurück. Eben
jener stille umfassende Blick in die organische Welt, welcher
dem Forscher offenbarte, was schon andere vor ihm und im
grofsen wohl eben so deutlich gesehen hatten , was aber erst
Dabwin mit der nötigen Anschaulichkeit im einzelnen uns allen
wie ein lebendiges Beispiel vor Augen stellte. Durch einen
Furchenzug, wie ihn Dabwin geschlagen, kommt nun freilich
sehr vieles in Flufs. Die Bewegung will gar nicht mehr der
Ruhe weichen, und individuell abweichende Ansichten , denen
vielleicht allen von einem höheren, übergreifenden Standpunkt
etwas Hypothetisches anhaftet, treten fortwährend zu Tage. So
schnell geht es eben nicht überall wie bei Galilbi und Newton,
bei denen das Hypothetische den Thatsachen so rasch folgte,
dafs dasselbe niemals eine selbständige Existenz geführt hat,
sondern sich sogleich der Erfahrung anschmiegte und Anschauung
und Begriff zugleich einheitlich und lebendig machte. Und
Hypothesen von diesem Ursprung nun, wenn man derartige
Konzeptionen überhaupt noch so bezeichnen will, sind allein
geeignet, jenen von den Theoretikern in den Thatsachen so oft
— 131 —
vermifsten Zusammenhang herzustellen. Wenn wir inzwischen
bedenken, dafs in der Psychologie viel weniger allgemeine Be-
griffe, als eine bewegliche und' nicht zu einseitige Anschauung
von mafsgebender Bedeutung ist, so begreifen wir, dafs in
unserem (psychologischen) Falle die Hypothesen im Sinne eines
besonderen Hilfsverfahrens schwerlich jemals etwas
leisten. Dennoch ist es gerade ein Forscher wie Ebnst Mach,
der von naturwissenschaftlicher Seite her das hypothetische
Hilfsverfahren auf die Psychologie überträgt. Und um so
mehr geht an uns daher die Aufforderung, uns mit jenem
Forscher auseinanderzusetzen. Denn Mach hat die hypothetische
Betrachtungsweise nicht eingeschlagen, weil er die Heerstrafse
wandelte. Sondern weil er gerade im Gegenteil mit grofser Viel-
seitigkeit und strenger Schulung eine sehr kräftige und ursprüng-
liche Anschauung vereinigt, eignet er sich ja ganz besonders und
wie gewifs nur wenige zum Psychologen.
2) Ernst Mach als Fsycholog.
Schon frühzeitig erkannte Mach ') das Einseitige und Be-
schränkte der Fachwissenschaften. Nicht etwa deshalb, weil er
als vornehmer Philosoph von vornherein lieber gar nicht an
einen besondern Gegenstand herangetreten wäre und sich nur
so wie ein tastendes Insekt zu einer flüchtigen Berührung be-
quemt hätte. Sondern als Physiker und selbständiger Forscher
wufste Mach sehr gut, dafs ohne Arbeitsteilung und Detail-
beschäftigung keine Wissenschaft und Erkenntnis zu stände käme.
Inzwischen aber ist es sehr was anderes, ob jemand die an-
gedeuteten Schranken zwar als unvermeidliche, aber doch nur
zufällige erkennt, oder ob er überhaupt gar kein Bedürfnis
fühlt, noch ein wenig weiter und über die Mauer hinauszublicken
Jenes Bedürfnis des Weiterblickens war nun bei Mach nur
deshalb ein so starkes, weil es dem Impulse der Anschauung
entsprang und immer mehr dazu führte, die Unterscheidung von
Aussenwelt und Innenwelt, von Physik und Psychologie, Natur-
forschung und Geschichtsbetrachtung, künstlerischer Anschauung
und begrifflicher Analyse als mehr oder weniger willkürlich
und konventionell anzusehen. In einer ebenso halb scherzhaften
^) Unsere Betrachtung bezieht sich auf des Verfassers „Beiträge
zur Analyse der Empfindungen" (Jena 1886), und ebenso weiterhin
auf desselben -Populär- Wissenschaftliche Vorlesungen" (Leipzig 1896).
Der Kürze halber werden wir daher in der Folge die betreuenden
Schriften einfach durch B (Beiträge) und V (Vorlesungen) andeuten.
9*
and drastisuheD, als aureerst interessanten und schlagenden
Weise, hat Mach seiner allgemeinen Einsicht durch eine sehr
einfache Zeichnung (B. 14) Ausdruck gegehea. Um nämlich,
wozu er durch einen Philosophen aufgefordert wurde, die Auf-
gabe der Selhs tanschaaung des Ich zu lösen, führte er
eine Zeichnang aus, die dem Bild entspricht, welches wir von
unserem eigenen Körper haben , wenn wir auf einem Ruhebett
liegend, ein Auge schliefsen, und nun ein Stück Umgebung nnd
uns selbst (unsern eigenen Körper) mit dem offenen Auge
wie einen Ausschnitt wahrnehmen. In scherzhaftem üewande
wollte uns Mach hiermit offenbar nur andeuten, dal's mau unser
Inneres nicht etwa dann am besten kennen lernt, weun man eo
viel als möglich zu Hause bei sich selbst bleibt und recht lange
und anhaltend in sich selbst hineinsieht. Sondern an Stelle
jenes von gewissen Philosophen so oft empfohlenen Weges
einer asketischen Selbsteinkehr und Sich -Selbst -Anschauung
möchte Mach lieber ins Freie und Weite wandern, und wenn
der Weg bis zum Mond hinauf ginge, so würde das gar nicht
schaden. Denn erst gerade vorzugsweise die einfache Grofsheit
und Strenge der Astronomie wSre ja am besten imstande, uns
derart zu erleuchten und uns auf einen festen Boden zu ver-
setzen, dafs wir nun von da ans auch als Psychologen, mit
Hoffnung auf einigen Erfolg , uns selbst und die Mitmenschen
in analoger Weise, wie der Astronom die Sterne, betrachten
könnten.
Hiermit hatte nun Mach keinesweg» die Absicht, Inneres
und Äufseres einander schlechtweg gleichzusetzen oder das eine
in das andere aufzulösen. Er meinte nur, es käme weniger auf
eine Scheidung der Erfabrungsinhalte , als nur überhaupt auf
den Standpunkt der Betrachtungsweise an. Und hierin, in der
Betrachtungsweise miifste man volle Freiheit haben, sich der
Erfahrung anzuschmiegen, Eodafs man von keinem Standpunkt
das Becbt hätte, zu sagen, derselbe wäre der einzige und all-
umfassende. Wie man sieht , ist dies Ergebnis, welches Mach
als Physiker dadurch erreichte, dats er die Fesseln eeinea
speziellen Faches sprengte, nichts anderes, als die nun heute
ziemlich allgemein eingebürgerte Einsicht, dafs es nicht der
Stoff, sondern nur die Betrachtungsweise wäre, wodurch sich
Naturforscbung und Psychologie voneinander unterscheiden.
Nun kommt hier alles auf das Mafs der Klarheit an, womit
wir eine solche Stellung behaupten. Wenn es, wie Mach hervor-
hebt, verschiedene Arten der Betrachtungsweise giebt, wie und
aus welchen Gründen sollen wir zwischen denselben wählen?
— 133 -
In jeder Weise, so sclieint es, raöfste es doch eine feste, nie zu
verlassende Mitte geben : etwa so, wie wenn wir von einem er-
höhten und geeigneten Standpnnkt aus ein SiUck Erdkugel be-
trachten. Und ich ;^weifle keinen Augenblick daran, dafs Mach
mit uns jene feste Mitte in unserer allgemein menschlichen, rein
natürlichen Erfahrung und Anschauung erkennt. Was aber
weiter die mancherlei Betrachtungsweisen innerhalb der all-
gemeinen Erfahrung betrifft , so kann man in diesem Funkt
sehr verschiedener Ansicht sein. Die Erfahrung ist ja sehr
mannigfaltig und bietet der Betrachtung \ erschiedene Ansatz-
punkte. Diese Verschiedenheit der Betrachtungsweise, behauptete
ich bisher schon immer und behaupte es fortwährend , hat nur
allein darin ihren Grund, dafs die Erfahrung bald mehr der
Abstraktion, der Analyse und dem Begriff, bald mehr der nn-
get eilten Anschauung und einer phantasiemäfsigen Synthese
günstig ist. Und wie sich nun Mach ku diesen Fragen stellt,
werden wir sehen, wenn wir zunächst die mehreren Belrachtnnp-
weisen kennen lernen, welche sich in des Verfassers Analyse der
Empfindungen vorfinden.
Wenn nns Mach (B. i6^50) über den Unterschied der
geometrischen und optischen Ähnlichkeit aufklärt und aus-
einandersetzt, wie unsere ränmliche Orientierung von dem In-
einandergreifen eines symmetrischen und asymmetrischen Baues
unseres Körpers bedingt ist; wenn er uns jene Erscheinung
beim Hineinsehen in einen Flufs, die uns, nachdem wir einige
Zeit das Wasser fliefsen sahen, auf einmal vorspiegelt, dafs der
Strom stille stehe und wir uns samt der nächsten Umgehung
in einer dem Lauf des Stromes entgegengesetzten Richtung be-
wegten; wenn er (B. 65— 67) uns diese Erscheinung durch eine
sehr sinnreiche Konstruktion wiederholt und dieselbe auf den
Umstand zurückführt, dafs unser Körper mit den rein optischen
Reizen immer zugleich auch Bewegungs- Im pulse auslöst: dann
befinden wir uns bei dieser Betrachtungsweise ganz auf dem
Boden der Anschauung. Denn so viel auch hei der entsprechen-
den Untersuchung die Abstraktion beteiligt ist, so tritt dieselbe
doch nie als besondere Operation neben die Anschauung, sondern
jene Abstraktion erweilert nur unsere Anschauung und bleibt
im Qhrigen in derselben ganz beschlossen. Dies wird besonders
deutlich, wenn wir noch ein weiteres Beispie! hinzunehmen und
(B. 86 — 88 und V. 88 — 89) beachten, wie ursprünglich die
Helligkeitsdifferenzen mit der Körperwahrnehmung verfiiefsen
und erst später sich als besondere Erscheinung abheben. Wenn
wir dementsprechend die Erfahrung machen, dafs wir den
~ 134 —
starken Kontrast von Licht und Schatten erst bemerken, wenn
wir etwa auf der photographischen Platte Flächenbilder wahr-
nehmen, und eben deswegen erst spät dazu gelangen, eine
schattierte Zeichnung zu entwerfen oder dieselbe auch nur zu
verstehen: dann sehen wir die Einsicht in jenen natürlichen
Stufengang der Entwicklung nur so zu stände kommen, dafs die
unmittelbaren sinnlichen Eindrücke sich zu freier Bildlichkeit
ausweiteten und nun aber doch beides: jene Eindrücke sowohl
als diese Bildlichkeit in fortwährendem Zusammenhang und
kontrastierender Ergänzung miteinander verbleiben. Mach
machte es in diesen Beispielen als analytischer Psychologe nicht
anders als der Menschen beobachter, wenn derselbe Gesichtszüge
und Ausdrucksbewegungen neben der sprachlichen Mitteilung
zu Gestaltung und Darstellung seiner Eindrücke benützt. Aach
ein solcher nur auf sich selbst angewiesener Beobachter, ganz
ohne technische Hilfsmittel, und ohne dafs er eine durch Be-
griffe deutlich zu machende Methode zu Hilfe nähme, vermag
dennoch in der Analyse nur allein kraft grofser Feinheit, an-
dauernder Frische und Tiefe der Anschauung sehr weit vorzu-
dringen: so weit, dafs beispielsweise Leonardo da Vinci, wie
Mach bemerkt, die menschlichen Nasen in ein System gebracht
hätte. In ähnlicher Weise nun, wie der Maler die physiogno-
mischen Züge und Körperteile scharf unterscheidet, hat Mach
das sinnliche Weltbild des Menschen in einigen Hauptzügen
durchschaut. Dadurch, dafs er auf Lage und Richtung bei
der Ähnlichkeit der Raumgestalten aufmerksam machte, hat
Mach die rein mathematische Betrachtungsweise des Geometers,
der in seinen Ähnlichkeitdefinitionen von Lage und Richtung
abstrahiert, durch die Anschauung ergänzt. Und besonders fein
zeigt sich die Anschauung unseres Beobachters, wenn derselbe
(B. 50 und V. 105) bemerkt, weshalb wir das Bild einer im
Wasser gespiegelten Landschaft mit dem Urbild niemals ver-
wechseln, wie etwa Kinder häufig die Buchstaben b und d und
p und q (nicht aber b und p und d und q) miteinander ver-
tauschen. Es wundert uns daher keineswegs, wenn, wie Ver-
fasser (B. 55 Anm.) selbst hervorhebt, diese Art der psycho-
logischen Betrachtung gar keine Vorgänger hätte. Denn ver-
mutlich werden auch die Nachfolger noch lange auf sich warten
lassen. Jene „Freiheit, sich seinen Standpunkt selbst zu wählen",
reicht eben gewöhnlich — und wohl gemerkt, nicht blofs bei
untergeordneten Geistern — sehr wenig weit. Wenn schon ein
gewisser Humor, Einsicht, freies Interesse und Unabhängigkeit
von den unmittelbaren Eindrücken dazu gehört, um des ein-
— 135 —
fachsten ästhetischen Genusses fähig za sein: eine wie grofse
Steigerung und Dauerbarkeit all jener Eigenschaften und Fähig-
keiten müssen wir erst voraussetzen, wenn ein Forscher und
Denker dieselbe rein ästhetische Stimmung und nachschaffende
Schöpfergewalt auf die ganze Welt ausdehnt. Dafs von einer
so weit reichenden Anschauung Mach ein reiches Mafs zu teil
wurde, beweist vielleicht allein schon die Thatsache, dafs der-
selbe (B. 83 — 84) eine sehr interessante Reihe von Nachbild-
Erscheinungen und traumartigen Phantasmen an sich selbst mit
grofser Regelmäfsigkeit beobachtete. Denn was anderes sollte
eine derartige fortwährende Flammenbildung zu bedeuten haben,
als dafe wir in derselben den aller deutlichsten Widerschein der
Glut einer grofsen Anschauung zu sehen hätten? Diese grofse,
auf das Ganze gerichtete und sich immer wieder neu belebende
Anschauung war es, welche Mach, wie schon unsere Beispiele
zeigen, in den Stand setzte , Inneres und Äufseres (Psychisches
und Physisches) in so wirksamer Weise und wechselseitig zu
durchleuchten. Dieselbe Anschauung, um nur noch dies eine
anzudeuten, war es ferner, welche (B. 68 und 94) den bei
den Psychologen so berufenen, sogenannten Willen fast ab-
sichtslos und wie zufällig nur mit einigen wenigen, aber um so
zutreffenderen Worten, so ziemlich als dasselbe — nur eben im
Zusanmienhange einer ganz anderen Betrachtungsweise — be-
schrieben hat, was wir früher (s. S. 125) aus Anlafs der Kritik
JoDLS als Wollen, Begehren und Appetition überhaupt geschildert
haben.
Aber in ein ganz anderes Verhältnis nun als im bisherigen,
treten Anschauung und Abstraktion zu einander, wenn Mach die
Abhängigkeit der menschlichen Erfahrung von der anschaulichen
Umgebung weiter zurück bis auf die nervösen Organe und Vor-
gänge verfolgt. Nun gehören freilich auch jene Organe und
Vorgänge zur Umgebung im weiteren Sinne. Und eine Abhängig-
keit unserer Erfahrung und unseres Denkens von jener sehr
intimen und in Kapsel und Hülle eingeschlossenen Umgebung
wird immer und überall vorausgesetzt, auch wenn wir jene Ab-
hängigkeit nicht besonders analysieren. Inzwischen haben wir
ja im gewöhnlichen Leben beispielsweise gleichfalls keine Ver-
anlassung, die Luft, welche wir einatmen, chemisch zu unter-
suchen, obwohl wir wissen, dafs unser ganzes Leben fortwährend
von der Luft, welche wir einatmen, abhängig ist. Wie aber eben
Chemiker und Physiker unsere Einsichten von der uns um-
gebenden Luft, über die Thatsache der Luftbewegung und dr^>
— 136 —
Einatmens der Luft binans, schon gewaltig erweiterten und
vielleicht noch weiter vermehren : in derselben Weise bemühen
sich Physiologie and Psychologie an der gemeinsamen Aufgabe,
die nervösen Elemente und zugehörigen Empfindungs Vorgänge im
Zusammenhang zn analysieren, und unsere Einsichten über die
blofse Thatsache der allgemeinen {isychophysiscLen Beziehung
und Abhängigkeit hinaus zu bereichern. Und hier entsteht nnn
eben die Frage: aollen wir das angedeutete und allgemein so
bezeichnete psycbophysische Parallelprinzip nur als Be-
standteil der allgemeinen Erfahrung betrachten, oder ist
es vielleicht geboten und im Interesse der fortschreitenden
Wissenscbaft , jenes Prinziji überdies zn einer speziel len
Methode und hypothetischen Hilfsverfahren zu ge-
stalten? Mach hat sich im Sinne dieser letzteren Ansicht eut-
Bchieden nnd in seiner „Analyse der Empfindungen" entsprechende
Untersuchungen geführt und Hypothesen aufgestellt. Jenes
Parallel-Prinzip beschreibt Verfasser im allgemeinen (B. 27- — 29)
als das Verfab'en, zu jeder analysierbaren Empfindung, Empfin-
dungaänderung oder Eiiipfindungsmannigfaitigkeit entsprechende
nervöse Vorgange oder Bestandteile vorauszusetzen. Und auf
Grund dieses allgemeinen Schemas macht unser Forscher nnn
weiterhin den Versuch, insbesondere die Seh all emp find nng nnd
Schall Vorstellung als Übergang und Verbindungsglied zu physio-
logiochen Aufschlüssen zu benutzen. Und dasselbe hat ja schon
längst vor allen H*a,MHüLTz in seiner physiologischen Theorie
der Scballempfindung ebenfalls versucht. Und allerdings ist es
denn auch der Hauptgedanke jener HELWHOLTZschen Theorie,
wel(;hen Mach sich zu eigen macht und in seiner Weise weiter
ausbildet. Darnach (B.122jbetrachtet Mach den Satz, dafs verschie-
denen Schwingungszahlen verschiedene Endorgane entsprechen, als
Hauptsatz seiner Theorie. Doch bleibt er hierbei nicht stehen,
sondern er Iiillt es für angemesen , jenen Hauptsatz sowohl zu
vereinfachen als zu vervollständigen. Die vielen speziösctien
Energien bei Hblmholtz nämlich ersetzt Mach blofs durch
zwei. Inwiefern dagegen gewisse nnmitlelbare Schall ein drüche,
wie der harmonische Zusammenklang, in der älteren Theorie der
(positiven und negativen) Schwebungen nicht aufgehen, und
überdies noch der fernere Rest der Klangfarbe und der Schall-
kontraste zurückbleibt: insofern schiebt die neue Theorie
(B. 136 — 138), jenen Zusatz färbungen der Töne und Klänge
entsprechend, besondere physiologische Elemente ein. Diese
eingeschobenen hypothetischen Elemente nun, wie Mach selbst
hervorhebt, wären freilich erst noch aufzufinden. Doch schon
— 137 —
dies, fügt der Theoretiker alsbald weiter biozu, dafs jene
hypotheiischen Elemente zu suchen sind, scheint eine bedeutende
Einsicht zu sein. Tiefer brauchen wir uns vorerst in die neue
Hj'potbese nicht einzolassen. Denn ans kommt es nicht daranf
an, diese oder jene Hypothese in dieser oder jener besonderen
Gestalt zu prUfen. Sondern wir haben die spezielle Theorie
von Mach nur deswegen in unsere Betrachtung einbezogen, um
vor bereitnngs weise anzudeuten , dafs alle dergteicben zwischen
die Anschauung und das Nichtwissen eingeschobenen Konstruktionen
und Hilfsbauten, möchten dieselben noch so geistreich und be-
stechend sein , nur einen zwecklosen , hemmenden Ballast be-
deuten und niemals fähig sind, den entscheidenden Schritt vom
blorsen Begriff und der vorschwebenden Schattengestalt zur
Thatsache und Anschaunng einzuleiten oder zu befördern. Wir
werden dies dadurch zeigen, dafs wir alle Hypothesen kon-
struktiver Art — und nur in diesem Sinne rede ich
überhaupt von Hypothesen — nur als einen Spezialfall jener
Einseitigkeit kennzeichnen, wie sich derselben die Theoretiker
oft genug schuldig machen , sobald sie die Anschauung zn
Gunsten des Begriffs und der Analyse so weit zurücksetzen, dafs
dadurch ein Widerspruch mit der Erfahrung und sogar die
Negation derselben die notwendige Folge ist. Und einen Fall
dieser Art werden wir gerade bei Mach kenntlich machen,
wenn wir sehen, wie unser Theoretiker, im Glauben, er hätte
nur eine Th;itsache beschrieben, die Zeit in eine sogenannte
Zeitempfindung und Zeiterapfindungsreihe auflöst.
Wenn ich, stellt sich Mach (B, 104—105) die Frage,
eine Anzahl aufeinanderfolgender Glockenschläge höre und nun
die einzelnen Klänge voneinander unterscheide — worin liegt
diese ünterscheidungsmöglichkeit ? Und die Antwort des Frage-
stellers lautet; darin liegt jene Möglichkeit, dafs jeder Glocken-
schlag mit einer besondern Zeitempfindung verknüpft ist,
die mit ihm zugleich auftaucht. Also besondere Zeitempfin-
d an gen im selben Sinne, wie wir Farben, Töne, Gerüche und
einzelne Ranmgestalten wahrnehmen, sollen wir vorfinden! Ich
bekenne , von einer solchen Zeitempfindung nicht blofs über-
haupt keine Erfahrung, sondern auch nicht die leiseste Ähnung
zu besitzen. Und die Behauptung Machs scheint mir vielmehr
zum äufsersten zn gehören, was ich jemals an paradoxen philo-
sophischen Sätzen kennen gelernt habe. Da nun aber nicht blofs
die geschilderte einzelne Aussage und Einleitungsfrage, sondern
geradezu alles, was Mach in seiner Zeit-Betrachtung vorbringt,
auf mich denselben paradoxen, grotesken und unfafsbaren Ein-
— 138 -
druck macht, so wäre es wohl nicht ungerechtfertigt, einmal
gerade auch im Zusammenhange der Psychologie zu sagen, was
unsere menschliche Zeit-Erfahrung zu bedeuten hat. Denn ich
glaube allerdings, wenn es wahr ist, dafs bevorzugte Intelligenzen
ein Vorrecht hätten, im einzelnen Falle kolossal zu irren, dann
hat Mach von jenem Recht in seiner Z ei temp findung einen
sehr kräftigen Gebrauch gemacht. Weil aber krasse Irrtümer
starker Intelligenzen oft sehr instruktiv sind, so glaube ich, es
wäre ganz im Interesse der Sache, wenn ich meine eigene Zeit-
Betrachtung im Hinblick auf die Ansicht Machs ausführe, and
auf diese Weise Wahrheit und Irrtum zu wechselseitiger Be-
leuchtung einander gegenüberstelle. Sehen wir vorerst zu, wo-
durch Mach sogleich zu seiner paradoxen Anfangsbehauptang
gedrängt wird. Unser Psychologe meint, um eine Anzahl
Glocken schlage voneinander zu UDterscheiden , fehle ja jeder
Hintergrund. Denn wollte man voraussetzen, dafs vielleicht be-
gleitende Gedanken oder andere zufällige Em-
pfindungen jene Unterscheidung herbeiführten, wie unzuverlässig
müfste da unser Zeitmafs ausfallen, und wohin müfste es versinken,
wenn jener zufällige Gedanken- und Empfindungshintergrund
einmal aus dem Gedächtnis verschwinden würde ! Und deswegen
nun eben, weil er zur Festigkeit des Zeitmafses keinen genügen-
den Hintergrund entdeckt, behauptet Mach seine spezifische
Zeitempfindung. Eine wie seltsame Empfindung dies aber ist,
ersieht man schon daraus, dafs Mach nur auf dem Wege
der Schlufsfolgerung — weil eben sonst die Glockenschläge
sich nicht genügend unterscheiden liefsen und das Zeitmafs nicht
fest genug wäre — auf seine spezifische Zeitempfindung gestofsen
ist. Es wäre ja auch in keiner Weise verständlich, wie die
Zeitempfindung so lange, bis eben Mach dieselbe entdeckt gehabt
hätte, der gesamten übrigen Menschheit hätte verborgen bleiben
können, wenn jene Zeitempfindung wirklich im selben Sinne wie
Farbe, Ton und Geruch eine Empfindung wäre. Was soll nun
aber die Zeitempfindung für eine Empfindung sein, da wir dieselbe
ja nur erschlief sen und niemals empfinden. Denn auch nach-
dem wir den Schlufs vollzogen haben, bleibt alles dunkel wie
zuvor, und kein Mensch besitzt eine spezifische Zeitempfindung.
Denn auch Mach selbst besitzt sein Specificum gar nicht, sondern
er sagt nur, dafs es eine besondere spezifische Zeitempfindang
giebt, scheint mir nicht zweifelhaft. Nun, wir werden
sogleich zeigen, nicht etwa, wie wir es anzustellen hätten, die
so verborgene Zeitempfindung vielleicht doch noch aus der
Tiefe an das Tageslicht zu ziehen, sondern wie Mach daza ge*
— 139 —
langte ; uns das Rätsel seiner Zeitempiindung aufzugeben.
Mach, wie wir hörten, geht von zwei Sachen aus. Er sagt:
wir unterscheiden die aufeinander folgenden Schläge einer Glocke
und wir besitzen ein festes Zeitmafs. Folglich — und dies ist
nun der Schlufs — mufs es eine Zeitempfindung geben, denn
ein zufälliger Gedanken- oder Empfindungshintergrund genügt
nicht und ist oft überhaupt gar nicht vorhanden, obwohl wir
auch in diesem letzteren Falle fortfahren, Glockenschläge zu
unterscheiden und ein festes Zeitmafs zu besitzen. Sehen wir
vom Hintergrund vorerst ab und halten wir das Zeitmafs
und das Unterscheiden einer Anzahl Glockenschläge auseinander.
Dies Beides nämlich, obwohl es nichts miteinander zu thun hat,
verquickt Mach fortwährend miteinander. Er macht folgende
Schlufsreihe : wir unterscheiden eine Anzahl aufeinander folgender
Töne voneinander, also haben wir eine spezifische Zeitempfinduiig ;
und weil wir eine solche Empfindung haben, so besitzen wir
nun auch erst ein festes Zeitmafs. Es möchte zwar sehr wohl
sein, dafs in Wirklichkeit der Besitz eines Zeitmafses und
die Fähigkeit eine Reihe zu bilden und deren einzelne Glieder
zu unterscheiden, nicht unabhängig voneinander wären. Aber
in der Betrachtung müssen wir dennoch beides auseinander-
halten. Denn wir können ja sehr wohl vom Zeitmafs ganz ab-
sehen und sind dennoch imstande, eine Anzahl Glockenschläge
voneinander zu unterscheiden. Zu einer solchen Unterscheidung
nämlich ist nur erforderlich, dafs wir zählen können und
dafs die einzelnen Eindrücke genügend individualisiert sind und
nicht vollständig ineinander verfliefsen. Sobald also nur ein
gewisser Abstand zwischen den sonst vielleicht ganz gleichen
Eindrücken vorhanden ist, dann können wir auch zählen und
unterscheiden. Meint nun vielleicht Mach, ja eben jener Ab-
stand, oder dafs wir jenen Abstand unterscheiden, dies wäre die
Zeitempfindung, oder doch durch die Zeitempfindung veranlafst,
so müssen wir dagegen erwidern : nein , dies alles ist nicht die
Zeitempfindung; auch veranlafst eine solche nirgends existierende
Empfindung gar nichts. Sondern jene Abstände, die das Zähleu
und Unterscheiden ermöglichen, sobald dieselben zeitlich
gefafst and d. h. also auf ein festes Zeitmafs bezogen werden,
weisen alsbald auf jenen notwendigen Hintergrund, den
Mach entweder als ganz ungenügend oder gar nicht immer vor-
handen and daher als nur zufällig bezeichnet. Aber jener
Hintergrand ist so wenig zufällig, dafs derselbe nichts Geringeres,
als unsere gesamte menschliche Erfahrung, sofern sie als ein
Ganzes and als Einheit betrachtet wird, darstellt. Denn was
— 140 —
-vcir so schlechtweg Zeit ncoDen, ist im ganzen and in alten
seinen Besliramungen freilich gar nichts anderes, als nur unsere
Gesamt ert'abrnng, sofern wir dieselbe Kowohl in die Abschnitte:
Gegenwart, Vergangenheit and Zukunft zerlegen, als diese Ab-
schnitte fortwährend aufeinander beziehen und eben deswegen
das Ganze als Einheit anschauen. Die Zeit im allgemeinen ist
daher allerdings die allgemeine Erfahrung und allgemeine Zeit-
ansc hauung. Und zwar eine Aoschaaung , welche
dnrch und durch Relation — in ihrer Eigenschaft nämlich als
Zeil abschnitt -Erfahrung — ist. Aber Anschauung bleibt die Zdt
dennoch, weil dieselbe ohne Zeitinhait undenkbar ist. Die Zeit-
anschaunng ist ja nur deswegen Relation, weil alle ErfaLmngs-
and Zeitinhalte nur ein Ineinander von sowohl fort und fort
wiederkehrender, als fort und fort neuartig und zum erstenmal
auftauchender, als endlich auch fort und fort vorübergehender und
nur noch als Gedächtnis- and Erinnerungsbild vorhandener Züge
bedeaten. Man mag also immerhin den Zeit -Hintergrund einen
Gedanken- und Empfindungshin tergrund nennen. Jener Hinter-
grund, welcher freilich nicht nur dies, sondern ebensowohl
Vordergrund, weil überall vorhanden ist, urafafst eben Gedanken
und Empfindungen gleichmäfsig und bedeutet auch in diesem
Sinne die Gesamt-Er fahrung. Wenn daher Mach unsern grofsen,
nicht sowohl nur Hinler-, als vielmehr Alles-Grnnd einen zu-
^lligen Begleit- Gedanken nennt , so sagt er hiermit nur , dafs
er denselben ganz und gar vergessen hat. Dies mag freilich
höchst seltsam erscheinen. Aber wenn man bedenkt, wie lauge
die Menschheit das Gewicht und die Ausdehnung der almo-
sphäriachen Luft, welche sie fortwährend einatmete, gani ignoriert
hat, dann wird es doch wiederam verständlich, wie man ja auch
sonst den Wald vor lauter Bäumen nicht bemerkt. Wir kommen
auf dieses, in unserem Falle speziell den Theoretikern eigen-
tümliche Ignorieren zurück. Inzwischen fahren wir in unserer
Zeit-Betrachtung fort und ergänzen unsere allgemeinen 6e-
Btimmuiigen durch eine Reihe bemerkenswerter Unterscheidungen.
Obwohl, wie wir bemerkt haben, die Zeit ohne Zeit-Inhalt nicht
denkbar ist, so werden wir doch Veranlassung haben, gewisse
Besonderheiten des Zeit- Inhaltes von der allgemeinen Zeit-
Anschauung zu unterscheiden. Und in diesem Sinne daher
geschieht es im Interesse der Psychologie, wenn wir neben der
allgemeinen Zeit-Anschauung noch insbesondere 1. die wech-
selnde Gröfse des Zeitinhaltes; 2. die verschiedene
Geschwindigkeit des Zeitverlanfs und 3. das Zeit-
mafs besonders im Auge behalten.
L
Ul
I einem genaueren Zeitmar» haben wir nur insofern einen
Begriff, als wir in der anschanlicbeu und räamliclien Umgebung
sieb fort und fort wiederholende und hinlänglich konstante Be-
wegungen vorfinden. Und eine derartige konstante Bewegung
und Raumstrecke dient nun in dem Sinne als Zeitraafs, als die-
selbe einen Gegen warts- Abschnitt repräßenliert , der an andere
beliebige Zeitinhalte so angelegt wird, dafs der als Mafs dienende
Abschnitt der Reibe nach mit einem jeweiligen anderen
Gegenwarts- Abschnitt zur Deckung gebracht wird. Wir
messen daher, wie man sieht, beliebige Zeitstrecken immer nur
so, daCs wir dieselben in eine Reihe einzelner, ihrer jeweiligen
Oröfse nach mit dem Zeitmals zusammenfallender Gegenwarts-
Abschnitte einteilen. Für Vergangenheit und Zukunft als
solche haben wir schlechterdings gar kein Mafs'). Denn ob-
wohl dieselben, als notwendig zur Zeit-Relatien gehörig, in alle
Gegenwart eindringen, so geschieht dies, solange wir die Zeit
messen, doch immer nur so , dafs die Einschnitte der Zeil- Ein-
teilung — in anf- oder absteigender Linie — als hlofse Punkte
der Vergangenheit oder Zukunft die fortlaufende Reihe der
Gegenwarts- Abschnitte durchbrechen. Dies schliefst keineswegs
aus, dafs wir, wie in der Menschen- und Erdgeschichte geschieht,
mit der Zeiteinteilung oft sehr weit in die Vergangenheit zurück-
greifen. Denn in allen derartigen Fällen einer fernen Perioden-
Einteilung ragt stets die betreffende Vergangenheit nocli derart
in die Gegenwart herein, dafs die durch das Zeltmafs bestimmte
Vergangenheit eben nichts ist, als eine in die Gegenwart
heraufgerückte Vergangenheit. Ans ähnlichen Grttnden be-
liebigen Übereinand ergreif ena der Zeitabschnitte haben wir
weiterhin die volle Freiheit, die Zeit-Einheit beliebig grofs zn
wählen. Und wie grofs wir im einzelnen Falle das ZeitmaTa
bestimmen , richtet sich nach den besonderen Sphären der Er-
fahrung und unseren verschiedenartigen Interessen. Besonders
grofse Zeiträume kennt die Geologie; ebensowohl sehr grofse
als ausnehmend kleine die Astronomie; und im gewöhnlichen
praktischen Leben behaupten die mittleren aber immer noch be-
deutend weit voneinander abstehenden Zeiten ihre Stelle. Denn
überall, wo entweder sehr kontinuierliche Konstanten vorliegen,
oderwo es uns nur darauf ankommt, einige durchgehende Charakter-
merkmale festzuhalten, müssen die grofsen Zeiträume vorherrschen.
Inwiefern aber ein Gebiet besonders variabel, und oft schon in
and Daner beaitat t
- 142 —
einer sehr (unendlich) kleinen Strecke etwas sehr Bemerkens-
wertes geschieht, insofern haben wir Grund ^ kleinste Zeiten zu
beachten. Das hiermit über das Zeitmafs Gesagte ^ sind nun
weiterhin einige bekannte psychologische Thatsachen zu er-
gänzen und bestätigen geeignet, wenn wir noch die Gröfee des
Zeitinhaltes und den Zeitverlanf in Betracht ziehen. Halten
wir Rückschau auf unsere gröfsere oder kleinere Vergangenheit,
so taucht dieselbe, wenn sie aufserordentlich reich war, in er-
höhtem Glanz in der Erinnerung auf und dehnt sich so weit
aus, dafs wir glauben, weil eben im angenommenen Falle
der Zeitinhalt eine grofse Tiefe besitzt, ein so ereignisreicher
Tag oder Jahr wären viel länger als sonst ein Zeitraum von
derselben Dauer. War aber im Gegenteil unsere Vergangenheit
sehr arm und einförmig, so schrumpft in der Erinnerung der
Zeitinhalt auf einen Augenblick zusammen. Die Zeit hat in
diesem Falle nun gar keine Tiefe, und es kann der Fall ein-
treten, dafs viele Jahre und vielleicht ein langes halbes Leben
in nichts versunken erscheinen. Im ersteren Falle waren wir
imstande, eine grofse Gegenwart mit einem Blick zu um-
spannen und eben deswegen hatten wir ein ausgezeichnetes und
verlängertes Zeitmafs. Und wenn daher umgekehrt nirgends
eine ordentliche Gegenwart auftaucht, so entschwindet uns mit
der Gegenwart das Zeitmafs und es bleibt nur ein grauer
Augenblick zurück. Anders verhält sich die Sache beim
Zeitverlauf. Sobald wir nur einfach im Strome der Zeit
untergetaucht sind, gehen die Abschnitte der Zeit ununterbrochen
ineinander über und wir haben, weil die Gegenwart sich von
den übrigen Abschnitten (Vergangenheit und Zukunft) nicht
besonders abhebt, überhaupt keine Veranlassung, ein Zeitmafs
anzulegen. In diesem Falle kann daher nur die Frage ent-
stehen, ob der jeweilige Zeitinhalt zu rasch, zu langsam, oder
so dahinfliefst, dafs wir denselben gar nicht spüren. Trifft;
das letztere zu, dann sind wir in der schönsten, fruchtbarsten
und angenehmsten Stimmung und Verfassung. Sind wir im
Gegenteil zu sehr in Anspruch genommen, dann sind wir ent-
weder in starker Aufregung oder wir fühlen zu viel Hemmung
und Widerstand. Nun kann schon ein Augenblick zur Pein
werden ; gleichwie im entgegengesetzten Falle, wenn wir stumpf,
gleichgültig oder brütend in uns selbst versunken sind, einige
Minuten ebensowohl, als vielleicht ein ganzes Leben eine uner-
trägliche Langeweile darstellen.
Aus dieser allgemeinen Zeitbetrachtung ersehen wir, dafs
die Zeit viel mehr Gesamtanschauung als Analyse enthält. Und
— 143 —
eben deswegen wissen wir nun auch, weshalb Mach in seiner
Zeit- Analyse notwendig auf einen argen Holzweg geraten mufste.
Wollen wir mit Erfolg irgend etwas analysieren, so müssen wir
zuvor die betreffende Gesamtanschauung besitzen und dieselbe
in Gestalt einer Analyse nur in gröfserer Deutlichkeit aus-
einanderfalten. M^CH aber hat ja gerade die betreffende Ge-
samtanschauung ignoriert; und seine Zeitanalyse, je mehr und
je gründlicher dieselbe gerade vorgenommen wurde, bietet
infolgedessen das Bild eines wunderlichen Trubels und In-
einanderwälzens von Abstraktions - Produkten. Da nun aber,
wie wir finden werden, gerade die Zeit - Psychologie unseres
Psychologen von selber auf den Punkt führt, der uns auch die
konstruktiven Hypothesen im Lichte derselben einseitigen, die
Anschauung überspringenden Analyse zeigt, so ist es daher
zweckmässig, Machs Zeitanalyse noch weiter und in ihren
Hauptzügen zu verfolgen. Mach, in seiner doppelten Eigenschaft
als Physiker und Psychologe konnte bei seiner blofsen so-
genannten Zeitempfindnng nicht stehen bleiben. Das Zeitmafs
mufste ihm ja aus der Physik sehr geläufig sein ; und als feiner
psychologischer Beobachter konnte er neben der zwitterhaften
„Zeitempfindung" einige Modifikationen des Zeitverlaufs
nicht wohl aufser acht lassen. Aber wohin anders — wenn
die allgemeine Zeitanschauung fehlt — sollten uns in einer
Zeitanalyse Zeitmafs und Zeitverlauf führen als zu einer Ver-
wechslung der besonderen Zeitinhalte mit der allgemeinen Zeit-
anschauuDg. Und so ist es denn auch geschehen. Was zu-
nächst den Zeitverlauf betrifft, so hat Mach einige hübsche, an
sich selbst gemachte Erfahrungen der Zeit- Verschiebung (B. 107)
beschrieben. Wie man weifs, kann es bei gewissen Bedingungen
geschehen, dafs wir von zwei zeitlich nahe aneinander grenzenden
Vorgängen den späteren früher wahrnehmen. Allgemein ist
bekannt, dafs der Chirurg beim Aderlassen manchmal dns Blut
zuerst austreten und dann erst den Schnepper einschlagen sieht.
Und im analogen Sinne berichtet nun Mach von sich selbst :
er wäre als passiver und unfreiwilliger Zuhörer bei Explosions-
versuchen, die sich mit einer gewissen Regelmäfsigkeit wieder-
holten, nachdem ihn der erschütternde Schall nun nicht mehr
ein erstes Mal ganz unvermutet traf, sondern als er denselben
im Wiederholungsfalle schon voraus erwartet hatte, zuerst er-
schreckt zusammengezuckt und dann erst hätte er den Knall
gehört. Eine zweite ähnliche Erfahrung machte Mach , als er
zwei rote Quadrate in der Dunkelkammer und auf dunklem
Grund durch einen elektrischen Funken beleuchtete. Er sah
k
- 144 —
' nön das direkt gesehene Qaadrat rot, wie es war ; das i
gesehene aber in der Farbe des komplementären Nachbildes, näm-
lich grÜD. Die Erscheinang hat ihren Grand darin, daTs die
Aufmerksamkeit sich auf zwei Vorgänge oder Eindrücke in un-
gleictiem Marse verteilt. Das direkt gesehene Quadrat bean-
spmcbt zuerst die volle Aufmerksamkeit; and wenn dann ein
wenig später das zweite Quadrat grün erscheint, so ist eben in
der Zwischenzeit schon das den primären Eindruck verhüllende
Nachbild aufgetaucht. Eben infolge einer derartigen Verschiebung
der Aufmerksamkeit zeigte sich nun im früheren Falle des Ex-
plosion s Versuches eine Zeit Verschiebung. "Weil die an die Ex-
plosion geknüpfte schreckhafte Erseht) tteraug , obwohl die zu-
gebörige Schallempfindung für Mach nnr ein negatives Interesse
hatte, eben unvermeidlich war, so drängte sich dieselbe von
selbst und wider Willen der Aufmerksamkeit auf. Und weil
nun zwischen dem Schall und dem /uBammenznchen des Hörers
nur eine sebr kleine Zeitstrecke lag, so konnte es eben ge-
schehen, dafs die erhöhte Aufmerksamkeit jenen kleinen Zeit-
voreprnng nicht nur einbolte, sondern demselben sogar voraus-
eilte. Diese hier geschilderten besonderen Modifikat Ionen und
Komplikationen des Zeitverlaufes hat nun Mach der Zeit
schlechtweg gleichgesetzt und (B. 105) die Theorie auf-
gestellt, dafs wir die Arbeit der Aufmerksamkeit als
Zeit empfinden. Offenbar indes ist das Empfinden der Arbeit
der Aufmerksamkeit etwas rein Psychologisches. Und wer daher
den — zunächst — subjektiven Zeitverlauf der Zeit gleich-
setzt, hat hiermit die gesamte Erfahrung in eine Fhantasmagoiie
verwandelt. Und dafs Mal'h wenigstens ganz so spricht, als ob
er die angedeutete Umwandlung hätte vornehmen wollen, können
wir denn auch leicht zeigen. Wenn Mach die Beispiele der
Anfmerksamkeitsverschiebung betrachtet, ho ist er (B. 105 — 106)
geneigt, der gesteigerten Aufmerksamkeit die frühere Em-
pfindung beizuordnen. Aber aus seinem allgemeinen Satz, dafs
wir überhaupt die Aufmerksamkeit als Zeit empfinden, folgert
er gerade das Gegenteil. Weil die Ermüdung des Be-
wuftseinsorganes — beifst es in diesem Zusammenhange
— im Wachen ebenso stetig fortschreitet, wie die Arbeit der
Aufmerksamkeit wächst, so ersubeinen nun unserem Psychologen
die an ilie gröbere (angestrengtere) Aufmerksamkeit geknüpften
Empfindungen als die späteren. Ein Widerspruch dieser Art
ist ja nun aber natürlich nur die Folge des rein phantasma-
gorischen Charakters jener sogenannten Zeitempfindnng. Denn
da uns die blofse wechselnde Beschaffenheit der Aufmerksamkeit
- 145 —
im Sinne der allgemeinen Zeit an Behauung niemals orientiert, ood
ein Früher oder Später mit beliebigen Zuständen der Aat-
merksamkeit verbunden sein kann , so hat nim Mach , der ja
jene allgemeine Zeitanscbauung gar nicht beachtet, volle Freiheit,
das Früher nnd Später miteinander zn vertauschen, wie wir es
in der Traumerfahrnng machen. Doch gerade mit dem Tranme
macht sich Mach nicht wenig zn schaffen. Derselbe (B. 107
bis 109) meint das Unteracheidende des Traumes vom wachen
Zustand darin erblicken zu müssen, dafs wir im Traume alles
verspätet erfahren. Nun, wenn also Traum und gewöhnliche
Erfahrung sich voneinander nur so unterscheiden wie dne
gröfaere oder geringere rein subjektive Auf merksamkeits Ver-
schiebung, dann befinden wir uns ja, wie ich schon sagte, im
reinen und vollkommenen Traumland. Und wenn wir auch in
diesem schönen Zauberland dennoch einen Unterschied von Traum
and Wachen festhalten wollen, dann reduziert sich derselbe
darauf, dafs wir im Wach -Traum ein wenig schneller träumen
als im Schlaftraum. Und einige Träume , die Mach (B. 108
bis 109) aus aeiner eigenen Krfahrnng mitteilt, sind allerdings
sehr interessant. Nur glaube ich, dieselben besagen gerade
etwas ganz anderes, als was Mach durch eine gewaltsame Um-
deutung derselben infolge seiner Zei tempfindungs-
theorie seine schönen Träume sagen lassen mufste. Weil
die allgemeine Zeitanschaunng dos wache nnd reife Bewufstsein
und weiterhin die Unterscheidung der Umgebung von den
Phajitasien und Gedanken voraossetzt, so geschieht es nun
gerade regelmäCsig, dafa wir im halbwachen Zustande des
Traumes die Erinnerungen und Erfahrungen des gewöhnlichen
Lebens phantastisch umgestalten. DennUmgehnng und Fban-
tasiegewebe vermischen sich im Traum in ein nicht mehr von-
einander zu unterscheidendes Ganzes, und oft ereignet es sich
hierbei, da[s wir nnn anch die ZeiUirduung umkehren und uns
in ein früheres, längst verschwundenes Ich so versetzt fühlen,
als ob jenes vergangene Ich gegenwärtig wäre. Da Indes Mach
als Theoretiker und Psychologe, insofern er die allgemeine
Zeitanschauung ganz vergilst, schon einen ähnlichen Sprung
macht wie der Träumer, so ist es nnn freilich durchaus in
Ordnung, wenn seine zeitpsycholo|psche Betrachtung mit den
Traumphantasien keine geringe Ähnlichkeit hat. Zwischen-
hinein freilich (B. 108) wirft der Philosoph die Frage auf,
wie es komme , dafs die Zeitordnung während des Wachens
nicht umkehrbar wäre, Und wie wir leicht eingehen, ist diese
F^l^5e vom Standpunkte Mache aus freilich nur allzu erklärlich,
— 146 -
Und wie lantet nun <iie Antwort? Um uns etwas kttrzer, aber
ganz im Sinne Ma« hs aasziidrUcken , können wir sagen: die
Zeil ist nicht umkehrbar, weil — in Ühereinstimraung mit der
physiologischen Theorie der Aufmerksamkeit — die Arbeit der
Aufmerksamkeit immer nur eine wachsende isl. Aber die Anf-
merksanikeit selbst? Ist auch diese eiue fortwährend wachsende?
Offenbar nicht. Oder sollen wir nur die zun ehmende Arbeit
der Aufmerksamkeit als Zeit empfinden, die Ermüdung und Ab-
nahme derselben aber nicht? Dies zu behaupten, wäre doch
gewifs die gräfste Willkürlichkeit Doch scheint Mach eine
solche Zaspitznn^ seiner Theorie allerdings vorgeschwebt zu
haben, wenn er die Bemerkung macht, wir müfsten, wenn wir
— was nicht der Fall sei — die Anhäufung eines Ermüdungs-
Etoifes unmittelbar empfinden würden, eine Bückwärts-
bewegQDg der Zeit (Zeitverlant'es) erwarten. Indes, ob wir
jenen KrmUdnngsstoff auch nur mittelbar — worauf der
Autor alles Gewicht zo legen scheint — erfahren: hierauf
kommt gar nichts an. Denn Mach giebt als Physiker seiner
physiologischen Theorie noch eine zweite und andere Wendung.
Danach nun (B. 166 — 168, V. 196, 221) soll die Zeit nichts
anderes sein als nur ein anderer Ausdruck für die Thatsache,
dals gewisse Veränderungen nur in einem bestimmten
Sinne stattfinden. Und infolge Jener Eindeutigkeit
des Natur Verlaufes nun, wovon die stetig zunehmende Auf-
merksamkeit Ja nur einen besonderen Fall darstellt, wäre die
Zeitordnung nicht umkehrbar. Bekannilich indes ist die Ein-
deutigkeit der Natur eine sehr gemischte nnd mit einer nicht
geringen Vieldeutigkeit durchsetzt. Die Welterkurven and
täglichen Barometerschwankungen in Mitteleuropa mächten wir
schwerlich als eindeutig charakterisieren. Aber dennoch nehmen
wir nicht den mindesten Anstand, beliebige Vorgänge dieser
Art in der gewöhnlichen, nicht umkehrbaren Zeitordnung zn
registrieren. Zu dieser unanflös liehen Schwierigkeit der Zeit-
ordnung gesellt sich in der Theorie Macihs noch die Ver-
wechslung der allgemeinen Zeitanschanong mit dem Zeitmafs.
Aus Bequemlichkeit zwar und der Kürze wegen ist es allerdings
gestattet, Zeit und Zeitmafs einander gleichzusetzen. Aber ein
anderes ist eine bewufste Ungenauigkeit und ein anderes eine
QubewnrsCe Verwechslung und Unklarkeit. Und nichts als die
angedeutete Unklarkeit liegt vor, wenn Mach (B. 104) das
natürliche Zeitmafs des musikalischen Rhythmus als spezi-
fische Zeitgestalt hinstellt, oder wenn derselbe (B, 167)
die Elimination der Zeit so versteht, als ob an Stelle der
147
einen Zeitanschaunng eine Ulir, eine Zahl, ein sich stetig
abkühlender Körper oder die stetig znnehniende Fallgeschwindig-
keit gesetzt werden könnte. In allen diesen Fällen wechseln
wir indes natürlich inuner nur das ZeitraafB. Dies ist so ein-
leuchtend, dafs neben der methodologischen Einseitigkeit eine,
übrigens in unserer bisherigen Schilderung schon deutlich an-
klingende metaphysische Beeinflussung die Ursache ist, wenn
Mach desungeachtet jene Verwechslung von Zeit und Zeitmafs
mit einer gewissen Beharrlichkeit fortsetzt. Denn nachdem er
(V. 221) zunächst mit dem Satz, dafs — für den Naturforscher
— jede zeitliche Bestimmung die abgekürzte Bezeichnung der
Abhängigkeit der Erscheinungen voneinander wäre, besondere
Zeitinhalte (eben die Abhängigkeit bestimmter Er-
scheinungen) mit der zeitlichen Bestimmung, worunter
man sowohl das Zeitmafs, als die allgemeine Zeitanschauung
verBtehen kann, zusam menge seh weifst hat, stellt er überdies noct
die Behauptung auf: wir könnten alle Erscheinungen, statt auf
die Erde oder auf eine Uhr, selbst auch auf unsere innere
Zeitempfindung beziehen. Nun eben diese Zeitempfindung
ist es, welche unserem Theoretiker keine Kühe läfst. Ist die-
selbe ja doch nichts anderes als die von Mach nur allzu deut-
lieh empfundene Lücke, welche in seiner Theorie die allgemeine
Zeitanschauung zurückgelassen hat. Wir haben ja gesehen, wie
die Zeitempfindung überall auftaucht, aber wie in einem Wirbel
nmgetrieben fortwährend wieder verschwindet und eben noch
zuletzt mit dem Zeitmafs der Uhr oder Erde in eins zu-
sammenäiefst. Das besonders Eigentümliche der Zei tausch anung,
dafs dieselbe nämlich (B, 103) jede Empfindung begleitet,
konnte Mach von Anfang nicht verborgen bleiben. Da sich
indes unser Psycholog, ganz gegen sein sonstiges Verhalten,
bei seiner Zeitbetrachtung auf ein isoliertes Psychologisches
zurückzog und die Umgebung ganz beiseite liegen liefs, so
schrumpfte ihm nun die Zeilanschaaung auf die „Zeitempfindung"
zusammen. Und dafs jene Zeitempfindung unseren Denker in eine
sehr kiVzliche Stimmnng versetzen mufste, ist nur zu natürlich.
Man denke sich eine Empfindung , die in alle anderen
Empfindungen eingeht und daher, wie Mach (B. 103) selbst
besonders bemerkt, nur aus ihren Variationen erkannt werden
kann und der Untersuchung sehr grotse Schwierigkeiten bereitet,
Dun aber doch wieder als spezifische Empfindung etwas
Handfestes und Greifbares bedeutet 1 Wie sich Mach mit den
Variationen (physiologische Theorie der Aufmerksamkeit) seiner
Zeitempfindung abquälte, haben wir gesehen. Und wie sieh
t
- 148 —
achiierBlich die innere Zeitempfindang in dae Gehirn
unseres Forschers bineinbobrt, werden wir sehen, wenn wir nun
noch zeigen, wie Mach, um sich der GreiCbarkeit seiner
Zeitempfindung zu versichern, eine recht materielle Unterlage
für dieselbe sucht. Um sich eine derartige Unterlage zn -ver-
schaffen, bedient sich Mach (B. 109), wie er sieb aasdrückt,
einer „nabeliegenden und natürlichen, wenn auch noch unvoU-
kommenen Vorstellung" und slellt nun gestützt hierauf folgende
Hypothese, wenn auch nur in Frageform, auf. Wie wäre
es, stellt der Forseber an uns die Zumutung, wenn die mit der
Zeitemphndung verbnndene physiologische Energie den die
arbeitenden Hirnteile näbrenden Blutslrom unterhalten nnd
regulieren würde? Nun, gerade sehr naheliegend finden wir
eine solche Vorstellung nicht. Und da es die „ZeitempÜDdung"
ist, welche zu jener Vorstellung geführt hat, so finden wir die
Hypothese auch nicht einmal natUrlicb. Ist ja doch der regu-
lierende Gehirn- Bluts trom nur das phantastisch vergröfserte
Gegenbild der imaginären Zeitempfindung! Und allerdings
scheint denn auch Malh jenen Zeitempfindungs- Blutstrom nur
erfunden zu haben, um, wie er wörtlich sagt, zu verstehen,
dafs es nur eine zusammenhängende Zeit giebt. Die
speziSsche sogenannte Zeitempfindung allerdings macht die eine
zusammenhängende Zei tan schaumig nicht verständlich. Und da
sich Mäch durch seine physiologische Theorie der Aufmerksam-
keit und Zeitempfindungs Variationen wohl selbst sehr unbefriedigt
fühlte, so tauchte er zuletzt seine freilieb sehr wenig zusammen-
hängende Zeitempfindung iu einen üebirn-Blutstrora , der ja
schon als solcher den nötigen Zusammenhang hat und also auch
wobl imstaude ist, die punktartige Zeitempfindung zur einen
zusammenhängenden Zeit zu machen.
Nun hat uns unsere Zeitbetracbtung und -Kritik ein
Doppeltes gelehrt. Wir haben gesehen, wie eine einseitige Ab-
straktion sehr leicht und wie in einem Zng dazu führt, sowohl
1. die Tbatsacben aufzuzehren als 2. rein willkürliche und
konstruktive Hypothesen aufzustellen. Und dies führt uns nun
endlich zum letzten und entscheidenden Schritt. Wir haben
nämlich noch zu zeigen, dafs alle Hypothesen, die nicht von
vornherein schon Anschauung sind, prinzipiell denselben
willkürlichen und unfruchtbaren Ursprang haben, wie dies von
der noch zuletzt betrachteten physiologischen Hypothese der
Zeitempfindang zutrifft. Und um dies recht deutlich einzusehen,
thnn wir am besten, wenn wir die von Mach modifizierte und
vervollständigte HELMHOLizsche physiologische Hypothese der
— 149 ~
Tonempfindungea nun, nachdem wir die Einheit und Zuaammen-
gehörigkeit von Abstraktion and Anschauung, von analytischer
Zerlegung und synthetischer Ungeteiltheit hinlänglich kennen
gelernt haben, neuerdings und ein wenig genauer betrachten.
Angenommen, der Bau des Ohrea (V. 19, 20) sei derart be-
schaffen, wie auf Grund einiger Autoritäten allgemein voraus-
gesetzt wird, so läfBt sich wohl nun doch jede Hypothese, die
auf jenem physiologischen Befund als Unterlage weiterbaut, nur
als rein will karliches Einschiebsel mit Leichtigkeit darthnn.
Bekanntlich hat Helmholtz die Tonstufen unmittelbar mit
jenen Nerven-Endignngen verknüpft, in welche er gewisse,
klaviersaitenartig angeordnete Fasern von ungleicher Elastizität,
wie in aknstisch erregbare Spitzen ausmünden liefs, so dafs
dadurch jeder Tonstufe eine nervöse Faser entsprach. So nahe
nun, wenn man die Stufenfolge der Töne mit der stufenartigen
Anordnung gewisser Fasern zusammenhält, jene Voratellnng liegt,
so klafft doch zwischen einer solchen Voraussetzung und der
oöenharen Wirklichkeit eine weite Lücke. Denn jene Hypothese
ist ein viel zn rohes Schema und liegt nicht nnr von der
Wahrheit sehr weit ab , sondern wird auch nie eine Brtlcke
dorthin schlagen. Die Abhängigkeit des Psychischen von den
nervösen Zentral Organen ist ja natürlich durch Bau und An-
ordnung jener Organe und Bestandteile keineswegs erschöpft.
Zu den Organen gehören ja notwendig gewisse Vorgänge. Und
zwar Vorgänge, welche nur durch das Zusammenwirken sämt-
licher Organe nnseres Körpers denkbar sind. Und diese (im
einzelnen unbekannten) Vorgänge nun sind es gerade, in
welchen die psycbophysische Abhängigkeit direkt
beschlossen liegt. Und nnr eine Folge dieser Einsicht
war es denn auch , was Mach veranlafste , das Helm-
HOLTzsche Schema abzuändern und sich nicht mehr mit einem
starren Mechanismns zu begnügen , sondern es mit einer etwas
dehnbareren organischen Einrichtung zu versuchen. Demgemäfs
lafst Mach zwar die Form der nervösen Endorgane bestehen,
aber die einzelnen, jenen Endorganen entsprechenden spezifischen
Energien reduziert er auf zwei, den höheren uud tieferen
(„dumpfen und hellen") Tönen zugeordnete Erregbarkeiten. Dem-
gemäfs entspricht nun nach dieser Vorstellung eine bestimmte
Schal lerapfln düng der Schwingungszahl des Reizes, an welchem
Glied der Fasern der Beiz auch immer angreifen mag. Denn die
Endorgane sind nun eben biegsam und ftlr alle Reize mehr
oder weniger empfänglich geworden, so dafs im einzelnen
Falle die stärkere Erregbarkeit die geringere übertönt und die
i
- 150 -
Bbgestafte Tonreibe demuach nicht mehr als Folge eines festen
Taste nap parates, sondern als solche eines DurchflierseDs und eines
Überströmens erscheint. Aber weshalb wählte Mach nun ge-
rade awei speziöscbe Energien? Sollte hierför die allgemeine
Einteilung der Töne in dumpfe und helle (hohe und tiefe)
einen genügenden Grund bieten? Wir glauben dies nicht.
Denn obwohl jene Einteilang der Töne allerdings zutrifft, so
dient dieselbe in nnserera besonderen Falle ja doch nnr dazu,
die Zahl der spezifischen F.nergien festzustellen. Aber wie
sollte sie hierzu fähig sein? Da die hohen und tiefen Töne
kontinuierlich ineinander fliefseu, so ist nicht abzusehen, inwie-
fern man aus einer allgemeinen und unb^renzten Klang Verwandt-
schaft die Anzahl der Energien ableiten könnte. Und weshalb,
da ja die Organe im Sinne der Voraussetzung eine sehr bi^
same Beschaffenheit besitzen, soll man nicht noch einen Schritt
mehr machen und von allen spezifischen Energien überhaupt ab-
sehen? Denn ebensogut als spezifische Energien denkbar sind,
ebensowohl ist es ja auch möglich, von allen besonderen Energien
Überhaupt abzusehen und nur eine einzige, allen Tonstufen gleich-
mäfsig anpassungs^hige Erregbarkeit anzunehmen. Und wenn
man sich andererseits einmal zur Annahme spezifischer Energien
entschliefst , weshalb gerade nur zwei und nicht drei oder vier
voraussetzen? Indes, so könnte man, und vermutlich ganz im
Sinne Machs erwidern , diese verschiedenen Möglichkeiten be-
treffen nur eine Kebenfrage. Und alleinige Hauptsache ist nur
fiberbaupl einmal der Versuch, eine bestimmtere Vorstellong
von jener allgemeinen p^y^^bophysiscben Abhängigkeit zu ge-
winnen. Nun, wie bestimmt jene hypothetischen Vorstellungs-
arten wären, werden wir alsbald sehen. Es giebt nämlich
zweierlei Weisen , wie man den bisherigen Vorsteilnnga- und
Erkenn tuisbesitz zu erweitern strebt. Man fühlt sich entweder
von selbst weiter gelrieben und bleibt der sinnlichen Anschaaang
immer sehr (unendlich) nahe. Oder aber man befindet sieh an
einem Punkt wie eine Raupe, wenn dieselbe mit dem Kopf in
der Luft herumtastet, und versucht nun in einer solchen Lage,
auf eine gewaltsame Weise, es möge biegen oder brechen, den
die Anschauung begrenzenden Abgrund zu Überspringen.
Jene bahnbrechenden Erweiterungen, welche die Natur-
wissenschaften im Laufe des 16. nnd 17. Jahrhunderts auf die
Höhe und zum Lichte führten, entfalteten sich alle so nahe und
in fortwährendem Kontakte mit der sinnlichen Anschauung,
und ihre Verifikation erfolgte so rasch und in so schlagender
Art, dafs dieselben, obwohl ursprünglich hypothetischer Art,
— 151 —
von der physiologischen Hypothese der Tonern pfin dangen wie
dorch einen onendticben Abstand gesuhieden sind. Denn nicht
allein, dafs die Mach- Helmhol iz-HypoUiese der Verifikation
um keinen Schritt näher gerückt ist, hnben wir Überhaupt nicht
den mindesten Grund, jemals eine Verifikation zn erwarten, ob-
wohl gerade die Hypothese in der Absicht erdacht ist , uns
nene Wege zu zeigen und nns eine Erweiterung der Anschauung
in Aussicht stellt. Und wenn es auch nicht geradezu ausj^e-
schlossen bleibt , dafs etwas Ähnliches , was die Hypothese be-
hauptet, vielleicht dereinst aufgefunden werden könnte, so häite
doch die Hypothese zum scbliefslichen Ergebnis nicht das Oe-
ringste beigetragen, und es wäre daher der reinste Zufall, wenn
steh ein derartiges Znsammentreffen jemals ereignen sollte. Aber,
wird man hier wobi einwerfen, was berechtigt dich denn zu
einer solchen Voraussage? Nnn , wir haben unsere allgemeine
Zeitbetrach tnng nicht nmsonst angestellt. In jener Betrachtung
haben wir gefunden , dafs die allgemeine Zeitanschauung keine
weitgehende Analyse verträgt und fortwährend mehr ungeteilte
Anschauung bleibt, als dafs dieselbe sich in eine Äbstraktions-
reihe auflösen liefse. Und ganz ähnlich nun wie dort mit der
Zeil an Behauung verhält es sich hier mit der psychophysi-
schen Abhängigkeit. Wir bleiben nur solange Oberhaupt
ein psychophysisches und also auch im selben Sinne ab -
hängiges Individuum, solange wir ein (psycbopbysisch) un-
geteiltes menschliches Individuum sind. Je eingehender man
uns psychophysisch analysiert, um so mehr gerade nähern wir uns
dem Leichnam, und um so mehr hört hiermit freilich auch die
psychophysische Abhängigkeit auf. Die betreffende Analyse
endigt entweder mit einigen TrUmm erstticken, die man in Spiritus
aufbewahrt, oder dieselbe erschöpft sich rasch an jenen halben
Leichnamen, welche die vivisek torisch verstümmelten Tiere oder
auch die pathologisch geknickten menschlichen Individuen dar-
stellen. Die psychophysische Abhängigkeit hat also allerdings
weniger eine speziell wissenschaftliche und ins-
besondere keine hypothetisch-methodologische Be-
deutung. Wohl aber ist dieselbe eine sehr wichtige Thatsache
von allgemein orientierendem Charakter. Denn wir
sollen durch sie sowohl bleibend vor aller Metaphysik bewahrt
als davon abgehalten werden, uns in unfruchtbare Hypothesen
zD stürzen. Wie ersteres geschieht, habe ich schon früher
(s. S. 36—40) gezeigt und in aller Kürze ansein andergesetzt, wie
wir jene psychophysische Abhängigkeit zu denken hätten, um
k
uywohl die Einbeit und unzertrennliche ZuEamtnengehörigkeit
als zugleich auch die scbarfe Unterscheidung des Physischen
und PsfcbiGCbeti festzuhalten. Und was die konstruktiven
Hypothesen betrifft, so haben wir nun soeben gesehen, dafs die
psychophysische Abhängigkeit in ihrer notwendigen Un-
geteiltheit nur eine so kleine Analyse verträgt, dafs wir ans von
der Anschauung nie so weit entfernen können, als dafs wir
noch ftlr die kleinste Hypothese Raum hätten. Sobald wir eben
im Sinne des hypothetischen konstruktiven Verfahrens eine
psychische und eine physische Reihe unterscheiden, um durch
eine gegenseitige Zuordnung derselben so tief als möglieh in
den psych opbysischen Zusammenhang einzudringen, dann haben
wir uns gerade nnr über alle AnscbanuBg nud Erfahrung hin-
we^Bsetzt, Denn jene Zuordnungsreiben kommen schlechter-
dings nicht nur in keiner Erfahrung vor, sondern sie heben
dieselbe als unzertrennliche Einheit (des Physischen und
Psychischen) überhaupt auf. Wenn man daher eine Unter-
scheidung des Physischen und Psychischen vollzieht, so kann
dies nur geschehen, um die allgemeine Bedeutung der
zugehörigen Abhängigkeit festzustellen, aber niemals im Sinne
eines durchgeführten und selbstiiiidigen analytischen Verfahrens,
Vielmehr folgt ans der psychophysiscben Ungeteiltheit, dafs wir,
wie überall so insbesondere gerade auch in der wissenschaft-
lichen Psychologie, die Analyse nur dann fruchtbar machen,
wenn dieselbe aus der Anschauung wie von seihst hervorspringt.
Und dies kann geschehen, ob wir nun im einzelnen Falle den
Menschen mehr gesellschaftlich und geschichtlich betrachten,
oder ob wir denselben in der Experimentierkammer beobachten.
Und endlich geschieht dasselbe nicht minder dann, wenn wir
im Kabinett des vergleichenden Anatomen oder Pathologen
gewisse organische Überreste als gleichsam psychologische Ver-
sleinerungen interpretieren. Und wie unsere Darstellung gezeigt
hat, versteht sich gerade Mach in hervorragender Weise auf die
angedeutete, der Anschauung entspringende Analyse, Ja, sogar
mitten in seiner abstrakten Tonhypothese (B. 137) macht er die
Bemerkung, dafs man sich die physiologischen Elemente nicht
in unveränderlicher, bestimmter Anzahl, vielmehr als von der
Übung (tmd jeweiligen Geübtheit) und sogar (von der augen-
blicklichen) Aufmerksamkeit abhängig zu denken hätte. Besagt
nun aber diese Bemerkung nicht ganz dasselbe wie die von uns
hervorgehobene psychophysische Ungeteiltbeit ? Und wie sollten
denn die von Mach uuch sonst überall herangezogene
biologische Betrachtungsweise und jene konstruktive physio-
— 153 —
logische Hypothese zusammen besiehen können? Konstraieren
kacn ich nur eine stehende mechanische Einrichtung mit festen
nnd {annähernd! unveränderlichen Konstanten. Hierzu im
Gegensatz ist indes das Biologische nnd in fortwährender Ent-
■fficklnng und Wandlung Befindliche eia Medium, welches alle
Kunstbauten verschlingt, da es nur wie im Flug und aus einer
Gesamtanschauung heraus erhascht sein wiU.
Mach, obwohl er das Einseitige und Beschränkte der rein
phj'sikaliscben und mechanischen Betrachtungsweise durchschaute,
ist ehen doch von dieser seiner ursprünglichen nnd durch seine
wissenschaftliche Erziehung und Beschäftigung in ihm befestigten
Denkweise viel mehr durchdrungen, als er selbst ahnt. Hat er
doch gerade die Hebel der mechanischen Schematik angesetzt,
nin das psychophysische Verfahren der Abhängigkeitshypothese
als eine Bahn psychologischer Forschung zu beschreiten. Senn
worin anders gerade besteht das spezifisch mechanische Ver-
fahren als in jenem selbständigen Vorgehen der Analyse,
welche die grofsen Konstanten der Bewegung ans dem konti-
nuirlichen Flurs derselben ao herauslöst wie der Mathematiker,
wenn er der inkommcnsnrabeln EreisSäche die in einer be-
liebig angenäherten Weise vollkommen konstant gemachte Zahl
jt entnimmt. Und auf gann derselben Voraussetzung einer reinen
Konstantenbetrachtung beruht nun , wie wir gesehen haben, das
konstruktive Verfahren der physiologischen Tonhypothese. So
konnte es - daher nicht ausbleiben , dals auch ein so natur-
vertrauter und von den Einflüssen der Schale im allgemeineu
ao unabhängiger Forscher wie Ernst Mach doch vor Rückfällen
in die Scholastik nicht ganz gesichert war. Denn eine Analyse,
die wie im Beispiel der Tonhypothese — von der „Zeit-
empfindnng" ganz zu schweigen ■ — sich von der Anschaunng so
weit entfernt, dafs die Begrifie zu Schemen oder Schatten und
entwurzelten Uesten zusammenschrumpfen, bleibt eben Scholastik,
was immer die besondere Gestalt uad Zusammenhang sein mag,
worin dieselbe erscheint. Die spezifischen Energien und
physiologischen Elemente, die erst noch entdeckt werden müssen,
sind doch gewifs nichts anderes als nur schwache Kachbilder
schon bekannter Organe und wahrlich gerade so wenig geeignet,
uns weiterzubringen, als zerfiiefsende Nebel- und Schatten-
bilder ein I<'ahrzeng sind. Diesen blofsen Nacbbildcbarakter
nnd dämmerliaften Reflexlichtschein einer ansehauungslosen
Analyse erkennt man besonders deutlich, wenn wir noch in aller
Kürze Machs physiolugisehe Licht- und Farbeuhypotbese be-
trachten. Unser Forscher hat (B. 33, 33) die betreffende und
►
— 154 —
ebenfalls von Hering in modifizierter Form aufgestellte fiypo-
thcBe zwar imr nebenbei , aber in einer für unsere Betrachtung
genügenden Weise aßgedeolet. Danach sollen so viele cbemisuhe
Farben Prozesse existieren , als es Uaapt-Farben giebt.
Nämlich einen Schwarz-, Weirs-, Rot-, Gelb-, Grön- und Blan-
prozefs. Nuo möchten jene Prozesse immerhin exisiieren ! Aber
was hilft ans ein Anheften unbekanoter Prozesse an die Farben-
Phänomene! Werden dieselben dadurch vielleicht leichter ent-
deckt vferdenV Mit ganz demselben Hecht könnte man daun
auch hinter jedem Blitz und Donner eine spezifische Blitz-
Donner*Wolke konstruieren und entsprechende Entdeckungen in
Aussicht stellen. Ich will daher weiter das Willkürliche der
6 Hauptfarben nicht hervorheben und anch darüber hinwegsehen,
dafs der Schwarz- Weifs-Prozefs, im Gegensatz zu den übrigen
Ko mplementärproz essen , unserem Theoretiker, vielleicht weil
das Schwarz, obwohl psychologisch unzweifelhaft eine Farbe wie
die Übrigen, doch nur ein reines Kontrastphänomen ist, besondere
Schwierigkeiten bereitet.
Wie weit also sind wir noch von der Einsicht entfernt,
dafs alles Wissen und alle Erkenntnis nur in unserer sinnlichen
Anschauung seine Wurzel hat ! Zwar jedermann ist ohne weiteres
bereit, diesen Satz einznräumen. Und dennoch sehen wir, dais
auch selbst ein Mann wie Mach, der uns gerade jenen Satz so
oft einschärft, keinen Anstand nimmt, blofse, im Unbestimmten
verschwebende Allgemeinheiten zu Hypothesen zu befestigen und
hierauf den Glauben an eine künftige Erweilemng der Erfahrung
zu gründen ! Die reine Spekulation kümmerte sich um die Er-
fahrung nur in weUschöpferiscber oder doch wel tum schaffender
Absicht, und behauptete, das reine Denken wäre imstande,
duB wahre Wissen von sich aus zu erzeugen. Von solchen An-
sichten ist nun Mach natlirlirh sehr weit entfernt. Aber dais
er dem reinen, blofse Schattenbilder zusammenfassenden Denken
die .Aufgabe zuweist, unsere Erfahrung zu erweitern, beweist,
dafs Mach sich in dem Widerspruch befindet, zwar überall auf
Erfahrung und Anschauung auszagelieni aber an denjenigen
Funkten, wo die sinnliche Welt nicht mehr ofi'en steht, das
freie Denken von sich aus zum Bahnbrecher der Erkenntnis za
machen. Und jener Widerspruch ist leider nur allzu natürlich.
Denn schwerlich ist ein Philosoph ausfindig zu machen , der
von einem ähnlichen Widerspruch frei wäre. In die grenzen-
losen und unklaren Aspirationen einer schönern Zukuuft des
Wissens mischt sich eben unvermerkt, infolge tausendjähriger
Einwirkung der Schulweisheit, der erbsündlich befestigte Wahn,
~ 155 ~
es köDnte nicht anders seio, es mitfate, wenn das Schauen fehlt,
das Denken wenigstens einen Anfang zu machen im stände sein
und uns, wie dem Neugierigen, der auf Zehenspitzen über die
verbotene Mauer ^uckt, doch einen Schimmer und vorläufige
allgemeine Ansicht eröffnen ! Und allerdings, wenn das Denken
Dttr anschaulich genug ist, so wird dasselbe ja gewifs oft
genug der unmittelbaren Erfahrung mit Erfolg voranseileu.
Aber eben, weil zwischen jener sinnlichen Unmittelbarkeit und
dem freien Denken der Abstand in einer sehr (unendlich) dehn-
baren Weite genommen werden kann, so geschieht es nun sehr
leicht, dals, wie gerade im Falle der konstruktiven Hypothesen
dem Denken eine Aufgabe zugemutet wird, wie dieselbe wobl
der spekulative Philosoph, aber keineswegs der Naturforscher
und Psycholog sich vorsetzen darf. Und wie seine „antimeta-
physischen Bemerkungen" (B. 21) beweisen, wu&te Mach sehr
wohl, dafs auch eine so strenge Wissenschaft nie die Physik
von der Spekulation immer noch stark beeinfiufst wäre. Aber
noch viel tiefer als insbesondere der Einflufs der metaphysischen
Spekulation reicht überhaupt die speziüsche Einseitigkeit des
Theoretikers, welcher infolge seiner vorherrschenden begrifilichen
Beschäftigung endlich dahin gelangt, die Anschauung, wie dies
Mach in seiner Zeilanalyse gethan hat, ganz und gar za
ignorieren ond dieselbe durch eine innere imaginäre Empfindung
zu ersetzen. Freilich entspringen zuletzt Metaphysik und theo-
retisch begriffliche Einseitigkeit insofern derselben Quelle, als
beiden die Neignng innewohnt, die Anschanung anfzuzeliren und
mit leeren Phantomen zu operieren. Und wirklich scheint denn
anch die von Mach so bezeichnete innere Zeitempfinduug einen
metaphysischen Ursprung zu besitzen. Denn au der angedeuteten
Stelle seiner antimetaphysischen Bemerkungen erzählt Verfasser
ans seiner jugendlichen Entwicklungsperiode : er hätte schon
mit 15 Jahren Kants Prolegomena gelesen und von jener
Schrift einen so unauslöschlichen Eindruck erhalten,
dafs ihm unversehens einmal an einem schönen Sommermorgen
im Freien die Welt samt seinem Ich als eine zusammen-
hängende Masse von Empfindungen, nur im Ich
stärker zusammenhängend, erschienen wäre. Hier war nun
offenbar die Umgebung ganz in das Ich versunken und dataer
eigentlich verschwunden. Jene zusammenhängende
Masse von Empfindungen ist ja gewifs nur der Eefles
einer frei schwebenden und den halben Himmel bedeckenden
Wolkenfee. Und weil der Anblick des himmlischen Kindes den
Jüngling in einem so entscheidenden Augenblick traf, so war
4
dieser Eindruck nun allerdings so nnvergerslich , dafs derselbe
sich auch oocb in die Suhriften des reifen Mannes hineir fort-
eetzte. Der steife kantiecbe traDszendental-ideaÜH tische Klapper-
Apparat freilich verbrannte und verglühte an jenem feenhaften
Sommermorgen. Al>er eine empfindungsideülistische
Strömnng, wenn anch oft znni kanm bemerklichen Uanch ab-
geschwächt, nrafliefst uns in der That überall in Machs „Ana-
lyse der Empfindungen". Dieser Zusammenhang der meta-
physischen BeeinHuEsnng mit der allgemeinen theoretischen Ein-
seitigkeit überhaupt wird udb später besonders beschilftigen,
Inzwischen möchte ich hier nur bemerken, wie offenbar die an-
gedeutete Strömung die Ursache war, weswegen Mach in jenem
speziellen Falle der Zeitanalyse die Anschauung ganz in die
imaginäre Region der inneren Empöndnng hinüberzog. Und nur
eine Fortsetzung desselben Einflusses war es, wenn der Psycholog
sich so leicht geneigt zeigte, entweder den psychophysischen
Parallelismns zur konstruktiven Hypothese umzubiegen oder
dann das Psychologische, wie eben ganz besonders im Falle der
Zeitaualyse, als Inneres von der Umgebung abzulösen. Und
doch genftgen wir ja jenem psychophysischen Parallelprinzip,
sobald wir nur äberhaupt Umgebung und Anschauung nicht ver-
gessen. Und jene beiden nicht zu vergessen ist uns doch jeder-
zeit möglich. Denn es ist hierbei ja keineswegs gesagt, dals
wir unseren eigenen Körper immer in derselben Weise wie die
flbrige Umgebung beobachten mülsten. Und Mach selbst hat
in allen jenen Beispielen, die wir, um seinen starken Ansehanungs-
charakter zu markieren , zuerst geschildert haben , sowohl die
imaginäre innere Empfindung als die konstruktiven Hypothesen
zur Seite gelassen. Im ganzen aber waren die geschilderten
fremdartigen Einflösse eben doch so stark, dafs es uns nicht
wundert, wenn im Znsammenhange hiermit die einseitig
mechanistische und räum anal ogi sehe Bei rächt ungswei es aberall
durchdringt nnd nuu die Welt viel zu sehr im Lichte einer
stehenden, metaphysisch -mechanischen Einrichtung statt eines
vorüberfliefaenden Schauspieles erblickt. Und hiervon nun, wie
bei Mach die ursprüngliche Anschauung und die überkommenen
Begriffe zusammen in feindliche Gärung geraten und kein
ganz ausgegorenes Produkt zurücklassen, möchten wir noch
einige Rechenschaft geben.
Am schönsten und reinsten leuchtet die kräftige, durch
keine spekulative Schatten getrübte Anschauung in Machs Auf-
satz über „Umbildung nnd Anpassung im naturwissenschaftlichen
Denken", Jene wenigen, einer Rektoratsrede entsprungenen
- 157 —
Blätter ziehen uns immer wiedei' aufs neue an nnd zeichnen
sich freilich durch eine aufserordentliche anfgeepeicherte Spann-
kraft der Anregung aus. Obwohl uns die kleine Skizze nur
einige Bilder und Beispiele aus den KaturwissünEchaften vor-
führt, so fühlen wir uns doch in den Mittelpunkt und in die
biologische Einheit des gesamten menauhlichen Verhaltens ver-
setzt. Wir sehen, wie in dem Kontakte des Menschen mit der
Umgebung das rein ansehäulich gestimmte und an jene Um-
gebung plastisch anpassungsfähige Individuum dem Zug der Ent-
wicklung folgt. Und oh wir nun eine kleine und unbedeutende
Erscheinung , wie etwa die Farbe einer Blume in einer neuen
und besonders günstigen Beleuchtung sehen; ob ein Forscher
eine halb vorliegende Thatsaciie, wie einige Trümmer eines be-
stimmten Skelets oder eine unvollständige Kacbricht In Gedanken
ergänzt; ob endlich plötzlich eines schönen Tages die Galilei
und Darwin — und diese Beispiele hat Mach besonders hervor-
gehoben — einen neuen Kultortag eröffnen: es ist alles gleich,
in allen angedeuteten Fällen ist es die Frische und der beweg-
liche Zug der Gedanken und die schöne Morgenstim mung des
Wanderers, welche mitten in der alten Umgehung neue Ent-
deckungen machen nnd durch diesen Jugend - Schimmer eine
kleinere oder gröfsere Welt erleuchten. Dieser fortwährend be-
wegliche, der Umgebung nur wenig voranseilende und immer
wieder nach dorthin znrUckkehrende nnd sich mit ihr ver-
mählende Strom im glühenden Menschenhirn umschlingt wie
ein in sich zurüekfliersendes Medium die aufsteigende nnd
hoffnungs freudig Menschheit. Aber neben dieser biologischen,
der Umgebung zugekehrten Einheit des menschlichen Verhaltens,
nekhe Denken. Forschen, Schauen, Gestalten und Handeln
araschliefst , möchte Maoh, wie wir ja schon wissen,
noch überdies eine gewisse Einheit der Methodik und
Begriffszergliederong gleichmäfsig auf alle Forschung ausdehnen.
Die Begriffe des Naturforschers nun vergleicht Mach (V. 267)
mit den Notenzeichen des Musikers. Und schon allein diese
Andeutung genügt, nm einzusehen, dafs unser Forscher hierbei
an die abstrakte Denkarbeit des Physikers und Mathematikers
denkt, welcher gewisse Zeichen oder Symbole zu Stützpunkten
und Impulsen einer bald konstruktiven, bald analysierenden
Thätigkeit benutzt. Diese die Zahlgröfsen und das Raum-
k(Kitinaum umfassenden Begriffe können sich in der Analyse
verhältuismäfsig sehr weit sowohl vom unmittelbaren Individual-
Charakter, welcher zur Zahlgröfse den natürlichen Anlafs bietet,
als von den sinnlichen Raumgestalten der Umgebung entfernen.
L
Aber weil das Medinm der angedeuteleu Begriffe ein voll-
kommen gleichartiges und überall gegenwärtißes ist, bewegen wir
nns eben doch stets anf bekannter Bahn. Diese starren Bilder
der mathematisch-physikalischen Begriffe ist nun Mach geneigt
aach aaf anderweitige, mit denselben unverträgliche Gebiet« zu
ebertragen. So entwirft er (V. 272—273} ein freilich Dur
nebenbei hingeworfenes, aber dnrchans mit dem Zug der
Forsch erhoSiiung gezeichnetes Zukunftsbild nnd sieht schon in
imbestimmter Ferne einen Mathematiker vom Himmel steigen,
der die paläontologiscben Übergangs- und ächaltformen in einer
so kontin nierlichen Reihe vor uns aufstellt, dafs wir den Saurier
der Vorwelt und den Vogel der Gegenwart wie einon Kegel-
schnitt in den anderen übergeführt und umgewandelt sehen.
Soll diese Verwandluiigsbypothese etwas anderes als nur dn
mit einem Stimmung erregenden Znknnfts- Halbdunkel umflossenes
NebeJbitd bedeuten, so mtlseeu wir den konstruktiven, mit
Kegelschnitten analogisierenden Bestandteil desselben von einem
einfachen Auffinden gewisser zwischenliegender, verschollener
Tierformen oder Geschlechter wohl auseinanderhalten. Dafs
derartige, die ganze grofse Lücke zwischen den beiden End-
gliedern (Vogel nnd Saurier) ausfüllende Schaltformen dereinst
vielleicht aufgefunden werden könnten, ist eine, obzwar freilich
sehr vage und luftige Denkbar keit (Möglichkeit). Aber non
die Vogel-Saurier-Formel! Lassen wir den betreffenden Mathe-
matiker lieber bei den Engeln im Himmel, welche seine Zeichen-
sprache vielleicht verstehen. "Wir Erdenkinder denken anders,
weil wir entsprechend anders organisiert sind. Alle organischen
Wesen sind ein erstes Mal entstanden und werden zn einer ge-
wissen Zeit untergehen. Für solche und alle anderen, hiermit
dnrchans analogen und wesens verwandten biologischen und ge-
schichtlichen Entwicklungsübergänge überhaupt giebt es keine
Formeln and kann es keine geben, so gewifs als Entstehen,
Werden und Vergehen etwas anderes bedeuten als eine fort
nnd fort sich wiederholende Konstanz und vollkommen gleich-
artige Konstantenreihe , welche allein das geeignete Forroel-
madium darstellt. Ein solches, mitten in die organische Welt
eingeschobenes Begriffsformelwesen versetzt uns ja fast in die
platonische Ideenlehre ! Aber um so interessanter gerade ist
deswegen unser Beispiel. Dasselbe zeigt auf das schönste, wie
eine bloCse mit Vorliebe zur Analyse geneigte Denkrichtnng,
mag dieselbe im übrigen noch so tief in der Erfahrung wnrzeln,
dennoch, wie ich sagen möchte, nicht einen Augenblick davor
sicher ist, dafs ihr gewisse Abstraktionsprodukte nicht als eine
— 159 —
fremde zweite Welt an einzelnen Punkten in die Erfahrung
hinein wachBen, Und von jenen die Tonreihen und Tongestalten
mit dem Raum und der Symmetrie in streng begrifflichem binne
analogisierenden Scheinatismeti finden sich nan auch einige
(B. 123—125, V. 122—123) bei Mach. Weil wir beim An-
hören einea Zusammenklanges, je nachdem wir diesen oder jenen
Ton mehr oder weniger fixieren, einen anderen Eindruck erhalten,
stellt Mäch einen solchen Vorgang sofort in eine Linie mit dem
ränmlicben Fixieren, Und schon der blol'se Zufall, dafa wir
zwar von hohen und tiefen Tönen, aber nicht von rechten nnd
linken sprechen, genUgt ihm, aul'ser von einem Tonraum im
allgemeinen, eogar im besonderen von einem asymmetrischen der-
artigen geheimnisvollen Kaum zu sprechen. Dennoch aber
scheint es mir offenbar, dai's die räumlichen Schallanalogien, weil
die an sich selbst vollkommen raumlosen Töne nur als unzer-
trennliche Begleiter von Schal Ikörpern und Seh all rieh tun gen
vorgefunden werden, nar sich von selbst einstellende plastische
Züge und Wendungen der Sprache sind. Wir könnten deshalb
natürlich ebensogut von rechten und linken als von hohen und
tiefen Tönen reden. Und wenn wir gerade nur das letztere
bevorzugen, so liegt dies vermntlich nur daran, dafs die Sprache
nicht ein künstliches Instrument mit einer rechten und linken
Seite, sondern nnser natürliches Stimmorgan, dessen tiefere Töne
der Brust, dessen höhere dem Kopf zu entströmen scheinen, als
Anhaltspunkt und Bezeichnung benützte. Ein zur Analyse ge-
neigtes schematisierendes Denken unterliegt indes gar zu leicht
dem Einffufs der Sprache, und was nur eine bequeme formel-
hafte Redensart ist, betrachtet jenes Denken wie eine Sache.
Kommt noch der versteinernde nnd , wenn auch ans noch so
weiter Fei'ne herwehende Hauch der Metaphysik hinzu, dann
begreifen wir nun auch, wie Mach weiterhin die reine Thatsache
der Ähnlichkeit und Verwandtschaft von Tongebilden zu einer
spezifischen Vorstellung von eigentäm lieber Qualität,
eben gleichsam zu einer Art Abnlichkeitsgestalt an sich,
ganz in der Weise der spekulativen Philosophen , verhärtet.
Weil wir auch bei veraebiedenen Tönen doch oft dieselbe
Melodie oder bei derselben Melodie einen verschiedenen Rhyth-
mus haben, so schlierst Mach hieraus alsbald auf ein spezifisches
rhythmisches oder melodisches Moment, und dies ganz im
selben Sinne, wie er von einer spezifischen Zeitemptindung oder
Zeitgestalt spiicbt. Diese Analogie seiner sogen annteti Zeil-
empfindung mit der melodisch - rhythmischen Tongeetalt hebt
Mach (V. 122) besonders hervor und knüpft daran die all-
— 160 —
gemeine Bemerkang, dafa in allen Formen und Abstraktionfls:
in Raam, Zeit, Rhythmns, Melodie, Tonhöbe, Intensität — —
in aoalogiBchera äinne eine Gpezilische Ähnlichkeitsvorstellang
angetroffen werden mafste, wie im besonderen die Raomgestalt
in der Gleichartigkeit der Mnakelgefühle ~~ im
Falle, dsJs wir zwei verschied en t'arb i ge Raamüguren als gleich
(ähnlich) erkenaen — eine entsprechende Ahnlichkeitseinpfiiidnng
zeigen soll. Kun, davon abgesehen, daTs ich bei mir selbst nicht das
mindeste von einer solchen muskulären Ähnlichkeitsemp&ndong
verachiedener Ra umgestalten entdecke, mlirste ja natürlich aach
im Falle ihres Vorhandenseins die Ähnlichkeil oder Gleichheit
zwischen den betrefl'endeu Muske lern pfin düngen selbst abermals
entdeckt werden. Und so ergäbe sich eine Ähnlichkeit der
Ähnlichkeit der Ähnlichkeit — und so fort ohne Ende. Wie
eben die als Ganzes über einem Ganzen schwebende Ähnlich-
keit nichts Greifbares und keine spezifische (einfache) Empfindung
iet, so ist dieselbe auch kein handfester Begriff und spezifische
ÄhnlicbkeitsvorBtellung ; welche Art Vorstellungen , von jener
problematischen Muskelempfindung abgesehen , wie M-*ch selbst
bemerkt erst noch — und zwar auf dem Wege der hypotbetiach-kon-
Btrnktiven Nervenoparationen — entdeckt werden müfste, In-
zwischen , solange jene Entdeckungen , die uns eines Besseren
belehren könnten, noch nicht gemacht sini), bleiben wir dabei,
dafs die Ähnlichkeit sich wohl sehr deutlich und unmittelbar an-
schauen läfst, aber ins einzelne hinein nicht weiter analysierbar
ist. Zwei Mensche ngesichter können wir alsbald als ähnlich
oder unähnlich charakterisieren. Aber wenn wir genau angeben
sollten, was alles und in welchem Betrag zu jener Charakteristik
beitrage, dann hätte man uns überfragt. Und im selben Sinne
nun hören oder phantasiarcn wir neben den elementaren Ton-
BtDfen an eh gleiche oder ähnliche Rhythmen und Melodien,
ohne besondere Äbnlichkeitsmarken oder ächematismen nur
allein dadurch, dafs wir eben rhythmisch oder melodisch hören
oder phantasieren, wie wir hohe and tiefe oder stärkere und
schwächere Töne hören und phantasiei-en.
Eben dieses dualistische Anseinanderfallen von Anschanang
und Abstraktion durchzieht als eine störende Zuthat gieicfatUlB
die im übrigen sehr hübschen Bemerkungen Machs (V. 210 — 214)
über die Symmetrie. Die Wiederholung des Gleichartigen
ist sicherlich die nalürllche Voraus aetzung der ästhetischen Sym-
metrie. Jene Wiederholung, da dieselbe, als überall aaa-
gebrei teter Bauplan der gesamten Umgebung, von selbst den
Übergang und den Anknüpfungspunkt ästhetisch gefärbter Asso-
k
- 161 —
ziationen bietet, erstreckt sich bis hinauf in die höchfiten Spitzen
eines mehr oder weuiger harmODisch gefügten Kunstwerkes and
empfängt von diesem besonnten Gipfel aus wie ein Thalgelände
ihre Gegenschattierung. Wie kann daher Machs Behauptung,
dafs die Symmetrie nur für den Verstand, nicht aber für die
Empfindung vorhanden wäre , noch bestehen ? Beweist
nicht gerade das Beispiel der Symmetrie, dafs jener gewisse Ein-
klang der Teile, welche ein Ganzes ausmachen, die elementarste
Anschauung mit einer vielleicht ferne liegenden und nur durch
Reflesionsanalogie gewonnenen eheiimäfsigen Anordnung zur
Einheit verbindet? Und hat nicht Mäch selbst (B. 119)
andererseits Konsonanz und Dissonanz im Reich der Töne als
eine Sache nun gerade nicht der Vorstellung (des Ver-
standes), sondern der Empfindung ciarakterisiert ? Ich denke,
wenn wir beiden entgegengesetzten und einander aiisschliefsenden
Behauptungen ihre abstrakt versteinerte Spitze abschlagen , so
stimmen dieselben dann sehr wohl znsammen. Und jeueii ge-
wöhnlich halb verschleierten Gesamterfabrungeu , welche als
Assoziationen überall eindringen, steht nun nichts mehr im
Wege , eine im einzelnen Falle (zufällig) mehr empdndungs-
mäfsige Ton -Konsonanz und eine ebensolche (zufällige) mehr
verstandesmäfsige Raum -Symmetrie als dieselbe, obzwar vielleicht
unendlich modißzierte Wiederholung anzuschauen. Und dies um
so mehr, wenn wir bedenken, was Mach zu seinen gegensätz-
'lichen Behauptungen veranlafste. Als derselbe die Tonkonsonanz
als Empfindung im Gegensatz zur Vorstellung charakterisierte,
that er dies, weil er zwischen der Theorie der Schwe-
buDgen und einer unmittelbar gehörten Konsonanz eine zu
grofse Lücke fühlte, welche auszufüllen eben nur die gehörte
Empfindung selbst ausreichend war. Im Falle der Raum-
symmetrie dagegen führte ihn der Gedankengang, nachdem er
das Tongebiet mit dem Raumcharakter analogisiert hatte, zu der
Behauptung, im selben Sinne, wie es einseitig wäre, wenn jemand
den Versuch machen wollte, die Welt nur in einem linearen
und unsymmetrischen Tonraum anzuschauen , ebenso einseitig
wäre es weiterhin, die Welt als Ganzes in den Sehraum zu
pressen. Und für die Symmetrie nnn schien ihm — und
wohl nicht mit Unrecht — jener materiell und gefäfsartig ge-
dachte Raum zu enge, so dafs er dieselbe einem übergreifenden
höheren Sinn oder Verstand überantwortete. Was jedoch —
in unserem besonderen Falle — jener sogenannt« Verstand
anders zu bedeuten hätte, als nur eine genügend vielseitige,
aber durchaus einheitliche und durch keine sensualistisch-ratio-
Wlllj, DieKiisv
11
nalistiscbe Grenzmarken zerstückelte GeBamtflnschannng , wflfste
ich freilich nicht zu sagen. Doch zum ewig philosophisch ab-
strakt Begrifflicheo zieht es am Ende jeden Forscher. Nor
ehen mehr oder minder und zn verschiedeoen Zeiten imd in
wechselnden Stimmnngen in ungleichem Mafse. Und sacb
Mach blieb jener Tribut an die dunkle philosophische Pforte
keineswegs erspart. Und in früheren Jahren hatten derartige
Einflüsse wohl noch eine beträchtliche Gewalt über ihn. Ich
Bchliefse dies ans einer Äufserung, die sich im Artikel (V. 119)
über das räumliche Sehen vorfindet. Jener Artikel er-
schien zuerst im Jahre 1865. Derselbe enthält neben der von
uns geschilderten besonderen Form der Ähnüchkeits-
vorstellnng auch den Satz, dafs wir znm ränmücben Sehen
gelangen, indem sieb die „Lichtempfindungen in ein Kegister von
abgestuften Muskel empfin dun gen einordnen". Diese Theorie
ist nun so ofTenbar ein Produkt des von uns gekennzeichneten
abstrakten Verstandes, dafs man sich über die noch viel gröfsere,
hier aber nicht, wie im Falle der Konsonanz im Verhältnis znr
Theorie der Sehwebnngen, bemerkte Lücke wandern mUi'ste,
wenn man nicht wilfste, dafs im Bereiche psychischer Beein-
flussung alles unberechenbar und daher auch das Überraschendste
nicht mehr überraschend ist.
Und was endlich sollen wir von jener hauptsächlich mit
Machs Namen verknüpften und za einiger Berühmtheit gelangten
Formel sagen, dafs in der Naturwissenschaft — und dann weiter-
hin in der Forschung überhaupt ^ alles nur auf eine Gedanken-
Ökonomie im Sinne von Gedanken -Ersparnis ankomme? Dies
ist nun doch einmal etwas Fafslicbes. Und auch Mach selbst
bringt seine gedankenökonomische Formel in strenge Analogie
mit der wirtschaftlichen BuchiUhrung. Und dafs der Kaufmann,
wenn er nur zuerst sein Geschäft abgeschlossen hat, eine ge-
ordnete und übersichtliche Zusammenstellung seiner Einnahmen
und Ausgaben nicht entbehren kann, ist einleuchtend. Ebenso
kann der Mathematiker nicht rechnen, wenn er seine Formeln
nicht auf eine einfache Form bringt und gewisse, auf Abkürzung
und Kraftersparnis abzweckende Hilfsmittel wie Rechenmaschine
und Logarithmentafel, nicht zur Verfügung hat. In beiden
Fällen ist indes doch stets weiterhin vorausgesetzt, dafs vor
der Buchzusammeost ellang und Rechenarbeit der Kauf-
mann seine Geschäfte gemacht und der Mathematiker seine
Formeln überhaupt gefunden und aufgestellt habe. Und zu
diesen beiderseitigen Geschäftsabschlüssen wird denn doch
wesentlich etwas anderes nnd so ziemlich das C
wird denn doch J
das Gegenteil von J
— 163 —
G e d an kener spamis gefordert. Die Vermeidung überflüssiger
und störender Gedanken freilich ist in gewissem Sinne auch eine
Gedanken ersparnia. Aber eine solche Ersparnis schliefst danelien
die kräftigste und sogar eine zum Überfliefsen neigende Gedanken-
prodaktion nm so weniger aus, als das Ökonomische anf solcher
Grnndlage erst recht ökonomisch, d. h, rentabel wäre. Doch
dies alles weifs ja natürlich Mach so gut und gewifs viel besser
als wir. . Und nur weil Mach seiner Ükonomieformel eine
sehr umfassende Bedeutung giebt, hat das Ganze fOr unsere Be-
trachtung überhaupt Interesse und gehört in nnsern besonderen
ZuBamraenhang, Neben der Gedanken- Ökonomie ordnet unser
Psycholog seiner Formel nämlich auch die hiologiscTie und ent-
wicklungsgeschichlliche Anpassung der Organismen an die Um-
gebung unter und gelangt so zu einer allgemein psycho-
logischen Bedeutung des Ökonomieprinzips, indem er sowohl
von einer Ökonomie der Selbsterhaltung, einer — auf gewissen
Stufen der Eutwicklnng — ökonomischen Einrichtung der
Gespensterfurcht nicht minder , als von der natu r wissen scliaft-
lichen und insbesondere matheraatisch abgekürzlen und eben
deswegen ökonomisierten zusammenfassenden und formelmäfsigen
Beschreibung der Thatsachen spricht. Dies ist nun doch ein
wenig viel und wohl ein wenig zu viel Ökonomie. Denn wenn
ich sagen mlifste, was das gemeinsame zusammenhaltende Band
jener mit so Vielerlei belasteten Formel wäre, dann wüfste ich
mit nichls anderem aufzuwarten , als dafs in allen liesonderen
Anwendungsfällen der Formel so etwas vorkommt , wovon man
sagt, dafs dasselbe klappt oder stimmt. Dies ist das einzige
Gemeinsame. Der übrige und Hauptinhalt aber betrifft nicht
nur Verschiedenartiges , sondern Unznsaramengehöriges. "Wie
das von Mach selbst beobachtete, sehr instruktive Anpassungs-
beispiel (B. 35) eines als kleiner Nestling in künstliche Pflege
genommenen Sperlings zeigt, bedeutet die Ökonomie der Selbst-
erhaltung regelmäfsig die von Mutler Natur nur fQr den groben
Durchschnitt berechnete und daher im ganzen etwas kärglich
oder dann doch einseitig bemessene Mitgift ihrer Kinder. Ich
möchte hieraus jener seltsamen Mutter keinen Vorwurf machen,
sondern nur darauf hinweisen , dafs dieser naturgeschichtliche
Fall der Anpassungsökonomie mit der wissenschaftlichen Ökono-
misierung und Beschreibung der Thataschen nnr durch ein ein-
heitliches und beide so weit voneinander abstehende Fälle ver-
bindendes Entwicklungsprinzip zu jener allgemein biologischen
und psychologischen Formel, welche Mach gerade beabsichtigte,
gemacht werden könnte. Einen solchen entwicklungsgeschieht-
4
k
— 164 —
liehen Versuch — und gewirs aas nur zu guten GrtlDden —
hat nun Mach nicht gemacht. Sondern was allein es war, das
Mach veranlasste, jene Ökonom ieformel aufzustellen, konnte
gar nichts anderes sein als der Versuch, die Verwandtschaft
und Einheit der biologisch- psycho logischen und der mathematisch-
physikalischen ForschungE weise bemerkbar zu machen. Denn
das Gefühl jener Zusammengehörigkeit, wie wir gesehen haben,
gerade war es, das Mach nötigte, die Grenzen seines Spezial-
fathes zu überschreiten and neben Physik auch Psychologie und
Biologie zn treiben. Und wie seine Rede über Umbildung
und AnpasBQng (im naturw. Denken) beweist, versteht sich
unser Forseber auf jene allgemeine Forschungsverwaiidlschaft
sehr gut. Nur glaubt er dieselbe nicht blofs entwicklungs-
geschichdich und umgehungsan schaulieb , sondern überdies noch
spezifisch meihodologisch uud formelmäfsig darstellen zu müssen.
Indes, dergleichen nun ist, wie schon früher so anch in unserem
Falle der Ükonomieformel , nur eine Verwechslung einer all-
gemeinen Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit geist-
reicher aber gewaltsamer Zuaammenschnürang des Verschieden-
artigen und Nicht - Zusammengehörigen. Denn gleichwie wir
bei Mach mehrmals ein dualistisches Ansein anderfalle u von
Anschauung und Begriff aufzuzeigen hatlen, so hat sich nun
diesmal, und wie als ergänzendes komplementäres Gegenteil,
ein Ineinanderäiefsen derselben in Analogie mit der „Zeit-
empfindang" ereignet.
Wie frei aber im ganzen Mach seine besonderen Gesichts-
punkte der Betrachtungsweise zu finden und festzuhalten wufate,
beweist allein schon (B. 37 — 38) seine Stellung zum sogenannten
psychopbysischen Gesetz. Hier fühlte er die sehr geringen
Gesetzes- Aussichten bald uud rechtzeitig genug und setzte an
Stelle einer psycbophysischen, logarithmischen Mefskunst das all-
gemein biologische Apercu, dafs der „Organismas im Interesse
seines Bestehens sich darauf einrichten mufste, nnr Licbt-
intensitäts Verhältnisse zu empfinden". Hier hätte Mach freilich
sogar noch weiter gehen und von jeder besonderen biologischen
Einrichtung überhaupt abseben können. Denn wie wir aas
einer früheren (s. S. 77 — 83) Untersuchung her wissen, giebt es
auf dem Gebiete des Psychischen Überhaupt gar keine mathe-
matische oder Zahlgröfsen , sondern nur eine rein relative
Gröfsencharakterisük. Und es ist daher gar nichts anderes
möglich und denkbar, als dafs der Organismus nur Intensität«-
verhältnisse empSndet. Ich habe diese Bemerkung ganx
ur aus allgemeinen Gründen und gar nicht in der
— 105 —
Absicht, Mach besonders zu kritisieren, hier eingeschaltet.
Denn die noch ganz allgemein Übliche, wenigstens prinzipielle
Übertragung der absoluten Gröfsen anf das Gebiet der Empfindang
beweist, wie wenig gelänfig die zutreffende sowohl strenge Unter-
scbeidung als vollkommen verwandtschaftliche und einheitliche
Zusammengehörigkeit von Physischem und Psychischem, von
Ranmcharakter and Inten si tat sgröfse immer noch ist. Es ver-
hält sich hiermit ganz ähnlich wie mit der ZeitanschanuDg.
Wie hier alles darauf ankommt , neben der reinen Relativität
des Zeitcharakters seine vollkommene und durchgehende nnd mit
der gesamten Erfahrung zusammenfallende konkrete Gestalt
nicht zu übersehen, sondern gerade im Gegenteil beides in
eins zu fassen und fortwähreud beisammen zu behalten: so
liegt hei der allgemeinen psychophysischen Unterscheidung eine
ebensolche durchgehende, mit einer alles ineinanderdielsen-
lassenden Relativität gepaarte strenge Gruppierung und Sonderang
der Erfahrungsin halte vor. Und gleichwie dort der Zeit-
charakter, obwohl derselbe mit dem Zeitinhalte zusammenfällt,
dennoch eine scharfe Sonderang der allgemeinen Einheit der
Zeitabschnitte nnd einer Reihe besonderer, neben jener Einheit
in Betracht fallender Gesichtspunkte nötig macht, so haben wir
in der — im weitesten Sinne zu verstehenden — psycho-
physischen Betrachtungsweise fortwährend die Erfahrungsinhalte
und gleichzeitig ihre in Bezug auf das zugehörige Abhängigkeits-
verhältnis je nach Umständen bald so, bald anders fallende
Stellung zu beachten.
Indes, ohne eine besondere abschliefsende Bemerkung können
wir Mach doch nicht verlassen. Denn so sehr wir uns davon
überzeugt haben , wie gerade Mach beweist , dals niemand un-
gestraft unter Philosophen wandelt, so ist dennoch die grofse
Grundstimmung unseres Philosophen ein uns fortwährend be-
gleitendes und umschwebendes: sieh, es lacht die Au! Und jene
halb metaphysischen, abkühlenden und erkältenden Abend- und
Nachtgedanken — obwohl wir uns gerade, weil es eben unser
sachliches Interesse so mit sich brachte, vorzugsweise mit ihnen
beschäftigen mufsten, vermögen im ganzen gegen den lachenden
Frühling in keiner Weise aufzukommen.
3) Bemerkungen zur Vital- Theorie IB. Avenarius).
Was Mach und die physiologischen Psychologen überhaupt,
im Anscblufs an einen jeweiligen besonderen Fall, in hypothetisch-
konstruktiver Weise vorgenommen haben : denselben Weg hat
im grofsen und in Bezug auf die gesamte Erfahrung Atenaehjs
— 166 —
in seiner „Kritik der reinen Erfahrung", ingofem dieselbe ins-
besondere den Charakter einer Vitaltheorie aufweist, eingeschlagen.
Sie allgemeine Voranssetznng , welche Avi:NARiDä zu Grande
legt, ist die Tbatsache der Abhängigkeit, des menschlichen
Individuums von der Umgebung und weiterhin die Thatsache
der Abhängigkeit des menscblicken , sowohl theoretischen als
praktischen Verhaltens von unserem eigenen Körper. Und diese
letztere Tbatsache der, wie wir dieselbe bezeichnet haben, all-
gemeinen psychophysischen Abhängigkeit veranlatst nun
AvENARiüs zu ihrer besonderen hypothetisch-konstruktiven Aus-
gestaltung in folgender Weise,
Der Philosoph sagte sich:
1. Nachdem ich einmal die wissenschaftlich maTsgebende
Tbatsache der psychophysischen Abhängigkeit als Axiom em-
geführt habe, ist es besser, statt von den nervösen Zentral-
organen unseres eigenen Körpers, nachdem man dieselben kaum
recht angemerkt hat, sofort auf das Bewnrstsein, das Denken,
das Ich und dergleichen fragwürdige Prädikate abzuspringen,
gerade einmal recht ernsthaft und in aller nötigen und wQnscb-
baren ausführlicben Strenge die zentral nervösen Änderungsreihen
unseres eigenen Körpers in Bezug sowohl auf die zugehörigen
Unabhängigen der Umgebung als insbesondere in Bezug anf
die zugehörigen Abhängigen des psychischen menschlichen Ver-
haltens im allgemeinen kennen zu lernen und demgemäfs eine
entsprechende Analyse vorzunehmen.
2. Eine solche Analyse ist zwar allerdings gröfstenteils
hypothetisch; denn der Kreis nervenphysiologischer Tbatsachen
ist ein sehr beschränkter. Doch dies gerade ist andererseits
ein triftiger Grund, auf dem Wege der Hypothese eine künftige
vollkommenere Erkenntnis anzubahnen, vorausgesetzt nur,
dafs die hypothetische Bearbeitung die geeignete Verbindung
zwischen den bekannten Tbatsachen und den nen einzuführenden
(hypothetischen) Begriffen herzustellen weifs.
3. Im Falle der angedeuteten Verbindung kommt alles
auf die Auswahl der Tbatsachen und den besonderen Charakter
der hypothetischen Mittel an. Die Tbatsachen sollen genügend
bezieh nngsreich sein und eine zentrale Stellung besitzen; und
was die hypothetischen Mittet betrifft, so müssen dieselben,
sollen sie uns nicht von der Wahrheit, statt uns ihr zu nähern,
nur noch weiter entfernen oder gar in die Irre führen, nur das-
jenige, was an ihnen bekannt ist, mit den Tbatsachen in Be-
ziehung setzen und das denselben (hypothetischer Weise) an-
I.
- 167 —
haftende UDbekannte frei lassen and nichts Positives darQber
a&ssagen.
4. Nqd giebt es eine sehr bedeutsame biologische That-
sache, nämlich die variable, gröfsere oder geringere oder za-
and abnehmende Erhaltung des menschlichen Individuums in
eeiner Beziehung zur Umgebung. Und wenn ich nun jene bio-
logischen variabeln Erb altungs werte im Sinne der rein formalen
und relativen Gröisenprädikate der Zu- nnd Abnahme über-
haupt und insbesondere der Annähernng nnd Entfernung oder
der wechselnden Geschwindigkeit hypothetisch ausweite und
kombiniere, dann be&nde ich mich im Besitz der gesuchten bio-
logischen Variationstheorie (Vitaltheorie).
5. Die so beschaffene Theorie ist infolge ihres rein
quantitativen Charakters in hervorragender Weise wissenschaft-
lich sowohl als allgemein biologische Theorie nnd insbesondere
ale Hilfsmittel der Psychologie, insofern durch ein besonderes
methodologiscbes Zuordnungsverfahren , und um so mehr, je
mehr die Vitaltheorie den Fortschritt der biologischen Wissen-
schaften zu iärdern geeignet ist, der reine Gröfsencharakter
auch der Psychologie mitgeteilt werden kann.
6. Jenes besondere vital theoretische Zuordnungs verfahren
besteht darin, dals, den biologischen Werten entsprechend, das
gesamte psychische Verhalten des Mensehen — so viel als
möglich — in quantitative Reihen gegliedert und auf diese
Weise bestimmte psychische, positive oder negative Werte
ebensolchen biologischen oder V ital-Erhal tun gs werten beigeordnet
werden.
Diese von uns nnr sehr urarifsweise und in wenigen Haupt-
punkten angedeutete VitaUheorie hat der Philosoph, besonders
mit Benutzung der rein physiologiscb gedachten fortwährenden,
GO oder anders gerichteten Ansgleicbnng zwischen Arbeit und
Ernährung, wie nicht zu leugnen ist, und wie wir schon früher
bei anderer Gelegenheit {s. S. 105 — 109) bemerkt haben, auf eine
sehr glanzvolle Weise zusaromenkombiniert und die durch ge-
schickte Kombination zusammengefegten Grundwerte in ein viel-
schichtiges Fachwerk durch eine äufserst scharfsinnige Analyse
auseinandergefaltet. Aber leider beruhen der ganze Glanz und
alle Pracht der Konstruktionshjpothese nur auf einer blolsen, rein
spekulativen lllusionsmagie uhne den mindesten Erkenntnis wert.
Und um diese unsere sehr summarische nnd vollständig negative
Behauptung zu begründen , genügt schon eine einzige kleine
Bemerkung, deren Bedeutung wir schon früher kennen gelernt
haben. Jene rein relative Gröfsen Charakteristik nämlich, worauf
die Vttallheorie gerade allen Wert and alles Gewicht 1^,
bedeutei in der Mathematik und folglich auch in der Gehirn-
pbjsiolögie ohne absolate oder Zahlgrörsen gar nichts. Uad
was das Gesamt gebiet der Psychologie betrifft, so bedeuten hier
die rein relativen Gröfsen allerdings etwas, aber nur gerade
nicht dasjenige, worauf es die Vitaltbeorie abgesehen hafte.
Denn weil es überhaupt gar keine andere als nnr eine rein
relative Gröfsen Charakteristik im Gebtete des Psychisuhen giebt,
80 sind die betreffenden Werte gar keine Quantitäten im strengen
Sinne, sondern dieselben besitzen anr eine rein symbolische nnd
auf etwas Qualitatives hinweisende Bedeutung. Schon dieser
eine Umstand beweist, dafs die Vitaltheorie keineswegs, wie
AvENABiua glaubte, in erfahrungsmäfsigen Motiven ihren Cr-
sprung bat. Wir werden den wahren Ursprung derselben alsbald
Bcliildern. Vorerst aber möchten wir noch den spezifischen
methodologischeu Zuordnungsebarakter nn serer Hypothese
etwas näher kennen lernen. Bevor der Philosoph die betreffende
Zuordnung vornahm, bereitete er sich sein abstraktes Vitalreihen-
netz ganz unabhängig von den psychischen Werten, und erst
nachträglich - im zweiten Teil der Kritik der reinen Er-
fahrung — machte er den Versuch , beide Wertereihen , die
psychische und die hypothetisch - physiologische ineinander zn
arbeiten. Und dieses doppelspurige Verfahren, wir dürfen es
uns nicht verhehlen, beruht im Grunde anf der ungeheuerlichen
Voraussetzung, dafs wir es dereinst — in genügend weiter Zu-
kunft — vielleicht dahin bringen könnten, unserem Gehirn
gegenüber eine der astronomischen Betrachtung analoge gegen-
ständliche Stellung zu behaupten. Und freilich kennt die Be-
geisterung, wenn man sich auf die Zukunft beruft und ein
grofses Wissen in Aussicht stellt, keine Grenzen ; der hoffnungs-
volle Glaube ist eben gar zn glück vrrheif send. Ich meine aber
doch, wenn wir überhaupt von einer fernen Zukunft in
wissenschaftlichem Sinne reden wollen, dann dürfe dies
nur nach strenger Analogie mit der Gegenwart geschehen. Und
in Übereinstimmung hiermit vermag ich es mit der doch anch in
der fernsten Zukunft fortbestehenden psychophysischen Un-
geteiltheil nicht zu reimen, dafs wir jemals, and sei es auf
was immer für eine Weise, in das Gehirnleben einen besonders
tiefen Einblick erbalten sollten. Sondern aus jener tbatsäch-
lichen psych ophjsiseben Ungeteiltheit scbliefse ich, dafs wir
uns im Allgemeinen Glück zu wünschen haben, wenn wir von
unserem Gehirn nicht mehr wissen, als dafs es gesund und
leistungsfähig, und dafs wir alles weitere und wissenschaftliche
— 1G9 -
gehirnphysiologiache Wissen hauptsächlich dem besonderen
günstigen experimentellen oder doch beobachlnngsmäfsigen Zafall
zn überlassen haben. Wenn datier, wie ich glanbe, die (rründe
für die Unfrachtbarkeit der Vitaltheorie so leicht einzusehen
sind und so offen zu Tage liegen, dann haben wir nur um so
mehr Grond, danach zn fragen, wie es kommt, dafs ätenabius
jenes Grnndgebrechen nicht blofs nicht bemerkte, Bondern wie es
möglich war, dafs dem Philosophen seine Theorie sogar im
Gegenteil nur im Liebte der hnffnungsfreudigsten Emteanssichten
erschien.
In unserer entwicklongsgeschichtlichen Betrachtung haben
wir gesehen, wie sich Avenakius im schärfsten Kontraste
zwischen der individualisier testen Anschauung und einem alles
mono ton isierenden Schematismus zeigte. Und insofern hierbei
der Philosoph alles Individuelle und Vielgestaltig-Bewegliche einer
reinen, in einer strengen Begriffs niaschinerie sich konstitnierendeD
Ronsiantenbetrachtung unterordnete , haben wir schon damals
in unserer früheren Betrachtung {s. S. 106) die starke philo-
sophische Bevorzugung des Begrifflich -Allgemeinen hervorgehoben.
Inzwischen , nachdem wir manches binzugelernt haben , machen
wir nun hier an diesem Punkte einen Schritt weiter und be-
haupten, dafs die Vitaltheorie, da dieselbe weder einen nattir-
wissenscbaftlicben noch einen psychologischen, noch endlich Ober-
haupt einen erfahrnngsmäfsigen Ursprung besitzt, allerdings nar
der Anstlufs einer rein spekulativen Ader ist. Aber freilich
war es eine änfserst individuelle und ganz einzigartig dastehende
Gestalt, welche jener Ausflufs erzeugte. Während sonst die
Spekulation regelmäfsig mit einer die gesamte Erfahrung zer-
nichtenden Verabsolutierung schon beginnt und in derselben
Weise auch endet, hat sich Avenakius nie so weit von der Er-
fahrung entfernt. Die ganze Kritik der reinen Erfahrung samt
Vitaltbeorie bewahrt durchaus, dem natärlich- menschlichen
Weltbegriff gemäfs, den rein anthropologischen Charakter und
alles bleibt im Kreise der menschlichen Umgebung und der
menschlichen Individuen beschlossen. Aber wie wir auf unserer
Erde, wenn wir hoch genug in die Lüfte steigen, an einen Punkt
gelangen, über den hinaus wir nicht mehr weiter kommen, weil
wir die Grenze der äufsersten noch erträglichen Lnftverdünnnng
erreicht haben : so hat sich unser Philosoph nun gerade in
jener Kegion fest angesiedelt. Die reine Gröfsenrelation als
solche und ohne Ausfüllung durch Zahlwerte oder Anschaunnga-
züge ist ja gleichsam nur noch der letzte, ätherisch verdünnte
Anshaucb unserer menschlichen Erfahi-ung und schwankt auf
b
- 170 —
Bcharfer Schneide zwiechen der vollen Erfahrung nnd einem
vollständigen Verlöschen derselben. Das Licht, die Farben und
alle festen Gestalten sind schon dahin, und yerblieben ist nur
noch eine Schattenmechanik , in der es auch keine Bewegung
mehr, sondern nur noch ein leise wiederhallendes Echo derselben
giebt. PiiATo schob einst zwischen die tlbersinnlicben Ideen nnd
die Sinnen weit mathematische Figuren nnd Zahlgr Olsen als
Zwischenglieder ein, und IIeoel schwamro in seinem reinen
Denken dahin. Atünajücs, was spekulative Begriffsreinbeit des
Benkens betrifft, QbertriiFt einen Hegel hei weitem. Und dennoch
hatte er dazu keineswegs, wie Platd, in einer Übergangsmitte
schwebende Zwischenglieder nötig. Denn Avehasids zeigt uns
ein in höchstem Grade seltenes Doppelantlitz ; er ist sowohl
ganz Anschauung als auch der denkbar abstrakteste Begriff.
Und dies beides verbindet der Philosoph gieichmäfsig , aber
nun freilich nicht in einer durchgehenden Einheit, sondern wie
in zwei fremdartige Sphären geteilt. Denn seine gesamte
Forschung bezieht zwar alles Licht ans der Erfabrocg, aber
dieselbe verdünnt dasselbe gleichzeitig auch zu einem blofsen
Anhauch , nnd malt wie mit Rosenfiugern die zartesten Scbrift-
zttge an eine tiefschwarze, weil der Sonne abgewandte Himmels-
kugel. Weil in dieser Weise daher die Theorie unseres Philo-
sophen allseitig vom Licht amflossen blieb, und weil die Bosen-
finger-Fäden der reinen Gröfsenrelation die Verbindung mit
der vollen Erfahrung immer wieder, obzwar nur auf Äther-
Bchvringen, herstellen, war es möglich, dafs auch der angrenzende
spekulative Nachthimmel wie in einem ewigen Nordlicht strahlte.
Und beide Lichter, obwohl freilich durch einen unendlichen Abstand
voneinander getrennt, entstammen ja derselben Quelle! Der
heifse Durst und Drang und der Labetrunk aus jener schönen
Quelle brachten es daher zu stände, dafs der Philosoph seinen —
was Fruchtbarmachung der Erfahrung betri£Et - unendlichen
Abstand von der vollen Erfahrung vollkommen vergafs und
eich in seliger Verblendung und spekulativer Denkerfrende ein-
bildete, dafs er nun wirklich durch seine biologisch angehauchten
reinen Gröfsenvariations-Keihen das menschliche Gehirn durch-
leuchte. Waren doch jene hypothetisch -konstruierten Reiben-
werte nichts anderes als die Drähte, welche unser kleines
Meuschenbirn zu sich herauf in den Äther zogen nnd die
Täuschung bewirkten , dafs jener Aushauch einer Schatten-
mechanik geeignet wäre, im harten Fels unserer Erfahrung bahn-
brechend voran zu seh reiten. Freilich kam noch etwas weiteres
hinzu, um die Täuschung zur Lebensillusion zn machen. Dean
— 171 —
Atenäbids berief sich für seine Vilaltheorie mit Vorliebe nnd
jedenfalls im Sinne eines Haaptargumentes aaf eine fortschreitende
und einem Maximum sich annähernde vitale Erhaltung. Und
hierunter dachte er sich einen Zustand der menschlichen Gesell-
schaft, der sich einem vollkommen harmonischen Gleichgewicht
starb angenähert hätte, derart, dafs alle Entwicklung in der
Hauptsache abgeschlossen wäre und sieb nur noch darauf he*
schränkte, dafs fortwährend neue Individuen in einen in allen
Hauptzügen zur bleibenden Ruhe gelangten gesellschaftlichen
Znsammenhang hineingeboren werden. Ein solcher Zustand aller-
dings, insofern derselbe die denkbar grül'ste gleichförmige Dauer-
haftigkeit besitzt, würde ein Maximum vitaler Erhaltung dar-
stellen. Aber worauf alles ankommt ist der Umstand, dafs una
jenes — in weiter Ferne — in Aussicht gestellte gesellschaft-
liebe Gleichgewicht sogleich an das Ende der Entwicklung ver-
setzt, obwohl wir nos noch mitten drin betinden. Ob wir nun
an ein solches Ende gelangen oder nicht, so haben wir, solange
wir uns noch nicht dort befinden, uns mit der vitalen Erhaltung
allerdings nicht anders abzufinden, als wie der gunstigere oder
ungünstigere Zufall es mit sich bringt, gesetzt anch, wir be-
fänden nns unser ganzes, längeres oder kürzeres Leben lang
von einem jeweiligen vitalen Erbaltangsmaximum im Sinne eines
gleichmäfsigen nnd schönen, dauerhaften Aqnilibriums beträcht-
lich weit entfernt. Indes, der Philosoph, der solche Abstände
überflog, benutzte den hypothetischen Endzustand nur dazu, um
sich in die Sphäre seiner reinen Gröfsenregion aufzuschwingen
und die menschlichen Gehirne in seiner biomecbanischen Weise
als ein Gesamtsystem („KongregaUystem") höchster Ordnung
ZD tonstrnieren , dessen mannigfache , von der Umgebung ver-
anlafste Schwankungen immer geringer werden und zuletzt nur
noch als kleine Oszillationen um die Gleichgewichtslage pendeln.
Und an Erfahrungsanalogien , sobald man eine übersichtlich
schematische Weise bevorzugt, fehlt es nirgends. Und mit
grofsem Scharfblick hat Avenabius die Wiederholung und
Übung als ein Bindeglied benutzt , das einen starken ver-
führerischen Schein , wenigstens auf gewisse Partien des bio-
meehanischen Zuordnungs Verfahrens, wirft. So gut wir
im Gesamtgebiet der Erfahrung von einer Zeitordnung reden,
and wie die organischen Eürper sowohl als die menschheitlichen
geschichtlichen Epochen und Wendungen den Gesichtspunkt der
Entwicklung herausfordern: im selben Sinne sind wir auch be-
rechtigt, nicht minder eine physiologische Übung be-
treffender Organe oder Funktionen als eine psychologische
— 172 -
Übang bei spiel 8 weise des Denkens oder ästhetischen
Empfindens voranszuselzen. Weifs raan derartige Analf^en
in geeigneter Weise auszunützen, und versteht man es — wie
dies AvENAHEUs in au fserordent lieber und sogar pbänomeDaler
Weise eigen war — jene Analogien durch wohlgeprägte Termini
festzuhalten, dann erbliclit man freilich die psychischen variabeln
Übungawerte, die nun mit den Entwiuklnngsmomenten in weitester
Bedeutung znsammeofallen , als die reinen Gegenbitder der
hypothetisch konstruierten biologischen Schwankungen oder Yital-
reiben. Aber ein degenbild ist noch lange kein Zaordnuogs-
begriff. Der Zuordnungscharakter, wie derselbe beispieU weise
in der funktionellen Abhängigkeit zwischen Fallzeit nnd Be-
schleunigung oder in der Beziehung zwischen Fallzeit und Fall-
ranm vorhanden ist, setzt eine derartige relative Selbständigkeit
und analytische Konstanten Wertigkeit der betreffenden Zü-
ordnungsglieder voraus, dafs schon ans diesem Grunde, nnd noch
ganz abgesehen von der psychophysi sehen Ungeteiltbeit, im Ge-
biete der Psychologie an eine analoge funktionelle Zuordnaugs-
Charakteristik nicht von ferne zu denken ist. Man vergegen-
wärtige sich doch nur einen Augenblick, was für ein ephemeres,
an einem Punkte der Erfahmng auftauchendes, eine Zeit lang
im Strom um gewirbelt es nnd nun wieder verschwindendes
Geschöpf der Mensch ist. Gerade weil in unserem Theoretiker
derartige Gegeuinstanzen nie aufstiegen, zeigt derselbe, dafs
er sich in jener von der (vollen) Erfahmng sowohl unendlich
fernen als unendlich nahen, und ihn ganz allein von allen
spekulativen Denkern aaszeichnenden Stellung befand. Der
Glaube, durch eine reine relative Gröfsencharakteristik positiv
bestimmte Werte anzubahnen, ist keine geringere Selbsttänscbung,
als wenn ein Philosoph auf dem Wege blorser Schlnfsfolgening
zu einer neuen Wahrheit zu gelangen glaubt. AyuKAKiüs frei-
lich legte sehr grofsen Wert darauf, dafs er auf rein hiolögischein
Weg, wie er stets versicherte, seine Theorie gewonnen hätte.
Und wenn man diesfalls den Zweifel aufbrachte, dafs die als
unabhängige Variationsreihen eingeführten, die Umgebung und
den Organismus in einem gemeinsamen System von Schwankungs-
werten in funktionelle Beziehung zu einander setzenden Gröfran-
änderungen am Ende nichts wären als nur ein abstraktes Ex-
trakt der anschaulichen psychologischen Erfahrung, so hörte der
Philosoph dergleichen Einreden sehr ungern und nahm dieselben
nicht anders auf, als oh man ihn nur sehr angenügend ver-
standen hätte. Es möchte nun immerhin so sein und das
Zustandekommen der Theorie sich ganz so gemacht hai>en, wie
t
— 173 —
ÄTENABiDS es immer baben wollte: die Hauptsacbe bleibl im
einen oder anderen Falle genau dieselbe. Denn wenu ja freilich
schon reiu biologische Vorgänge, wie etwa das VerhalleD eines
experimentell immer mehr verstümmelten Frosches, welcher, um
dieselbe Bew^ng auszulösen, zu fortwährend komplizierteren
Glieder- und KörperBtellangen und entsprechend gröCseren
Kraftanstrengungen genötigt wird, sehr wohl dazu angethan
sind, die allgemeine Vitalerhaltnugsanalogie auszubilden und ein
ähnliches Fortschreiten von mehr zu minder geübten
Änderungsreihen auf das menschliche Nervensystem zu über-
tragen und weiterhin mit mife dieser Analogie den Begriff der
unabhängigen Vitalreihe höherer Ordnung zu entwickeln, so
igt zwar von diesen so bezeichneten Scbwankungsmerkmalen
jederzeit allerdin; ein LTbergang zu entsprechenden psychischen
Abhängigkeit Charakteren möglich. Aber eben doch schlechter-
dings ans keinem anderen Grunde, als weil die durchgehende,
die gesamte organische Erfahrung umfassende Varialions- und
Übongsaualogie Biologisches und Psychologisches von selbst an-
einander grenzen läfst. Über eine derartige anale gische
Schemalik kommen wir in der Yitallheorie nirgends binaas;
und nie es möglich sein sollte, durch eine blofse Gröfsenrelations-
bonstruktion einen neuen und grofsen Einblick in das Grehirn-
leben zu gewinnen , bleibt ewig unerßndlich. Jene Schematik
freilich ist ungewöhnlich geistvoll durchgeführt. Und die eigens
erfundene und geschickt geprägte Terminologie handhabte der
Philosoph in' derselben virtuosen Weise wie ein Klavierkflnstler
die Tasten seines Instrumentes. Aber desungeachtet besitzt die
Yitalreihenschematik — im reinsten Gegensatz zur Ansicht des
Verfassers — ganz und gar nur subjektive Bedeutung. Nicht
blofs konnte niemand anders, als gerade Avenabius dergleichen
erfinden, sondern die Erfindung selbst besitzt auch nur einen
spekulaliren , rein nur an das zufällige erfindende Individuum
geknüpften Persönlichkeitswert. Denn Avekabius liebte eben
eine Licht und Schatten der Erfahrung durch fortgesetzte
Terdünnerungskünste sich wiederholende und unendlich ver-
feinernde Reflesionsbiidergalerie so sehr, dafa er darüber Sub-
jektives und Objektives vollständig und so sehr verwechselte,
dafe er gerade der Meinung war, sein rein formales und ver-
meintlich rein quantitaüves Verfahren wäre der sicherste Weg,
um „individuelle Meinungsverschiedenheiten , subjektive Wert-
schätzungen und gedankenfeiudliche Affekte" ein für aUemal
zu verbannen. Aber gerade dieses im Lichte gröfster Allgeme'n-
gültigkeit erscheinende Bestreben ist in Wahrheit nur ein Aus-
I
flofs einer rein persönlicbeu Ader des Verfassers. Weil Ave-
NABius alle Polemik so viel als möglich vermied uud sich stets
in den Mantel seines Systems hüllte, war eben sein Blick fort-
während auf jenes in grotser Ferne schwebende, vollkommene
geaellschafttiche Gleichgewicht gerichtet. Und von diesem vor-
anseilenden Standpunkt ans erschienen ihm nun atle Kämpfe
als gleichsam schon überwunden. Aber in latenter Weise frei-
lich lag in des Philosophen entwicklungsgeechiehtlicher
Elimination gewisser Denkrichtungen und Individuenklassen
die denkbar radikalste und umfassendste Eiitik aufgespeichert.
Aber auch gar manches, wie gerade das Beispiel unseres Philo-
sophen beweist, verbirgt sich in den weiten Falten einer das
Individuelle nur kaum berührenden, rein allgemein begrifflichen
Betrachtungsweise. Aber so gewifs alle höhere und spezifisch
meuschheitliche Entwicklung nur durch Kampf zum Ziele fllbrt,
so gewifs ist es daher auch nötig, ganz in der Nähe der
Individuen Stellung zu nehmen. Denn keineswegs durch all-
gemeine Begriffe, sondern nur durch individuelle Bekanntschaft
und eine intime individuelle Schilderung lernen wir die wahren
Werte kennen. So allein kommt Kritik zo stände. Und Kritik
war es denn auch , was uns zur Gewifsheit brachte , dafs die
positiven Werte der „Kritik der reinen Erfahrung" anderswo zu
suchen sind als in der Vitaltheorie- Und im allgemeinen haben
wir das Nötige hierüber schon in unserer entwicklungsgeschicht-
lichen Betrachtung gesagt. Uud was im besonderen das Ver-
hältnis unseres Denkers zur Psychologie als Speziälwissenschaft
betrifft, so werden wir hierüber in einem anderen und geeigneten
Zusammenhange Aufscblufs geben. Inzwischen aber schreiten
wir zu einem neuen Kapitel, indem uns die einheitliche Zusammen-
gehörigkeit und der wesensv er wandte Ursprung der methodo-
logischen und metaphysischen Krisis in der Psychologie in An-
sprach nehmen.
IV. ZnBammenhang' der methodologiselieii mit
der metaphy siechen Krlsls.
1. Wdnbtb Psychologie') der spekulativen Misch-
erfahrnng.
IJ QewlBBenBerforBcliung.
Diesmal beginne ich meine Betrachtung im Znstande der
Zerknirschung und mit Gewissensbissen! Wenn ich nur einen
') Grundrifs der Psychologie (Leipzig
— 175 —
Beichtyater hätte ! Doch bekennen wir die schwere Sünde lieber
gleich vor aller "Well. Wündt (Philos- Studien XIII, 3, 1897)
führt uns zn Gemüte, daCs wir für alles, naa nicht im
Gedankenkreis des Empiriokritizismua liege, gar
kein Verständnis halten. Und dieser ebenso schonenden nnd
liebenswürdigen als vernichtenden Kritik zum Trotz wage ich
es nan dennoch, mich abermals blofszust eilen und mein Un-
verständnis neuerdings und in vergröfsertem Mafsstabe zn
dokumentieren! Doch gemach. Wir babea ja nnn inzwischen
den PhiloBophenmantel , nnd wenn's der erapiriokritische wäre,
abgeworfen. Und wenn wir daher die pay c ho logisch- wiasen-
schaftliche und darstellende Persönlichkeit Wündts nur gerade
SQ betrachten und sehildemj wie wir bisher eine Reihe Psyclio-
logen geschildert haben , so ist's ja am Ende gar nicht so ge
fährlich, wenn wir Lehrsätzen, System, metaphysischem Hinter-
grund, methodologischer Technik und Tb atsachen künde der
"WunDTBchen Psychologie gegenüber nur eine schlechte Examen-
note bekommen. Wenn wir nur unseren Mann genügend dnrcb-
scbauen, dann ist schon alles gat. Denn damit das Porträt
wohlgetroffen sei, dazu ist's bekanntlich gar nicht nötig, dafs
der Porträtierte selbst sich schön finde und geschmeichelt fühle.
Und ähnlich wie daher der Widerspruch zwischen Konterfei
und Selbslansicht keineswegs zu Gunsten der letzteren spricht,
so könnte es ja anch zwischen! unserer Schilderung und der
"WuNDTSchen Beurteilung derselben sich verhalten. Und im
besonderen getröste ich mich hie bei des Umstandes, dafs gerade
WinniT, wie wir selbst gleichfalls dasselbe immer thun , sich
auf An Behauung beruft. So kann es daher ganz gewifs
nicht fehlen, dafs Anschauung und Anschauung in Wechselhauch
nnd Knfs auf das allerschönste sich erhellen und das Wort :
veritas norma sni et falsi bekräftigen!
Da sich WuNnr in seinem Grundrifs auf die Haupt-
gesichtspunkte beschränkt und deshalb eine Gesamtgestalt der
Psychologie in einer Form verfarst hat, welche sogleich alles
Übersehen läfst, so sind wir auch alsbald im Falle, unsere
frühere Betrachtung (s. S. 6 ff.) Über die allgemeine Definition
der WiTNDTSChen Psychologie und die Ausführung jener Definition
im Grundrifs miteinander zu vergleichen. Und allerdings
lal das vollendete Werk im ganzen gerade so ausgefallen, wie
die allgemeine Definition dies vermuten liefs. An Anschauung
und Erfahrnng freilich fehlt es dem Grundrifs nicht. Aber die-
selbe stammt gerade hauptsächlich aus einer mit den Natur-
wissenschaften vor allem sich berührenden Quelle und zeigt sich
besonders in der Ph3'siologie der Sinnesorgane nnd in der
Theorie der Farben. Im ganzen aber bedentet die WraiDTScbe
Psychologie ein derartiges Miscbprodukt von Erfahrung nnd
lifetapbysik, dafs es in der Uanptsache nicht mehr möglich ist,
beide Bestandteile in nngetrühter Reinheit ansei nanderzahalteo.
Deswegen aber gerade eignet sich jenes Mischprodakt als
Haaptbeispiel des Zasammenhangs zwischen methodologischer
und metaphysischer Krisis in der Psychologie. Denn wir werden
finden, dafs die metaphysische und die analytisch- methodologische
Zersetzniig der Erfahrung, soweit dieselben in Bezug auf die
wissenschaftliche Psychologie in Frage kommen, allerdings nur
ein nnd derselbe Vorgang sind. Und wenn wir dies an
der Theorie der Raum- und Zeit vor Stellung, an der Gefühls-
analyse und ASektenlehre , an den Assoziations- und Appei-
zeptiODS vor gangen auseinandersetzen ; und wenn wir unsere Be-
trachtung noch überdies durch einen Blick anf die experimentelle
Methodik und auf die psychische Eausalität ergänzen,
daim haben wir unseren Psychologen in seinem ganzen Umrifs,
von seiner Berührung mit der unmittelbaren Umgebung bis zu
den höchsten gesellschaftlichen Entwicklnngsprodnkten und
jedenfalls von denjenigen Gesichtspunkten ans, die Wunut selbst
als Uauptsache betrachtet, kennen gelernt.
Die besondere angedeutete Theorie nämlich interessiert uns
hier nur deswegen, weil ilu' Zusammenhang mit WnnDrs Unter-
scheidung der unmittelbaren und mittelbaren Erfobrnng tmd
deren Verhältnis zu einander ein besonders naher und inniger
ist. Denn an sich selbsi ist die Theorie, wenigstens was den
Raum betrifft, so ziemlich veraltet, weil man fast allgemein
einsiebt, dafs die gesamte Ranmcharakteristik aas absolut
raumlosen Gebilden abzuleiten ein Ding der Unmöglichkeit
wäre. WüNDT freilich setzt uns nach wie vor nicht nur eine
Ranmtheorie vor, die den Raum selbst zu einem Produkt absolnt
räum loser Bedingungen macht, sondern der Theoretiker be-
trachtet seine Schöpfung gerade als die allein wissenschaftliche.
Und um nun zu zeigen, wie jene so eigenartige, obwohl im
übrigen sich fast nur noch wie eine Ruine auszeichnende
Wissenschaft lichkeit nur ein Ansflufs von Wundts all-
gemeiner und uns vor allem interessierender Erfahrung ist,
müssen wir zunächst eine kleine, allgemein orientierende und
sehr elementare Betrachtung voranschicken. Dieselbe könnte
i
— 177 —
überflüssig erBcheinen, wenn man nicht wüfste, dafs die Philo-
sophen sich in einer Lage befinden, wie jene Examenaliandidaten.
welche die niedere Mathematik vergessen hatten und von der
höheren nichts verstanden. Jede Raamtheorie, bebaaptel unser
Philosoph, mufs vor allen Dingen, weil dieselbe ja den
Ursprang des Raumes betrifft, genetisch sein and darf daher
schon ans diesem allgemeinen Grunde von Raum gar nichts
voraussetzen. Denn sonst, wollte man überhaupt nicht auf jede
Theorie verzichten , müfste man ja seine Zuflucht zu einem
angebornen Räume uehmen , und somit in gleichsam
atavistischer Weise der alten Lehre von den angeborenen
Ideen anheimfallen.
Aber wie kommt es denn, möchte ich doch fragen, dafs
wir als kleine Menschen mit Kopf, Leib, Armen und Beinen
geboren werden? Oder widerspricht nicht vielleicht jene That-
sache der genetischen Philosophie ; und werden wir im Grunde
als Eidotter oder als Mehlwärmer geboren? Ich weifs es nicht,
und wollte nur mit jener Frage andeuten, dafs die entwicklungs-
gescbicbtlicben Vorbedingungen und die angeborenen Ideen nichts
miteinander zu thun haben. Wie überall, wenn wir eine Ent-
wicklung verfolgen, müssen wir daher auch in der Frage der
Genesis der Raum Vorstellungen alles dem Keime nach schon
vorauBsetzen , was wir in unserer vollen Erfahrung vorfinden.
Wir können ja erfahi angsmiifsig nicht anders an einen primi-
tiveren Znstand herantreten, als dafa wir Früheres und Späteres
nur wie als Anfangs- nnd Endglied einer und derselben Reihe
in Zusammenbang setzen. Und wenn wir daher nach dem Ur-
sprung der RaumvorBtellungen fragen, so kann dies nichts
anderes bedeuten , als dafs wir das allgemeine Grundschema
unserer Raumerf abrang schon in der primitivsten entsprechenden
Erfahrung voraussetzen müssen, und nur das Mafs der Raura-
orientierung als ein variables und stufenmäfsig sich ent-
wickelndes, so weit dies eben gelingt, darzustellen hätten. Mit
einer solchen Darstellung haben wir uns zwar nicht zu befassen ;
wohl aber war es notwendig, die allgemeine Fragestellung zu
kennzeichnen, um nun weiter deutlich zu machen, dafs eine
erste und ursprüngliche Raumerfahmng nnd eine angeborene
Raum Vorstellung keineswegs zusammen fallen. Sondern eine der-
gleichen angeborene Idee würde nur erst dann vorliegen , wenn
man dieselbe als eine neben unserem eigenen Körper und der
übrigen Umgebung selbständige zweite und im Schlummer-
znstaude befindliche Wesenheit in das Ich oder das Gehirn,
oder auch in den Himmel hineinversetzte, aodafs nun die be-
Willj, DieEriais in der PayobDlogia. 12
treffende eingeschlossene Idee bei Beröhrung mit der Erfahrung
zu erwachen hätte. Wenn wir daher dennoch von angeborenen
individnellen Anlaaen oder Dispositionen beliebiger Art reden,
so können wir hiermit nie etwas anderes meinen, als dars ge-
wisse nienscliliche Individuen nach dieser oder jener Eichtung
einen von allen sekundären EinßDssen unabhängigen, nreprUng-
lichen and ausgeprägten Zustand oder Drang zur Weiterentwick-
lung an den Tag legen. Dafs hierbei die Anlagen und das
Angeborene sieb sirenge genommen nur auf den Zustand und
Bestand unseres eigenen Körpers oder des Körpers unserer Vorfahren
beziehen . wird im raschen Austausch der Sprache freilich ge-
wölinlich übersehen. Solange indes aus dieser Ungenanigkeit
nur Kürze spricht, so haben wir hierzu ein volles Recht. Denn
der Mensch ist ja eine unzertrennliche psyehophysische Einheit,
und für gewöhnlich haben wir gar keinen Anlafs, Physisches
und Psychisches strenge auseinander zu halten. Sondern im
Gegenteil ist die einheitliche Betrachtungsweise die regelmäfsige
und fast überall die allein raarsgebende. Nur dürfen wir aller-
dings nie vergessen, dafs das Psychische nur wie der wechselnde
Sonnenschein oder die fliefsenden Stunden des Tages ein fort-
während Vorübergehendes, Verschwindendes und wieder neu
Auftauchendes bedeutet. Wir sehen hieraus, dafs die Frage,
ob angeboren oder nicht, prinzipiell, wie das Beispiel der Raum-
frage zeigt, nur einfach mit der Frage der Anfangsbedingung
zusammenfällt. Und diese ursprüngliche Raumbedingung, ob-
wohl dieselbe vielleicht innerhalb gewisser Grenzen variiert,
mnfs dennoch von Anfang an in den allgemeinsten Be-
stimmungen (Drcidimensionalität und genügende Unterscheidung
zwischen Umgebang und eigenem Körper) mit der vollen mensch-
lichen Raumerfahrung zusammenfallen , und kann nur als eine
von allen Besonderheiten und individuellen Entfaltungsmöglich-
keiten vielleicht unendlich weit entfernte vorausgesetzt werden.
Wenn es daher möglich sein sollte, auch bis zum ersten Paukte
der Raumerfahrung vorzuschreiten , so müfste schon an diesem
Punkte die volle menschliche Raumerfahrung in ihren all-
gemeinsten Bestimmungen vorhanden sein. Denn gingen wir
noch weiter zurück, so gelangten wir an einen Punkt, der noch
gar keine Raumerfahrung zeigte und folglich auch nicht die
Anfangsbedingung derselben bedeuten könnte. Alles, was über-
haupt jenseits der Ranmerfahrung liegt, kommt als Anfangs-
bedingung daher gar nicht in Betracht und gehört nicht mehr
in die genetische Raumtheorie. Aber Wukdt, wie wir schon
angedeutet haben, macht gerade eine Jenseitsbedingong
— 179 —
znr AnfangsbediDgung. Und wie hierin weiterhin der Philosoph
gerade eine hesondere Wisse nBchaftlichkeit erkannte, so erkennen
wir darin eine hesondere UnwissenschafUichkeit. Um trnn aher
unsere Behanplung genügend zu begründen und unseren Wider-
streit aufzuklären, mUssen wir doch die WusiTsche Ranmtheorie
ein wenig hetrachten. Das tiefste Innerste Jener Theorie
(S. 130, 150 — 51) besteht in der EnthilUnng des Geheimnisses,
wie das raumblinde menschliche Individuum raumseliend wird.
Und damit wir den Gennfs eines so erhebenden Schauspiels,
das uns der Kaum - Blindenoperatenr vorführt , sogar doppelt
hätten, wird uns die Genesis sowohl des Tast- als Sehraums
iu je einem besonderen Bilde gezeigt. Von äufserster Zartheit
freilich sind jene Bildchen , und dieselben können weder mit
den leiblichen Augen noch in der Phantasie angeschaat, sondern
nur einfach stumm bewundert werden. Ein Lokalzeicheusjstem
verschmilzt mit einer Reihe intensiv abgestufter Bewegungs-
empfindungen. Dieses Verschmelzungsprodakt verschmilzt aber-
mals mit einer zugehörigen Reihe von Tastempfindungen.
Und das Endresullat dieser doppelten Verschmelzung ist der
Tastranm.
Wenn wir i-.ua an Stelle der Berührangsempfindungen der
Haut die Ketzhautempfin düngen des Auges setzen, so entsteht
durch eine analoge Verschmelzung der Lieh teiu drücke mit
Muskel- oder Bewegungsemptin düngen und durch Einordnung des
Ganzen in ein optisches Netz qualitativ abgestufter Lokalzeichen
der Gesichtsraum. Die Lokalzeichen und sämtliche übrige hier-
bei vorausgesetzten Empfindungen sind reine, einfache und ab-
solut raumlose Elemente. Und wie in einer chemischen Ver-
bindung das zusammengesetzte Produkt von den Grundstoffen
ganz abweichende Eigenschaften besitzt, so ist auch in unserem
Falle die Raum Charakteristik eine Eigenschaft des Verschmelzungs-
prodnktes, dessen Grundbestandteile reine Intensitäten und
Qualitäten {ohne Kaum) darstellen. Schon öfter hat man gegen
diese psychische Chemie die Bemerkung gemacht, dafs die Ele-
mente derselben doch etwas zweifelhaft wären, da es niemals
gelinge , mit reinen, raumlosen Empfindungen Bekanntschaft zu
machen. Wir unsererseits möchten lieher noch weiter gehen
und sagen, dats die psychische Chemie nicht blofs jenseits der
gewöhnlichen Chemie, sondern überhaupt jenseits des menschlichen
Individuums in Beziehung auf die Umgebung liege. Und der-
selben Meinung ist offenbar auch Wcbdt selbst, wenn er
(S. 135) seine Raumtheorie nicht als empirische, sondern als
genetische bezeichnet wissen will. Denn jene Verscbmelzungs-
Prozesse, wie der Philosoph seihst zur BegrQndiuig auseinander-
setzt, wären ja die Bedingungeu und Grundlagen der Er-
fohruDg und nicbt selbst Erfabmog. Das wäre Ja ganz gnt,
wenn wir nun nur auch wUlsten, wie es mit jenen Grundlagen
der Erfahrung steht. Aber mit der Raomgenesis gebt es uns
gerade so wie mit der Genesis in der Bibel, wenn Gott der
Herr an einem bestimmten Tage Sonne, Mond und Sterne
ins Dasein ruft. Wie hier der Schöpfungstag der Gestirne ein
wundersames und liebliches üysteron - Proteron bedeutet: so,
dtinkt mich, setzen jene einfachen Empfindongselemente den
Raum , welchen sie erst hervorbringen sollen , immer schon
voraus. Und wenn denn doch von einem 'Versclimelznnggprozels
die Rede sein soll, so könnte ich diesen Torgang nnr im Sinne
eines Ein- und Zusammenschmehens verstehen, sodafs derselbe
nicht sowohl anf das Produkt als vielmehr nur auf den Chemiker
za beziehen wäre, der seine Elemente durch ein Auslöschen der
gesamten Erfahrung bis anf den Anflug der reinen Empfindungen
und Lokalzeichen gewonnen hat. Und dafs unsere Vermutung
richtig, und was wir angedeutet haben, Thatsache ist, werden
wir sehen, wenn wir nun den allgemeinen Erfahrungsbegriff
WuhOTs, wovon ja offenbar die Grnndli^en und Elemente der
Raumerfahrung nur eine besondere Modifikation vorstellen, be-
sonders betrachten und untersuchen. Alle Erfahrung, lehrt
(S. 5) der Philosoph, setzt einen objektiv gegebenen Erfahrungs-
inhalt und ein erfahrendes Subjekt voraus. Und wie sich auf
die Unterscheidung dieser Faktoren die Besonderung der Er-
fahrung in Naturwissenschaft und Psychologie grUndet, so ist
es weiterhin im besonderen Sache der Psychologie, dos erfahrende
Subjekt sowohl als solches, als in seiner Beziehung zu den all-
gemeinen Erfahmngsinhalten genauer zu bestimmen. Und nie,
fragen wir zunächst, soll diese Bestimmung geschehen? Der
Philosoph gieht hierauf eine dreifache Antwort und behauptet
(S. 259—261): das Subjekt ist sowohl 1. einfaches Ichgefühl,
als 2. mit dem Icbgef&hl ionig versclimolzener Gefühls- und
Vorgtellungsinhalt oder Selbstbewufstsein, als endlich
3. eine gewisse, zwischen Selbstbewufstsein und eigenem Körper
zusammenströmende Einheit des menschlichen Individuums.
Diese Bestimmungen sind nun allerdings wenig befriedigend und
nichts anderes, als ob man einfach nnr einen Wassertropfen,
eine Wolke und deo ganzen Himmel mit demselben Namen be-
zeichnet hätte. Doch vielleicht erfahren wir etwas mehr, wenn
wir das Subjekt in seinem Zusammenhang mit dem „objektiv
Gegebenen" betrachten. Aber leider ist auch jenes objektiv
— 181 — ^m
Gegebene nnr ein Name, der sich an mannigfaltige nnd sehr
dunkle Gestalten anheftet. Was nämlich die Naturwissenschaften,
die ja im Sinne des Piiilosophen das objektiv Gegebene bearbeiten,
allein als solches übrig lassen, betrachtet Wxindt nur die jenseits
aller Erfahrung liegende materielle Substanz. Und weil alle
jene der Physik nnil Ranm Charakteristik angehörende Prädikate,
inwiefern dieselben der spekulative Denker Substanz ialistisch
umarbeitet, nur Er;<eDgnisse des Fbilosophenintellektes sind, so
schmilzt nun auch die Substanz auf einen blofsen bypotbe tischen
HilfsbegrifT zusammen. So ist nun ollenbar alles, da der Philo-
soph alle konkrete Erfahrung (die Qualitäten der Empfindungen)
ja längst schon dem Subjekte zugeschoben hatte, subjektiv,
nnd die ganze Unterscheidung objektiver und subjektiver Be-
standteile der Erfahrung verliert jede Bedeutung , da mit dem
Wegfall des objektiv Gegebenen auch das Subjekt seine Rolle
ausgespielt hat. Es versteht sich , dafs der Philosoph niemals
die Absicht hegen konnte, die allgemeinen Grundzüge der Er-
fahrung auszulöschen, Wohl aber bebt er wiederholt hervor,
dafs die Unterscheidung von Subjekt und Objekt ein Produkt
der Entwicklung und Reflexion wäre, da die ursprüngliche Er-
fahrung den angedeuteten Gegensatz noch gar nicht kenne.
Allerdings in voller Ausbildung und Schärfe ist die Gegenüber-
stellung von Subjekt und Objekt gewifs erst ein Ergebnis der
ReÜexion. Aber in verschleierter Gestalt mindestens müssen
Umgebung nnd Individuum schon von Anfang an und so weit
unsere Erfahrung zurückreicht, vorhanden sein. Und Aufgabe
der Reflexion kann es nur sein, jenes anschaulich Vorhandene
und Ursprüngliche aus der Dämmerung in das volle Licht der
Klarheit zu versetzen. Scharfe Lichter und Schatten sind indes
freilich nicht jedermann angenehm. Und zu tlieser Klasse
scheint gerade auch Wü.jdt zu gehören. Denn obwohl derselbe
eine in einem gewissen Halbdunkel schwebende Unterscheidnng
des erfahrenden Subjektes und des objektiv Gegebenen nicht
blofs erst auf seinem Standpunkt der Reflexion , sondern schon
als ursprüngliche Thatsache und Ausgangspunkt voraussetzt, so
betrachtet er jene Unterscheidung (S. 261) doch als eine solche,
welcher es niemals gelinge , Subjekt und Objekt einander eiu
für allemal eindeutig gegenüberzustellen. Aber selbst ein
Landschaftsbild mit gedämpften Tönen und ineiuanderflieCsenden
Lichtem darf in jedem Falle, wenn es auf ein Kunstwerk An-
spruch macht, neben der Stimmung gebenden Yieldentigkeit eine
gewisse durchgehende Eindeutigkeit im Aufbau der Raum-
verhältnisse sowohl , als in der Abtönung der Farben niemals
— 182 —
verleogoea. und gerade so verhält es sich nun auch mit den
allgemeinen Charakteren der ErfahrnDg. Bei aller Tieldeatig-
keit der Erfabningstnbalte behaoptet Bich stets eine wohl-
geordnete und festgefügte A rtik ulation der Erfahmng. und
Ban and ZuEammenhang der allgemeinen Erfahmngsartiknlation
können wir [denn auch ohne weiteres in zusammenfassender
nnd genügend eindeutiger Weise dadurch kennzeiclmen , data
wir in aller Kürze die gleichzeitige scharfe Unterschiedenheit
sowohl als einheitliche Zusammengehörigkeit derselben in Bezug
sowohl auf die Umgebung, als das zugehörige menschliche Indi-
vidDum, als endlich in Bezug auf Physisches und Psychisches
auseinandersetzen. Rein inhaltlich genommen, fallen Physi-
sches nnd Psychisches allerdings zusammen. Uenn , inwiefern
wir die gesamte Umgebung wahrnehmen und denkend verarbeiten,
insofern ist dieselbe so gut etwas Psychisches als ein GefW
oder eine phantasiemäfsige Vorstellung. Aber schon jede kleine
Änderung der Stellung unseres eigenen Körpers in Bezug anf
die Umgehnng macht uns bemerklich, dafs zwischen unserem
Körper und der weiteren Umgebung ein von einem jeweiligen
Wahrnehmen oder Vorstellen unabhängiger Kontakt stattfindet.
Da aber ein derartiger unabhängiger Eontakt immer die Vor-
bedingung unseres gesamten Erfahrens und erfahrunpmärsigen
Denkens bedeutet, so folgt von selbst, dafs all unser Erfahren
nnd Denken mit jenem Umgebungskontakt zeitlich sowohl zu-
sammenfällt, als von demselben abhängig ist. Neben dem rein
inhaltlichen Charakter besitzen daher Umgebung und eigener
Körper Überdies im Zusammenhang ihrer Änderuugsbeziehangen
onen besonderen Stellenwert. Und dieser Stellenwert nan
ist es, der eine besondere Artikulation in unsere Erfahrung
hineinbringt. Und in allen bedeutsamen und zur Entscheidung
drängenden Fällen, wenn wir uns den betreffenden Fall nur
denüich uud anschaulich genug vergegenwärtigen, sind wir nun
auch mit Hilfe jener Artikulation der Erfahrung imstande.
Physisches und Psychisches, obwohl dieselben inhaltlich zusammen-
fallen, jederzeit genügend scharf auseinderzuhalteo. Wir können
daher unserem Philosophen sehr wohl durch die Aussage ant-
worten: das objektiv Gegebene ist unsere konkrete und voll-
inhaltliche Umgebung samt eigenem Körper. Und auch das
erfahrende Subjekt setzt uns nicht im mindesten in Verlegenheit.
Dasselbe ist nämlich gar nichts anderes, als nur das konkrete,
oder anders ausgedrückt, das psjchophysisch ungeteilte mensch-
liche Individuum, Und hiervon können wir uns am besten über-
zeugen , wenn wir daran denken , dafs im sogenannten Subjekt
— 183 —
oder Ich nar einerseits die zentrale Stellung unseres eigenen
Körpers in Bezug anf die Umgebung , und andererseits die
Kontinoität und Individualität der verschiedenen menschliche ji
Individuen, inwiefern dieselben relativ selbständige psjchophysische
Einheiten darstellen , zum Ausdruck gelangen. Die konkreten
menschlichen Individuen bedürfen wohl keiner besonderen Er-
läuterang, und nur was die besondere Stellung unseres eigenen
Körpers betrifft, möchte ich eine kleine Bemerkung einschalten.
Jene angedeutete besondere Stellung unseres Körpers nämlich
ergieht sich daraus, dafs derselbe, obwohl als Körper der Um-
gebung angehörig, andererseitE doch zugleich gleichsam zwischen
die Umgebung und das Psychische hineingestellt ist. Denn, in
eigentümlichem Unterschiede von jedem anderen Körper, ist
ouser eigener Körper die direkte und letztinstanzliche
Unabhängige in Bezug auf alles Psychische und behauptet eben
deswegen in einheitlichem Zusammenhang mit den zugehörigen
psychischen Abhängigen, jene in Bezug auf die gesamte Um-
gebung relativ konstante und zentrale oder Ich-Stellung. Woran
es nun liegt, dafs die Philosophen und insbesondere WxranT
niemals znm Licht empordringen, sondern sogar schon die Aus-
drücke: Umgebung und Individuum sorgsam vermeiden
und an Stelle derselben fortwährend die abgeblafsteii Schul-
wörter: Subjekt und Objekt gebrauchen: hierauf haben wir,
was letzte Ursachen and Motive betrifft , hier nicht einzutreten.
Sondern unsere Sache ist es nur, zu zeigen, dafs Wundt infolge
einer exemplarischen Unklarheit die allgemeine und allumfassende
Artikulation der Erfahrung gleichzeitig sowohl verwischt, ala
an Stelle derselben eine metaphysische Verdoppelung setzt.
Fortwährend schärft uns der Philosoph den Unterschied der
mittelbaren und unmittelbaren Erfahrung ein und behauptet,
dafs der hilfsbegrifflich vermittelte und deswegen überhaupt
mittelbare Standpunkt der Naturwissenschaft vom Subjekt ab-
Btrabiere ; wogegen die Psychologie jene Abstraktion wieder auf-
hebe und als unmittelbare Betrachtungsweise den Gegamtinhalt
der Erfahrung auf das Subjekt beziehe. Hieran aber ist gerade
so viel wahr, wie an allen jenen Halbwahrheiten , welche uns
weit mehr verwirren, als die Widerspruch vollsten Irrtümer. Es
ist wohl richtig, dafs die naturwissenschaflücbe Betrachtungs-
weise vom Subjekt in dem Sinne abstrahiert, dafs dieselbe weder
das konkrete menschliche Individuum als solches, noch im be-
sonderen die psychophysische Beziehung zwischen Umgebung
und Individuum zu ihrem Gegenstande macht. Aber eben gerade,
inwiefern die Natu rwi säen schaft rein nur die Umgebung zu ihrem
— 184
GegeDBtaode der BetrachtUEg macht, ingofeni ist dieselbe viel
unmittelbarer als die Psychologie. Damit wir nSmlich
f&big wären, von uns selbst zu abstrahieren, war vor allem eiDe
grofse and von uns binlänglich unabhängige Umgebung notwendig,
Bodars jene Abstraktion, wenn nar die geeigneten nnbefangeoen
und anscliauungskröfcigen Individuen sicli einstellten, ohne be-
sondere Reöexion und ganz von selbst sich machte. Aber wie
unendlich viel mehr Reflexion kostete doch die gleichzeitige
scharfe Unterschiedenheit und einheitliche Zusammengehörigkeit
des Physischen und Psychischen! So viel, daCs dieselbe heate
noch lange nicht hinreicht, um das wahre Verhältnis zwischen
Psychologie und Naturwissenschaft zu einer anerkannten und
allgemein gültigen Einsicht zu machen. Und wie weit gerade
WüNDT von dieser Einsicht noch entfernt ist , beweist im be-
sonderen die sonderbare Anwendung, welche er von seiner
Unterscheidung einer mittelbaren und einer unmittelbaren Er-
fahrung macht. Offenbar nämlich bezeichnet der Philosoph die
naturwisseuschaft liehe Betrachtungsweise nur deshalb als die
mittelbare, weil er dieselbe mit seiner spekulativen Katar-
philosophie verwechselt, welche die Umgebung einerseits in eine
hypothetisch -metaphysische Snbstanz und andererseits in ein
Konglomerat von Empfindungen und Emplindungskoroplexen ans-
ein anderreifst. Mit einer solchen Scheidung und Trennung i&t
nun sogleich alle Artikulation nnd Indivi dual Charakteristik der
Erfahnmg aufgehoben. Sowohl d.ia räumliche Gegenüber von
Umgebung und Individuum , als die psycho physische EinheitG-
nnd Abh Engigkeit sbezi eh nun g sind verschwunden; and geblieben
ist nur noch eine ganz unfatsbare , in Dunst und Nebel auf-
gegangene Zweiheit. Denn kein St bl' h
denkbare Beziehung entweder zwi h
Substanz und der Empfindni g
gebungslosen EmpSudung 1
teilten Subjekt herzustellen. J
doch von derselben reden solle
nur ein gespenstischer Schem
w're imstande, eine
nerfabrbarea
t hen einer um-
ychophysisch ge-
wenn wir denn
denn anderes, als
D pp Igänger der all-
gemeinen Körperwelt ! Und jenes den Empfindungen anhaftende
Subjekt! Was bliebe für dasselbe noch etwas anderes übrig,
als nur der Schatten unseres eigenen KörpersV Dieser so all-
seitig aufgeweichte Zustand war der günstige Boden, nicht etwa
um die Raumttieorie darauf zu basieren, wohl aber um dieselbe
wie eine auf schwankem Grunde wachsende exotische Wasser-
lilie daraus emporspriefsen zu lassen. Denn gleichwie der
Metaphysiker die Erfahrung im ganzen in eine Wolke aufgelöst
— 185 —
hstte, Bo zersetzt nnn der psychologische Analytiker Bpeziel!
die Wahrnehmung in reine Empfindungen, die wie Staub-
körner als verlorene Kleinbürger im \Veltraura hernmirren und
nun endlich darch einen gUiisiigen Zufall sich mit dem groCsen
Urnebel vereinigen. So war der grofse Moment gekommen.
Die Raum- und Welterschatfnng konnte nun beginnen und der
Philosoph sprach: es werdet Aber siehe da, es ward nicht!
Das Wort and der Philosoph waren zwar schon im Anfang,
aber die Welt war gleichfalls von Anfang. — Nüchtern geredet;
WoNDT glaubt an seine geheimnisvollen, empfindnngsreinen, den
Eanm produzierenden Verschm el zun gs Vorgänge wohl selbst nur
halb. Nur neigte eben sein Genius diesmal so sehr zur Ver-
schwommenheit, dafs ihm die begriffsalchem istische Verchmelzungs-
lehre weit mehr zusagte als daa räumliche Apriori , welches
doch stets noch eine gewisse plastische Erafl| voraussetzt. Den-
noch aber war der Philosoph genötigt, gerade bei jenem Apriori
eine kleine Anleihe zn machen, um der geschmolzenen Empfin-
dungs- und Lg kaizeiche nraasse doch wenigsteiis einen Schein
und Schimmer von Zusammenhalt mitzuteilen. Die Konstanz
der räumlichen Eigenschaften (S. 130) nämlich, welche Wündt
durch eine gewisse Gleichförmigkeit der Lokalzeichen und
der inneren Tastempfindungen psychologisch bedingt
sein lafst, ist ja natürlich, gleichwie das nach Dimensionen
abgestul'te Lokalzeichensyslem, gerade umgekehrt nur das schwache
Abbild eines, dem ungefonnten Stoff sein Modellgepräge auf-
drückenden Apriori.
WtJKDTS Zeitvorstellung (170—185) können wir sehr
kurz besprechen. Dieselbe ist nämlich so ziemlich das reine
Gegenbild seiner famosen Raumtheorie. Und da wir die Zeit-
anschaunng besonders und ausführlich schon geschildert haben,
80 genügt es, wenn wir mit Bezugnahme auf das früher Gesagte
nur mit ein paar Worten die Begründung unserer Behauptung
andeuten.
Zuerst (170), im Widerspruch mit der Grundvoraussetzung
der Zeitanscbauung , welche sich stets auf das menschliche
Individuum und die Umgebung gleicbmäfsig bezieht, beschränkt
der Philosoph die Zeit in Gestalt der Zeitabschnitte (Gegenwart,
Vergangenheit, Zukunft) auf ein Verhältnis zum Subjekt unter
Abstraktion von den objektiven Verlaufsformen. Und diese
letzteren, welche, wie wir gesehen haben, zunächst gerade vor-
zugsweise subjektiv sind, macht derselbe zu Zeitelementen ohne
Beziehung auf das Subjekt. Danacli untersucht Wundt die
rhythmisch gegliederten Takt- und Tonreihen ; verwechselt indes
I
— 186 --
slebald die so gewonnenen natürlichen Zeitmafse und weiterhin
sogar gewisse Erwartungsgefühle mit der Zeit selbst; und endlich
(185) macht er ganz nach Analogie der Ranintheorie mit einem
Zeitzeichen- Verschmelzungsprodnkt, als welches der Philosoph
znletzt die Zeitanschaaung jenseits aller Zeiterfahrnng produziert,
den Beschlnfs.
aj Die OefühlsajialyBe.
Wie wir die Gefühle überlianpt nur indirekt und rein
symbolisch darzustellen imstande sind, so versagen hier im
besonderen die Mittel der begrifflichen Analyse fast vollständig.
Wenn ein Lnftbaucti über eine grofse Wasserflache streicht, bo
übersehen wir im ganzen sogleich die Wellenbewegung, und
wenn wir ans weiterhin denken, dafs jeder kleinste und beliebig
kleine Wassertropfen dieselbe, nor entsprechend einfachere Be-
wegung macht, welche die Wassermasse im grofeen beschreibt,
so lafst sich hiergegen nichts einwenden. Aber im Falle der
Gefühlsbewegung haben wir schlechterdings nur das Bild
eines im grofsen bewegten Medinms, nnd die Analogie mit den
einzelnen Bestandteilen wäre ein ganz nnfrnchtbarer
Gedanke. Es giebt in der That nnd ganz wörtlich genommen,
keine einzelnen GeftihJe. Was wir so bezeichnen, ist nur
ein stärkeres Anschwellen nach einer bestimmten Richtung,
Wenn wir nur eine rein begriffliche Beschreibung des Gefühls-
lebens machen, dann versinkt wie eine Lichterscheinung am
Himmel das ganze Schauspiel in den Abgrund, und es bleiben
nebsteinigen Giöfsenrelationcn, wie stark, schwach, rasch,
langsam nur die Ausdrucksbewegungen, die inneren organischen
Schwankungen und Erschütterungen und der allgemeine, zum
Schatten abgeblalste quaUtative Gegen satzcharakter Lnst-Unlnat
zurück. Wir kennen eben die Getühle nur als zngehGrige ab-
hängige Begleiter der Vitalität oder als unzertrennliches und
auch begrifflich nicht isolierbares Medium des Vor-
stellungsl ebene. Wie die lebenden Wesen in der Atmosphäre,
BO 'schweben die Vorstellungen in den Gefühlen, Die Gefühle
zeigen den Zustand des Lebens an; ja sie sind selbst das un-
mittelbarste und begrifflich unfafsbar dahinfliefsende Leben.
Aber alle, und wenn man will unendliche, individuelle Färbung
empfangen die Gefühle vom jeweiligen Zustande unseres eigenen
Körpers, von der Umgebung, in der Folge der wechselnden
Gedaukenströmnng und des gesamten Bestandes und jeweiligen
- 187 —
Törrates der Vorstel langen Überhaupt. Die daneben gleich-
zeitig bestehende, gewisse durcbgebende nod grofse Gleichartig-
keit des gesamten, sowohl sinnlichen als geistigen Get'lihla-
nmfanges ist nur ein anderer Ausdruck für die Tbatsache, dafs
die Gefühle, obwohl dieselben überall dabei sind, und sagen,
wie uns zu Mute ist, dennoch bei all ihrer konkreten Unmittel-
barkeit nichts Besonderes, Individuelles und in Einzelbestandteile
Auflösbares bedeuten. Der einzige Weg, von den Gefühlen
etwas von Belang und mit der Erfahrung Einstimmiges auszo-
Bagen, könnte deshalb kein anderer sein, als dafs man den
Menschen als Ganzes und im Zusammenhang mit einer zugehörigen
gasellschaftlicben Umgebung schilderte. Diesen Weg hier ein-
zuschlagen liegt nicht in unserer Aufgabe. Und unsere Be-
merkungen mufsten wir nnr deswegen voran schi cken , weil die
psychologischen Analytiker nad insbesondere Wukdt ein ganzes
kleines System gefühlsanaly tischer Entdeckungen zu verzeichnen
haben.
2, Der GefühUanalytiker.
Wunut spricht nicht nur von einzelnen einfachen Gefühlen
wie Farben- Ton- Gemeingefühlen und ähnlichen. Sondern er
unterscheidet PartialgefQhle verschiedener Ordnnng, die in mannig-
fachen Kombinationen zu Totalgef üblen verschmelzen. Und
wenn demgemäfs (1B8) ein bestimmter Dreiklang ein ent-
sprechendes Hannoniegefühl besitzt, so setzt sich dasselbe aus
den zugehörigen drei einzelnen Klanggefühlen zusammen. Da
sich aber weiterhin derselbe Dreiklang nach dem Schema a b,
a c, b G in drei Zweiklänge zerlegen läfst, so entspricht nun
abermals jedem einzelnen Zweiklang ein besonderes Zweiklang-
gefühl, Und mit der wechselnden Stärke dieser Partialgefühle
höherer (zweiter) Ordnung ändert sich demgemäfs auch das
Totalgefühl des Dreiklangs. Und ähnlich wie hier denkt sich
WuKDT die Sache bei den Gemeingefüblen. Nur begnügt er
sich diesmal mit Partialgef üblen derselben (niedersten) Ordnung,
da (190) alle höhere Gemeingefühlskomponenten als aus einfachen
(sinnlichen) Pariialge fühlen zusammengesetzt angenommen werden.
Schon das Bisherige für sich gicbt nnn gewifs ein sehr an-
sehnliches Gcfühlskomponentenbeer. Aber der Philosoph weils
nns noch viel mehr zu sagen. Denn jeder qualitativen und
intensiven Änderung (91—92) der Empfindung ordnet er ein
gleichnamiges Qualitäts- und Intensitätsgefühl bei. Inzwischen,
wenn wir bedenken , dafs im Gebiete der Farben neben Quali-
tät und Intensität überdies noch verschiedene Sättigungsgrade
m
imd — von der allgemeinen Intensität abgesehen — weiteriiin
eine Skala abgestufter Farbcnhelligkeiten nnterschieden werden,
dann mUsseo wir konsequent erweise anch für alle einzelnen im
angedeuteten Sinne unterschiedenen Farben Charaktere ein
spezielles Gefühlszeichen besitzen. Und dafs Wükdt seine An-
sicht (96) in diesem Sinne verstanden wissen möchte, beneist
wohl die Änfaerung , dafs bei den Gefühlen der m e h r -
dimensionalen Empfindnngssysteme jeder Kmpßndungspnnkt
gleichzeitig mehreren Geftt hlsd iroensionen angehört. Als
weitere Stufe oder Gefühl sdimension endlich kommen noch alle
jene Gefühle hinzu, welche Wundt den mannigfachen Ver-
bindungen von Empfindungen, wie beispielsweise den
räumlichen und zeitlichen Vorstellnngen, dem Ttrlanf der Affekte
und den Willens Vorgängen beiordnet. Alles in allem also ein
gewifs unheimlicher emharras de richessel Aber einen anderen
Eindruck macht jener nngehenre Reichtum auf den Philosophen
selbst. Er bezeichnet denselben nur als unabsehbar grob
und (96) bedauert es tief, dafs die Sprache keine Ansdracks-
mittel dafür besitzt. Denn die Art, wie beispielsweise Goethe
den ästhetischen Charakter der verschiedenen Farben schilderte,
erscheint Wundt (96) nur als ein Notbehelf, um die einfachen
Farben gefühlskomponenten durch Analogieen zusammengesetzter
Vorslellungsgefühle zu schildern. Aber weshalb denn, nachdem
er einmal über einen so grofsen Besitz verfügt, hat sich der
Philosoph nicht anch die Mühe genommen, uns übrigen den-
selben genügend klar zu machen? Er wird doch seinen Schatz
nicht wie einen Geldschatz behüten wollen. Oder liegt es viel-
leicht nur daran, dafs er selbst vor Staunen und Bewunderung
keine Worte findet? Doch Wusdt als durchaus nüchterner
Philosoph wäre ja seiner Begeisterung gewifs bald genug Herr
geworden ! Und was den ferneren Grund betrifft, dafs die Armut
der Sprache in unserem besonderen Falle nur eine Folge der
starken Subjektivität der Gefühle wäre, so ist nicht abzasehen,
wie ein Analytiker, wenn er wirklich einfache und begrifflich
fafsbare Gefühlskomponenten nnd aus denselben zusammen-
gesetzte Totalgefühle entdeckt hat, nicht auch imstande sein
sollte, nachdem er ja eben durch seine Analyse das Subjektive
eindeutig, konstant und objektiv gemacht hat, präzise Bezeich-
nungen zu erfinden , um nicht mehr länger die Armut der
Sprache zu beklagen , sondern ein für allemal die Wissenschaft
mit einem neuen Kapitel zu bereichern. Was aber hat statt
dessen Wundt getlian ? Weiter nichts , als dafs er an jede
vereinzelte Wahrnehmung nnd an jede vereinzelt gedachte
— 189 — '
oder ans Teilen zugamni engesetzt gedachte Vorstellang
das eatsprecheudc gleidmamige Kameiisgeftihl an-
heftete! Aber schon die sogenaantea Lokalzeichea (in der
RaumtLeorie) waren ja offenbar nichts anderes, als nnr eine
zweite imaginäre Empfindungswelt. Und ganz ebenso nun ver-
hält sich die Sache mit den einzelnen GefUhlekoraponenten,
Nachdem die — in diesem Zusammenhang psychologisch
zu verstehende — Wahr nehmungs well, in sogenannte reine
Empfindungen, ganz nach Analogie des Anatomen und Chemikers
aufgelöst und überdies anch unfehlbar, wiewohl unabsichtlich,
ins Körperhafte umgewandelt war, machte nnn der Analytiker
noch den weiteren Schritt und verdichtete die unendlich
wechselnden und oft nur flüchlig wie ein leiser, kaum bemerk-
barer Hauch auftauchenden GefUhlscbaraktere zu besonderen,
jedes Stück Empfindung umgebenden Gefühls wölke heu. Nun ist
es ja freilich leicht möglich, dafs diese oder jene einzelne Farbe
oder ein einzelner Ton einen eigenartigen Gefühlswert besitzt.
Aber wahrlich nicht deswegen, weil wir spezifische Blau- und
Kot- und dergleichen Gefühlskomponenten besitzen. Sondern
an gewisse Vorstellungen knüpfen sich immer nnr im Zusammen-
hange so oder anders gerichteter Assoziationen nnd Erinnerungen
besondere Gefühlsnüancen. Die hellen Farben erinnern an den
Tag und das Licht und weiterhin an den FrQhling und die
Jugend; die dunkeln Farben an das entsprechende Gegenteil.
Ohne solchen Assoziationszug, wenn wir zunächst von den rein
sinnlichen Gefühlen absehen, schwindet auch alle besondere
Gefühlsnüance. Und gerade dieselben Beispiele, wie wir später
sehen werden, welche Wdädt als Stützen seiner Gefühlsanalyse
betrachtet , sprechen ganz zu unseren Gunsten. Inzwischen
möchten wir aber noch einen anderen Punkt bemerklich machen
und hervorheben, dafs Wli^ot mit seiner Analyse auf halbem
Weg stehen bleibt, indem er wiederholt zu bedenken giebt
(89 — 96; 188 — 189), dafs eine ganze Reihe jener einfachen
Gefühlskomponenten miteinander verschmelzen nnd in dieser
Zusammensetzung mit den einfachen Fartialge fühlen zusammen-
fallen. Aber woher weifs denn der Philosoph , wenn
dieselben doch nicht mehr zu unterscheiden sind, dafs es so
etwas wie einfache Partialgefühle giebt? Gewifs aus keinem
anderen Grunde, als weil sich ihm eben unversehens, an Stelle
der Gefühlswelt ein luftartiges, raateriellcs Fluidnm setzte, dessen
spezifische Beschaffenheiten der Analytiker nur im selben Sinne,
als wenn er einen hypothetischen Körper, wie etwa den Äther,
vor sich hätte, als unbekannt voraussetzt und hierbei ganz
— 190 —
vergifst, dafs eine solche Analogie, auf die Gefühle übertragen,
jede Bedeutnng verliert, weil es ja Gefühle, die, ^ie gewisse
spezifische Eigenschaften Eines hypothetischen Körpers ewig nn-
bekannt bleiben, nicht gehen kann, wenn man sich nicht etwa
mit einem unbewufBten GefUhlsbesitz begnügen willl Statt ans
daher auf Wundts subjektiv luftige und objektiv luftartige Geföhls-
komponenten and Gefählsverschmelzungstotsli täten noch weiter eio-
zDlassen, wollen wir lieher bemerken, dafs unser Psychologe die
Affekte im ganzen geradeso schildert, wie wir gesagt haben, dafs
eine begriffliche Schilderung der Gefühle im allgemeinen aasfallen
müfste. Wdkdt spricht von starken und schwachen , von
sthenischen nnd asthenischen Affekten, von einem bestinimten Ge-
fühls V e r 1 au f nnd endlich beschreibt er die Ausdnicksbewegungen
und die mit der wechselnden Gefüblserrcgung parallel gebenden
Puls Variationen. Dies alles sind nnn aber offenbar gerade jene
Formal- und Gröfsenprädikate , von denen wir früher gesagt
haben , dafs dieselben allein der Analyse standhallen. Wäre
nun aber umgekehrt Wunbts Lehre einer unabsclihar grofsen
Geftthlskomjonistik zutreffend, so müfsten wir doch, je tiefer
wir uns, und dies wäre wohl gerade hei den Affekten der Fall,
mit den zusammengesetzten Gefühlen bekannt machten , una so
mehr von der Besonderheit der Gefühle erfahren. Aber
geraiie das Gegenteil ist der Fall. Je tiefer die Analyse ein-
dringt, um so mehr nähert sich das Ganze einem abstrakten,
aller Besonderheit entfremdeten Affektenschematismus. Wenn
endlich (98 und 209) WtrNBT die Gesamtheit der Gefühle auf
einige Kategorieen reduziert, nnd neben Lust und Unlnst noch
erregende und bernhigende und spannende nnd
lösende Gefühle unterscheidet : so geht hieraus abermals nur
hervor, dafs alle Gefühle rein nur als solche, ohne Rücksicht
auf ein stets vorhandenes Vorstellnngs- und Empfindnngsleben,
nnd abgesehen von den hegleitenden Zuständen unseres eigenen
Körpers, gleichviel, ob dieselben nun Affekte, "Willen smomente,
heftige und erschütternde Sturzwellen oder ein uns blofs zufällig
und leise berührender Anhauch wären, sich nur dnrch Stärke-
grade, Richtungsunterschiede nnd ihre gröfsere oder geringere,
das Individuum mehr oder weniger erfüllende Mächtigkeit von-
einander unterscheiden').
') Eine von der WuNOTSchen etwas abweichende allgemeine
Gefühl Bein teilung hat A. Gurbwiisuu in seiner bemerkene werten Ab-
handlung: Zur Geschichte des Achtungabegriffea und zur
Theorie dereittlichen Gefühle (Würzburg IS97) vorgeschlagen,
und hierbei (S. 54) folgende vier Gegenaatzpaare aufgestellt; Lust-
k
— 191 —
Bevor wir ißdes den PhiloBophen auf seinem weiteren Weg
begleiten, massen wir noch einigen besonderen in die Gefühls-
lehre gehörenden Beispielen (91) eine ganz kleine Betrachtung
widmen, um nämlich die Behauptung nu begründen, dafs an
vereinzelte spezifische Farben eben solche Gefühle angeschlossen
wären, beruft sich Wundt auf die Thatsache, dafs der stärkste
Gefühlston mit dem grüfstcn Sättigungsgrad, wie wir denselben
nur in der Dunkelkammer und auf künstlichem Weg erreichen,
zusaramenfaUe. Wäre nnn, meint Wumdt, die Gefühlsnuance
nur im Zusammenhange des Vorstellnngslcbens und der Ässo-
ziationszüge bemerklich , dann künnte ja jene Thatsache gar
nicht bestehen, weil der höchste und nur künstliche Sättigungs-
grad mit den Farben der freien Natur sich keineswegs deckt,
und folglich zo Assoziationen kein AulaTs vorhanden wäre. Aber
Wdkdt weiTs ja sehr wohl, dafs es auch Kontrastassoziationen
giebt. Und ich sehe nicht, wie etwas anderes als ein Kontrast
in unserem Falle vorliegen sollte. Aber gewifs ist jener Kon-
trast nur wirksam, wenn eine i^ewisse allgemeine Parbenfreudig-
keit als mitschwingender Untergrund dabei vorausgesetzt wird.
Denn, wenn wir die Farben nur etwa als Spektraltheoretiker
betrachten , und alle anderweitigen Interessen zurückdrängen,
dann schwindet auch alsbald jede besondere, den unmittelbaren
Farbe nein druck begleitende Gefühlsnuance. Und dies wäre
offenbar unmöglich, wenn die Gefühle im selben Sinne wie die
Farben etwas Besonderes wären. Weiterhin beruft sich Wundt
noch auf das Geschmacksgefühl. Und in diesem Falle aller-
dings ist ein unmittelbarer Eindruck vorhanden, weil wir dies-
mal ein sinnliches Gefühl vorfinden. Allein auch dies Beispiel
beweist nicht das, was es im Sinne Wundts beweisen soll : näm-
lich dafs die einzelne Geschmacksempfindung als solche ein be-
sonderes zugehöriges Geschmacksgefühl besitzt. Sondern die
sogenannte Geschmacksempfindung ist ohne eine betreffende ein-
geführte Speise oder Genufsmittel, und ohne direkten Bezug auf
eine zugehörige bestimmte Vitalität unseres eigenen Körpers
Unlust, Streben- Widerstreben, Thätigkeit-Euhe, Aufregung- Lahmung
(ExnlatioD-Depresaio d J.
Und hieraus geht denn wohl abermala und mit aller Deutlich-
keit hervor, dafs jede allgemeice, rein begriffliche und suhematiacha
Darstellung der Gefühle nichts anderes zu stände bringt, als eine
andeutende und zusammenfasaende Beschreibung nicht sowohl der
(unfarsbaren) Gefühle, als vielmehr nur einfacn des gesaroten, in
Gegensätzen sich bewegenden affektiven, appetitiyen und stimmungs-
tnärslgen menschlichen Verhaltens.
— 192 —
nur eine Vorstellung oder Eriunenmg. Und hieraus folgt, dafs
die sinnlichen Geftthle überhaupt keine zwitterhaften and
atomisüschen Empfindungsgeftthlstöne^ sondern mitschwingende Be-
gleiter unseres eigenen gesamten, wenn auch vielleicht nur hauch-
artig berührten Körpers in Bezug auf eine zugehörige Umgebung
bedeuten.
Als Abschlufs der Geffthlsanalyse möchten wir endlich, da
WüiQDT hierzu gerade Anlafs giebt, unsere früheren Bemerkungen
(s. S. 126 — 128) über die ästhetischen Elementargefühle mit ein paar
Worten ergänzen. Neben gewissen Farbenzusammenstellungen
(195 — 196) erwähnt auch Wiindt die bekannten einfachen Ver-
hältnisse der Symmetrie und des goldenen Schnittes als be-
sonders wohlgefällige Kombinationen. Ich möchte nun niemand
seine ästhetischen Elementarfreuden, und selbst wenn dieselben
in einen Lehrsatz eingekleidet erscheinen, verktlmmern. Denn
wie überall, giebt es gewifs auch im ästhetischen Gebiet Über-
gangsformen. Die analytische Elementarästhetik freilich ist
eine Mischform sehr abgeleiteter Art und bedeutet nie etwas
anderes, als nur eine künstliche Übertragung eines allgemeinen
und durch Erziehung und Kunstgenufs gesteigerten ästhetischen
Fühlens auf blofse mathematische Figuren und vereinzelte Brach-
stücke der Wahrnehmungswelt überhaupt.
4) Experimentelle Besultate.
Mit den Spezialisten der Psychophysik teilt Wundt die
Ansicht, dafs die experimentelle Methode die psychologische
Beobachtung überhaupt exakter mache und von selbst
und ohne weitere Beihilfe geeignet wäre, über den Bereich des
Experimentes hinaus allgemeinere und tiefere Einsichten an-
zubahnen. Und in seinem Grundrifs hat Wdndt besonders die
Willensvorgänge, gewisse Leistungen der Aufmerksamkeit, die
Affektivcharaktere und eine eigentümliche Deutung des Webebt
sehen Gesetzes als Beispiele des experimentellen Fortschrittes
benützt. Schon früher und in einem anderen Zusammenhange
(s. S. 66 ff.) haben wir unsere abweichende Ansicht zu begründen
versucht. Und wenn wir hier das experimentelle Verfahren
nochmals betrachten, so geschieht es nur, um an den Beispielen
WuNDTS dieselbe Sache von einer etwas anderen Seite in einem
etwas anderen Lichte und deswegen eben in ergänzender Weise
zu schildern. Und um das Frühere mit dem Gegenwärtigen zu
verknüpfen, fasse ich unsere schon bekannten Ergebnisse zn-
nächst in einige mafsgebende allgemeine und mit Bezug auf
— 193 —
ansere vorliegende Betrachtang besonders formulierte Sätze zu-
sammen.
1. Das experimentelle Verfahren macht die psychologische
Beobachtung keineswegs exakter, sondern es fördert nur gewisse
spezielle ümgebungsintimitäten zu Tage, die man auf anderem
Wege nicht erreicht. 2. Die so gewonnenen Beobachtungen
sind von sich aus keineswegs im stände, weiterzuführen. Denn
im Gesamtumfange der Psychologie ist das Gestalten früherer,
halb zufälliger und durch einfache Anschauung zugeflossener Er-
fahrungen die Hauptsache und auch dasjenige, was allein eine
Initiative besitzt und eine dirigierende Kraft auszuüben fähig
ist, 3. Der höhere Wert experimenteller Ergebnisse ist abhängig
von dem MaTse, in welchem es gelingt, dieselben mit einem
gröfseren Ganzen in Znsammenhang zu bringen.
Wir beginnen unsere Betrachtung mit den Willensvorgängen
und geben eine Antwort auf die Frage: welches sind die Ein-
sichten, womit uns Wundt (231 — 237) durch seine Reaktions-
versuche beschenkt hat? Die einfachste Gestalt eines derartigen
Eeaktionsversuchs besteht darin, dafs man durch Verabredung
einen Sinneseindruck, eine mit der Hand auszuführende Bewegung
and etwa noch ein vorausgehendes Signal, um die Aufmerksam-
keit zu konzentrieren, festsetzt. Ist dies geschehen, so leitet
der mehr aktiv Beteiligte den Vorgang ein, und die Versuchs-
person hat sofort nach wahrgenommenem Eindruck eine Be-
wegung mit der Hand auszuführen und den Vorgang abzuschliefsen.
Und inwiefern ein solcher Vorgang eine kleine Willenshandlung
darstellt, sehen wir nun sehr leicht ein. Voraus geht nämlich
eine gewisse Spannung und Erwartung. Dieselbe steigert sich
bis nach Eintritt des Signals. Nun folgt auf das Signal der
erwartete Sinneseindruck selbst und erhöht vielleicht die
Spannung zuerst noch mehr. Dann aber sinkt dieselbe rasch,
und die ausgelöste Bewegung ist zugleich eine Entspannung und
Lösung. Der ganze Vorgang setzt sich also zusammen aus einer
Keihe wechselnder Affektivwerte und schliefst mit einer Be-
ruhigung und Aufhebung derselben durch eine Bewegung. Und
schon eine solche kleine Affektivreihe , inwiefern dieselbe ein
Ganzes bildet, mit einer Bewegung endet und zwischen An-
fang and Ende eingeschoben ein vermittelndes und von uns
herkömmlicherweise als Motiv bezeichnetes Übergangs- und
Zwischenglied in Form eines Sinneseindruckes (Licht- oder
Schallwahmehmung) aufweist, können wir als Willenshandlung
charakterisieren. Denn allerdings ist in dem geschilderten Vor-
gang jener Wechsel und Zusammenhang von Vorstellung und
Willy, Die Krisis in der Psychologie. 13
— 194 -
Wahrnehmang , wie derselbe den Übergang des Menschen aus
einem theoretischen in ein praktisches Verhalten anzeigt, wie-
wohl noch in einer sehr schattenhaften, so doch genügend deut-
lichen Weise, schon angedeutet. Sehr viel deutlicher kommt
die Charakteristik des Willensvorganges an den Tag, wenn wir
an Stelle eines einfachen Sinneseindruckes mehrere treten lassen,
zwischen welchen gewählt werden muTs. Die Strecke zwischen
Anfang und Ende der Handlung wird auf diese Weise nicht
nur verlängert, sondern es geht nun eine gewisse Überlegung
und Absicht in erhöhtem Malse voraus und teilt diesen Charakter
einer vorbedachten Motivierung dem Ganzen mit.
Dies ist nun im wesentlichen alles, womit uns Wukdt durch
die Ergebnisse seiner experimentellen Willensuntersuchong be-
kannt macht. Und ich vermag hierin nichts anderes zu er-
blicken, als nur gleichsam ein im kleinen ausgeführtes Modell
eines von anderwärts her bekannten und aus anderen Quellen
geschöpften Grundrisses. Und sehr einleuchtend gebt dies
daraus hervor, dafs jene Verabredung zur Vornahme einer
bestimmten und in bestimmter Weise auszuführenden Handlung,
welche letztere man also allerdings im allgemeinen und in
ihren Hauptzügen schon kennen mufste, eine notwendige Vor-
bedingung des betreffenden Experimentes war. Anders verhält
es sich freilich mit den besonderen Einzelvorgängen,
welche die Beobachtung des experimentellen Willensvorganges
kenntlich machte. Jene Einzelvorgänge allerdings sind etwas
verhältnismäfsig Neues und etwas, was nur mit Hilfe des Ex-
perimentes aufgefunden werden kann. Aber durchaus nicht
etwas, was exakter wäre, als was wir auf dem Wege einer ganz
unmethodischen und rein nur aus einer auf unsere unbewaffnete
Persönlichkeit angewiesenen Erfahrung zusammenweben und
heraufarbeiten, bis es fest genug vor unserem Auge schwebt,
so dafs wir es der Sprache überliefern und wechselseitig aus-
tauschen. Denn wenn Wundt (233) die fraglichen Vorgänge
als Erwartungsgefühle, Spannungsempfindungen und Erinnerungs-
bilder (von wechselnder Deutlichkeit) beschreibt, so kennen wir
ähnliche Zustände und Vorgänge aus der übrigen Erfahrung
ganz ebensogut. Und nur dafs wir in unserem besonderen
Falle Erinnerungsbilder eines bestimmten Sinneseindruckes und
Spannungsempfindungen des Trommelfelles, der Augenmuskeln
oder auch des reagierenden Organes (der Hand) vorfinden, ist
wohl etwas die allgemeinere Erfahrung Spezifizierendes, aber
dieselbe an Genauigkeit durchaus nicht Übertreffendes. Denn
im selben Sinne, wie wir incht zweimal als ganz dieselben aus
— 195 —
dem grofsen Strome der Erfahrung auftaachen, ganz ebenso
können wir auch die Reaktions versuche nicht so oft wiederholen,
als wir wollen. Und wenn wir hierin auch etwas mehr Freiheit
besitzen, so sind doch die einzelnen Versuchsreihen immer wieder
anders, und die Hauptsache, das Gesamtbild, das wir uns
verschaffen, ist vom Experiment nur in zufälligen und unwesent-
lichen Punkten abhängig. Nun wäre freilich noch die Frage
nach der Geschwindigkeit oder der Zeit, welche jene einfachen
Willenshandlungen oder Reaktionsvorgänge beanspruchen , zu
besprechen übrig. Indes werden wir hierauf, inwiefern vielleicht
unsere entsprechende Auskunft durch die anderweitige und
frtdiere Betrachtung (s. S. 72 — 73) noch nicht vollkommen genug
ist im Zusammenhange gewisser Phänomene der wechselnden
Aufmerksamkeit antworten. Inzwischen aber hat es den An-
schein, dab WuNBT durch seine Reaktionsversuche eine gröfsere
entwicklungsgeschichtliche Einsicht in die Willenshandlung an-
zobahnen beabsichtigt. Wenigstens bezeichnet (219) Verfasser
als den einfachsten Fall eines Willensvorganges ein
einziges Gefühl mit begleitender einziger Vor-
stellung. Nun, ich denke, dieser einfachste Fall und ent-
wicklungsgesehichtliche Anfang stamme nirgend anders woher
als aus dem Laboratorium. Derselbe ist ja offenbar nur die
Yerallgemeinerung jenes einfachsten Reaktionsversuches, der
durch Verabredung eine kleine, nur aus einem Sinneseindruck
und einer anschliefsenden Bewegung zusammengesetzte Handlung
konstruierte. Es ist recht schade um jene zierliche Über-
tragung. Aber es ist nicht anders — dieselbe ist nur eine
Folge der scholastischen Gewohnheit, alles aus Begriffen und
wo möglich aus einem einzigen Begriff abzuleiten. Denn jene
experimentelle kleine Willenshandlung setzt ja eine Verabredung
votaus und kann daher nie etwas anderes bedeuten als nur ein
vereinfachtes Schema. Wenn man dies vergifst und jenes ex-
perimentelle Modell, wie dies Wundt durch seinen ein-
fachsten Fall einer Willenshandlung gethan hat, zu einem
biologischen Anfang macht, verwechselt man nur das
Schattenbild eines Experimentierkünstlers mit der Natur selbst.
Weil die biologische Entwicklung mehr oder weniger kon-
tinuierlich geschieht, so entsteht sehr oft die Meinung, man könnte
nun, wie bei einer aus einer Reihe ineinandergeschobener Stücke
zusammengesetzten Röhre, ein Ganzes der Entwicklung kon-
tinuierlich auseinanderfalten. Aber erst wenn die Entwicklung
wie mit einem Ruck schon ein schönes Stück fortgeschritten
ist, erkennen wir dieselbe. Und ohne eine gewisse scharfe
13*
Diekontinnität und manche klaffende Lücken hätte alle Ent-
wicklang und Entwicklangsgescbichte gar kein besonderes
Interesse. Erst jene Stufen und Abstände reizen ans, Ver-
bindungsglieder anfzoBuchen , was indes nie so weit gehen darf.
dafs man etwa im Gebiete der Handlang, nach dem Vorbilde
WusDTs, bis auf eine einzige Vorstellung and aaf ein ein-
ziges Gefttlil zurückzugeheu hätte. Was eine einzige Vor-
stellang ist, kann Überhaupt gar niemand sagen. Sondern nur
weil die räumliche Umgebung in einzelne Bestandteile zerfällt,
sind wir überhaupt im stände, von zugehörigen einfachen
Sinneseindrttcken zu reden. Weiter aber können wir nicht
mehr gehen. Und wenn maii zahlenmäTsige Einheiten aaf
das höhere Vorstellangs- und Gefühlsleben überträgt, so bat
solches nur entweder eine symbolische oder willkOrliche oder
endlich eine begritfswtlrfelartige und scholastische Bedeatnng.
Erst nachdem der Mensch in seinem Handeln schon längst über
das Mafs jener im Umfange der Heaktions versuche beschlosseneii
Vorgänge binausgelangt ist, kommt es Überhaupt zd jenen för
das Wollen gerade besonders charakteristii^cben Erscheinungen.
Nur die Züge drangvoller Leidenschaft, die Stöfse heftiger
Affekte im Kampf nnd im Ausgleich mit Reflexion und Be-
sonnenheit nämlich bieten uns das geeignete Material , um den
Menschen in seinem Thun , Können und Wollen kennen zu
lernen. Und wenn daher hierzu im Gegensatz Wuhdt fort-
während die Neigung kundgiebl, jene niederen, halb oder ganz
automatischen sogenannten Triebe oder Instinkte zu einer
Spezialität des Willens zu machen , so beweist er hiermit eben
nur, dals ihm, nach einer ihn besonders aas zeichnen den Manier
Erfahrung, Welt, Experimentirkammer und vager Allgemein-
begriff in eins zusammenfliefBen. Wir freilich gewinnen hier-
aus die allgemeine Einsicht , dafs ein gewisser allgemeiner und
wie eine neae Mode betäubender Nimbus der Exaktheit mit der
alten, bald mehr zierlichen, bald mehr pompösen Scholastik sehr
TTohl und friedlich zusammen besteht.
Mit Versuchsreihen anderer Art macht uns Wundt (247
bis 2SS) bekannt, wenn er den höchstmöglichen Grad der
Deutlichkeit oder Schärfe, womit wir gewisse Sinnesein drücke
wahrnehmen, zu bestimmen sucht. Einfache Linien, Funkte,
Ziffern, Buchstaben und einsilbige Wörter werden als Reize oder
Eindrücke benutzt, um die Frage zu beantworten, wie viele der-
gleichen Elemente wir anf einmal und in einem annähernd ein-
heitlichen Akt der Aufmerksamkeit in voller Schärfe wahr-
zunehmen vermöchten. Da nun jener höchste Grad der sinn-
liehen AnfmerkBamkeit nar eine karze und wechselnde DEiner
besitzt, welche sich id Seknsden genau aasdrUcken läfst, so
haben wir nun hier doch einmal, so Bciieint es wenigstena, eine
psychische Gröfse gemessen und folglich einen Fall vor ons,
der, im Widerspruch mit unseren früheren und eogar ausführlich
begründeten Behauptungen , noch auf pajchiacliem Gebiete im
strengen Sinne mefsbare und daher absolute Gröfsea fest-
setzt und also auch gewits die psychologische Beobachtung
überhaupt exakter macht.
Ich räume ohne weiteres ein, dafs die Dauer und mit
derselben die Zeit überhaupt, die, wie wir gerade auseinander-
gesetzt haben , sich gleichmäfsig sowohl auf die Umgebung als
das gesamte Psychische erstreckt, sobald dieselbe als Mafs-
zahl erscheint, einen absoluten Uröfsenwert besitzt. Und
dieser absolute Gröfsencharakter , der ja in unserem Falle un-
zweifelhaft vorhanden ist, weshalb sollte denn derselbe nicht
auf alle psychischen Zeitwerte übertragbar sein? Ja, wenn das
in abstrakter Schärfe und Reinheit von der Umgebung und vom
menschüchen Individuum unterschiedene Psychische als ein
Ganzes eine genügend konstante Gröfse wäre, dann wäre die
Zeit als absoluter Gröfsencharakter auf das Psychische schlecht-
weg anwendbar. Jene Bedingung genügender Eonstanz, wie
wir alsbald zeigen werden, trifft nun aber gerade so wenig zu,
dafs unsere frühere (s. S. 77 — 83J allgemeine und prinzipielle Ab-
lehnung der psychischen absoluten Gröfsencharakteristik und der
vorliegende spezielle Fall nur das Scheinbild eines Wider-
spruches erzeugen. Psychische Zeitwerte nämlich sind nur als
vollkommen vereinzelte und isolierte, uur in sehr enge Grenzen
eingeschlossene Bauergröfsen mefsbar. Denn wahre Mefsbarkeit,
wie dieselbe allein der Rauracharakter aufweist, setzt genügend
gleichartige und ins Gröfse und Kleine beliebig ausdehnbare
Dauerstrecken oder Einheitswerte voraus. Diese Voraussetzung
trifft nun aber im vorliegenden Falle der sinnlichen Aufmerk-
EHmkeit so wenig zu, dafs die experimentellen Psychologen selbst
von einer Konstanz der Aufmerksamkeit nicht zu reden wagen.
Sondern alles, was betreffende Experimente bestimmen könnten,
wären nur (ganz vereinzelte und isolierte) Zeitwerte der sinn-
lichen Aufmei'ksamkeit in Bezug auf einzelne Versuchsreihen.
Und diese vereinzelten und variabeln Werte sind ferner so be-
schaffen, dafs mau aus denselben für sich niemals, wie etwa
aus astronomischen Beobachtungsreihen, ein Ganzes und eine
annähernde (mehr als nur statistische) Konstante herstellen könnte.
Denn wir dürfen, was nicht minder wesentlich und entscheidend
— 198 —
ist als die Variabilität und Vereinzeltheit der betreffenden Werte,
gleichfalls nicht vergessen, dafs die reine psychische Gröfsen-
charakteristik , sobald dieselbe zu gröfseren Werten ausgedehnt
werden möchte, ihren speziell psychologischen Charakter verliert
und als allgemeine psychophysische Ungeteiltheit mit der Um-
gebung verfliegt. Deswegen sind die (rein) psychische Zeit-
werte von vornherein nicht nur auf kleine Gröfsen beschränkt,
sondern dieselben können auch nicht summiert werden und fallen
daher keineswegs in den Kreis mathematischer und streng be-
grifflicher Charakteristik. Gröfsere Zeiträume nämlich würden
uns offenbar mit Lebensabschnitten (Stundai, Monaten, Jahroi)
eines menschlichen Individuums bekannt machen. Aber wie vid
oder wie wenig in den betreffenden (gröfseren) Zeiten im einzelnen
Falle erlebt werden möchte : wir w&rden auf diesem Wege stets
— und hierauf kommt es s^lein an — wenn wir jene Einheiten
als Ganzes betrachten, eben nur einen bestimmten Menschen
als psychophysisch ungeteiltes Gesamtindividuum, das als solches
keine absolute Gröfsencharakteristik besitzt, von einer bestimmten
Seite aus kennen gelernt haben.
Gerade das Beispiel der schwankenden Zeitwerte der
sinnlichen Aufmerksamkeit beweist also* augenscheinlich, dafs das
mathematische Verfahren in der Psychologie eine ganz andere
Bedeutung besitzt als in den Naturwissenschaften. Zwar auch
das menschliche Individuum hat oft, wie beispielsweise in der
Astronomie, die Aufgabe eines Präzisionsinstrumentes. Jedodi
schlechterdings in keinem anderen Sinne, als inwiefern in jenem
besonderen Falle der beobachtende Forscher und die beobachtete
(astronomische) Umgebung in eins zusammenfallen. Über-
trägt man, wie dies die Psychophysiker thun, in ideeller und
hypothetischer Weise jene von vomh^ein vorausgesetzte astro-
nomische Umgebungskonstanz auf die von der Umgebung unter-
schiedenen psychischen Werte, so bewegt man sich eben in
einem argen Zirkel. Denn alle Ungenauigkeiten und indivi-
duellen Abweichungen der astronomischen Beobachtung fallen
durchaus und ausschliefslich auf die variable Aufmerk-
samkeit. ' Die zugehörige Umgebung dagegen besitzt den
Charakter einer streng gesetzlichen und annähernd vollkommenen
Konstanten. Wäre es daher, statt dafs dieselbe den strengen
naturwissenschaftlichen Konstantencharakter vergeblich nachzu-
ahmen sucht, nicht eine viel fruchtbarere Angabe ftlr die
zahlenmäfsig arbeitende Mafspsychologie , nur einfach sowohl
gewisse statistische Mittelwerte als individuell abweichende
Yariationswertc festzustellen? Durch die statistischen Werte
— 199 —
könnte sich die Psychophysik vielleicht mit gewissen , auf
Präzisionsheobachtungen angewiesenen Naturwissenschaften in
einen anregenden Wechsel verkehr setzen. Und was die Variations-
werte betrifft, so wären dieselben wohl geeignet, gewisse ungewöhn-
liche, zarte Abhängigkeitsbeziehungen in Bezug auf das Klein -
konkrete der menschlichen Umgebung zu veranschaulichen.
Wenn daher Wundt (252 — 253) den Umfang des Bewufst-
seins von der Aufmerksamkeit unterscheidet und Beides gröfsen-
mäfsig miteinander vergleicht, so haben die betreffenden Zahl-
gröfsen, wenn überhaupt eine, keine andere als nur eine an-
schaulich-symbolische Bedeutung. Den Umfang des Bewufstseins
— im Unterschiede von der Aufmerksamkeit — definiert
WnNDT im angedeuteten Falle durch eine im Verhältnis zur
Aufmerksamkeit herabgeminderte Schärfe der Auffassung, welche
aber gerade noch hinreicht, um eine Anzahl Taktschläge ein-
heitlich festzuhalten. Die betreffende Anzahl von Takten setzt
derselbe 40 Einzeleindrücken gleich. Und da nun weiterhin
die früher geschilderten Aufmerksamkeitselemente einen Ein-
heitswert von durchschnittlich (249) 10 einzelnen Buchstaben
ergeben, so bestimmt sich, wenn wir die Rechnung machen, das
Gröfsenverhältnis von Umfang und Aufmerksamkeit des Bewufst-
seins wie 40 : 10 = 4 : 1. Nach dem Gesagten versteht sich
indessen von selbst, dafs weder die 40 taktischen Einzeleindrücke
den Umfang des Bewufstseins in 40 gleiche Untereinheiten noch
die 10 Einzelbuchstaben die Aufmerksamkeit in 10 gleiche
Untereinheiten zerfallen. Und doch müfste dies der Fall sein,
wenn eine streng begrifflich und mathematisch zu verstehende
Gröfsenvergleichung zu Recht bestehen sollte. Denn es ist ja
von selbst einleuchtend, dafs, abgesehen von jenen der Um-
gebung angehörigen Einzeleindrücken, die (von der Umgebung
zu unterscheidenden) psychischen Akte als solche (Umfang des
Bewufstseins und Aufmerksamkeit) schlechterdings keine absoluten
und zahlenmäfsigen Gröfsencharaktere aufweisen.
Wie aber verhält sich die Sache, wenn wir der wechselnden
Aufmerksamkeit eine weiteie als die unmittelbare sinnliche Be-
deutung beilegen und darunter ganz allgemein die verschiedenen
Stufen der Klarheit verstehen?
Auch Wundt (244—245) geht in seiner Unterscheidung
(Umfang und Aufmerksamkeit) von der angedeuteten allgemeinen
Grundbedeutung der Aufmerksamkeit aus und scheint der An-
sicht zu sein, die wechselnde Schärfe in der Auffassung sinnlicher
Eindrücke wäre sehr wohl geeignet, unsere Einsicht betreffend
die gröfsere oder geringere Klarheit des Vorstellungslebens
— 200 —
überhaupt zu vertiefen und auf diese Weise das Feme und Ab-
gelegene durch das Elementare und Näherliegende zu kenn-
zeichnen und Beides zusammen in einheitlichem Zuge anzu-
schauen.
Nun besteht allerdings zwischen der sinnlichen Aufmerk-
samkeit und den Stufen der Klarheit im grofsen eine gewisse
Analogie. Denn sowohl die maximale Schärfe der sinnlichen
Auffassung als jene der Eontrasterhöhung verwandte Steigerung
der Deutlichkeit eines Dargestellten überhaupt, repräsentieren
ja gleichmäfsig positiv höchste Werte in Bezug auf die Art,
wie wir uns einen geistigen Inhalt in weitester Bedeutung zu
eigen gemacht haben. Diese allgemeine Analogie ist aber doch
nur eine solche von sehr peripherischem Charakter. Und wenn
wir die vorzugsweise charakteristischen und bedeutsamen Züge
der Stufen der Klarheit kennen lernen wollen, dann müssen
wir uns ganz an jene Fälle halten, welche einen (relativ)
neuen, gröfseren Inhalt zum erstenmal aus dem Dämmer und
der Zerstreutheit zu einer vollen und glänzenden Lichtgestalt
heraufarbeiten. Und über das betreffende Mafs der Klarheit
(oder Unklarheit) entscheidet nun jeweilen der Umstand, inwie-
fern es uns gelungen ist, so konkret, so mit anschaulichen
Zügen gesättigt, so sicher und so frei von Widerspruch mit
sich selbst sowohl als mit der Erfahrung dazustehen, dafs wir
fortwährend und auf der ganzen Linie der Betrachtung wie mit
einem Schlag von der Wahrheit und von dem kräftigen Leben
des Enthüllten erfüllt werden.
Aber offenbar sind diese schliefslich allein interessanten
Fälle der Klarheit, welche in zweifelhaften Fällen nur durch
Kritik gelöst werden können, von jenen kleinen Präzisions-
fällen der sinnlichen Aufmerksamkeit so weit und noch viel
weiter entfernt, als die Erscheinungen von Ebbe und Flut von
den Wellen eines Binnensees entfernt sind. Die sinnliche Auf-
merksamkeit und die wechselnde Klarheit im allgemeinen mit
demselben Worte in der Absicht zu bezeichnen, um hierdurch
Beides von demselben Gesichtspunkte aus zu betrachten, wäre
daher keineswegs ratsam. Denn eine derartige Betrachtungs-
weise würde im besten Falle zu nichts führen, und viel näher
läge daher der Gedanke, die erhöhte Klarheit mit dem Farben-
kontrast zu vergleichen. Und zwar nicht nur wegen der Kon-
trastanalogie, sondern weil die Vergleichung sehr schön ersichtlich
macht, dafs die Stufen der Klarheit und die Intensitätsgrade
nicht miteinander zu verwechseln sind. Denn wie der ur-
sprüngliche (unmittelbare) simultane Farbenkontrast nur etwas
— 201 —
PsyclÜGcbes bedeutet, so gilt dasselbe auch von der Klarheit
(und Unklarheit). Die Intensität ihrerseits dagegen ist sowohl
eine Eigenscliaft der Ungebunü als des Vorstellungs- und des
Gefühlslebens, Dt'snn geachtet bleibt die von Wunbt (249 — 250j
beschriebene Beobachtung eine sehr interessante nnd hübsche
experimentelle Verifikation der angedeuteten (zwischen Intensität
und £larbei1 bestehenden) Differenz. Jener Beobachtung zufolge
zeigt sich nämlich, dafs schwache, von der angespannten Auf-
merksamkeit festgehaltene Kindrücke fortwährend schwanken und
Angenblicke lang ganz zu verscii winden scheinen. Jene
Schwankungen der Aufmerksamkeit (Klarheit) wären nun aber,
nach der Beobachtung von Wunnr, von einem daneben hergehen-
den Wechsel der Intensität sehr scharf zu unterscheiden. Übrigens
ist auch noch zu sagen, dafs die Intensität der Vorstellungen,
wenn wir von der spezifischen Farbe der Wahrnehmung absehen,
regelmäfsig Überhaupt nur schwach wie ein sanfter Anhauch ist
und alles intensive Leben derselben von den Gefühlen
stammt. Und auch schon dies genügt, uro Klarheit und Inten-
sität auseinanderzuhalten.
Was nun weiter die Art betrifft, wie Wdndt (207—208)
die Afi'ekte experimentell beobachtet, so haben wir hierüber nur
sehr wenig zu sagen. Wündt glaubt, das Experiment hätte den
grofsen Vorzug, dafs man dadurch die Affekte willkürlich erregen
nnd daher vom Zufall viel unabhängiger beobachten könnte.
Aber davon abgesehen, dafs die zu experimentellen Beobachtungen
willkürlich hervorgerufenen Affekte nur noch ziemlich lahme
und gleichsam salonfähige oder Theateraffekte sind, so bleibt
ja nach wie vor dieselbe Schwierigkeit, die Wundt durch sein
künstliches Verfahren gerade umgehen möchte, bestehen: dafs
wir nämlich gleichzeitig sowohl von einem Affekt ergriffen als
kühle Beobachter eben jenes Affektes sein sollten. Und inwie-
fern daher Jene auf experimentellem Wege gewonnenen Schwan-
kungen des Pulses, die den Affekt begleiten, noch eine mit der
ursprünglichen Äffektivcharakteristik zusammenfallende Physio-
gnomie bewahren, wäre danach keine müfsige Frage, Uns jedoch
liegt dieselbe ferne. Und wir haben im vorliegenden Zusammen-
hange nur noch einige Bemerkungen zu Wdndts Deutung (297
bis 302) des WEBBsschen oder des im engeren Sinne sogenannten
psychophy Bischen Gesetzes vorzubringen. Jenes Gesetz ist nun
bei Wdsdt mit einem Fufs ganz aus der engeren Psychophysik
herausgetreten, aber mit dem anderen steckt dasselbe noch gar
tief und nur allzu tief darin. Freilich, wie unsere Betrachtung
zur Genüge gezeigt hat. ist die Gröfsencharakteristik unserer
— 202 —
Erfahrung infolge einer bis auf die Wurzel derselben dringenden
und insbesondere auch die Unterscheidung von Umgebung und
Individuum und von Physischem und Psychischem umfassenden
Relativität eine ebenso unerläTsliche als nicht ganz leichte Sache.
Auch die Erfahrung in eigener Person, wie es scheint, zeigt uns
manchmal ein Antlitz von verkniffener Subtilität , und wir haben
alle Umsicht, Besonnenheit und Ruhe nötig, um nicht in einer
Spintisierfalte hängen zu bleiben. Wünbt nun ist in einer jener
Falten mitten im Antlitz der Erfahrung hängen geblieben.
Seine Auslassungen über das nach E. H. Webeb benannte
Gesetz sind ein Knoten und Knäuel der Verwirrung, dafis es
eine wahre Freude ist! Doch möchten wir hieraus Wuitot
keineswegs einen besonderen Vorwurf machen; denn es kam
uns nur einfach darauf an, die Thatsache als solche zu
konstatieren.
Danach soll es im Psychischen zwar keine absoluten Mals-
zahlen geben und dennoch eine Messung im strengen, mathe-
matischen Sinne ausführbar sein. Und was insbesondere die
Gröfsenbeziehung zwischen Reiz und Empfindung betrifft, so be-
hauptet Wu»DT innerhalb gewisser, eben derjenigen der Giltig-
keit des WEBEBSchen Gesetzes entsprechender Grenzen ein Ver-
hältnis einfacher Proportionalität. Aber die Thatsachen, die er
für das letztere anführt, und welche ich nicht bezweifeln will,
beweisen nur, dafs jene gewisse gröfsere Unabhängigkeit der
Empfindung von den absoluten Reizgröfsen starke Ausnahmen
zu erleiden scheint. Denn wenn, wie Wundt hervorhebt, bei
Vergleichung minimaler Tonhöhenunterschiede eine Konstanz
nicht der relativen, sondern der absoluten Unterschieds-
ßchwelle gefunden wird, so könnte dies, da es ja keine absoluten
Empfindungsintensitäten giebt, nur eine Folge der angedeuteten
Ausnahme, aber niemals einen Beweis von Proportionalität be-
deuten. Wenn sich nun noch weiter zu dieser schwankenden
und widerspruchsvollen Haltung des Verfassers eine von aller
speziellen Psychophysik unabhängige, ganz unmathematische und
rein relative Gröfsen vergleichung gesellt, so ist es höchste Zeit,
dafs wir uns aus einem solchen Wirbel herauswinden! Und
auch Wundt selbst bezeichnet seine relative öröfsenvergleichung
wiederholt und fortwährend als einen Spezialfall der allgemeinen
apperzeptiven Beziehungsgesetze. Und diese letzteren nun
werden wir am zweckmäfsigsten im allgemeinen Zusammenhange
der Apperzeption und insbesondere bei Schilderung der psychischen
Kausalität ins Auge fassen.
— 203 —
5) Die psychische Kausalität.
Was versteht nun Wundt unter seiner psychischen Kausalität ?
Er sagt es uns nirgends — und doch tiberall ! Jene (psychische)
Kausalität ist nämlich nichts anderes als das Wesen der Seele
selbst, inwiefern sich dasselbe zur Geistwelt erweitert und dem
zuschauenden und lauschenden spekulativen Psychologen sich
als allumfassender Emanationszug von den einfachsten reinen
Empfindungen weg bis zu den höchsten Entwicklungsgesetzen,
welche in die geschichtliche Bewegung einmtinden, offenbart.
Und in abstrakterer und anscheinend streng wissenschaftlicher
Formulierung sagt Wundt (365 — 368) nur dasselbe, was wir
selbst soeben angedeutet haben. Denn der Philosoph bezeichnet
die Seele zugleich sowohl nicht minder als die unmittelbare
allumfassende Wirklichkeit selbst, als dafs er derselben die
Funktion eines entsprechenden allumfassenden und kausal-
interpretierenden Hilfsprinzips der psychischen Thatsachen
zuschreibt. Nun, jene Hilfsbegriffe haben wir ja schon ein
Stück weit an uns vorübergeftthrt , als wir die raumzeitlichen
Yerschmelzungsprozesse und die Gefühlsanalyse schilderten. Und
um nun endlich unsererseits der psychischen Kausalität, die wie
eine geheimnisvolle verschleierte Dame, ohne jemals ihren
Schleier zu lüften, nur immer an uns vorüberstreift, ins Antlitz
zu sagen wer sie sei und was sie zu bedeuten habe^ verfolgen
wir unsere Weg weiter zu einer anderen Gestalt jener Hilfs-
begriffe ^ die sich als Assoziation zwischen die Willens-
phänomene und die Apperzeptionsvorgänge einschiebt. Aber in
diesem ganzen Assoziationskapitel (263 ff.) hat sich die psychische
Kausalität wie ein Flufs im Meer verlaufen. Man spürt von
derselben nur noch eine schwache Strömung. Denn Wundt be-
schreibt an jener Stelle seiner Betrachtung einfach gewisse Züge des
Gedächtnisses und des Wiedererkennens, sowie den Anteil, welcher
dem Yorstellungsleben am Aufbau insbesondere der optischen
unmittelbaren Sinnenwelt zukommt. Aber sogleich in voller
und sogar in zweifacher Gestalt taucht die psychische Kausalität
unter der Hülle der Apperzeption wieder auf. Wundt versteht
unter Apperzeption eine zur (passiven) Assoziation besonders
hinzukommende Thätigkeit. Eine Thätigkeit, welche sowohl
eine willkürliche und auswählende als eine vorstellende (be-
ziehende und vergleichende) ist. Betrachten wir beides für sich;
zuerst die apperzeptive Willenshandlung und dann die besondere
ai^erzeptive Yorstellungsfunktion. Die blofsen Assoziationen, meint
(292, 306) Wundt, könnten wohl Willensvorgänge erwecken,
wären aber niemals im stände, ihrerseits durch Willensvorgänge
204
zQ werden. Sondern jene Willensbeeinfiassnng Mi
gerade etwas, wodurch sich die apperzeptiven Verbin donga formen
von den blofsen ÄssoziationszUgen in cbarakter istischer "Weise
nnterscheiden. Diese den Vorstellungs Verbindungen mitgeteilt«
Aktivität oder Passivilät ist indes freilich nichts anderes als
nur ein spiritneller Doppelgänger des menschlichen konkreten
Individuums. Wir können nur vom ganzen Menschen entweder
in gewissen Stimmungen und Lagen oder im Sinne eines darch-
gebenden Charakterzages sagen, derselbe wäre aktiv oder passiv.
Übertragen wir dergleichen Prädikate auf die Vorstellungen, so
stellen wir da-s Vors teil ungsmaterial und das hinzutretende
(aktive oder passive) Ich wie zwei räomlich getrennte Sachen
einander gegenüber. Und dafs dergleichen bei Wundt nicht
nur eine Freiheit des Sprecheoe , sondern einen Ansflufs seines
wohl konservierten SpiriCnalismus beitentet, ergiebt sich aus dem
Umstand, dafs Aktivität und Passivität von dem Philosophen
zn einem strengen (ursächlichen) Kriterium zwischen Assoziation
und Apperzeption gemacht werden. Denn während bei den
Assoziationen das Gefühl der Thätigkeit den Verbindungen
blofs als eine ausgelüste Wirkung nachfolge, sollen die
apperzeptiven Vorstelluagsgebilde unter der Mitwirkung
der Aufmerksamkeit überhaupt erst zu stände kommen,
so dafs jenes Aktivitätsgeffihl in diesem Falle daher nicht mehr
nur als nachfolgende Wirkung sich (blofs passiv) ereigne, sondern
gleichsam als Initiativaktivität ursächlich vorauf^ ehe. Diese
Schilderung nun wiederholt nur ganz dasselbe , was wir schon
im Assoziationskapitel (s. S. 109 fl.) auseinandergesetzt haben.
Die ganze Unterscheidung von Assoziation und Apperzeption
durch das Kriterium der Aktivität und Passivität ist nur eine
Neuauflage der alten Seelen vermögentheorie; nur mit dem
Unterschied, dafs an Stelle der älteren verschiedenen Vermögen,
bei WüNDT nun zar Abwechslung zwei ganze Seelen : eine aktive
und eine passive Seele, getreten sind. Dafs Wcntit selbst
natürlich die Sache viel anders und tiefer versteht und sich
über unsere Darstellung philosophisch entrüsten würde , dies hat
in unserem Falle nar die Bedeutung, dafs die WtTNDTschen
Seelen nar ein sehr mattes, schattenhaftes Dasein führen und
mit dem konkreten Individuum daher leicht zu einer Drillings-
einheit oder Seelen -Dreieinheit verwachsen. Aber dafs man sich
hei der WusDTSchen Apperzeptionspsychologie, wenn überhaupt
etwas, dann das Dargestellte denken mufs, geht weiter daraus
hervor, dafs die Unterscheidung von Aktivität und Passivität,
wie der Philosoph dieselbe, von seiner Seelentheorie abgesehen.
— 205 —
versteht, der Erfahrung widerspricht. Wenigstens was mich
betrifft, eo sehe ich mich ganz anCser stände, mit Wündt be-
haupten zu können, daCs das Aktivitätsgefühl das eine Mal als
Wirkung den Vorst eil ungskompl exen nachfolge, das andere Mal
als erzeugende Ursache denselben vorausgehe. Sondern nas ich
erfahre, ist schlechtweg in der angedeuteten Hinsicht nie etwas
anderes als nur eine mit den Vo rate llungsin halten gleichzeitig
vorhandene und vorgefundene, bald mehr aktive, bald mehr
passive Gefühlsfärbung. Bafs aber jemals eine solche Gefühls-
färbung in Be^ng. auf zugehörige Vorstellungen als Wirkung oder
Ursache ausgezeichnet wäre, hiervon habe ich auch nicht einmal
eine Ahnung. Wohl kann es vorkommen, dafs im Gedränge und
Gewoge erst halb klarer Vorstellungen die Gefühle im Vorder-
grund stehen und insofern also deutlicher nnd stärker vorhanden
Bind als gewisse Vorstellungen. Allein auch im Falle, dafs wir
jene angedeuteten Gefühle samt zugehörigen Vorstellungen als
gespannte Aufmerksamkeit, als absichtliche Konzentration oder
planmäl^ig und methodisch in der Arbeit begriffene Thätig-
keit bezeichnen , gilt auch von dieser Aufmerksamkeits-
betätigung genau dasselbe, was ich von den Geftlhlen ges^t
habe. In einem bestimmlen Momente sind mit gewissen Vor-
Btellnngen und Gefühlen gewisse andere Vorstellnngen und Ge-
fühle gleichzeitig vorhanden, und in einem folgenden Moment
ist nun eine der früheren Gefühl svorstellungsgruppen ver-
schwanden und eine andere an die Stelle getreten. Wenn ich
mich beispielsweise in einem ersten Moment im Zimmer befinde
nnd in einem zweiten Moment im Freien wandere, weil mich
der verlockende Frühlingstag hinausgezogen hat, so ist keines-
wegs etwa die Vorstellung oder das Gefühl des Frühlings die
Ursache des Spazierengehens, Sondern was hier vorliegt, ist
nur einfach, wenn wir absichtlich von aller Umgehungs-
charakteristik absehen und — ■ wie dies ja Winjci als psychischer
Kansaltheoretiker gerademacht — immer nur von Vorstellungen
reden, im ersten Moment die Vorstellung des Frühlings und in
einem zweiten Moment die nun als Wahrnehmung charakterisierte
Vorstellung des Spazierengehens, Gar nicht anders, als wenn
im ersten Moment ein Vogel vorbeifliegt nnd im zweiten
Moment eine Wolke aufsteigt; oder wenn im Zeitpunkt a der
Himmel schön rosenfarben nnd im Zeitpunkt b fahlgrau erscheint.
Und ebenso ist es mir unmöglich, in einem gegebenen Falle die
angestrengte Willensthäligkeit als Ursache einer nachfolgenden
Vorstellung oder Ansicht zu entdecken. Sondern was ich be-
sitze, beschränkt sich auch diesmal auf eine einfache Aufeinander-
^ 206 —
folge (oder Crleichzeitigkeiti. wobei äberdies noch zu beachten
bleibt, dafs nicbt etwa regelmäfsig das Beabächtigte im Gefolge
der Anetrengung und Absiebten sieb einstellt, BOndern oft ganz
nngeaacbt, unwillkürlich und unbeabsichtigt anftaucht, aber
«beneo oft auch aller Anstrengung zata Trotz ausbleibt Wenn
also WuNDT die willkürliche und unwillkürliche oder aktive und
passive Charakteristik als Ursache und Wirkung bezeichnet,
so geschah dies offenbar nur deshalb, weil ihn der höhere
Geist so sehr erfüllte, dafs, er nicht mehr genau unterschied,
ob er zu blolsen Menschen oder zu höheren Psychologen spreche.
Und nur an diesen Unterschied möchten wir den Philosophen
erinnern. Denn dafs im Reiche der Geister die Welt als
Wille and Vorstellung vielleicht eine solche der Ursache
und Wirkung ist — wer möchte hierüber entscheiden und
sagen, wos, von unserer Erfahrung abgesehen, überhaupt möglicti
oder unmöglich wäre! Wir müssen indes auf die allerschärfste
Unterscheidung zwischen Erfahrung und Spekulation um so mehr
dringen, als Wukdt Beides gerade fortwährend, wie unsere
ganze bisherige Schilderung zeigte, wie ein Spiegel- und Fanoruna-
kÜQStler ineinanderschiebt. Diese Neigung und Vorliebe gebt
so weit, dafs der Philosoph (218—222) sich nicht mehr mit
der Motivation der Handlung begnügt, sondern zwischen Gefühl
und Vorstellung derart unterscheidet, dafs er die Gefühle zu
Triebfedern macht, deneu allein in der Vorbereitung einer
Handlung die entscheidende Bedeutung zukomme. Und zwar
-derart soll dies der Fall sein, dafs man ja niemals etwa einen
Willen sentsclilufs zu einem logischen SchloCs machen dürfte,
weil SchluFs und Entschlula miteinander zu verwechseln nur ein
arger Mifsgriff einer in teile ktualistischen Richtung in der Psycho-
logie wäre. Dafs die meisten Handlungen ohne besondere und
lange Überlegungen und also einfach assoziativ und nicht im
-speziellen und technischen Sinne logisch von statten gehen,
wissen wir alle. Weshalb aber im einzelnen Falle nicht auch
einmal ein wohl gedrechselter logischer Schlufs mit einer auf die
Umgebung gerichteten Handlung zusammentreffen könnte, ist
nicht einzusehen. Weshalb also ein so strenges Verbot? Weil
■derWille — antwortet der Philosoph — stärker ist als der Intellekt.
Aber wie schon die aktive und die passive Willensapperzeption
nichts anderes als nur eine aktive und eine passive Seele waren,
«0 sind auf ganz demselben Wege der Übertragung verschiedener
Individualcharaktere auf eine einzelne Handlung oder ein Motiv
der Handlung aus den ehemaligen Seelen vermögen Wille
■und Intellekt nun zwei abermalige ganze Seelen und dies-
mal (wohl unter dem Einflüsse Schopenhadebs) insbesondere
eine herrschende und eine dienende Seele geworden. Und
da wir die Neigung Wusdts, die Willenshandlung so weit als
möglieb zurackzUTSrlegen und einen nur ans einem einfachen
Gefühl und einer ebensolchen Vorstellung bestehenden Anfangs-
und Erabryowillen anzusetzen, schon von früher (s. S, 195)
her kennen, so haben wir nun zur übrigeo Seelenkolonie noch
überdies ein Seelenjnnges , damit die edle Rasse doch ja nicht
aussterbe. Weiter indes wollen wir diese Art Fruchtbarkeit
nicht mehr verfolgen and nun zur zweiten Gestalt der Apper-
zeption übergehen.
Wie die pasBive Assoziation eine aktive Apperzeption voraas-
setzte, so tritt nun auch, wie wir schon angedeutet haben, zu
den Vors lelluügsin hallen oder den einzelnen assoziativ ver-
knüpften Bestandteilen der Vorstellung |296; 306) eine be-
sondere, von jenen Inhalten und Bestandteilen wohl zu
unterscheidende ThiLtigkeit des Beziehens und Vergleichens
hinzu. Und diesmal hat nun der Philosoph neben einer
besonderen Theorie, auf die wir alsbald zurückkommen,
eine jener grofsen Wahrheiten ausgesprochen, wie man
ähnliche Trivialitäten oft bei Philosophen findet, welche unter
gewaltig viel Stroh einige, die MUbe des Aufbebens kaum
lohnende Brosamen verstecken. Jene ganze grofse Wahrheit
nämlich besteht in dem Satz, dafs Unterscheiden etwas anderes
ist als — Nichtunterscheiden I Im ilhrigen aber sind Beziehen
und Vergleichen nicht etwas Zweites, zu den Inhalten erat
Hinzukommendes. Jene Vorstelinngsinhalte sind keineswegs ein
vorhandenes Material, welches nun die sogenannte vergleichende
Thätigkeit in Ordnung zu bringen hätte, Sondern wir
haben Überhaupt eine Reibe aufeinanderfolgender psychischer
Zustände oder Akte zu unterscheiden, welche mit so oder anders
beschaffenen, mehr oder weniger Unterschiede und Beziehungen
aufweisenden Vü rste 11 ungsin halten einfach zusammenfallen. Wenn
wir uns sprachlich so ausdrücken, dafs wir die Inhalte und das
Unterscheiden, Beziehen und Vergleichen derselben wie zwei
getrennte dingliche Sachen einander gegenüberstellen, so ist dies,
wie sich von selbst versteht , nur Kürze , Bequemlichkeit nnd
Darstellongsplastik. Und wir können wohl auch deutlich an-
geben, was wir im allgemeinen und regelmälsig mit der ge-
schilderten Ausdrucksweise im Auge haben. Wie ich glaube,
meinen wir nun mit einem jeweiligen Vorstellungsganzen
Inhalte, die im Halbdämmer der Unklarheit schweben; nnd
andererseits bedeuten dann im Verhältnis hierzu die Bestand-
— 208 —
teile und unterschiedenen besonderen Inhalte und ihre
ziebangen dasselbe, nun aber zur Klarheit gelangte, von der
um bullen den Wülke befreite nnd mannigfach bereicherte Vor-
stellungsganze. Danach ist das Verhältnis zwischen
Vorstellen und Vergleichen nicht dasjenige eines Unter-
Buchnngsnchters zu seinen Akten, sondern dasjenige der halb
dunkeln Morgendämraernng znm Sonnenaufgang. In wähl-
verwandtBchaftlicbem Bewnfstsein jedoch bat sich Wundt nicht,
an die Analogie der reizenden Naturscenerie , sondern an die-
jenige des Aktenscbreibers gehalten and bat in entsprechendem
Sinne seine Theorie der beziehenden und vergleichenden Apper-
zeption ausgebildet. Dieselbe ist gleich der Willensapperzeption
nur ein Derivat der Vermögen spsychologie. Und mit weicher
Modifikation der älteren Theorie wir es in unserem Falle zu
tbun haben, brauche ich nicht erst lange auseinanderzusetzen.
Wir haben ja an anderer Stelle fs. S, 40 ff.) Bbbntabos
Einteilung von Vorstsellung und Urteil und die analoge Dnter-
scbeidnng von Assoziation und Urteilsfunktion bei Josl
(s. S. 122—123) Reschildert. Und ohne weiteres sehen wir nun
ein, dafs Wdndts Assoziation und Apperzeption in ganz dieselbe
Klasse gehören und nur mit ein hifschen anderen Worten dasselbe
behaupten, was jene anderen lehren. Wir aber haben deswegen
nur um so mehr Grund, die Assoziation als einzige Verbindongs-
form des gesamten höheren nnd niederen psychologischen Lebens
anzuerkennen. Zwar nicht etwa in der Meinung , um , gestutzt
auf die assoziative Thatsache, eine allgemeine Theorie als
Desiderat hinzustellen. Neinl Sondern wir möchten jene That-
sache an dieser Stelle nar deswegen besonders hervorheben,
weil dieselbe wie einen Mittelpunkt und Scheideweg darstellt.
Wer nämlich als philosophischer Nachahmer des analytischen
Verfahrens der Naturwissenschaften an die Assoziationspsychologie
herantritt, wird natürlicherweise aus der Assoziation entweder
eine Fseudomecbanik in irgend welcher Gestalt zusammen-
komponieren , oder aber er wird andererseits in jener Thataache
ein unteres Stockwerk in einem Seelengebäude erblicken. Nun
könnte aber jemand auch ganz auf eigenen Füfsen and vor
allem als anschauender Mensch an die Psychologie herantreten.
Und ein solcher nun mUfste sagen: Die Assoziation ist ein erster
Schattenrifs zn einer Scbilderung, die den individuellen, kon-
kreten Menschen zum Ziele hat. Der Punkt und die Wage aber,
auf welcher unsere Psychologie der Gegenwart schwebt, schwankt
nach jenen beiden Seiten. Und es ist gewifs nicht zufällig,
wenn Wundt seine Beschreibung der Assoziation von fremd-
artigen Bestandteilen verhältnismäfsig frei gehalten hat. Um
- 209 —
eben auch nur das Gedächtnis , die gedächtnismäfsige Fhantaeis
and das OBsimilieroiide Znsammenäiegen von Vorgtellnng nod
Wahrnehmung etwelchermafsen zu zeichnen, war eine fort-
währende Rücksicht auf die Beziehung des Menschen zur Um-
gebnng und zu seinen Mitmenschen scerläfglich. Aber lange
freilich hielt dieser Zng nicht stand ; und um die Apperzeptiona-
theorie ahznschliefsen , wollen wir nur noch ein paar, dem
Ganzen die Krone aufsetzende Bemerkongen machen. Wir haben
früher (3. S. 202) die eigentilmliolie nnd zwickniühlen artig
vertrakte Stellung hervorgehoben, in welche bei Wdndt das
WEBEßsche Gesetz geraten ist. Aber die allgemeine Apper-
zeptionstheorie war so gnädig und erbarmte sich jenes nieder-
gedrückten Gesetzes, welches nun als apperzeptive Grüften -
vergleichung (299 — 302) seine Auferstehung feiert. Nun
wunderte ich mich zuerst lange, was wohl der Philosoph für
eine tiefe Absicht im Schilde führe. Denn ich konnte nicht
wohl begreifen, weshalb wir ein besonderes apperzeptivea
Grolsengesetz nötig hätten, da ja dasselbe nicht mehr besagt,
als was mir meine in die freie Lnft gesteckte Nase kund giebt,
wena ich wissen möchte, ob es wann oder kalt, oder kälter
oder wärmer sei. Nnn aber sehe ich, dafs doch ein guter Ein-
fall hinter dem Schilde steckt. Denn offenbar eignet sieb die
vorgeschobene Nase in vorzüglicher Weise als Apperzeptionsorgan
nnd wir wissen nun ein für allemal, dafs wir eine Apperzeptions-
nase besitzen.
Hiermit haben wir nun aber erst das obere Ende der
psychischen Kausalität kennen gelernt. Wir mUssen indes auch
das untere Ende derselben oder ihr Bodenstück ansehen. Doch
zum Glück ist dies zum guten Teil schon geschehen j und wir
haben nur noch nötig, nns das Frühere in die volle Deutlichkeit
der Gegenwart zu rücken. Die psychische Kausalität Wundts
beginnt ja offenbar schon mit den einfachen reinen Empfindungen
und den einfachen Gefühlen, welche sich immer mehr zusammen-
setzen nnd schliefslicb zu höheren und höchsten und also anch
apperzeptiven Gebilden anwachsen. Von jenen einfachen Be-
standteilen nnd Elementen aber sahen wir schon, dafs die-
selben unvermeidlich sich unter der Hand in ein materielles
Kedinm verwandeln. Wir können jetzt sehr bestimmt sagen,
weshalb dies geschieht und — obwohl unabsichtlich — mit
Notwendigkeit geschehen murs.
Im Gesamtumfange unserer Erfahrung ist es nur allein die
scharf und hart im Baume nebeneinander liegende Körperwelt,
welche uns infolge ihrer wechselseitigen und sich durch grofse
- 210 —
Konstanz auszeichnenden Änderangsbeziehangen ebensowohl die
Kausalität (funktionelle wechselseitige Bedingtheit), als eine
streng begriffliche und in gewissen Gebieten in weitem Umfange
mathematische Analyse abnötigt. Vergleichen wir hiermit die
Welt des Psychischen, so ist nun mit einem Schlage alles
recht sehr anders. Vor allem, da es eben keine rein psychische,
individualisierte und relativ selbständige, den Körpern analoge
Einheiten giebt, fällt hier die auf Grund einer wirklichen Zer-
legung vorgenommene Analyse vollständig dahin. Zwar können
wir auch die Farben und vorzugsweise die Töne in sehr ein-
greifender Weise analysieren. Doch dies besagt nur, dafs wir
an jenen Sachen sehr vielerlei unterscheiden können und über
gewisse Wahrnehmungen hinaus nicht mehr weiterkommen. Und
was die Kausalität betrifft, so besitzen wir hiervon, wenn wir
uns, wie wir gesehen haben, streng auf das Psychische be-
schränken, schlechterdings auch nicht die leiseste Ahnung, da
wir neben Aufeinanderfolge oder Gleichzeitigkeit sonst keine
andere, rein psychische und allumfassende Beziehung vorfinden.
Wenn fast alle Psychologen desungeachtet die naturwissen-
schaftliche Analogie der strengen Analyse und der Kausalität
ohne Umstände und schlechtweg auf die Psychologie übertragen :
so beweist dies eben nur, dafs dieselben fortwährend und in
höchst unklarer Weise, wie wir dies ja in unserer ganzen bis-
herigen Schilderung gezeigt haben, alle Erfahmngscharakteristik
zernichten.
Zwar legt Wundt seinerseits alles Gewicht darauf, dafe
man das Psychische nicht als (materielle) Substanz, sondern
als Aktualität und (868 — 869) als eine Mannigfaltigkeit unter
sich verbundener Ereignisse begreife. Zwischen der (meta-
physischen) Substanz und der WuNDTSchen psychischen Aktualität
besteht jedoch nur ein Unterschied des Aggregatzustandes. Die
psychische (voluntarische) Aktualität ist nicht so handgreiflich
wie ein materieller fester Körper ; auch ist dieselbe begreiflicher-
weise keine physische Luftart, und sogar nicht einmal ein un-
wägbarer Äther. Wohl aber bleibt dieselbe ein gespensterhaftes
Mittelding und Schattenmedium, ob wir nun hierbei an die
lawinenartig anschwellenden und sich zusammenballenden Ver-
schmelzungsprodukte der einfachen Empfindungen oder einfachen
Gefühle denken, oder ob wir uns die wie eine Salzsäule in die
Lüfte ragenden und mit Zinken und Gabeln gezierten Apper-
zeptionsmassen vergegenwärtigen. Hieraus allein freilich hätte
unmöglich jemals ein Werk wie Wundts Grundrifs der Psycho-
logie entstehen können. Aber nun trat eben der Philosoph als
— 211 —
grofser, als umfassender und encyklopädischer Gelehrter da-
zwischen und gab dem Ganzen einen äufserst glatten, gleich-
mäfsigen wissenschaftlichen Anstrich und einen Schein von
Festigkeit. Und hierzu war unser Philosoph gerade der geeignete
Mann, weil seine flaumige, wie ein Kometenschein locker
glänzende Intelligenz alles positive Wissen sogleich in die Region
der vagen AWgemeinbegriffe versetzte, so dafs nun diese Begriffs-
gestalten und der methodologisch-metaphysische chaotische Ur-
zustand eine starke Anziehungskraft aufeinander ausübten. Die
Folge war, dafs die psychische Kausalität nun als selbständiger
Weltkörper, aber ohne im mindesten an die himmlische Ordnung
gebunden zu sein, bald da, bald dort sichtbar im Räume schwebt
und ein ganz besonderes Klima besitzt. Ungefähr ein Klima,
wie wenn wir an einem gleichmäfsig trüben und grauen Tage im
tiefen Spätherbst, wo schon alles Laub und Grün verschwunden
ist; oder im ersten Vorfrühling, wo noch alles schlummert, oft
kaum wissen, welche Jahreszeit wir haben, oder ob wir überhaupt
im mittleren Westeuropa oder nicht vielmehr tief im Inneren
Sibiriens zu Hause wären.
Wenn daher Wundt seine Psychologie, weil dieselbe
zuerst die psychische Kausalität in umfassender Bedeutung
in die Wissenschaft eingeführt hätte, den Geisteswissenschaften
als allein geeignete Grundlage anempfiehlt so können wir es
nun den Jüngern jener Wissenschaften getrost überlassen, sich
ihr eigenes Urteil zu bilden.
Wir aber gehen weiter und haben bei Fk. Jgdl und
Ebbinghaüs, denen wir noch eine ergänzende Betrachtung
schulden, eine der psychischen Kausalströmung ähnliche Quelle
der Unklarheit aufzuzeigen.
Inzwischen aber möchten wir als Abschlufs unserer Kausal-
betrachtung nur noch einige kleine allgemeine orientierende Be-
merkungen anbringen. Denn der Leser könnte doch vielleicht
in Zweifel und Unklarheit versetzt werden, wenn wir alle fort-
während und ganz unbedenklich den handelnden und denkenden
Menschen als Ursache (oder Wirkung) bezeichnen, und nun
unsere Auseinandersetzungen dazwischen treten und sagen: es
giebt keine psychische Kausalität. Doch diese Dunkelheit ver-
schwindet sogleich, wenn wir bedenken, dafs das vom Physi-
schen auf das strengste unterschiedene Psychische und das kon-
krete menschliche Individuum nicht dasselbe sind. Auf letzteres
(das konkrete Individuum) dürfen wir die Kausalanalogie sehr
wobl übertragen. Denn in diesem Falle kommt es nicht, wie
bei der psychischen Kausalität der Theoretiker,
14*
— 212 —
gerade darauf an, Physisches und Psychisches scharf auseinander
zu halten. Sondern im Falle des konkreten Menschen mag nur
immerhin Physisches und Psychisches insoweit ineinanderfliefsen,
als wir es diesmal mit dem psychophysisch ungeteilten mensch-
lichen Individuum zu thun haben. Andererseits dürfen wir doch
wieder nie vergessen, daXs das kausale konkrete menschliche
Individuum sich von den Fällen strenger physischer Kausalität
sehr charakteristisch unterscheidet. Und um nun klar zu
machen, an was ich hierbei denke, wähle ich einige Bei-
spiele.
Wenn wir im täglichen Leben einem Mitmenschen eine ge-
wisse Handlung zurechnen, wenn wir in der Geschichte von
einem bedeutenden Einflufs eines geistig hervorragenden
Menschen auf seine nächste und weitere Umgebung zu berichten
wissen, wenn wir endlich sagen, aus so beschaffenen kleinen
Anfängen und halb zufälligen Anregungen hat sich im Laufe
der Zeit diese oder jene technische Erfindung herausgestaltet:
so liegt hier durchgehends nicht nur Aufeinanderfolge oder
Gleichzeitigkeit vor, sondern es umschwebt uns hierbei unmittel-
bar wie etwas von einer Notwendigkeit. Und zwar hat
diese Notwendigkeit entschieden eine starke Verwandtschaft mit
gewissen physischen Thatsachen, wie etwa, dafs der Mond das
Sonnenlicht reflektiert, oder dafs die Geschwindigkeit eines frei
fallenden Körpers in einem bestimmten Momente bedingt ist
von der vorangehenden Geschwindigkeit desselben. Aber den-
noch sind die Notwendigkeit hier und der Zusammenhang dort
sehr anders. Im Gebiete der Psychologie und des geschicht-
lichen Lebens überhaupt könnte uns niemals einfallen, etwa
nach Analogie des freien Falles der Körper, Aufeinanderfolge
und Zusammenhang der Ereignisse begrifflich zu konstruieren.
Die geschichtliche Notwendigkeit ist keine abstrakte Kat^orie
und kein begrifflicher Lehrsatz. Sondern dieselbe ist vielmehr
nur die allgemeine Überzeugung und Anweisung, dafs wir bei
genügend lebendiger und vielseitiger Anschauung imstande sein
möchten, einen individuellen gesellschaftlichen Zusammenhang in
der Darstellung glaubhaft zu machen und aus zerstreuten Gliedern
ein Ganzes zu gestalten. Und selbst in der Beurteilung der
rechtlichen Handlungen , wo wir so sehr geneigt sind , die ein-
zelne Tbat von dem handelnden Individuum abzulösen und als
Einzelfall dem allgemeinen höheren Gesetz unterzuordnen : selbst
hier müssen wir fortwährend, wenn wir uns nicht einfach der
Barbarei des Zufalls überliefern wollen, Korrekturen vornehmen
und die Handlung so viel als möglich nur als Bestandteil des
- 213 —
jeweiligen einzigartigen Individuoms und individuellen Zusammen-
hanges betrachten.
2. Spirituelle Nebelbilder bei Ebbinghaus.
(Grundzüge der Psychologie. Bd. I.)
Im Zusammenhang der allgemeinen Fragen bespricht
Ebbinghaus, wie sich von selbst versteht, auch das;; Verhältnis
von Leib und Seele. Und dorthin müssen wir nun unserem
Philosophen folgen. Aus jenem Zusammenflufs entspringt ja die
Psychologie; und je nach Beschaffenheit der Quelle und der
Art, wie sich dieselbe mit der übrigen Erfahrung verbindet,
gestaltet sich die Psychologie. Diese Gestalt aber, inwiefern
dieselbe aus der Quelle entspringt und sich weiter entfaltet, ist
es ja, die uns im vorliegenden Zusammenhange gerade be-
schäftigt.
Eine so geschlossene, kompakte Wolke, wie dieselbe bei
WüNDT die gesamte psychologische Erfahrung bedeckte, treffen
wir bei Ebbinghaus nicht mehr. Der dunkle Schleier ist da
und dort durchrissen und die Anschauung leuchtet oft genug
hervor. Dann aber folgt wieder vollständige Nacht und an
manchen Punkten wirbelt Licht und Finsternis seltsam durch-
einander. Dieser Status nascendi und fortwährende Übergang
von Sonnenbildern zu Wolkenschleiern und von Dunstmassen zu
auftauchenden Spitzen und kleinen Landschaftsbildern ist nun
höchst interessant und auf serordentlich dazu geeignet, die Licht-
gestalten und die Dunkelmassen abermals und unter sehr günstigen
Umständen kennen zu lernen.
Zur Lösung seines Problems des Verhältnisses von Leib
und Seele bedient sich Ebbinghaus der alten und wohlbekannten
Identitätsformel. Seele und Leib (S. 37 ff.) sind jener Formel
gemäfs ihrem Wesei^ nach eine und dieselbe Realität. Aber
jenes eine Wesen erscheint oder manifestiert sich auf verschiedene
Weise und in zweierlei Gestalt. Nun ist jene Identitätsformel
freilich, wie Ebbinghaus zutreffend bemerkt, die letzte
Meinung fast aller Philosophen. Aber Ebbinghaus ist
seinerseits doch sehr weit davon entfernt, bei jener alten, über-
lieferten und gut philosophischen Formel stehen zu bleiben.
Sondern derselbe macht den Versuch, einen modernen, gröfseren
Inhalt in die alte Form zu giefsen. Und bei diesem Prozefs
des Umgiefsens wollen wir nun unserem Künstler sehr genau
zusehen, damit wir doch einen so schönen und herrlichen Kunst-
— 214 —
griff, die überfliefsende Meeresflat mit einem alten Zaubersprach
zu besänftigen, unser Leben lang nie mehr vergessen.
Die kürzeste moderne Formulierung der alten Formel hat
der Philosoph (S. 44) in die Worte gefafst: „Nervensystem ist
durchaus gleichsam die Expansion des Geistes, seine Art, sich
äufserlich für anderes darzustellen; Geist durchweg gleichsam
die Innerlichkeit, das Füreinandersein des Nervösen." Dies ist
sehr anziehend (und ein wenig hegelianisierend) gesagt. Und
wenn der Philosoph sich begnügt hätte, einige dergleichen
elegante Formeln hinzuwerfen, so wäre er wohl wie ein AUer-
weltsdiplomat von allen Schwierigkeiten unberührt geblieben.
Ebbinghaüs ist aber nicht einfach nur ein eleganter Schrift-
steller, sondern in erster Linie ein ernster Forscher und ein
von der philosophischen Tradition bis ins Innerste abhängiger
Denker. Und schon allein der Umstand, daüs Ebbinghaüs eben
so sehr die Einheit und Identität als die Yerschiedenheit von
Gehirn und Geist hervorhebt, nötigte denselben, zwei entsprechende
und sehr entgegengesetzte Betrachtungen anzustellen. Der Philo-
soph (41 — 42) versetzt sich zunächst in eine Welt von Kugel-
schalen, deren Konkavität das Innesein und Füreinandersein des
gesamten, zu einem Verband von Vorstellungen, Gefühlen und
Wahrnehmungen ineinandergeflochtenen Geisteslebens bedeutet. Von
der konkaven Innenseite zur konvexen Aufsenfläche findet nun
aber nicht der mindeste Übergang statt. Wenn die Kugel-
schalen mit ihren konvexen Ellenbogen aneinanderstolsen , so
können wohl Änderungen und Verschiebungen an denselben
stattfinden. Aber inwiefern dergleichen Änderungen innerliche
Folgen nach sich ziehen, insofern bleiben diese Folgen durch-
aus auf die Innern und sich selbst inneseienden Teilrealitäten
beschränkt. Denn die einander zugekehrten Konvexitäten be-
sitzen nichts mehr von einem Innesein, und jenes innerliche
Füreinandersein der geistigen Teilverbände ist nun vollständig
verschwunden und durch das reine Aufsereinander des Gehirns
und Nervensystems verdrängt. So droht nun jene Kugelwelt
in eine in ihren Gliedern sich fremd bleibende konkave und
konvexe Doppelwelt auseinander zu fallen. Und um daher die
Einheit wieder herzustellen, giebt uns der Philosoph (42, 46)
zu bedenken, dafs ja natürlich Gehirn und Nerven, inwiefern
dieselben von einem zweiten (draufsen stehenden) Beobachter
entweder direkt angeschaut, oder von uns doch im Sinne der
Wahrnehmbarkeit überhaupt gedacht werden, et^as Psychisches
wären. Nun aber haben wir wieder zu viel Einheit; so viel,
dafs nun im Gegensatz zum ersten Falle, alles in ein reines
- 215 -
Innesein zu verduften in Gefahr steht. Die volle Schärfe dieses
Konfliktes dringt überall durch und wird überall, aber vergebens,
mit allerlei Mitteln abzuschwächen gesucht. Bald behilft sich
der Philosoph mit unbestimmten und ausweichenden Ausdrücken ;
bald zieht er sich hinter den Schleier eines alles verhüllenden
Gleichnisses zurück, und endlich stellt er die Sache so dar, dafs
wir uns eben mit unserer menschlichen Weisheit zu begnügen
hätten und uns nicht vermessen dürften, in das Innerste der
tiefsten Geheimnisse einzudringen ! Wenn aber jene Geheimnisse
nur ein Kokettieren mit dem ererbten philosophischen Dunkel
bedeuten, dann haben wir freilich nur um so mehr Grund, jenes
Dunkel zu lüften. Materielle Dinge und Seelen (43, 46) — sagt
einmal der Philosoph — sind also zum Teil so zu sagen aus
denselben Grundstoffen gemacht. Die eine Reihe ist dem realen
Geschehen nach durchaus identisch mit der anderen; und die
freilich auch vorhandene Zweiheit beruht lediglich „auf dem Reich-
tum des sonstigen Daseins in der Welt". Wie aber dieser
sonstige Reichtum der Welt sich zur Identitätstheorie verhält,
hat uns der Philosoph — freilich unabsichtlich — verraten,
wenn er (42) jene Identität einem Wesen zuschreibt, das gänz-
lich aufser und über dem Menschen steht. Jenes aufserhalb
der geschilderten Kugelschalen weit befindliche Wesen, welches
die beiden Welthälften vielleicht ganz anders — wie, wissen
wir Menschen eben nicht — anschaut, ist ja natürlich nur das
absolute Dunkel des absolut dunkeln Absoluten. Da nun aber
einiges Licht von der wissenschaftlichen Psychologie in Gestalt
der Nervenprozesse und der seelischen Teilrealitäten in jenes
vollendete Schattenreich fällt, so macht nun eine solche pikante
Mischung einen ganz tiefsinnigen und magnetischen Eindruck
auf alle spekulativen Geister und phantasiebethörten Menschen-
kinder. Und sehr gerne möchten wir ein solches Illusionsbild
als Teil des „sonstigen Reichtums dieser Welt" nur wie ein
kleines Nachtsttick betrachten. Daran aber hindert uns die von
Ebbinghaus durchaus wissenschaftlich verstandene Identitäts-
theorie. Und so sehen wir uns denn genötigt, Licht und Schatten
schärfer zu sondern, das Halblicht zu zerstreuen und — wie ich
dieselbe bezeichnen möchte — unsere Umgebungsanschauung
mit der psychophysischen Identität zusammenzuhalten. Wenn
wir von einem Manne beispielsweise sagen, derselbe sei zugleich
Minister und Familienvater , so erblickt in dieser Aussage nie-
mand ein philosophisches Problem. Ist dieselbe ja doch nur
der Ausdruck einer alltäglichen, mit allen Thatsachen und Ge-
setzen vollkommen übereinstimmenden Erfahrung, welche besagt,
— 216 —
daTs derselbe Mensch mit Bezug auf seine mitmenschliche Um-
gebung eine verschiedene und je nach Umständen vielfache
Stellung behaupten kann. Und in strenger 4^0Sic ^^
diesem Beispiel nun haben wir im Sinne unserer Umgebungs-
anschauung Einheit, Identität und Verschiedenheit von Leib und
Seele und des Physischen und Psychischen überhaupt zu denken.
Die (räumliche) Umgebung ist nur insofern das Physische, und
insbesondere ist unser eigener Körper nur deswegen unser
Organismus und unser Gehirn, weil die räumliche Umgebung und
also auch unser eigener Körper, was ihre Beziehung innerhalb
der allgemeinen Erfahrung betrifft, eine zweifache Stellung und
infolge dessen ganz allgemein eine verschiedene (doppelte)
Stellenwertigkeit besitzen. Die gesamte konkrete Raum weit
fällt inhaltlich und d. h. als Wahrgenommenes oder Vor-
gestelltes (Gedachtes), oder endlich auch als Gefühltes mit einem
— und zwar sehr grofsen — Teil des Psychischen überhaupt
zusammen. Und nur allein deswegen, weil dieselben konkreten
Baumwerte noch überdies in Bezug auf sich selbst sowohl als
alle übrigen noch vorhandenen psychischen Inhalte^ die Stellang
einer von unserem gesamten Vorstellungs- und Gefühlsleben un-
abhängigen Welt behaupten, giebt es überhaupt einen Unter-
schied zwischen Leib und Seele und weiterhin von Physischem
und Psychischem überhaupt. Und wie das Zusammensein von
Minister und Familienvater oder eines Gelehrten und eines
Staatsbürgers in derselben Persönlichkeit nur die Folge eines
variabeln Beziehungs- oder Stellenwertes in Bezug auf die
menschliche Gesellschaft bedeutet, so beruht nun auch — im
wesentlichen — die Unterscheidung von Leib und Seele
schlechterdings auf nichts anderem, als nur auf einem variabeln
Abhängigkeits- und Stellenwert, inwiefern derselbe sich nicht
sowohl speziell auf die menschliche Gesellschaft, als überhaupt
auf unsere allgemeine menschliche Erfahrung bezieht.
Aber ein wie ganz anderes Aussehen erhalten unsere alltäglichen
Beispiele, wenn wir dieselben durch die Identitätstheorie inter-
pretieren! Jenes menschliche Individuum, welches wir als
Minister und Familienvater vorausgesetzt haben, verwandelt sich
nun in eine monströse Doppelgestalt, die uns^ von vorne ge-
sehen, einen Ministerkopf, und von rückwärts betrachtet einen
Familienvaterkopf zeigt. Ein so gestaltetes Wesen erregt nun
natürlich sogleich die Aufmerksamkeit der Philosophen ; und als-
bald hat sich auch eine Anzahl von Parteien gebildet. Die
einen sprechen zu jenem Doppelwesen : nicht wahr, dein wahres
Sein ist Ministersein und dein Familienvatersein ist nur Schein
— 217 —
und Erscheinung für unsl Oder verhält sich die Sache viel-
leicht umgekehrt? — Aber bedenkt doch, ruft da schon eine
fernere Stimme ! Nein , nein , ihr fafst die Sache nicht am
rechten Ende und sehr einseitig an! Der Minister und der
Familienvater sind so verschieden, als das Nervensystem und
die Seele verschieden sind. Aber dieselben — menschlich ge-
sprochen — manifestieren sich eben als Minister und Familien-
vater nur in demselben Sinne, wie sich auch Gehirn und Seele
in zweifacher Weise offenbaren. Im Grunde der Seele sind aber
sowohl Gehirn und Seele als Minister und Familienvater ein
und dasselbe. Was ihrem Wesen nach jene familienväterlich-
ministerliche Ein- und Dieselbigkeit freilich sei, wissen wir
Menschen allerdings so wenig, als worin die Identität von Ge-
hirn und Seele besteht. Aber es genügt, dafs dieselbe über-
haupt besteht, wenn wir auch gar nicht wissen, w i e jene Iden-
tität besteht, und sogar nicht einmal eine Ahnung davon besitzen,
was dieselbe zu bedeuten hat.
Betrachten wir noch ein zweites Beispiel und nehmen wir
an, ein Philosoph spaziere am Ufer eines Flusses. Natürlich
meditiert derselbe. Nun aber ruft ihm eine freundliche Stimme
zu; der Philosoph blickt auf und sieht seinen guten Freund im
Flusse schwimmend. Der so Angesprochene lächelt, erwidert
den Grufs und denkt bei sich: wie beneide ich dich in deinem
Flufs! Nun aber verliert der Meditierende Flufs und Freund
aus dem Gesicht, obwohl er fort und fort hart am Ufer wandelt.
Der Philosoph ist nun mit der Frage beschäftigt : ob Schwimmen
und Spazierengehen nicht vielleicht dem Wesen nach eins wären.
Ein gänzlich über uns befindliches Wesen — sagt nun der stille
Denker zu sich — würde wohl die schwierige Frage beant-
worten können. Allein auch rein auf mich selbst angewiesen,
will es mir schliefslich doch scheinen, dafs ich hier am Ufer
schwimme und sogar fliege, während nun umgekehrt jener dort
drüben im Wasser spaziert.
Weiter nun brauchen wir das Beispiel nicht mehr fortzu-
setzen, und auch ein besonderer Kommentar dazu wird nicht
nötig sein. Denn der (nichtphilosophische) Leser sieht ja von
selbst ein, dafs der Philosoph, solange er zum Flufs hinüber
mit dem Freunde spricht, die Umgebungsanschauung repräsentiert,
und dafs derselbe, sobald er für sich allein meditiert, jene An-
schauung verläfst und die Identitätstheorie auf ein besonderes
Beispiel anwendet.
Wie es nun aber kommt, dafs die philosophischen Theorien
über das Yerbältnis von Leib und Seele, obwohl dieselben, rein
— 218 -
sachlich und logisch betrachtet, denselben Aberwitz wie die Bei-
spiele illastrieren , in so hohem and bis heute immer noch
wissenschaftlichem Ansehen stehen, werden wir zu ermessen im-
stande sein, wenn wir den gewaltigen Unterschied zwischen
klaren, vollendeten Einsichten und dem entwicklungsgeschicht-
lichen Stufengang nicht übersehen. Bein sachlich ist die philo-
sophische Welt von Leib und Seele nur ein dumpfes, unräum-
liches und überhaupt beziehungsloses Nebeneinanderliegen zweier
Massen, mit welchen weiter nichts anzufangen ist, als dafs man
sie in den Abgrund versenkt und mit dem Schein des Tiefsinns
überstrahlt. Aber bei Ebbinghaüs fliefsen eine reiche wissen-
schaftliche Erfahrung und eine starke Anschauung mit jener
dumpfen Überlieferung zusammen. Und demgemäfs haben
wir nun durch eine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung zu
zeigen, dafs der Druck der Überlieferung stark genug war,
um die Psychologie mit einer beträchtlichen, fast durch-
gehenden und insbesondere auch methodologischen Unklarheit zu
belasten.
Es finden sich bei Ebbinghaüs einige starke Ansätze,
welche ganz aus dem Grunde unserer Umgebungsanschauung
emporgewachsen sind. Dahin gehören vor allem (6 — 7) die
Zugehörigkeit des Psychischen zur Umgebung und der hierauf
gegründete Unterschied zwischen naturwissenschaftlicher und
psychologischer Betrachtungsweise. Die Seele und das Ich (13 — 15)
beschreibt Verfasser ferner ganz nach Analogie des Zusammen-
hangs eines organisch gegliederten Körpers, wie etwa eines
Baumes , dessen einzelne Teilrealitäten als Wurzel , Stamm,
Blüten und Früchte zusammen ein Ganzes bilden. Und gleich-
wie das Herausgreifen einzelner derartiger Bestandteile nur die
Bedeutung hat, dafs wir relativ wechselnde Inhalte im Kontraste
zu einem konstanten und in seinen Einzelheiten nicht besonders
hervortretenden Hintergrund zur Abhebung bringen, so bedeutet
auch die Konstanz, Beharrlichkeit und Einheit des Ich nichts
anderes, als nur jener leise im Hintergrunde schwebende Zu-
sammenhang unseres Vorstellungs- und Gefühlslebens. Aber
innerhalb jenes Zusammenhanges nun tauchen jeweils , und je
nach der Steigerung des Vorstellungslebens, in gröfserem oder
geringerem Mafse einzelne Wellen empor. Und das natürliche
Resultat eines derartigen Ineinanderflutens der Vorstellungs-
wellen sind weiterhin die sogenannten Urteile. Diese Schilderung,
die wir hier nur angedeutet haben, stimmt mit unserer Be-
trachtungsweise sehr wohl zusammen; und insbesondere möchte
ich hier die Übereinstimmung, was das Verhältnis von Vor-
— 219 -
Stellung und Urteil betrifft, hervorheben. Ebbinghaus (168)
nämlich bemerkt gegen Brentano und seine Schüler, dafs das
Besondere, was das Urteil dem allgemeinen Assoziationszug
mitteilt, nur ein gewisser „Niederschlag" wäre, der sich „aus
gewissen Erfahrungen des Empfindungslebens" angesetzt hätte.
Wir glauben uns nun nicht zu täuschen, wenn wir in dieser
Darstellung ungefähr dasselbe erblicken, was wir selbst in
unserer Auseinandersetzung mit Brentano (s. S. 43 — 44) ge-
sagt haben. Wenn wir nämlich an angedeuteter Stelle dar-
gelegt haben, dafs die Vorstellung nichts Isoliertes wäre, sondern
fortwährend nach der Wahrnehmung hin gravitiere und von
dorther alle Bedeutung und Urteilsqualifikation beziehe, so ver-
möchte ich wenigstens nicht einzusehen, inwiefern unsere Dar-
stellung mit der Bemerkung von Ebbinghaus nicht in wesent-
licher Übereinstimmung sein sollte. Es versteht sich femer von
selbst, dafs Verfasser das Ich (7) oder die Seele, welche nun,
wenigstens insoweit wir dieselbe kennen gelernt haben, voll-
ständig mit dem Assoziationszug zusammenfällt, mit unserem
eigenen Körper und insbesondere mit dem Gehirn in Beziehung
und Abhängigkeit setzt. Und auch diese Abhängigkeitsbeziehung
steht mit unserer Ansicht wenigstens insoweit in Übereinstimmung,
als Ebbinghaus das Gehirn im Verhältnis zu den psychischen Ab-
hängigen nicht anders, als wie einen Ausschnitt der allgemeinen
Umgebung beschreibt. Jene Thatsache nämlich, welche Ver-
fasser wiederholt hervorhebt, dafs wir den Zusammenhang
zwischen Gehirn und Seele nicht unmittelbar vorfinden, ist nur
ein Ausdruck dafür, dafs wir Gehirn und Seele immer nur ge-
trennt, und zwar die Seele an uns selbst und das Gehirn an
anderen zu beobachten imstande sind. Endlich entgeht
Ebbinohaus auch jene gewisse Relativität nicht, welche sich
unsere Erfahrung mit unserer Unterscheidung zwischen Umgebung
und Ich erlaubt. Mit Recht nämlich (7) bemerkt. Verfasser,
dafs man von vornherein nicht hätte sagen können, ob man
den Simultankontrast als eine Eigenschaft der Körper, oder als
eine besondere Art des Vorstellens derselben zu betrachten hätte.
Und erst als man entdeckte , dafs der Kontrast nur bei
gleichzeitiger Betrachtung zweier Farben zu stände kommt,
wnfste man, dafs die Erscheinung nicht der Umgebung, sondern
uns selbst anzurechnen wäre, und folglich als psychische nur
noch vom Gesichtspunkte der Abhängigkeit in Frage käme.
Dies alles jedoch sollte nicht zur genügenden Entfaltung
gelangen. Denn mitten auf seinem Forscherzug traf Ebbinghaus
mit den Philosophen zusammen. Und diese nun lenkten ihn aus
— 220 —
der Bahn und in eine ganz andere Richtung hinein. Alle
spekulativen Denkrichtungen, heifsen dieselben nun im einzelnen
Falle Spiritualismus oder Materialismus, sind keineswegs, wie
Ebbinghaus (37—44) glaubt, was ihr Verhältnis zur Erfahrung
betrifft, nur entgegengesetzte Einseitigkeiten, die man nur, um
zur Wahrheit zu gelangen , wechselseitig auszugleichen und mit-
einander zu versöhnen hätte. Sondern es ist gerade ein Kenn-
zeichen aller metaphysischen Spekulation, dals dieselbe weder
aus wissenschaftlichen Motiven entspringt, noch an der wissen-
schaftlichen Gestaltung der Erfahrung irgend ein Interesse be-
sitzt. Und gerade Ebbinghaus selbst ist es, der uns hierfür
als bestätigendes Beispiel dient. Denn, wem sonst als dem
Einflufs der Spekulation ist es zu verdanken, dafs Ebbinghaus
in den Abgrund der psychophysischen Identitätstheorie hinein-
gedrängt wurde? Und welches denn wären die besonderen
Gründe jenes Falles und Abfalles von der Erfahrung? Nun
eben keine anderen, als weil die spekulativen Denker nur eine
unfreie oder verdüsterte Anschauung besitzen, die dem Psycho-
logen den Blick auf den notwendigen Zusammenhang zwischen
Umgebung und Individuum gleichfalls verdunkelte, so dafs er
nur noch verschiedene Erfahrungsinhalte, aber gar keine Um-
gebungsbeziehung und variable Wertigkeit jener Inhalte mehr
vor sich sah. Und um nun zu ermessen, welche Umwandlung
hiermit auch die allgemeine methodologische Gestalt der Psycho-
logie notwendig erleiden mufste, wollen wir zunächst die all-
gemeinsten, erfahrungsmäfsig berechtigten Möglichkeiten der
theoretischen Fragen und Probleme voranstellen. Dieselben
liegen alle in der allgemeinen Umgebungsanschauung beschlossen
und gehen nach drei Hauptrichtungen auseinander. Entweder
nämlich können wir 1. die Umgebungsbestandteile als solche
beschreiben; oder wir können 2. das konkrete menschliche
Individuum mit seinen Ansichten und Handlungen betrachten;
oder endlich 3. können wir uns die Aufgabe stellen, gewisse
Abhängigkeitsbeziehungen zwischen dem konkreten menschlichen
Individuum und der Umgebung kennen zu lernen. Und hierbei
nun ist es weiterhin, was insbesondere die Psychologie betrifft,
unerläfslich, sowohl die Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit
des Ganzen, als die besonderen individuellen Inhalte gleichmäfsig
und wie mit einem Blick zu umfassen. Inwiefern wir nämlich
die (räumliche) Umgebung als Abhängige (psychologisch) be-
trachten, insofern erleidet dieselbe ihrem Inhalte nach eine
eigentümliche und sehr beachtenswerte Modifikation. Wir haben
uns im Zusammenhange unserer Schilderung an verschiedenen
- 221 —
Punkten mit jener Modifikation ausführlich genug beschäftigt
und auseinandergesetzt, dafs die absolute und zahlenmäXsige
Gröfeencharakteristik im Gesamtumfange der Psychologie nicht
mehr zutreffend ist, und nur allein der Umgebung zukommt, in-
wiefern wir dieselbe als Unabhängige betrachten oder mit
ihr als solcher direkt verkehren. Denn nicht nur die Ton-
gebilde, die Phantasiebilder und die GefiLhle, sondern auch die
optischen Gestalten, sämtliche Intensitätscharaktere und in der
Hauptsache auch die rein psychischen Zeitwerte haben die in
feste Grenzen eingeschlossenen und mit einem absoluten MaTs
bestimmbaren Gröfseneigenschaften abgestreift. Dieser einzige,
aber sehr charakteristische Zug nun macht, was die wissen-
schaftliche Gestaltung betrifft, aus der Psychologie etwas ganz
anderes, als was die Physik (im weiteren Sinne) bedeutet. Aber
die Psychophysiker und insbesondere auch Ebbinghaüs haben
den angedeuteten Unterschied entweder gar nicht, oder nur
sehr ungenügend und in unklarer Weise beachtet. Und den-
noch bedeutet jene Unklarheit nur den ersten Schritt auf einer
Bahn, die das Psychische individuell verselbständigt, körperhaft
macht und auf diese Weise den alten Spiritualismus und Animis-
mus mit wissenschaftlichen Mitteln neu zubereitet und in eine
moderne wissenschaftliche Maske steckt. Und wirklich ist nun
Ebbinghaüs infolge des geschilderten spekulativen Druckes von
aufsen, auf der angedeuteten Bahn weiter geschritten, indem er
(24 — 27) die Lokalisations frage der Seele bespricht.^
Diese Fragestellung setzt voraus, dafs die Seele ein Ding wie
ein Körper neben anderen Körpern ist, im Gehirn ihre Wohn-
stätte besitzt und infolgedessen zu allerlei tiefsinnigen Fragen
Anlafs giebt. Wir unsererseits nun, bevor wir uns auf der-
gleichen Fragen einliefsen, hätten freilich allen Grund, an den
Philosophen die Frage zu stellen, ob er von seinem Seelending
eine Erfahrung habe, wie wir eine Erfahrung haben, wenn wir
eine Landschaft sehen ; wenn wir Freude oder Trauer oder eine
bestimmte (auf die Wahrnehmung bezogene) Vorstellung eines
Mitmenschen nach Analogie unseres eigenen Verhaltens uns ver-
gegenwärtigen ; oder endlich, wenn wir nach vorausgegangenem
Schlag oder Druck auf die Haut einen Schmerz oder eine Be-
rührung empfinden. Dafs der Philosoph von seiner Gehimseele
eine Anschauung im angedeuteten Sinne nicht besitzt, setze ich
wenigstens so lange voraus, als derselbe nicht ausdrücklich das
Gegenteil behauptet. Und hiermit wäre nun im Grunde alles
gesagt, was zu sagen ist. Denn auch alle Schlüsse und be-
liebige Denkkombinationen führen nicht über die Umgebungs-
: : r.V' -vi
• •
— 222 —
anschaaang hinaas, sondern entfernen sich nur mehr oder
weniger von derselben und müssen schliefslich , wenn sie etwas
bedeuten sollen , wieder in dieselbe einmünden. Da indes
Ebbinghaub seine Theorien nicht nur mit einem grofeen Auf-
wand von Geist und Scharfsinn, sondern überdies im Zusammen-
hange allgemeinwissenschaftlicher Interessen und mit einigen
positiven Ergebnissen der Physiologie untermischt, vorträgt: so
wollen wir doch in ein paar Zügen das Spiel aufnehmen und
ein Schachmatt konstatieren. Neuere Erfahrungen der Gehirn-
Physiologie haben gezeigt, dafs wir uns Bau und Funktionen
des Gehirns nicht, wie man früher zu vermuten geneigt war,
nach Analogie einer Telephonzentralstelle, in welche alle Drähte
der Peripherie einmünden, zu denken haben; sondern das bei
weitem zutreffendere Bild von den nervösen Zentralorganen er-
halten wir, wenn wir an einen Baum denken, der eine viel-
verzweigte Krone nach allen Seiten hin ausdehnt und durch
Stamm und Wurzel so mit dem Boden verbanden ist, wie das
Gehirn sich durch Nervenfäden und Kückenmark in den ge-
samten Körper einsenkt. Einen solchen Befund benützt nun
Ebbinghaus dazu, um das punktuelle Seelenwesen dorch ein
räumlich ausgedehntes zu ersetzen. Und soviel nun allerdings ist
ja gewifs richtig, dafs das Seelen wesen, inwiefern sich dasselbe
überhaupt dazu herbeiläfst, sich mit der Erfahrung auf guten
Fufs zu setzen, ein Interesse besitzt, seine Überfltkssigkeit nicht
gar zu offen an den Tag zu legen. Wenn im Gehirn keine all-
umfassende Zentralstelle existiert, so kommt eben dadurch die
punktuelle Seele in einige Verlegenheit. Und dieselbe Ver-
legenheit dehnt sich dann weiter auch auf den betreffenden
seelengläubigen Philosophen aus. Wenn daher in diesem Sinne
Ebbinghaus (26 — 27) von Lotze berichtet, dafs derselbe sich
schliefslich genötigt sah, seine der punktuellen Seele auf den
Leib geschnittene Gehimtheorie „stillschweigend^ aufzugeben, so
wollen wir hieran nicht zweifeln. Aber folgt nun hieraus, dafs
LoTZE, der ja nur seiner Gehimtheorie, und nur stillschweigend
abgesagt hatte, an seine punktuelle Seele überhaupt nicht mehr
geglaubt haben sollte? Gewifs nicht! Und wenn wir nun zu
diesem Verhalten Lotzes noch die allgemeine Bemerkung von
Ebbinghaus (40) hinzunehmen, dafs man die punktuelle Seele
auch bei zentralisierter Bauart des Gehirns nicht etwa schlecht-
weg , sondern nur vielleicht postulieren müfste , was folgt
dann hieraus ? Doch offenbar nur, dafs zwischen der besonderen
räumlichen oder unräuni liehen Beschaffenheit der (nicht erfahr-
baren) Seele und dem erfahrungsmäfsig festgestellten Bau des
— 223 —
Gehirns kein notwendiger Zusammenhang besteht. Und weil
£bbinohaus selbst die Güte hatte, uns diesen bündigen Schlufs
vorzulegen, so gesteht er uns hiermit auch zu, dafs die punktuelle
oder räumliche Beschaffenheit der Seele nicht eine Folge der
Einsicht in die Physiologie des Gehirns, sondern ganz nur Sache
des individuellen Seelengeschmackes wäre. Wie wandelbar aber
dergleichen Geschmäcke sind und oft, wie eine zufällige Mode
ganz verschwinden, dies werden wir nun sehen, wenn wir unsere
arme Seele weiter bis zum Seelenrichteramt in Person des Ge-
setzes der Erhaltung der Energie begleiten. Aber bevor wir
nun diesen Gang antreten, haben wir zuerst einige Bemerkungen
über die besondere Gestalt jenes Gesetzes der Energie, welche
Ebbinghaus aasgewählt hat, zu machen. Der Philosoph
(30 — 34) hält sich an eine sehr allgemeine Gesetzesform, indem
er einfach den allgemeinen Gedanken der Umwandlung einer
Energieform in die andere, bei Konstanz der Arbeitsgröfse, mit
dem gleich allgemeinen und sehr in der Feme schwebenden
Gedanken einer allumfassenden mechanischen Weltbetrachtung in
Verbindung bringt. Wir wollen aber gegen diese ganze luftige
Energieumsetzung und Bewegungsverwandlung hier gar nichts ein-
wenden, und uns auch bei einer gewissen Unsicherheit (36 — 37)
des Verfassers in der Abschätzung der Bedeutung und des
Geltungsbereiches der Autorität der allgemeinen modernen
Naturphilosophie nicht weiter aufhalten. Sondern wir wollen
im Gegenteil voraussetzen, alles verhalte sich so, wie der Philo-
soph sich die Sache zurecht legt. Dies alles nun angenommen,
sollte man meinen, die räumliche Seele könnte sich mit dem
Gesetz der Energie in jener angedeuteten allgemeinen Form des-
selben sehr gut vertragen. Beide Welten scheinen ja wie für-
einander geschaffen. Die allgemeine mechanische Bewegungs-
verwandlung ist ja nur — und auch im Sinne des Verfassers —
eine allgemeine Möglichkeit. Und die räumliche Seele ihrerseits
ist bei all ihrer Ausdehnung doch auch wieder nichts Greifbares,
so dafs allgemeine Möglichkeiten gerade das geeignete Lebens-
element für sie abzugeben scheinen. Dazu kommt, dafs der
Philosoph noch einen Schritt in derselben Richtung weiter geht
und (33 — 34) den Gedanken der Energieerhaltung als Mög-
lichkeit auch auf das Psychische überträgt, so dafs nun Em-
pfinden,, Wollen und Vorstellen unter sich sowohl als mit den
Euergiegröfsen der materiellen Welt einen Wechsel und Aus-
tausch von Umsetzungsarten und quantitativen Äquivalenten
unterhalten. Aber gerade weil wir auf diese Weise unversehens
nun eine mechanische Energieseele in Händen haben, soll die-
- - .- -:::
^ *
• - T**,
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— 224 —
selbe einem allgemeinen und noch höheren Prinzip widerstreiten.
Und was wäre denn dies für eine Instanz? Nun, wie der
Philosoph sich ausdrückt, ist dieselbe ein auf „Erklärung und
Zurechtlegung^ abzielendes Prinzip! Die mechanische Natur-
forschung — setzt uns der Philosoph (34 — 35) weiter aus-
einander — strebt nach einer umfassenden Weltmechanik, so
dafs die ganze Eörperwelt sich so viel als möglich einem un-
geheuren System von Lageverhältnissen und Bewegungs-
oszillationen letzter Teilchen annähert. Wäre nun ein solches
Weltsystem verwirklicht, so müfste aber immer doch auch noch
jemand vorhanden sein, der einen Einblick in dasselbe hätte.
Und wer denn anders gerade als unsere Seele könnte uns den
tiefsten Sinn einer Weltmechanik enthüllen und uns darüber
aufklären, dafs das wahre Wesen der Energie mit der mecha-
nischen Bewegung zusammenfalle und alle übrige Gestalten der
Natur nur Manifestationen jener geheimen und verborgenen Be-
wegungstiefe wären ? Würde nun die Seele selbst — so schliefst
der Philosoph — dem Gesetz der Energie unterworfen sein,
so hätten wir ja gar niemand mehr, der jenen Gegensatz von
Wesen und Erscheinung, der ja niemals aufgehoben gedacht
werden könnte, überhaupt zu konstatieren im stände wäre!
Diefsmal jedoch hat der Schufs viel weiter getroffen , als der
Philosoph beabsichtigte. Zwei Dinge, die Ebbinghaus in seiner
„Zurechtlegung" ineinandergeschoben hat, müssen wir aus-
einanderhalten. Denn die Frage, inwiefern die mechanische
Energieseele sich mit der naturwissenschaftlichen
Energie und der mechanischen Weltansicht vertrage oder nicht,
ist etwas ganz anderes, als die Thatsache, dafs eine Kenntnis-
nahme irgend welcher Art einen denkenden Menschen voraus-
setzt. Diese letztere Thatsache setzt voraus, dafs der Mensch
nicht einfach als Bestandteil der Umgebung in derselben voll-
ständig aufgehe. Und offenbar war es denn auch nur dies, was
Ebbinghaüs meinte, wenn er die Seele aus dem Bann der
mechanischen Energie erlöste. Da er nun aber so weit ge-
gangen war, scheint er nicht bedacht zu haben, dafs er nicht
nur die Fesseln der mechanischen Energie, sondern auch die-
jenigen des Seelendinges überhaupt sprengte und nun
einfach, wie wir es fortwährend machen, sich mit dem konkreten
menschlichen Individuum in Beziehung zu einer Umgebung be-
gnügte. Denn neben dieser Voraussetzung ist zur Kenntnis-
nahme irgend eines Befundes sonst nichts weiter nötig. Und
andererseits versinkt die räumliche Seele schon als solche, und
ganz abgesehen von ihrem Verhältnis zur mechanischen Energie^
4.
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~ 225 —
in die Umgebung and ist von sich aas niemals, sondern immer
— nicht etwa darch das Gehirn — nar in Gestalt des be-
treffenden konkreten Seelenforschers im stände, tlberhaapt etwas
auszusagen und der Umgebung gegentlberzutreten. Dies ist nun,
wie man sieht, eine sehr radikale Wandlung, welche das Seelen-
ding durchmachte. Dieselbe dauerte aber nicht allzu lange.
Gerade nur so lange, um dem Seelenkünstler in die Karten zu
sehen. Im übrigen aber, nachdem dieselbe einmal in Berührung
mit den sehr wandelbaren Energieformen war, scheint nun die
Seele gleichfalls sehr verwandlungslustig geworden zu sein. Und
nachdem wir die Verbindung von Leib und Seele in jener selt-
samen Identitätsdoppelgestalt schon früher (s. S 216 — 218) ge-
schildert haben, so möchten wir mit der Seele nur noch in
Gestalt des Unbewufsten, in der dieselbe bei Ebbinghaus
gleichfalls erscheint, einige Bekanntschaft machen.
In einem rein erfahrungsmälisigen Sinne — und wir selbst
haben dies fortwährend gethan — kann man der Kürze halber
sowohl das nur mehr oder weniger undeutlich Bewufste als das
Unreflektierte, welches keine grofse, wenigstens direkte Be-
wufstseinsanstrengung kostet, schlechtweg als Unbewufstes be-
zeichnen. Und eine Reihe derartiger Thatsachen (48 — 50)
bringt uns zunächst auch Ebbinghaus vor, indem er die ein-
gelernten Fertigkeiten, gewisse nachbildartige Erinnerungsnach-
klänge, die vielen flüchtigen und nur wie eine wandelnde Bilder-
gallerie an uns vorbeiziehenden Eindrücke einer bestimmten
Umgebung, die sogenannten sprunghaften Assoziationen und end-
lich den instinktartigen, leichten und leisen genialen Gedanken-
flug als einleitende Beispiele bespricht. Dies alles indes sind
verschiedene Gestalten des Bewufsten, die man nur sprachlich,
aus Gründen des Kontrastes und zu Gunsten individueller Ab-
hebung als Unbewufstes bezeichnet. Ebbinghaus jedoch, wie
sich alsbald zeigt, versteht sein Unbewufstes im strengen Sinne
und als ein solches, welches (54 — 55) mit dem Bewufsten gar
keine Ähnlichkeit besitzt. Und jene angeführten Thatsachen
des erfahrungsmäfsigen Unbewufsten haben denn auch bei
Ebbinghaus allerdings nur die Bedeutung, um uns den Über-
gang aus dem Tage des Bewufsten in die Finsternis des Un-
bewufsten zu markieren. Und was, fragen wir nun weiter, hat
Ebbinghaus von seinem Unbewufsten, aufser jener einzigen und
rein negativen Bestimmung der ünähnlichkeit mit dem Bewufsten,
auszusagen, und wie begründet er überhaupt den Glauben an
die unbewufste Seele? Der Philosoph nimmt Anstofs an dem
blofs Vorübergehenden des Bewufstseins und findet es mit seinen
Willy, Die Krisis in der Psychologie. 15
4
— 226 —
Bedürfnissen gar nicht im Einklang , wenn (53, 55) ,, Geistiges
fortwährend sprungweise aas dem Nichts auftritt und nach einer
Weile wieder in nichts verfliegt^. Als adäquates Gegenbild der
Welt schwebt eben dem Philosophen so etwas wie eine kom-
pakte, durch eine einzige Grundeinteilung oder Schlufsverkettung
getragene Begriffsmasse vor, und deswegen greift er zum üilfs-
begriff der psychischen Kausalität und verlängert nach Analogie
des Physischen die abgebrochenen Glieder des Bewufstseins
darüber hinaus ins Unbewufste. Prüfen wir also beides ; sowohl
jenes abschreckende Nichts als die Ursachenanalogie. Unser
Gehirn, wie das Innere der Erde, liegt gröfstenteils verborgen;
aber niemand fällt es deswegen ein, jenes Verborgene und nie-
mals Wahrzunehmende in Abrede zu stellen. Wir alle sind
nicht blofs von der allgemeinen Existenz aller unserer
Wahrnehmung entzogenen Umgebungsbestandteile überzeugt,
sondern wir haben sogar überdies den gegründeten Glauben, dafs
wir viele höchst überraschende Entdeckungen machen würden,
wenn es uns gelänge, tief genug in das Innere der Erde oder
in unser Gehirn einzudringen. Und ganz im selben Sinne nun
behauptet Ebbinghaus: wie der abgelegene Teil der Umgebung
mit den sichtbaren Teilen ein Ganzes ausmacht, ebenso haben
wir uns auch im Gebiete des Psychischen die Beziehung
zwischen dem BewuCsten und dem verborgenen Unbewuüsten zu
denken. Aber leider fehlt diesmal, in wörtlichem Sinne ge-
nommen, auf selten des Geistigen das geistige Band! Denn der
Kunstgriff, dafs ja die der Wahrnehmung entzogene Umgebung
mit dem bekannten und sichtbaren Teil derselben, gleichvne das
Unbewufste mit dem Bewufsten, gleichfalls (54) keine Ähnlich-
keit hätte, hält ja natürlich nicht stand. Denn teilweise, was
nämlich die allgemeinen Bestimmungen betrifft, fällt ja die un-
bekannte (unsichtbare) Umgebung mit der bekannten (sichtbaren)
geradezu in eins zusammen. Bekanntes und Unbekanntes be-
sitzen also insofern gewifs Ähnlichkeit genug. Und sogar hin-
sichtlich der unbekannten Umgebungsbestandteile ist es nicht
einmal richtig, wenn man dieselben in Bezug auf die bekannte
Umgebung schlechtweg als unähnlich bezeichnet. Nach Mafsgabe
des Bekannten ist ja das Unbekannte immer ebensowohl ähnlich
als unähnlich. Und wenn wir ein Unbekanntes (zum erstenmal)
erfahren, so vergleichen wir dasselbe ja ganz unwillkürlich mit
einem zugehörigen (nächstanliegenden) Bekannten. Und diese
Verbindung nun zwischen einem Bekannten und einem (relativ)
Unbekannten ist auf selten der sogenannten (unbewufsten)
psychischen Kausalität in keiner Weise vorhanden. Das „Nichts"
V fc *.
*■ 4, fc
— 227 —
scheint deshalb gerade bei Ebbinghaus vorzuliegen. Denn von ^
seinem Unbewufsten sagt derselbe allerdings nichts, als dafs
nichts mehr, wenn das Bewufste vorüber, vorhanden wäre, womit
man das Unbewafste überhaupt vergleichen und auch nur die
mindeste Ähnlichkeit (in Bezug auf das Bewufste) von demselben
aussagen könnte. Und dies ist nun in der That eine erste Be-
deutung, die wir dem Nichts beilegen ; wenn wir nämlich damit
auf kurze und kräftige Weise andeuten, dafs jemand sich mit
sich selbst im Widerspruch befinde und beispielsweise, wie
Ebbinghaus, ein Nichts für ein Etwas ausgebe. In einer zweiten
und ähnlichen Bedeutung können wir mit dem Nichts einen
Widerspruch mit der Erfahrung ausdrücken. Und ein solcher
nun würde unsererseits nur dann vorliegen, wenn man das vor-
übergehende Psychische für sich gleichsam an die Luft setzen
wollte. Indes am Gehirn hat dasselbe ja eine genügende Unter-
lage und ist dort, und insbesondere auch was Übung und
variable Disposition betrifft, fest genug eingebettet. Endlich
kann man dem Nichts noch eine dritte und — so paradox dies
klingt — höchst positive Bedeutung beilegen. Da eben schliefs-
lich jene Scheu vor der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des
Psychischen nur in der allgemeinen metaphysischen (absolu-
tistischen) Abneigung gegen das Veränderliche überhaupt ihren
Ursprung hat, so ist es insofern nicht ungerechtfertigt, jedes
beliebige Veränderliche, so klein und unscheinbar die betreffende
Veränderung auch sein möchte, als ein Schweben zwischen dem
Nichts a parte ante und a parte post zu charakterisieren und
weiterhin denselben Vergänglichkeitscharakter auf die mensch-
liche Erfahrung im ganzen und in jeder Hinsicht zu übertragen.
Und so hat nun das selige Unbewufste den bewufsten Schwebe-
zustand schon überstanden und hinter sich. Lassen wir doch
das göttliche Kind schlafen. Umrahmt mit dem Strahlenkranz
der psychischen Kausalität, ist es ja in diesem Zustande die
einzige schöne Seele, womit uns die Seelenforscher bekannt
machen !
3. Unklarheiten bei Jgdl. (Lehrbuch der Psychologie.)
Bei Kenntnisnahme und Schilderung der Grundeinteilung
und des Autbaues der JoDLSchen Psychologie (s. S. 123 — 126)
zeigten sich starke Rückfälle in die alte Lehre der Vermögens-
psychologie. Und das Ganze hatte das Aussehen eines zwar
neuen und glänzenden, aber durch Risse und Schiefstellungen
schon baufälligen Gebäudes, noch ehe das Dach darüber war.
15*
- 228 —
« Und nun haben wir das allgemeine philosophische Fundament
zu untersuchen und werden hierbei ähnliche Erfahrungen machen
wie bei der Betrachtung der psychophysischen. Identitätstheorie
bei Ebbinghaus und bei der psychischen Kausalität bei Wundt.
Auch bei Jgdl ist es ganz dieselbe Fundamentstelle, nämlich
die Theorie über das Verhältnis von Leib und Seele, welche
auf unhaltbarem Grunde ruht. Auch Jgdl (57 — 75) bekennt
sich zum psychophysischen Parallelismus in Gestalt der (meta-
physischen) Identitätstheorie. Was aber diesmal die Sache
wieder neuartig und interessant macht, ist der Umstand, dafs
der Philosoph alle Bestandstücke unserer Umgebungsanscbauung
in allernächster Nähe beisammen und dieselben sogar selbst
zusammengetragen hat, ohne aber im stände zu sein, ihre
Artikulation zu begreifen. Alles liegt wie mechanisch neben-
und durcheinander, und alles sollte doch zugleich sowohl ein
sinnvolles Ganzes als eine lebendige Sonne sein^ welche alles
beleuchtet und belebt. Jgdl bezeichnet (61) zunächst Geistig-
keit und Leiblichkeit (Subjektivität und Objektivität) als zwei-
seitige Ansicht einer und der nämlichen Realität. Er hebt
weiter (74) hervor: „Bewegungsvorgänge im Gehirn" bilden in
Bezug auf die zugehörigen „Bewufstseinserscheinungen nur
deren objektive oder physische Kehrseite fOr einen Betrachter,
der nicht das Subjekt dieser Vorgänge ist, sondern dieselben
von aufsen als ein Stück der objektiven Welt betrachtet*'. Und
endlich, nur ein paar Zeilen später, macht Jgdl noch die Be-
merkung: . . . „eben darum stehen sie (nämlich Gehirn und
Seele) nicht im Verhältnis kausaler Abhängigkeit, wohl aber
im Verhältnis einer wechselseitigen funktionellen Variation, da
Nervenerregung und psychischer Vorgang Variable darstellen und
mit jeder Veränderung der einen eine bestimmte Veränderung
der anderen gesetzmäfsig eintritt." Hier wären nun die Teile
beisammen, aus denen der Philosoph ein Ganzes hätte erzeugen
können. Er hat dies aber nicht gethan.
Daher werden wir unsererseits zunächst den nötigen Zu-
sammenhang in Gestalt einiger Sätze und Folgerungen her-
stellen und, gestützt auf diese Unterlage, dann weiterhin zeigen,
1. dafs Jgdl thatsächlich das erfahrangsmäfsige Verhältnis von
Leib und Seele nicht erfafst hat ; 2. weshalb er jenes Verhältnis
nicht zu erfassen im stände war.
1. Da, wie wir von früher (s. S. 216) her wissen, die
ganze Unterscheidung des Physischen und Psychischen nur den
Sinn hat, dafs uns die räumliche Umgebung zu einer zweifachen
Betrachtung insofern veranlaTst, inwiefern jene Umgebung (samt
• /• • • • •
-- 229 —
eigenem Körper) in Bezug anf alles Psychische die zagehörige
Unabhängige bildet, und inwiefern dieselbe Umgebnng in Bezug
auf sich selbst (als Unabhängige) zugleich auch als Abhängige,
d. h. als Psychisches, vorgefunden wird, so folgt hieraus,
dafs die Identitätsansicht (des Physischen und Psychischen)
sich nur auf die räumliche Umgebung beziehen kann und weiter
nichts bedeutet, als dafs dieselbe Umgebung das eine Mal
als Unabhängige (Physisches) , das andere Mal als Abhängige
(Psychisches) in Betracht kommt.
2. Alle übrigen Erfahrungsinhalte , nämlich sämtliche
Phantasiegebilde, Gedanken, Gefühle, Affekte und alle jene
Sinneswahmehmungen , welche, wie Geruch, Geschmack,
Temperatur und Ton, von ihrer Verbindung mit den Raum-
wahmehmungen abgesehen, in ihrer speziellen Qualität keinen
Raumcharakter zeigen, kommen überhaupt nur als Psychisches
in Betracht.
3. Als Inhalte können daher sämtliche Erfahrungsinhalte
(als Psychisches) miteinander verglichen werden; und die Um-
gebung und also auch das Gehirn ist als Wahrgenommenes
(oder Vorgestelltes) in Bezug z. B. auf irgend eine Phantasie-
gestalt oder eine musikalische Harmonie oder einen abstrakten
Gedanken oder ein Gefühl irgend welcher Art nicht heterogener
als z. B. ein Geruch im Verhältnis zur Muskelempfindung oder
als ein Geschmack in Bezug auf eine Farbe heterogen ist.
4. Was endlich, abgesehen von den besonderen Inhalten,
die zweifache (physische oder psychische) Betrachtungsweise der
Umgebung betrifft, so ist über das allgemeine Verhältnis jener
beiden Betrachtungsweisen zu einander nur zu sagen, dafs die-
selben nur als unzertrennliche Einheit denkbar sind und inso-
fern einfach die psychophysische Ungeteiltheit des konkreten
menschlichen Individuums zum Ausdruck bringen. Aus diesem
letzteren Satz (4) folgt: 1. Das Psychische ist nur als Bestand-
teil des kon^eten (psychophysisch ungeteilten) Individuums
denkbar. 2. So gewifs das Psychische nur im angedeuteten
Sinne denkbar ist, so gewifs giebt es keine psychische Kausalität.
3. Da jedes (nicht in sich selbst oder ins Vegetative versunkene)
menschliche Individuum sich sowohl der natürlichen, als der
gesellschaftlichen Umgebung gegenüber immer nur in Gestalt
des konkreten Individuums befindet, so ist die volle Erfahrung
und Umgebungsanschauung der einzige Anlafs zur Unterscheidung
von Subjekt und Objekt; und was immer für Modifikationen
der letzteren Gegenüberstellung vorkommen mögen, so müssen
dieselben doch alle sachlich und prinzipiell mit der Ursprung-
— 230 —
liehen and aDSchaalichen Form jener Unterscheidung (von Sub-
jekt und Objekt) zusammenfallen. Was die Negation der
psychischen Kausalität betrifft, so haben wir schon früher
(s. S. 209 — 210) gesehen, dafs die wissenschaftliche
Kausalität, da dieselbe ja auch Wechselwirkung voraussetzt,
eine solche relative Unabhängigkeit und Analysierbarkeit der ent-
sprechenden Bestandteile voraussetzt, wie wir dies alles nur im
Umkreis der von uns unabhängigen Umgebung vorfinden. Eine
Übertragung der Abhängigkeitsbeziehung in diesem^ (rein kausalen)
Sinne auf das Psychische bedeutet daher immer entweder eine
Materialisierung oder Anthropomorphisierung des Psychischen.
Es ist deswegen auch keineswegs zutreffend und sogar ein
starker Widerspruch, wenn man öfter, wie dies auch Jgdl
(56, 74) gethan hat, zwischen einer Umsetzung des Psychischen
ins Physische (oder umgekehrt) und einer rein psychischen
Kausalität einen Unterschied macht und zwar die erstere oder
psychophysische Kausalität ablehnt, dagegen die rein psychische
Kausalität beibehält. Aber sowohl die halbe als die ganze
psychische Kausalität sind ein und derselbe Widerspruch; und
der alleinige Unterschied besteht nur darin ^ daüs im Falle der
psychophysischen Kausalität das Psychische nur als Fortsetzung
des Physischen, und im Falle der rein psychischen Kausalität
als eine (materialisierte oder anthropomorphisierte) Welt fär
sich gedacht wird. Es ist also keineswegs, wie man dies regel-
mäfsig dargestellt findet, das Gesetz der Erhaltung der
Energie imstande, die rein psychische Kausalität zu retten und
nur die psychophysische Umwandlungsform fttr ungültig zu er-
klären. Denn das Energiegesetz kommt in dieser ganzen Frage
gar nicht in Betracht und bildet jedenfalls nicht das Ent-
scheidende in der Sache. Denn, ganz abgesehen vom Gesetz der
Energie, findet bei jeder beliebigen Einbeziehung des rein
Psychischen in die Kausalbetrachtung eine Umwandlung jenes
Psychischen in ein Körperhaftes statt. Die thatsächlich be-
stehende psychophysische Abhängigkeitsbeziehung kann daher nur
im Sinne einer funktionellen allgemeinen Zusammengehörigkeit
gedacht werden. Also in einem Sinne, wie derselbe der mathe-
matischen Zusammengehörigkeit von Linie und Winkel, von
Geschwindigkeit und Fallzeit und analogen Beziehungen ent-
spricht.
Hiermit nun haben wir, soweit es der vorliegende Zu-
sammenhang gerade erforderte, aus jenen bei Jgdl nur wie
getrennt vorgefandenen Bestandteilen ein Ganzes hergestellt
und sind nun auch weiterhin im stände zu zeigen, dafs und
* A
— 231 —
weshalb Jodl das Verhältnis von Leib und Seele nicht er-
fafst hat.
Jodl besafs oder besitzt die Umgebungsanschauung nicht
als lebendige Anschauung, sondern nur in Form einiger
vager Allgemeinbegrifife und ist nur von der Überzeugung
durchdrungen, dafs Psychisches und Physisches zwar notwendig
zusammengehörten, aber doch andererseits nicht schlechterdings
miteinander identifiziert werden könnten. Eine derartige
allgemeine Überzeugung nun genügte keineswegs, um sich
mit allerlei anderen, ihren EinHufs übenden Ansichten oder
vereinzelten Äufserungen auseinanderzusetzen. Und so geschah
es, dafs jene allgemeine und an sich richtige Überzeugung sich
in eine Reihe einander fremdartiger und sich widersprechender
Einzelheiten zerstreute und ins Nebelhafte auflöste.
Jodl behauptet (74) eine psychische Kausalität. Er
statuiert (91 — 95) neben der vollen Erfahrung (Beziehung
zwischen konkretem Individuum und konkreter Umgebung) ein
in der Allgemeinheit schwebendes, ein rein psychisches und sich
nur auf das reine Bewufstsein beziehendes Verhältnis von
Subjekt und Objekt und also ein reines Spaltprodukt des Be-
wufstseins. Er spricht wiederholt (6, 73) von einer Unver-
gleichbarkeit des Physischen und Psychischen (ihrem Inhalte
nach) und bezeichnet in diesem Sinne die „schlechterdings un-
räumliche Innenwelt^ als Subjekt und die „räumlich ausgedehnte
Aufsenwelt" als Objekt. Er charakterisiert (75) das Verhältnis
zwischen „Bewofstsein und Materie^ als eine letzte, begrenzende
Thatsache" und „Diskrepanz zwischen einem rein intensiv Ge-
gebenen und einem rein extensiv Gegebenen^. Und fast auf
derselben Seite (74) schildert er eben jene „letzte, begrenzende
Diskrepanz" als denselben Inhalt, nur in „zwei verschiedenen
Sprachen ausgedrückt" , als die nämliche Sache, aber das eine
Mal ^von innen, das andere Mal von aufsen gesehen^. Und
endlich fügt Jodl diesen verschiedenen Äufserungen (74) die
Bemerkung von der allgemeinen psychophysischen funktionellen
Zusammengehörigkeit wie einen zufälligen Nebengedanken hinzu,
indem er sich dafür auf eine Autorität (Heking) beruft. Und
besonders dieser letztere Umstand, dafs nämlich der Philosoph
die HEBiNGSche Bemerkung, welche vielleicht von allem, was
Jodl von aufsen in sich aufgenommen hat, am ehesten dazu
geeignet war, die Bahn zur vollen Anschauung zu brechen, nur
wie ein zufälliges Anhängsel seinem Text einfügte, beweist, dafs
derselbe, statt eine klare Ansicht über das Verhältnis von Leib
und Seele aufzustellen, nur membra disjecta zusammengetragen
- 232 -
hat. Freilich, wenn man bei Jodl die Sache nur ein wenig
flüchtig und in rascher Übersicht sich vor Augen führt, dann
sieht alles sehr glatt aus. Als geistvoller Autor war ja Jgdl
von vornherein davor gesichert, in den Schlingen der dunkeln
Abstraktion unterzusinken. Er hat deshalb die Grundgedanken
seiner Theorie (von Leib und Seele) nur, wie die Domen an
den Kosen, sehr vorsichtig angefafst und in einer fortlaufenden
und wechselnden Reihe von Zügen der biologischen Anschauung
die unterliegenden Abgründe wie mit einem Teppich zugedeckt.
Und wenn man als philosophischer Seraph über die elyseischen
Blumengefilde wandelt, dann besitzt ja gewifs jener Teppich
Festigkeit genug. Aber wenn man über ein Eisfeld unserer
harten Erde kriecht, dann ist jene leichte Schneedecke, welche
Gletscherschründe überdeckt, nicht mehr stark genug. Wir dürfen
uns daher auf jenen Rosenschleier nicht verlassen und müssen
denselben im Interesse unserer Schilderung noch etwas mehr
auseinanderziehen.
Jenes umfangreiche Kapitel (90—166), welches das Wesen
des Bewufstseins, die psychische Kausalität und die Ent-
wicklungsstufen des Bewufstseins behandelt, bezeichnet
Jgdl (90) als dasjenige, welches die „Quintessenz" seiner ganzen
Psychologie enthalte. Es ist offenbar auch dasselbe, an welches
der Verfasser wohl hauptsächlich dachte, wenn er (Vorw. VII)
die „innere Einheit der philosophischen Anschauung" seines
Lehrbuchs der Psychologie als das „Wertvollste" und ihn selbst
besonders „Anziehende^ betrachtet. Wenn endlich Jgdl noch
weiterhin an diese seine individuelle und subjektive Schätzungs-
weise seiner eigenen Arbeit die Hoffnung knüpft, dafs der Leser
dasselbe empfinden möchte, so begreifen wir eine solche
stille Hoffnung sehr wohl. Denn jenes spezifische B e -
wufstseinskapitel versuchte allerdings eine Verbindung
zwischen der Psychologie und den geschichtlichen und gesell-
schaftlichen Wissenschaften anzubahnen. Und dafs Jgdl dies
versuchte und deshalb (Vorw. VI) die Psychologie hauptsächlich
doch, neben aller Nähe und Berührung derselben mit den Natur-
wissenschaften , als philosophische Wissenschaft betrachtet,
ist gewifs nicht zufällig. Denn dafs Jgdl, als Verfasser einer.
Geschichte der Ethik, in der Psychologie vor allem eine
geeignete, umfassende und gesicherte Unterlage für die Norm-
wissenschaften suchte, ist leicht verständlich. Dafs nun aber
der Philosoph ein allgemeines Wesen des Bewufsteins und die
psychische Kausalität zur gesellschaftswissenschaftlichen Basis
machte: hierin sehen wir wohl eine Berührung und einen Zu-
— 233 -
tsammenhang der Psychologie mit einer allgemeinen philosophi-
schen Ansicht, aber die „innere philosophische Einheit" ver-
missen wir gar sehr. So sehr, dafs diesmal, in der allgemeinen
Theorie des Bewufstseins , der Widerspruch ein noch viel mehr
ins Innere dringender ist als in der Frage über die Beziehung
zwischen Leib und Seele. Schon die eine Thatsache, dafs Jgdl
(115) . sich auf das WuNDTSche Prinzip der wachsenden
geistigen Energie beruft, nachdem er kurz vorher (101)
eine Entwicklungsgeschichte des Bewufstseins als
ein vielleicht „ewiges pium desiderium der Zukunft" bezeichnet
hatte, ist ein sehr bedeutsames Symptom. Man möchte etwas
recht Grofses besitzen, fühlt dunkel die Unmöglichkeit des Er-
werbes der Sache und stellt nun diese Lage so dar, als ob
der Fehler nicht in der Unmöglichkeit des Wunsches, sondern
in der Gröfse der Sache liege. Wenn ich von vereinzelten Ex-
kursen oder Aussprüchen, die Jgdl seiner geschichtlichen oder
persönlichen Erfahrung entnimmt, absehe, so finde ich in jenem
ganzen grofsen Bewufstseinskapitel nur eine Reihe metaphysischer
Schatten und Ich-Betrachtungen. „Die Innerlichkeit (91) eines
lebendigen Wesens, welche sich in der Entgegensetzung von
Subjekt und Objekt oder eines Inhaltes und des auffassenden
Wesens (oder seiner Thätigkeit) kundgiebt" in diesem
Satze liegt das ganze Geheimnis der allgemeinen Bewufstseins-
theorie beschlossen.
Jene Innerlichkeit, jenes Entgegensetzen und jenes Auffassen
(des Bewufstseinswesens) ist das Benehmen eines Wesens, welches
Arme und Hände ausstreckt und einen dargereichten Gegenstand
empfängt. Nun kann man sich ja stets auf das Bedürfnis und
die Freiheit bildlicher Ausdrucksweise berufen, und wir selbst
wären die letzten, jene Freiheit und Bildlichkeit der Darstellungs-
mittel zu bemängeln. In unserem Falle aber ist es nicht darum
zu thun. Sondern die Symbolik der Sprache ist oft genug auch
nur ein bequemer Mantel, um des Gedankens Blöfse zu bedecken.
Und dafs jenes Bewufstseinswesen allerdings nichts ist als nur ein
zweites, anthropomorphisiertes und spiritualisiertes Ich, ersehen
wir aus dem Zusammenhang des ganzen Kapitels und durch
Yergleichung der verschiedenen Ich - Betrachtungen miteinander.
Vorerst aber wollen wir noch einen Schritt rückwärts machen
und andeuten, wie Jgdl die Einheit des Ich (71 — 72) bei Be-
trachtung von Leib und Seele beschreibt. Hier wird die Ein-
heit des Bewufstseins (oder des Ich) als ein Summations-
phänomen bezeichnet und demselben die parallele, kontinuier-
liehe und langsame, aber fortwährende Änderung des Gehirns an
- 234 —
die Seite gesetzt, so dafs jene Seeleneinheit durch den beschützen-
den langsamen Gang der Nervenvorgänge die nötige Stütze er-
hält. Dies also wäre wohl ein Beispiel der psychischen
Kausalität, so dafs man durch das Gehirn wie durch ein
Transparent die parallelen Seelenschwingungen erblickt! Da
aber der Philosoph auf keine Weise angegeben hat, durch
welches Integrationsverfahren die einzelnen sich aneinander-
fügenden Seelenteilchen summiert werden könnten, so ist eben
diesmal das Seelen-Ich infolge gar so naher Berührung mit der
Materie ganz in dieselbe hineinversunken. Aber dafür freilich
steigt das Ich später in verjüngter Gestalt und als neugeborene
kleine Gesellschaft aus dem Erdenschofs. Denn Jgdl (109)
unterscheidet nicht weniger als 1. ein Selbstbewufstsein,
2. ein Sachbewufstsein, 3. ein Ich-Bewufs tsein und
dazu (71) noch 4. eine elementare Ich-Form. Also denn
herein und her zu mir eins nach dem andern!
1) Selbstbewufstsein.
Wie ist dein Name und wer bist du? — Wenn die innere
Wahrnehmung sich selbst anschaut, so dafs das Objekt zugleich
auch Subjekt ist, so nennt man dieselbe, wie mich der Philosoph
gelehrt hat, Selbstbewufstsein. — Wenn du so sprichst,
dann weifst du, mein Selbstbewufstsein, selbst nicht, wer du bist.
Die Reflexion kann sich freilich von der Umgebung entfernen
und sich auf Gedanken zurückziehen. Aber alle derartigen Ge-
danken, mögen dieselben ein Träumen oder Philosophieren oder
eine aktive und schöpferische Bethätigung im Zusammensein mit
der Umgebung oder der menschlichen Gesellschaft bedeuten,
sind und bleiben stets Teilinhalte des konkreten menschlichen
Individuums. Wenn ich dennoch meine Gedanken, inwiefern
ich dieselben vielleicht höchst klar und wie ein mich um-
schwebendes Bild erfafst habe, als Objekt und gleichsam wie
eine zweite Umgebung bezeichne, dann darf ich ganz wohl in
dieser symbolischen Weise sprechen, wenn ich dabei nur nie ver-
gesse, dafs neben dem konkreten Individuum und einer zu-
gehörigen konkreten Umgebung in keinem, weder in einem
physischen noch psychischen Sinne sonst noch ein Subjekt oder
Objekt vorhanden ist. — Nun, mein Selbstbewufstsein, habe ich
dir gesagt, wer du in Wahrheit bist. Du bist entweder ein
harmloses Sprachsymbol oder ein mythologisches Wesen. Im
selben Sinne nämlich, wie ich meine Gedanken als Objekte be-
zeichnen kann, so könnte ich auch den gesamten Assoziationszug
des Yorstellungs- und Gefühlslebens für sich betrachtet, in einem
— 235 —
rein symbolischen Sinne als Ich oder Seele betrachten. Sobald
ich aber diese Symbolik nicht mehr beachte ^) , so verwandelt
sich alsbald die Seele oder das Ich in ein neben dem konkreten
Individuum bestehendes zweites Gespenster-Ich.
2) SachbewuTstsein.
Wie hat man dich definiert? — Als Bewufstsein, wobei
psychische Zustände als Subjekt und physische Vorgänge als
Objekt erscheinen. — Nun, dann bist du ja nichts anderes als
nur der reine Doppelgänger des Selbstbewufstseins ! Denn ob
ich psychische Zustände als Objekt oder Subjekt bezeichne: in
beiden Fällen spreche ich im selben Sinne entweder symbolisch-
empirisch oder mythologisch-methaphysisch.
8) Ich-Bewurstsein.
Nun, du brauchst mir nicht erst zu sagen, wer du bist. Du
kannst nur entweder das leibhaftige, konkrete menschliche Indivi-
duum oder das symbolische Wort oder das mythologische (zweite)
Seelenwesen sein. Vielleicht auch bist du dies alles zusammen
und schillerst wie ein chamäleonartiges Farbenspiel aus einer
Farbe in die andere.
Hierzu möchte ich nur noch bemerken, dafs das Selbst-
bewufstsein in der gewöhnlichen Bedeutung — und ab-
gesehen von der seltsamen JoDLschen Definition desselben —
durchaus mit dem Ich-Bewufstsein im Sinne des konkreten
Individuums zusammenfällt und nur insofern eine
Modifikation desselben darstellt, als im gesellschaftlichen Zu-
sammensein ein Individuum in seiner Macht oder Ohnmacht,
in seinem VV^ert oder Unwert, im Gefühl seiner eigenen oder
in demjenigen fremder Schätzung sich selbst so oder anders be-
spiegelt.
4) Elementare Ich-Form.
Ich definiere mich selbst! Ich bin der abgeblafsteste von
allen Ich-Schatten; der grofse, alle übrigen, etwas kräftigeren
Schatten umfassende Überschatten, der aber die eigentünliche
Kraft besitzt, die ganze begleitende Sippschaft ebensowohl aus
dem dunkeln Schofs ans Licht zu ziehen, als in einem gemein-
samen Leichentuch zu begraben.
^) Wie dies Ebbinghaus (Grundzüge der Psychologie S. 17 — 18)
gethan hat.
— 236 —
Nun begreifen wir den Rückfall Jodls in die alte Seelenver-
mögentheorie , den wir im betreffenden methodologischen Ab-
schnitt (s. S. 121 ff.) geschildert haben ! Und es bedarf wohl,
nm dies einzusehen , keiner langen Aaseinandersetzang mehr.
Der Wille als selbständige Bewafstseinsform und das
Urteil als spezifische Yerknüpfungsart sind offenbar nur
Abschnürprodukte desselben zellenartigen Zeugungsprozesses wie
die Spaltungsvorgänge der vierfachen Subjektivität. Und selbst
an jenem ästhetischen Elementargefühl (s. S. 126 — 128), das, von
der gesamten assoziativen und ästhetischen Persönlichkeit ab-
gelöst, an einem Gegenstande haftet, erkennen wir nun deutlich
eines der infinitesimalen Seelenteilchen, das in Gestalt eines
minimalen Tautropfens sich an gewisse Figuren, Farben und
Töne angesetzt hat! Und an welche andere Analogie als an
eine solche psychische Summationsformel sollten wir uns halten,
um im Geiste des Philosophen die Einteilung alles Psychischen
in aufsteigender Linie und d. h. als „Primäres, Sekundäres
und Tertiäres", zu verstehen? Nun, da müssen wir uns in der
Verlegenheit wohl auf das „pium desiderium" stützen, wenn
wir nicht etwa gar zu einer ins rein Psychische übersetzten
Umwandlungs- oder Identitätstheorie unsere Zuflucht nehmen
sollen. Und dafs Jgdl auch von solchen Anwandlungen nicht
ganz frei ist, besagt vielleicht die Äusserung (151), dafs in den
„Grundformen des Vorstellens, Ftihlens, Wollens" immer neue
und wechselnde Inhalte auftreten, indem der „nämliche Inhalt
bald als Empfindung, bald als Vorstellung, Gefühl, Wille er-
scheint". Es ist dies freilich nur eine einzelne Aussage. Da
sich dieselbe indes in jenem allgemeinen, die „Quintessenz" der
gesamten Psychologie enthaltenden Bewufstseinskapitel und ins-
besondere bei den Entwicklungsstufen des Bewufst-
s e i n s vorfindet, so ist unsere Vermutung doch wohl nicht ganz
unbegründet. Nun glaube ich, ist es wahrlich nicht mehr nötig,
weiter auf die psychische Kausalität einzugehen ; und der Leser
ist wohl in der Lage, sich dazu seinen Reim selbst zu machen.
Nur darauf möchten wir doch noch besonders hinweisen, dafs
man die JoDLSche Theorie der psychischen Kausalität sehr wohl
als praktisches Beispiel der von Wundt anempfohlenen ge-
eigneten Grundlage der Geisteswissenschaften be-
trachten kann. Jgdl beruft sich wiederholt auf das von Wukdt
mit einiger Emphase proklamierte Prinzip des Wachstums
geistigerEnergie, welches Prinzip ja natürlich nur ein Pfropf-
reis der psychischen Kausalität bedeutet. Jgdl jedoch nahm jenes
Prinzip nicht nur auf, sondern er hat sich selbst dem WuNDTSchen
— 237 —
Stamm aufgepfropft und hiermit sein eigenes besseres Wissen
und Können (ohne Wissen) verleugnet. Als Jgdl seine Ge-
schichte der Ethik verfabte, wufste er wohl schwerlich schon
etwas von einer psychischen Kausalität (im Sinne der philosophischen
Theorie). Wenigstens spürt man in jenem Werke nichts der-
gleichen. Sondern ihn leitete einfach die gesellschaftliche und
geschichtliche Notwendigkeit, welche in einem gewissen all-
gemeinen Sinne ja natürlich, wie wir an betreffender Stelle
(s. S. 211 — 212) selbst augedeutet haben, auch eine Kausalität
ist, aber in ihrer Besonderheit einfach mit der freien, sich
an die Überlieferung beweglich anschmiegenden und nachschaffenden
individuellen Gestaltung zusammenfällt. Und etwas anderes, als
etwas von jener allwaltenden geschichtlichen und nur durch die
Darstellung sichtbar zu machenden Notwendigkeit, kann auch
auf dem Gebiete der allgemeinen Psychologie weder jemals ge-
sucht noch gefunden werden. Und auch bei Jgdl selbst schlägt
in seinem psychologischen Lehrbuch diese durch philosophische
Beeinflussung zurückgedrängte bessere Einsicht noch manchmal
durch. Jenes Kapitel über die Persongefühle, das wir
schon in der methodologischen Betrachtung (s. S. 126) als
das vielleicht beste und als etwas vom Übrigen des Werkes
Unabhängiges bezeichnet haben, besitzt eben seine besonderen
Vorzüge nur deswegen, weil Jgdl dort, unbeeinflufst von philo-
sophischen Theorien, sich als freier Schilderer des Menschen und
nicht als Gefühlsanalytiker versucht hat. Und auch die Be-
merkung (70 — 71), dafs das Psychische immer über sich selbst
hinaus ins Physische weise, hat nicht nur, wenigstens wenn man
dieselbe tief genug versteht, eine speziell physiologische, sondern
in erster Linie die viel allgemeinere Bedeutung, dafs das
Psychische nur als individuell menschliche und geschichtliche
Gröfse überhaupt gestaltbar ist. Nun aber verdeckte der
Schatten der psychischen Kausalität jene aufdämmernde bessere
Einsicht, und wir sollen auf einmal glauben, dafs wir allgemeine
psychische Gesetze ganz nach strenger Analogie der
Naturwissenschaften und also in Gestalt allgemeiner Formen und
Formeln zu postulieren hätten. Nun mufs freilich die Psycho-
logie analytischer, allgemeiner und abstrakter ausfallen als eine
rein geschichtliche oder künstlerische Darstellung. Indes, dies
ist ein Punkt, der uns noch besonders zu beschäftigen hat.
Hier möchten wir nur bemerken, dafs jener Punkt mit der so-
wohl methodologisch als umgebungsanschaulich unmöglichen
psychischen Kausalität unmöglich die mindeste Gemeinschaft
haben kann. Was aber Jgdl betrifft, so besuchten denselben
— 238 —
seioe Schattengestalten nicht nur innerhalb der psychischen
Erfahrung, sondern wie eine rätselhafte Maske schweben sie
am fernsten Horizont und bedecken dort an jener fernen Stelle
als ein dunkles Gestirn ein Stück des blauen Himmels. Von
zwei Punkten aus nämlich kann es geschehen, dafs der Psycho-
loge so weit hin ins Feme schweift. Bei der Analyse der
Zeit Vorstellung und bei der Frage nach der Ent-
stehung des Bewafstseins. Die Zeitvorstellnng streift an
das Unendliche; und jene so weit nach rückwärts blickende
biologische Frage bringt die Gefahr mit sich, eine unmögliche
Frage mit einem Schein von Wissenschaftlichkeit zu mas-
kieren. Weiter aber als mit dieser blofsen Andeutung wollen
wir auf jene Punkte, da dieselben für unsere Betrachtungs-
weise weniger wesentlich sind, und da Jgdl selbst (42,
528 — 529) an jenen Stellen weniger spricht, als vielmehr
nur ein wenig vieldeutig lispelt, nicht eingehen. Und am Bei-
spiel der Psychologie haben wir nun gesehen, dafs es nicht ge-
nügt, sich nur überhaupt auf Erfahrung zu stützen. Sondern
die Erfahrung mufs überdies fruchtbar und gestaltungsfähig sein.
Dies aber setzt eine Anschauung voraus, die sich vom halb-
wachen metaphysischen Dämmer ebenso sehr befreit hat, als dafs
dieselbe im stände ist, Analyse und Methodik eben sowohl von
einem Splitterwald von Abstraktionsresten, als von gotischen
Eugelschalen zu unterscheiden.
V. Ergrebnlsse.
1. Definition der Psychologie.
Die folgende Definition hat ihre Bedeutung keineswegs als
für sich bestehende und unabhängige Formel, sondern dieselbe
soll nur unsere positiven Ergebnisse zusammenfassen und mit
Hilfe von begleitenden Erläuterungen sowohl im Rückblick auf
unsere bisherige Darstellung als im Yorblick auf eine mögliche,
von dem Einflufs der Schulen und der Theorien unabhängige
und rein umgebungsanschauliche Gestaltung der wissenschaft-
lichen Psychologie einige Lichter aufstecken. Die Definition
lautet :
Gegenstand der Psychologie ist die theo-
retische Betrachtung und Schilderung des kon-
kreten, psychophysisch ungeteilten undgattungs-
mäfsigen menschlichen Individuums.
— 239 —
Wir haben gefuoden, dafs es zwar nicht bloss möglich,
sondern auch sehr nötig ist, das Psychische vom Physischen, aas
gewissen allgemeinen sowohl, als methodologischen Gründen, in
aller Schärfe zu unterscheiden. Andererseits aber und gerade
im Zusammenhange mit jener angedeuteten Unterscheidung zeigte
Eich zugleich, dafs das Psychische weder in einer abstrakten
Abgesondertheit noch auch als (methodologisches) Beziehungs-
glied des Physischen einen ins einzelne hinein analysierbaren
und als besondere und relativ selbständige Wissenschaft ge-
nügend gestaltungsfähigen Gegenstand bedeutet. Somit bleibt
nichts anderes übrig, als den ganzen Menschen selbst in seiner
psychophysischen üngeteiltheit in erster Linie zum Gegen-
stande der Psychologie zu machen. Hiermit nun aber eröffnen
sich freilich sogleich eine Reihe neuer Schwierigkeiten. Dieselben
sind jedoch durchaus anderer Art, als jene durch die Wuche-
rungen der methodologisch -metaphysischen Schuleinflüsse sich
nährenden und forterhaltenden Schlinggewächse. Die letzteren
Spröfslinge, die wir nun hinter uns haben, und von denen wir
in diesem Zusammenhange einmal ganz absehen wollen, sind ent-
wicklungsgeschichtlich gesprochen, ein historisches Überbleibsel
und als solches nur zufälliger und vorübergehender Art. Jene
anderen Schwierigkeiten aber, die in unserer Definition ein-
geschlossen liegen, sind von bleibender Art. Denn unsere
Definition stellt die Forderung, einen so mannigfaltigen, einen
so beziehungsreichen und in die ganze, sowohl aufsermenschliche
als mitmenschliche Umgebung verflochtenen Gegenstand, wie
denselben das konkrete menschliche Individuum bedeutet, durch
eine einheitliche und wissenschaftliche Betrachtungsweise dar-
zustellen. Aber ist nun eine solche Forderung, da dieselbe ja
etwas Unmögliches zu verlangen scheint, ebendeswegen nicht
unhaltbar? Sobald man indes nur bedenkt, dafs Forderungen
in der Wissenschaft nicht die Bedeutung von Rechtsforderungen,
sondern nur diejenige der Ermunterung zu einem Eroberungs-
zug, dessen Ende gar nicht abzusehen ist, besitzen, dann verliert
unsere Definition sofort alles Abschreckende. Dieselbe hat nun
einfach den Sinn: um in der Psychologie überhaupt etwas, und
wäre es das Bescheidenste, aber deswegen in seiner Art doch
etwas Wertvolles zu leisten, wäre eine gewisse, auf das Ganze
gerichtete, unternehmungslustige und von allen einseitigen, ob
auch vielleicht in beschränktem Gebiete wissenschaftlichen Schul-
methoden und altertümlichen Vorurteilen freie Geistesverfassung
unerläfslich und erste Voraussetzung. Innerhalb dieser all-
gemeinen und gemeinsamen Voraussetzung bliebe dann dem
— 240 —
einzelnen, je nach seiner individuellen Richtung und Stärke ein
hinlänglich grofser und freier Spielraum der Bethätignng übrig.
Der mehr naturwissenschaftlich Gesinnte könnte den Menschen
in Beziehung zur aufsermenschlichen und rein natürlichen, viel-
leicht auch ästhetischen konkreten Umgebung betrachten. Der
mehr geschichtlich Angehauchte hätte volle Freiheit, den Menschen
als Glied der Gesellschaft zu analysieren. Dals durch eine solche
Arbeitsteilung das grofse allgemeine Ziel sich nicht zersplittern
dürfte, versteht sich von selbst; und jene genügend vielseitige,
freie theoretische Stimmung, die immer als Vorbedingung der
Psychologie vorausgesetzt wird, hätte eben dafür aufzukommen,,
dafs der mehr Naturwissenschaftliche sich nicht in Experimentier-
künsteleien verliert^ und dafs der künstlerisch oder historisch
Interessierte keine solchen Allotria und Spezialitäten betreibt,
welche sich mit dem gattungsmäfsigen Gegenstande der
Psychologie und ihrer wissenschaftlichen und insofern natürlich
stets auch analytischen Betrachtungsweise nicht mehr vertragen.
Dafs endlich auch beide Seiten der psychologischen Forschung:
die speziell naturwissenschaftliche Richtung und die mehr all-
gemein anthropologische Betrachtungsweise, sich sehr wohl im
selben Individuum zusammenfinden könnten : dieser Glaube liegt
gar nicht so fern, wenn man sich etwa die Aufgabe denkt, das
schöpferische menschliche Individuum nach verschiedenen Be-
ziehungen zu schildern und hierbei eine Reihe an jenem höchsten
Mafse gemessener und davon stark abweichender, aber historisch
sehr bedeutsamer und nachwirkungsreicher Mischlingscharaktere
mit in den Bereich der Untersuchung hineinzuziehen. Doch
wollen wir uns nicht mehr länger solchen Zukunftsträumen hin-
geben. Denn was jeder an den psychologischen Stoff Heran-
tretende daraus zu machen hat, mufs derselbe schliefslich, was
das einzelne betrifft, selbst wissen. Wohl aber möchten wir
unsere Definition noch insofern etwas erläutern, inwiefern man
derselben vielleicht den Vorwurf machen könnte, sie wäre viel
zu weit, da ja Künstler, Dichter, Historiker, Soziologen und
Naturforscher alle mehr oder weniger mit dem konkreten
menschlichen Individuum zu thun hätten, so dafs der Psychologe
entweder zu viel oder zu wenig zu thun bekäme. Doch gerade
diese Weite unserer Definition ist zunächt nur ganz der be-
ziehungsreichen Sache angemessen. Wenn nur daneben auch
die allerdings wünschenswerte Bestimmtheit nicht fehlt. Und
wie ich glaube, ist dieselbe vorhanden, wenn wir uns nur den
Inhalt der Definition genau vergegenwärtigen. Dichter, Künstler
und Historiker befassen sich in einem gewissen Sinne wohl alle
- 241 —
zwar mit dem konkreten Menschen, aber keineswegs, wie unBere
psychologische Oetinition besaiit, mit dem psychophfEisch
nngeteilte n Individuum. Die Kütistlerprodukte sind Phantasie'
gestalten. Die Bilder des Historikers, soweit dieselben Indivi-
diien und individuelle Zustände schildern, entfernen sich vom
Guttun gsmUrsi gen und sind fast immer nur Vergangenheitsbilder.
Üud wenn wir den Historiker als Kalturhistoriker betrachten,
dann schildert derselbe weniger Individuen, als Kulturprodakte,
und entfernt sich in demselben Mafse vom Individuellen, ala
er sich dem Allgemeinen nähert. Und was den Natorforscber
betrifft, so hat es derselbe immer nur zufällig und aushilfsweise
mi^ dem konkreten Menschen zu Ihun, da seine individuelle
Aufgabe die Umgebung als solche (den menschlichen Organismus
ein gesi: blossen) nie überschreitet. Endlich aber ist es keineswegs
nebensächlich, dafs wir neben den übrigen Prädikaten auch ge-
rade das Individnam besonders hervorheben. Denn da man ja
auch von einer Völkerpsychologie spricht, könnte man vielleicht
vermuten, die Psychologie zerfalle in zwei Hälften: eine
gattungsmäfsige und eine individuelle (Völker- und Individaal-
psjchologie). Hiervon kann indes keine Rede sein. Das Volk
oder die Völker sind blofse vage Kollektiv begriffe und aus
dergleichen entspringt keine Wissenschaft. Die Begriffe müssen
aus den Sachen hervorgehen und nicht umgekehrt, und die
einzige ursprüngliche nnd aachliche Quelle des Psychischen ist
das natürliche Individnuni. Mag es daher eine Völkerpsycho-
logie geben oder nicht, was wir hier gar nicht zu untersuchen
haben, so ist die Psychologie der Völkerpsychologie jedenfalls
nie etwas anderes, als nur eine Hilfswissenschaft der betreffen-
den sehr zusammengesetzten Disziplin. Und um nun unsere Defini-
tion und indirekt die ihr zu Grunde li^ende ganze Schilderung
noch weiter zu rechtfertigen , stelle ich eine Reihe anderer
Definitionen , welche einige der von uns geschilderten Psycho-
logen aufgestellt haben, zusammen und vergleiche dieselben mit
der unsrigen.
2. Synopsis (ÄVENABrus, EBBnföHAüs, Jodl, Rehmkb).
1) AvenariuB.
Derselbe bestimmt in kürzester Fassung die Aufgabe der
Psychologie durch die Formel'):
Gegenstand der Psychologie ist die Erfshmng
überhaupt als Abhängige des Systems C (nervöse
Zentralorgane).
In dieser Definition ist die Erfahrung überhaupt and
d. h. das gesamte Psychiscbe aasschlierslioh in seiner methodo-
logischen Abhängigkeitabe Ziehung zu den Vorgäni^en der nervösen
Zentralorgane , oder wie sich Avenasidb formelhaft ausdrückt,
zam System C gedacht. Und jener einzige Punkt, an welchem
die Psychologie befestigt ist, soll nun zugleich auch die ganze
Gestaltnngsmöglicbkeit einer besonderen und selbständigen
psychologischen WiGsenschaft verbürgen. Doch gerade in erster
Linie durch unsere Kritik der hypothetischen Konstruktion,
welche Avenabius von jenem allgemeinen methodologischen
Beziebun^spnnkt aus zu einem ganzen spekulativen Gewebe
(Vitaltheorie) ausgesponnen hat, haben wir gezeigt, dafs jene
einseitige vitaltheoretiscbe Formel, als allgemeine Definition der
Psychologie , die letztere nicht fördert. Aber unabhängig von
jener Definitionsformel liat Avenarius in seiner Kritik der
reinen Erfahrung das psychologische Verhallen der menschlichen
Individuen nach gewissen allgemeinen Gesichtspunkten geschildert.
Und zugleich war er der erste, welcher die Erfahrung als all-
gemeine Orieniiernng und Um gebnngsan sc bauung in Gestalt des
menschlichen Weltbegriffes mit der nötigen Klarheit in
die wissenschaftliche und philosophische Litteratur einführte.
Und hierdurch, und nicht durch seine methodologischen Formeln
and vitaltheoretischen Aspirationen , ist Atenabius zugleich
Philosoph und einer der Hauptbegriinder der wissenschaftlichen
Psychologie.
Unabhängig von Avenabius, wie wir dies alles schon ge-
sehen haben, hat E. Ma^h eine mit derjenigen von AvESABirs
sehr wesensverwandte , obwohl mit derselben keineswegs zu-
sammenfallende, psychologische Methodik aufgestellt. Aber auch
Mach verdankt alles — und es ist nicht wenig — womit er
die Psychologie bereichert hat, nicht seiner speziellen und
hypothetisch -konstruktiven Abhängigkeit smethodik, sondern seiner
grofsen und vielseitig geübten und geschulten Anschauung.
2) Ebbirghaua (Grundzüge der Psychologie).
Psychologie (S. 8} ist die Lehre von den
Dingen der Innenwelt, im Gegensatz zur Physik
als der Lehre von den Dingen der Anfsenwelt.
Diese Formel hebt indes nur andeutungsweise den Haupt-
gesichtspunltt der Betrachtungsweise hervor; und ohne die zu-
^ 248 —
gelungen ErläateniDgen , welche Ebbinghaüs beifftgt, könnte
mfm dieselbe sehr leicht mifsversteben. Ebbinghaüs als Psjcho-
physiker ist natflrlich sehr weit von der Meinung entfernt, als
könnte die Psychologie als Wissenschaft sich auf das Psychische,
oder mit dem Verfasser zu reden, auf die „Dinge der Innen weit **
beschränken. Und noch mehr entfernt sich Ebbinghaüs vom
strengen Wortlaat der Definitionsformel, wenn er (7) die Psycho-
logie als eine Wissenschaft nicht von einem bestimmten Aosr
schnitt der Welt, sondern von der ganzen Welt, aber von dieser
nur nach einer bestimmten Hinsicht bezeichnet. Und jene be-
stimmte Hinsicht ist keine andere, als die Abhängigkeit von
den menschlichen, „erlebenden" Individuen. Und durch diese
letztere Bestimmung nun nähert sich Ebbinghaüs den An-
sichten von Mach und Avenabiüs, welche, insofern dieselben alb
reine Methodiker in Betracht kommen, jene psychophysische
Abhängigkeitsbeziehung allein zum Gegenstande der Psycho-
logie machen möchten. Doch von dieser Einseitigkeit ist
Ebbinghaüs frei, und derselbe (8) unterscheidet sehr zutreffend
zwischen ein^ Untersuchung von Erlebnissen, denen die gemein-
same Eigenschaft zukommt, von erlebenden Individuen ab-
hängig zu sein, und einer Untersuchung jener Erlebnisse in
ihrer Abhängigkeit von den Individuen. Und danach
ist die Meinung von Ebbinghaüs, insoweit wir dieselbe bis jetzt
überblicken, keine andere als diese: die Psychologie untersucht
die Dinge der Innenwelt. Weil aber alle Dinge der Welt, in-
wiefern dieselben von den menschlichen Individuen erlebt (er-
fahren) werden, von eben jenen erlebenden (erfahrenden) Indi-
viduen abhängig sind, so fallen insofern die von den erlebenden
Individaen abhängigen Dinge überhaupt mit den Dingen der
Innenwelt zusammen. Und nur inwiefern die bezeichnete Ab-
hängigkeit geeignet ist, die Dinge der Innenwelt kennen zu
lernen, ist dieselbe ein Gegenstand der Psychologie. Mit
anderen Worten: die psychophysische (allgemeine) Abhängig-
keitsbeziehung ist für Ebbinghaüs nur Mittel zum Zweck; und
der direkte Gegenstand der Psychologie sind die Dinge der
Innenwelt selbst. Nun aber kommt zu den Dingen der
Innenwelt noch etwas weiteres hinzu. Nebenbei nämlich (7)
sagt Ebbinghaüs von der Psychologie, dieselbe sei auch noch
eine Wissenschaft von den Eigentümlichkeiten eines Individuums,
die für seine Art, die Welt zu erleben, wesentlich mafs-
gebend sind. Vollständig zusaramengefafst lautet sonach die
Definition :
Psychologie ist die Lehre von den Dingen dei*
16*
244
I
Innenwelt', und nebenbei auch noch eine Wisseii-
Echaft von jenen Eigentümlichkeiten des mensch-
lichen Individuums, die für seine Art, die Welt
zu erleben, wesenilich mafagebend sind.
Wenn wir nun diese Definition mit der unsri^en Tergleiehen,
BO finden wir, dafs die letztere dasjenige, was EuniNnHADs zu einem
blofsen Anhängsel macht, als alleinige HuupUache in sieb anf-
genommen und „die Dinge der Innenwelt", die fär Ebbinohaus
die Hauptsache sind, ganz ausgeschaltet hat. Und hiermit ist
es in voller Übereinstimmung, wenn unsere Schilderung gezeigt
hat, daffi Ebbinghaus das Psychische so viel als möglieb auf
den Leib der Naturwisaenscbaften zugeschnitten hat. Das
Psychische, meint Ebbikghaüb, ist ein Inbegriff von Dingen wie
das Physische. Und mit denselben besonderen Methoden nicht
nur , sondern auch in demselben streng begrifflichen und ana-
lytischen Sinne , wie der Naturforscher seine Dinge untersucht,
so raufs dies auch der Psychologe mit seinen Dingen thun. Mit
einem Wort: Ebbinobaüb, wie wir in der psychophysischen
Betrachtung (s. S. 74 — 76) gezeigt hahen , ist auf dem besten
Wege, das menschliche Individuum ganz aus dem Gesichtskreis
zu verlieren ; nnd erst, nachdem er sich schon allzuweit in seine
psychische Gröfsenmessung und psychische Anatomie eingelassen
hat, wird nun das Individuum noch nebenbei herbeigezogen.
Wir unsererseits frei!Ji:h sehen uns anfser stände, die psychischen
Dinge anders , als nur in Gestalt des konkreten menscblichen
Individuums zu erfahren; nnd deswegen können wir auch nichts
anderes, als eben das Individuum selbst zum Gegenstände der
Psychologie zn machen. Und hierbei, wie ich hier noch ergänzend
einschalten möchte, soll man keineswegs etwa die mehr individuell
abweichenden und die mehr gattungsmäfsigen ZQge reinlich
und ängstlich auseinanderhalten , sondern im Gegenteil am
liebsten in geeigneter Weise Individuelles und Allgemeines in-
nnd durcheinander darstellen.
3) Jodl (LehrbQch der Psychologie).
Die Psychologie (S. 5) ist die Wissenschaft
von den Formen und Naturgesetzen des normalen
Verlaufs der Bewufstseinserscheinungen, welche
im menschlich-tierischen Organismus mit den
Vorgängen des Lebens und der Anpassung des
Organismus an die ihn umgebenden Medien ver-
bunden sind, nnd deren Gesamtheit wir als
seelische Funktionen oder Prozesse bezeichnen.
- 245 —
Diese Definition, wenn man dieselbe in gläubiger und ver-
traoensvoller Stimmung liest, verspricht sehr viel und ist daher
ein großartiges Programm. Nachdem wir aber nicht blofs das
Programm, sondern auch das Werk selbst kennen gelernt haben,
müssen wir sagen, dafs die Definition hauptsächlich nur die in
ungünstigem Sinne zu verstehende Abhängigkeit zum Ausdruck
bringt, welche Jgdl als Philosoph erleiden mufste. Denn jene
„Formen und Naturgesetze des Verlaufes der Bewufstseins-
erscheinungen^ zeigten sich uns nur als eine Nachwirkung der
philosophischen Scholastik; und was das Biologische betrifft, so
war Jgdl zwar sehr wohl geeignet, gewisse von der neueren
Forschung gefundene Thatsachen in anziehender Weise dar-
zustellen. Aber dafür war derselbe um so mehr dem Wider-
spruch und dem Wirrsal ausgesetzt, als er eine Theorie über
das Verhältnis von Leib und Seele aufzustellen ver-
suchte. Um daher die Verdienste Jgdls gebührend zu würdigen,
müssen wir über jene in der allgemeinen Definition angedeutete
Bichtung hinausblicken und etwa das Folgende sagen : als Ver-
fasser eines umfassenden Lehrbuches hat Jgdl gewisse Haupt-
ergebnisse der psychologischen und biologischen Forschung in
sehr geschickter und formell hervorragender Weise zusammen-
gefafst; und als philosophischer Denker und Forscher hat
Jgdl den Menschen als Gesellschaftswesen in einigen wichtigen
Beziehungen in derselben vorzüglichen Weise dargestellt.
4) J Rehmke (Lehrbuch der allgemeinen Psychologie).
Gegenstand der Psychologie (S. 49 — 54, 66—69)
ist das Seelenkonkrete als Einheit von Vorstellen,
Wollen und Fühlen.
Diese Definition hat das Eigentümliche, dafs dieselbe durch
ihren Namensklang unserer eigenen Definition der Psychologie
am nächsten, aber der Sache nach derselben am fernsten steht.
Und nur infolge dieses halb komischen Zufalles habe ich die
Definition Rehmes^s überhaupt hierher gesetzt. Rehmee nämlich,
wie unsere frühere Darstellung (s. S. 19 ff.) der metaphysischen
Krisis gezeigt hat, versteht unter seinem Seelenkonkreten ein
nach strenger Analogie des körperlichen Dinges bestimmtes
selbständiges Individuum, welches aber seinem Inhalte nach,
im strengsten Gegensatz zum räumlichen Eörperding, absolut un-
sinnlich und absolut unanschaulich ist. Eine solche Seele ist
nun in ihrer Art gewifs auch ein Individuum, aber freilich ganz
und gar ein anthropomorphisiertes Geisterindividuum, welches vom
Gesicbtspnnbte nneerer UmgebaogEanscbaanDg aus einem ans-
gebrannten Finsteriie gleicht, der nocli seine drei letzlen Strahlen
in Gestalt von Vorstellen, Wollen, Fühlen zn uns hernieder-
sendet.
Endlich möchte ich noch abscblufsweise der eben voll-
endeten ersten Synopsis eine zweile folgen lassen. Und hierzn
veranlaCst ans der Umstand, iah einige Jüngere, von ans bisher
nicht berücksicbtigte Psychologen das Gebrochene, Begrifflich -
Einseitige und Spelt nlativ- Bei astete, was nnsere Krisis geschildert
hat, schon gleichsam an der Stime tragen. Alle die Betreffen-
den nämlich sind mehr oder weniger von denjenigen beeioHurst,
welche wir kennen gelernt haben. Wir werden deragemäfs nnr
in aller Kürze nnd wie im Vorüberflng gewisse durchschlagende
und charakteristische Hanptzüge an jedem Einzelnen besonders
hervorheben.
3. Schlufshemerknngen. (0 Küt.pb, W Hh
A HÖFI.KE, H COENELIOS.)
1) O Eülpe (GnuidrirB der Psychologie, Leipzig 1890).
An des Verfassers psychologischem Grundrifs bemerkt man
schon bei flüchtiger Durchsicht einen starken Kontrast. Die
Sinnespsychologie und die engere psychophysische Methodik sind
verhältnismäfsig sehr ansführlich und sorgfältig behandelt;
und ganz deutlich fühlt man das Bestreben , das zahlenmäfsige
und messende Verfahren soweit als möglich und über die Sinnes-
psychologie hinaus fortzusetzen. Sobald jedoch jene Gebiete
an die Reibe kommen , bei welchen die spezifisch naturwissen'
Bchaftlichen Methoden versagen, so folgt nun alsbald auf die
Flut eine etwas unerwartete Ebbe. Dies ist zunächst zwar nur
eine quantitative Ungleichheit, welche als solche auch zufällig
sein könnte. Allein diesmal bat dieselbe ihre sehr bestimmten
Ursachen. Als Külpe seine Psychologie schrieb, widmete er
dieselbe seinem Lehrer Wtjndt und zeigte sich (441) als be-
geisterter Anhänger der WuNDTschen Apperzeptionstheorie, so
dafs er, wie man fast anf jeder Seite seines Grundrisses sehen
kann , im Teiche der psychischen Kausalität lustig schwimmt.
Einige Jahre später jedoch trat eine beträchtliche Schwankung
ein; und Eülpe macht nun in seiner Einleitung in die
Philosophie (Leipzig 1895) die Eröffnung (S. 63), dafs er
in seinem Grundrifs der Psychologie zuerst eine Gesamtdarstellung
vom methodologischen Gesichtspunkte Machs und Avknabius
geliefert zu haben glaube. Aber dieser Glaube war eine sehr
— 247 —
griUidliche T&aschang in doppelter Hinsicht. Denn fttrs Erste
ist überhaupt gar niemand — und auch beim besten Wissen
Wollen and Können nicht — im stände, eine Gesamtdarstellung
der Psychologie y nur allein auf Grund des allgemeinen bio-
logischen Abh&ngigkeitsprinzips zu verfassen. Und ferner, wenn
man allein die allgemeine Orientierung in Betracht zieht und
jenes methodologische Prinzip nur als Hilfsprinzip gelten läfst,
dann verhalten sich die Ansichten von Mach und Ayenabiüb zu
WuNDTB psychischer Kausalität und Apperzeptions-
tbeorie, ungefähr wie sich die Prinzipien der GALiLEischen
Mechanik zur Abistotblischen Naturphilosophie verhalten. Aber
EüLPE schwankte noch tiefer und wagte es (Einleitung in die Philo-
sophie S. 194 — 97) den Voluntarismus und die Aktualitätstheorie
WuNDTS mit etwas weniger gläubigen Augen anzusehen als
früher. Und Wundt seinerseits (Philos. Stud. XII (1895) 1,
S. 36 ff.) hat diese Schwenkung seines schwankenden Schülers
sehr übel vermerkt, was ja behr menschlich und verzeihlich,
wenn auch nicht gerade sehr väterlich war. Indes für uns hat
diese kleine Ätiologie nur die allgemeine und bemerkenswerte
Bedeutung, dafs Külfe, sobald er das Kapitel der engeren
Psychophysik überschreitet, eine sehr unsichere Haltung zeigt
und einem zu Kreuze kriechenden, halb gebrochenen Manne
gleicht, wie besonders jene intime Mitteilung beweist, welche
Wundt (Philos. Stud. a. a. 0. S. 38 Anm.) aus einem Briefe
KüLFEs an ihn andeutungsweise bekannt gemacht hat. Schade
aber wäre es doch um das schöne Talent Kiilpes, wenn er
sich nicht mehr zu einer gröfseren Klarheit über das grofse
Ganze durcharbeiten sollte. Denn diese gröfsere und freiere
Anschauung müfste auch der (engeren) Psychophysik notwendig
zu gute kommen.
2) W Heinrich (Zur Prinzipienfrage der Psychologie, Zürich 1899).
Die kleine Schrift befafst sich mit einer Reihe sowohl
historisch - kritischer als naturwissenschaftlich-methodologischer
Exkurse und insbesondere verfügt dieselbe im Kapitel (S. 6 — 17)
der psychischen Kausalität über sehr treffende und schlagende
Bemerkungen. Dies alles jedoch gehört nicht in unseren Zu-
sammenhang, sondern was uns hier allein interessiert, ist nur
diejenige Frage, auf welche der Prinzipienpsychologe zuletzt ab-
zielt. Und jene Frage ist keine andere, als das methodo-
logischeZuordnungsprinzip von Mach und Avenarius.
Heinbich hat sich jenem Prinzip nicht nur unbedingt er-
geben, sondern derselbe erweitert dasselbe sogleich zu einem
— 248 —
'Weltprinzip nnd Eieht aufser seiner allanifaEfienden und velt-
beschreibenden Znordnungsbypothese sonst überhaupt oicbt mehr
viel in der Welt. Ohne die Heiligkeit eines so starken and
individnellen Glaubens im mindesten anzulasten, erlauben wir
uns nur, einige Dunkelheiten in der Darstellung des VerfaeserB
anzudeuten. Nachdem unser Wissens durstiger Forscher in Ge-
danken schon soweit (S. 74) ist, dafs er, wie sich der Philo-
soph ausdrückt , die „Erkennbarkeit des Menschen in die Er-
kennbarkeit der Umgebung hineingefiigt bat" , beunruhigt ihn
nur noch der Gedanke, daCs nun zuletzt, nachdem die sämt-
licheji Mitmenschen in der Umgehung wie in einer geschlossenen
Höhle schlummern, doch auch das „Verhältnis des Beschreibers
zu dem Vorgefundenen" bestimmt werden niüfste. Denn inn
selljen Sinne, wie für den Znordnungstheoretiker die Mit-
menschen als blofse Gegenstände einer Umßebungsbeschreibnng
selbst nur ümgebnngsbestandieile sind, so gilt natürlich dasselbe
vom Standpunkte des Mitmenschen in Bezug auf den Mitmenschen-
beschreiber selbst. Worin aber im Grande die ganze welt^
beschreihliche Schwierigkeit besiehe und wie man dieselbe zu
lösen hätte : hierüber sagt der Philosoph weiter nichts, als dals
hier eine Schwierigkeit verborgen liege, mit deren Lösung die
gesamten philosophischen Probleme gelöst wären.
Wenn wir indes bedenken, dafs der Philosoph (B. 53) die ge-
wöhnliche Phrase vom psychophysischen Indi-
viduum längst nicht mehr befriedigend findei, so erb alten wir
eine ungefähro Ahnung davon, was wohl jene philosophische
Schwierigkeit bedeuten möchie.
Nachdem eben die Welt (io Gedanken) radikal ans- und ab-
geschrieben ist, begreifen wir ja nun sehr gut, dafs der Welt-
beschreiber nicht mehr weifs, ob er das Abgeschriebene oder der
Abschreiber ist. Und dafs der Philosoph dies nicht welfs und
folglich das psycbopbysiscbe Individuum für ihn keine Bedeutung
mehr besitzt, hierin liegt jene noch ungelöste Schwierigkeit.
Denselben Purzelbaum, nur in etwas anderer Form, produ-
ziert Heikeich, wenn er (66 Anm.) die Beziehung zwischen
Umgebung und Individuum mit einem Inuesein im Ich ver-
wechselt and nun (als metaphysischer Absolulist), um den
theoretischen Idealismus zu widerlegen, die Frage stellt : woher
die Welt aofserhalb des Ich, oder autserhalb der allgemeinen
Umgebnngsbezichung (Zusammengehörigkeit von Umgebung und
Individuum) ¥ (!) Eine Frage, die in ihrer zweiten, auf die
Umgebung bezogenen Bedeutung nur besagt : woher die Welt
überhaupt aufserhalb aller Erfahrung?! — Neben solchen
— 249 —
Stellen macht daher die Behauptung (54) einer ausschliesslich
sinnlichen Erkenntnis die Sache natürlich nur noch
dunkler; und wir wundern uns deswegen keineswegs, wenn
Heinbich (48) auch nur die leiseste Kenntnis oder Ahnung
eines allgemeinen Zuordnungsgesetzes schmerzlich vermifst. Und
da nun überdies, weil Heinbich als Schriftsteller der deutschen
Sprache nicht genügend mächtig ist, sich zu den Dunkelheiten
der Sache noch solche der Darstellung gesellen, welche das
Ganze noch um einige Grade dunkler machen, so wollen
wir uns nicht mehr weiter in diese zuordnungsphilosophische und
weltbeschreibliche Perspektive vertiefen.
3) A Hofler (Psychologie, Wien 1897).
Die Vorzüge Höplebs: sein geschulter Scharfsinn, seine
Vielseitigkeit und Präzision bewährten sich in seiner umfassenden
und systematischen Darstellung der Psychologie in ganz hervor-
ragendem Mafse und sind deshalb für die bedeutende wissen-
schaftliche Leistungsfähigkeit des Verfassers eine sehr schlagende
Probe. Und dennoch, wenn man das Ganze überschaut, und
schon auf den ersten Blick so viele Einschnitte, so endlose Ein-
teilungen, Paragraphen und Definitionen sieht, so wird einem
nicht wenig bange. Und ein näheres Studium der Sache giebt
jenem Gefühl im ganzen nicht unrecht. Denn so Vielerlei, was
der Sache nach zusammengehört, hat Höfleb, als ob er sich
den Euklid zum Muster genommen hätte, an die verschiedensten
und oft weit auseinanderliegenden Stellen verteilt, so dafs man
nie ein Ganzes beisammen hat. Zwar macht Verfasser (Vorw. IV)
die sehr beherzigenswerte Bemerkung: die analytische, rein
wissenschaftliche (einseitig begriffliche) Psychologie dürfte sich
überhaupt niemals vermessen, es der künstlerischen Anschauung
gleichthun zu wollen, sondern dieselbe hätte sich nur auf eine
Skizze zu beschränken. Und da sei es nun gerade angemessener,
einen solchen Umrifs etwas hart, aber dafür scharf und bestimmt
zu entwerfen, weil man sonst leicht „Baumwolle statt Baumschlag"
zeichne. Ja, wenn es nur dies wäre! Dann freilich müfste
man sich jene Einseitigkeit, weil dieselbe von der Sache un-
zertrennlich wäre, gefallen lassen. Aber ich vermute, jene vielen
Ecken und Kanten hätten noch eine ganz andere Ursache, als
nur eine tief dringende und exakte Analyse. Denn Höfleb ist
von Fbanz Bbentano so stark beeinflufst, dafs man versucht
sein möchte, denselben als einen Tycho De Bbahe unter den
Psychologen zu bezeichnen. Die Scholastik Bbentanos, welche
die Welt wie eine Reihe ineinandergeschachtelter Kugelschalen
— 250 —
betrachtet, ist in einigen sehr weseniUctien Fankten aaf Höfleb
Qbergegangen. Denn mit Bbgktaho scheidet Höfleb znnächet
die ge3arote Erfahrung in eine physische uud eine psycliische
Hälfte, die wie zwei fremdartige Sachen gar keine Gemeinschaft
miteinander haben; nnd durch eine Beihe von Ausschliefsnsgs-
prädikaten mactat derselbe ferner, auf Ornnd jener allgeroeineQ
ToranssetzDDg, das Psychische zu einer ganz auf sich selbst an-
gawieaenen Well, die nur wie zufällig mit der übrigen Erfahrung
verbunden erscheint. Und jene erste umfassende Spaltung setzt
sich fort auf das Psychische als solches und trennt hier noch-
mals die Vorstellung vom Urteil in analogem Sinne, wie
dieselbe schon vorher das Physische und das Psychische im
grofsen voneinander geschieden halte. Weiler indes haben wir
uns Aber diesen Kardtnalpunkt mit Höflek hier nicht ane-
ein anderzusetzen. Sondern es konnte nur unsere Aufgabe sein,
auch an diesem Beispiel das Moment der Krisia kenntlich
zu machen.
4) Hans ComeliuB (Psychologie als Erfahnrngswiaaenschaft,
L«ip>:ig 1897).
Verfasser ( Vorw.) macht sich zur Aufgabe nicht sowohl
eine spezielle Darstellung der Psychologie, als vielmehr eine all-
gemeine erkenntnistheoretische Grundlegung der-
selben im Sinne einer rein empirischen Theorie unter
AnsschlufB aller metaphysischen Voraussetzungen.
Und als Voibilder schweben dem philosophischen Psychologen
hierbei Kikchhopf und Maoh vor, so dafs uns Cornelius dem-
gemäfs auf dem Gebiete der Psychologie etwas ähnliches in
Aussicht stellt, wodurch jene beiden Physiker als Bahnbrecher
ihre Spuren in die höhere Mensclilieitsgeschichte eingegraben
haben. Von derartigen Spuren nun aber, offen gess^t, ver-
mochte ich im Werke von Cobnelius nichts zu entdecken.
Sondern das grundlegende Werk unseres Philosophen stellt
gerade nur alle diejenigen Spuren zur Schau, woraus znr Evidenz
hervorgebt , dafs wir es nicht mit einer einheitlichen , grofsen
und fruchtbaren Grundanschauung zu tbun haben. Denn daa
Werk von Cobnelius ist vielmehr nur ein systematisch geord-
netes Arrangement von verschiedenartigen überkommenen Bestand-
teilen und mannig^chen Anregungen , welches als solches wohl
zu Ansprüchen auf eine schöne persönliche Leistung, aber nur
in sehr mäfsigem Grade zu solchen auf ein Werk von universeller
Bedeutung berechtigt. Was als psychologische Grundlegung
flberhaupt allein in Betracht kommen könnte, wäre das
— 261 —
Übungsgesetz (S. 38 — 50) und der darch das Gkmze sich
liindarchziehende snbjektiye Idealismas. Nun aber ver-
mag ich in jenem Übnngsgesetz samt der dazu gehörigen all-
gemeinen Ähnlichkeitserkenntnis schlechterdings nichts
anderes zu entdecken, als nor eine ziemlich nttchteme Um-
sehreibnng der sehr schlichten Thatsache, dafs der Mensch ein
Gedächtnis besitzt nnd dafs dasselbe das Gmndgerüste unserer
geistigen Konstitation bedeatet. Was aber den subjektiven
Idealismus betrifft, so wissen wir ja alle, dafs derselbe als all-
gemeine and abstrakte Theorie zu einer Grundlage wenig taug-
lich ist und auch noch jederzeit nie etwas anderes gethan und
vermocht hat, als dafs er sich, so gut es geht, mit der Er-
fahrung in Einklang zu setzen sucht. Cobnelius behauptet
zwar zunächst, wie alle subjektiven Idealisten, nur die That-
sache, dafs alles Thatsache des Bewufstseins wäre.
Aber an diesem einen Punkte nun bleibt der Philosoph haften
und sucht von dort aus, durch eine ausdeutende Konstruktion
der Existenzialkategorie (99 — 117), die vom Bewulstsein
unabhängige Welt wieder einzuholen. Man kennt jenen
Umweg. Schon andere haben ihn oft eingeschlagen; und auch
Cobnelius bringt nichts anderes an den Tag, als dafs der
angedeutete Versuch nicht nur überhaupt einen Umweg, sondern
überdies eine gewaltsame Interpretationskunst ohne die mindeste
Überzeugungskraft bedeutet. Da nun aber der Philosoph sich
einmal so weit in seinen Idealismus eingelassen hatte, diskutiert
er im Verlauf der Untersuchung (311 — 312) auch die Un-
sterblichkeitsfrage und hält, was wenigstens die Möglichkeit
eines Lebens nach dem Tode betrifft, dieselbe für selbstver-
ständlich. Aber offenbar durchschneiden solche Möglichkeiten
den Nerv aller Erfahrung; und Cobnelius hat also hierbei
seine ursprüngliche Absicht, nur metaphysikfreie und rein
erfahrungsmäfsige Voraussetzungen und Theorien anzuerkennen,
ganz vergessen. Oder auf welche Weise möchte denn der
Philosoph seine Behauptung (311), dafs keineswegs das
gesamte psychische Leben durch die „Empfindungen^ bedingt
wäre, erfahrungsmäfsig zu begründen? Doch gewifs nicht
anders, als dafs eben seine sehr subjektive Erfahrung eine
solche Lücke und einen solchen Durchbruch zu Ausblicken in
das Jenseits nötig hat. Dafs nun aber Cobnelius bei seiner
Jenseitserörterung, mitten in seiner wissenschaftlichen Grund-
legung der Psychologie, Kant in das Geheimnis zieht, ist ent-
wicklungsgeschichtlich ein sehr vielsagendes Symptom.
Dasselbe besagt, dafs Cobnelius wohl überhaupt nur deshalb
eine allgemeine erkenntnistheoretische Psychologie verfafst bat,
weil er von Kant sehr abhängig ist. Und Cobkeliub
hebt diesen Zusanimenbang auch selbst direkt hervor and
bemerkt sogar (Vorw. IV), dafs er eine ausführliche Darlegung
seiner Beziehungen za Kanc einer späteren Publikation vor-
behalte, "^'ie tiefgehend indes jene Beziehungen sein möchten,
dies kommt für uns nicht in Betracht. Sondern in Bezog aaf
das vorliegende Werk genügt ea, wenn wir, was Kant betrifft,
die Kausalitätstheorie (348 — 361) des Verfassers mit ein paar
Worten charakterisieren. Dieselbe ist eine der Erfahrung
angenäherte, die KANTiscbe Kausalität sowohl als die
Postulate des empirischen Denkens und die Anti-
nomien gemeinsam und einheitlich verarbeitende und parapbra-
sierende Erörterung. Indes, inwiefern eine solche Theorie sich mit
der Erfahrung verträgt, insofern hätten wir, mit etwas anderen
Worten, von ihr nur zu wiederholen , was wir schon vom
Gesetz der Übung und der Ähnlich keitserkenntnis gesagt haben.
Aber neben der Beeinflussung durch Käst hat Coenhios noch
eine Reihe ganz anderer Anregungen erfahren, welche er selbst
als solche hervorhebt. Und damit wir sogleich sehen, wie diese
andere mehr peripherische Partie mit der mehr zentralen er-
kenntnistheoretischen Grundlegung nur sehr locker nnd lose
zusammenhängt, beschränke ich mich einfach darauf, die
entsprechenden Auto rn amen und ihre anregenden Werke zu
nennen.
Es sind folgende: Ayenabiub (Prinzip des kleinsten Kraft-
mafses); Mach (Geschichte der Mechanik nnd Analyse der
Empfindungen); A Meisonö (Relationstheorie) ; Ehbenfelb
(Gestaltqualiläten) ; James ^); Adolf Hhukbhand (das Problem
der Form in der bildenden Kunst, Strafsburg 1893);
CONKAD FiEDLEH (der Ursprung der künstlerischen Thätigkeil,
Leipzig 1887),- C Stauppeb (Briefe — erste landschaftliche
Studien in Roroont)-
Bei diesen Umständen sehen wir daher allerdings nicht,
wie das Programm in Aussicht stellte, einen Banm vor uns,
der auf freiem Felde gewachsen ist, mit kräftigem Stamm auf
fester Erde steht und reichliche Früchte verspricht. Wohl
aber hat Cobnelidb sein Werk mit gteichmärsiger , schöner
■) In Bezug Huf Jauku macht Cornelius die Angabe i
klaseiacheu Analyse des Bewuretseinsvcriaufes
denkt hierbei verrnntlich an das neunte Kapitel (the stxean
thought) der principles of psychology (L).
— 253 —
Klarheit and mit vornehmer Sorgfalt darchgearbeitet. Dies
verleiht dem Ganzen eine besondere Intimität und man fühlt
sich wie in einen geschlossenen stillen Raum versetzt. In der
Mitte findet man ein solides Holzgestell; daran angelehnt eine
Loggia mit anstofsendem wohlgepflegten Garten. Nebenan in
einer Nische steht eine gotische Kapelle and im Hintergrunde
sieht man den Schatten des grofsen Immanuel.
Pierer*so]ie Hofbaohdruekerei Stephan Oeibel & Co. in Altenbnrg.
^
Verlag von O. R. REISLAND In LEIPZIG.
Kritik der reinen Erfalirung.
Dp. Rlohard Avenarlus,
Brater Band. 1888. XIV, IWs Bogen. Lei.- 8". M. 6.—.
Zweiter Band. (Scbliws.) 1891. 33'/4 Bogen. Lbx.-8". M. 14.-
Im UoterachUd Ton den gewBhnlioheo apeciallon ErksnntnlBstheot
welube dJB Frage dar „Krkeuiibsr)ceit des Seleadali'- und Verwandtaa bebaod
«aoht ÜB Kritik der " "
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Der menschliche Welibegriff.
Dr. Riehard AvenariuB.
1891. XXIV u. laS S. Gr. 8". M. 4.—.
Eittleitu_Dg; AllBemeiüe Kamerkmigen
2. Dia Im
itlffitik
laltenhait nnd Znsanunen hingen lu bs-
; der meneDhlichen Erkaontnis und Ei^
des Denkens und Fahlans, Wolleos und
hen ÜesichtVpankt von Wichtigkeit ist, ^^^
ihologen. Pädagogen, Juristen. NatlouRl- ^^^H
le Welibegriff. ^^
Avenarlus. ^^H
, Gr. 8". M. 4.—. ^^
line Kemerkuiiaen zum GegenstKid. —
. 1, Der natüÄiohe Weltbegriff im All-
dea rnttOrlicliBn Weltbegriffs. - U. Die
eltbogriffs. 1. Der natürliche Welt-
lojeotion im AllgamairBn. 3. Die Intro-
Plillosophie der Geschichte als Sociologie.
Dr. Paul Barth,
it Lsipiig.
1897. 25 Bogen. Gr. 8". Preia M. i
i- ist PbiJoaophie der Geaohiobto bIbIoI